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Erschienen in Ausgabe: No 82 (12/12) Letzte Änderung: 13.02.13

Finis Europa -
Abendland bald abgebrannt? (3)

von Shanto Trdic

Teil 3.
Wie oft wurde und wird mir im Gespräch mit Muslimen glaubhaft versichert, dass man keine Angst vor dem Islam zu haben brauche. Man muss sich in der Tat nicht vor dem netten türkischen Gemüsehändler an der Ecke fürchten, dem Gastfreundschaft und Geselligkeit über alles gehen, nicht vor der energischen Muslima im zweiten Hochschulsemester, deren Bildungsferne Eltern früh auf gute Noten und qualifizierte Abschlüsse drängten, und auch der Leiter eines der zahlreichen Kulturzentren, die im Stadtteil für emotionalen Halt bei der Gemeinde sorgen, ist meist von jovialer, einnehmender Art. Vielleicht ist es eher einer seiner Söhne, den irgendwann die große Sinnkrise befällt, weil er mit den zahlreichen Widersprüchen einer säkularen Moderne nicht mehr klar kommt, weshalb er gegen das im Grunde moderate Elternhaus rebelliert und endlich irgendwelchen bärtigen Scharfmachern erliegt, die ihm den nötigen emotionalen Rückhalt über ein allzeit gültiges Dogma bieten: das ist dann wie aus einem Guss, fertig und vollendet, unfehlbar, unteilbar – wie maßgeschneidert. Etwas Abgeschlossenes also, dessen wir in einem liberalen, ergebnisoffenen Umfeld aus Prinzip entbehren müssen: hier kann und darf es das Ungeschaffene, ein für alle Mal Gültige nicht geben, nach dem sich der Sohn so sehr sehnt. Die studierende Muslima bekommt sicher auch einmal Kinder und kann am Ende nicht gegen irgendeine Kusine oder Tante an, die innerhalb der Großfamilie zunehmend den Ton angibt: die rät dann einer ihrer Töchter, mit gutem Beispiel voran zu gehen und wieder Kopftuch zu tragen, um denen in der Sippe ein Vorbild zu sein, die es mit den Sitten schon nicht mehr so ernst nehmen. Ja, am Ende weiß auch der brave Gemüsehändler nicht mehr, wo´s nun genau lang gehen soll, wenn er von den Scharfmachern in seinem Stadtteil dazu aufgefordert wird, der Ehre willen an diesem oder jenem Empörungsmarsch teil zu nehmen: dann nicht mehr einer unter Hunderten sondern vielleicht schon Tausenden. Und er mag ein wirklich charmanter, hilfsbereiter und stets Gastfreundlicher Mann sein: tritt der Familienrat an ihn heran, ist er eines eben ganz gewiss nicht mehr: jemand, der individuell, einzig und allein ´für sich´ entscheidet. Damit tun auch wir uns schwer, nach wie vor, aber wer von uns holte anlässlich privatrechtlicher Divergenzen den Rat eines Geistlichen oder den der Großfamilie ein? Jener wird sich, umgekehrt, ganz gewiss nicht in die zivilrechtlichen Grundlagen des in Deutschland verbrieften Familienrechts vertiefen, wenn bei der arrangierten Ehe der Tochter ´etwas´ hakt. Er wird dennoch, jenseits dieser ´Problemlagen´, ein insgesamt berechenbarer, gutherziger Mensch bleiben. Es sind eben derlei Widersprüche, die den Zwiespalt begründen, und die Kultur des Islam kennzeichnet ganz wesentlich, das sie innerhalb zivilrechtlicher Systeme selbst im Zwielicht, im ´Halbdämmer´ verbleibt: undurchsichtig, schemenhaft und im Ganzen kaum fassbar. Konzentration undDissoziation, Ballung und Streuung der Gemengenlage verkomplizieren zunehmend den dauernd beschworenen Dialog, aber davon ist beim übernächsten Integrationsgipfel kaum die Rede. Derlei Ärgerlichkeiten störten nur das bewährte Ritual gemütlichen Beisammenseins, wo Gemeinsamkeiten erzwungen werden, die keine sein können und die vielen Probleme gerne vertagt werden, weil sie nicht wirklich gelöst werden sollen. Ehrlich: ich wünschte mir mehr Salafisten, Wahabiten und den einen oder anderen Taleban in diesen unverbindlichen Quatschrunden; Typen, die wenigstens einmal das Geseiere aus der taktischen Reserve locken, um bei der Gelegenheit deutlich zu machen, wie ernst die Thematik als solche bleibt und wie unversöhnlich die Protagonisten einander selbst gegenüber stehen.
Nein – so einfach wie auf diesen ´Gipfeln´ wir es auch zukünftig in den ´Niederungen´ kaum zugehen. An den Peripherien, wo bereits sorgsam und diskret an einer Abkopplung vom rechtstaatlichen Geschehen gearbeitet wird, findet eine im Ergebnis fragwürdige ´Einhegung´ von Konflikten statt, die eindeutig traditionellen Gepflogenheiten entspricht und, wie wir sahen, bereits zum ´mainstream´ avanciert. So war Multikulti natürlich nie gedacht, aber die Protagonisten von einst haben auch keine Probleme damit, von Brennpunktschulen und Problemstadtteilen zu sprechen. Formal unterliegen diese Regionen der verfassungsrechtlichen Gewalt des Staates, dessen ausführende Organe diesen Anspruch eher verwalten als das sie ihn strikt durchsetzten. Sollte es einmal zu ernsthaften innerkonfessionellen Spannungen kommen, dann werden diese ´Gralshüter´ ziemlich alt aussehen und der unerbittlichen Eigendynamik des Geschehens auf Anhieb nichts Passendes mehr entgegen zu setzen haben. Wir sind derzeit täglich Zeugen dieses ´Dramas´, die arabische Welt taumelt stündlich in den Abgrund, aber wer will schon wahr haben, dass die Nachbeben der Erhebung nicht an der Mittelmeergrenze halt machen werden? Notstand - nicht bei uns. Was haben wir damit zu tun? Das an Europa angrenzende muslimische Staatengefüge wird mit jedem Tag immer instabiler, unberechenbarer, unregierbarer, aber die Öffentlichkeit nahm nur den ´Umbruch´ selbst zur Kenntnis; als tumultöses Spektakel. Der Rest ´rockt´ einfach nicht. Noch nicht. Es war einmal en vogue, soziale oder politische Prozesse mit dem Begriff des ´Dominoeffekts´ in Verbindung zu bringen, vor allem zuzeiten des Irakkrieges, als noch allen Ernstes davon ausgegangen wurde, der würde zur Demokratisierung einer ganzen Region beitragen. Es gibt ihn tatsächlich, diesen Effekt, aber er wird nicht die unwiderstehlichen Duftmarken eines freiheitlich-rechtliche Lebensgefühl in die angrenzenden Länder tragen sondern das Chaos von Anarchie und Vertreibung. Wenn sich Despoten wie der Demokrat Erdogan zunehmend ungeniert in die Belange benachbarter ´failed states´ einmischen, so in Syrien, dann kann es wirklich nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Tumulte vollends auf jene Nachbarregionen übergreifen, die ihrerseits erodieren. Um beim Beispiel Syrien zu bleiben: dieses Land ist seit je auf´s engste mit dem Libanon verzahnt. Man merkt es längst. Dort befehden sich schon jetzt in der Region Akkar Sunniten und Aleviten. Straßen werden gesperrt und Schulen geschlossen. In Tripoli, wo Anhänger beider Konfessionen in sehr dicht aneinander angrenzenden Vierteln leben, kam es vereinzelt schon zu Artilleriefeuer. In Beirut sind dieser Tage bei Auseinandersetzungen zwischen Aleviten und Sunniten die ersten Menschen ums Leben gekommen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, das derlei regionale Scharmützel, wie sie gerade in der Levante seit Jahrzehnten traurige Realität sind, so auch einmal in europäischen Stadteilen wie Marseilles oder Berlin, den Haag oder Malmö toben werden, denn auch hier besteht die Gefahr, das wachsende muslimische Gemeinden mit den konfessionellen Divergenzen nicht fertig werden, weil auch hier die zuständigen Verwaltungen nicht vermochten, derlei Parallelgesellschaften zu verhindern. Clans und Stämme befehden sich unlängst auf unterschiedliche Weise, aber das sind derzeit eher Geplänkel, denen die ansässigen Polizeidienststellen zunehmend hilflos gegenüber stehen. Wer erinnert sich noch an den Fall der Stadt Mostar, wo Kroaten, Serben und Muslime einander unerbittlich an die Gurgel sprangen? Aber wer wollte derzeit schon so kühn sein zu behaupten, derlei Hauen und Stechen könnte demnächst auch in irgendeiner europäischen Großstadt wüten. Wenn, wie ich befürchte, in den kommenden Jahren eine gigantische Völkerwanderung in Richtung Europa statt finden wird, dann werden – das steht fest! -derlei ethnische und konfessionelle Zwiste in die neue Umgebung mit hinein getragen und wenn derzeit alles noch relativ ruhig scheint, so ist das eben dem Umstand zu verdanken, das die versprengten Grüppchen insgesamt noch immer zu klein, zu sehr ´in der Reserve´ sind; hauptsächlich damit beschäftigt, Fuß zu fassen – ganz vorsichtig das Terrain zu sondieren. Käme es einmal zu ähnlichen Scharmützeln, wie wir sie aus den angrenzenden islamischen Ländern beinahe täglich via Wackelhandy serviert bekommen, sähe die Ordnungsmacht hierzulande ziemlich alt aus. Wenn es den Dienst schiebenden und Patrouille laufenden Streifenpolizisten in bestimmten Stadtteilen Deutschland nicht einmal mehr gelingt, wirksam gegen Falschparker vorzugehen, weil sie vor heranrückenden Sippenverbänden kapitulieren und ihr Heil in feiger ´Fahrerflucht´ suchen, dann kann sich jeder an einer Hand auszählen, was bei ernstlicheren Konfliktlagen erst möglich sein wird. Unmerklich verschärfen sich nicht nur die Zustände; auch die Umgebung selbst verändert sich dabei ganz konkret. „Wer die Szenerie länger auf sich wirken lässt,“ schreibt der Jurist Joachim Wagner leicht entsetzt im Blick auf einen etwas herunter gekommenen Winkel in Berlin-Neukölln,“ meint in ein Armenviertel Beiruts gebeamt worden zu sein.“ (J.WAGNER: Richter ohne Gesetz. Econ 2011. S. 109). Der wackere Scholl-Latour erinnert sich in seinen Büchern immer wieder mit Wehmut an die Zeiten zurück, als der Libanon noch eine kultivierte, reizvolle europäische Kulturlandschaft gewesen ist und als Schweiz des nahen Ostens verklärt wurde. So schrecklich lange ist das noch nicht her. Es hat in den letzten Jahrzehnten wahrlich genug gebrannt in diesem geschundenen Teil des östlichen Mittelmeers. Die Lunte glimmt schon wieder. Fängt am Ende auch Europa wieder Feuer? Statt des vermeintlichen Flächenbrandes könnte es hier auch zu einem Flächendeckenden Interessenausgleich kommen; einer, der dann weitgehend friedlich vollzogen würde und die angestammten Erbteilederer schmälerte, denen schon vorher ´die Luft ausgegangen ist´.
Den Verfall der antiken Mittelmeerwelt kann man als Konfliktgesteuerten Dualismus deuten. Er vollzog sich sowohl im Stillen als auch im Zuge unvermeidlicher, nicht immer blutig ausgetragener Auseinandersetzungen. Die späteren Soldatenkaiser wurden ihrer immer weniger Herr. Sie hielten wacker die Stellung und auch immer wieder forsch dagegen und rückten doch mehr und mehr dabei zurück. Aus Vorpostengefechten wurden so ganz unmerklich kleinere und größere Abwehrschlachten. Womöglich war die Herrschaft dieser Militäraristokratie nur mehr Interregnum, eine Art früher Schwanengesang. Aber was für einer. Die heillose Zerfaserung jener gewaltigen Hoheitsrechtlichen Landmasse, die unter Trajan ihre höchste Ausdehnung erfuhr, zog sich über mehr als dreihundert Jahre hin und war geprägt durch unkontrollierte Einfälle nomadisierender Barbarenvölker einerseits, dem andererseits die zunehmend schwächelnde Ordnungsmacht immer hilfloser Einhalt zu gebieten versuchte. Sie vermochte es kaum. Rom gewöhnte sich langsam an dieser Zustände, gewährte großzügig Niederlassungsrechte und focht so doch einen aussichtslosen Kampf: das zähe, endlose Rückzugsgefecht in Gestalt dauernder, aufreibender Scharmützel zehrte zwangsweise an der Substzanz. Die Meister offener, geordneter Feldschlachten wurden von den anrückenden Völkern immer öfter in unwegsamem Gelände überrascht und gedemütigt; heute nennt man so etwas ´asymmetrische Kriegführung´.Womöglich wäre das Reich unter diesem Druck noch etwas früher zusammen gebrochen, hätte nicht ausgerechnet der ´Oberschurke´ Attila die Masse nachströmender Barbaren wenigstens zeitweise in Acht und Bann gehalten. Zwecks Stabilisierung des eigenen Herrschaftsraumes unterhielt er gute Kontakte zu Westrom, ließ sich von den magister militum besänftigen und kassierte in bester Despotenmanier hohen Tribut. Das erinnert ein klein wenig an weiland Gaddafi, der seinen ´revolutionären Expansionismus´ (den er mittels Terror trächtigte) schließlich dezent einstellte und gegen diskrete Zahlungen aus dem Westen das Einsickern mittel,- und nordafrikanischer Migranten unterband. Sind nicht alle in Frage kommenden dikatorischen Regime durch derlei ´Entwicklungshilfe´ in die schnöde Pflicht genommen worden? Das ging und das geht nur mittels Stärkung des militärischen Apparats. Die ägyptischen Streitkräfte sind ganz wesentlich durch Unsummen aus USA hochgerüstet worden, und der türkische Militärstab, als einzig verbliebenes (und im Westen dauernd verteufeltes) kemalistisches Bollwerk wider jede Re-Islamisierung schirmt nach wie vor bis an die Zähne bewaffnet die eigenen, an weitere acht Länder angrenzenden Staatsgrenzen (unter anderem Irak, Iran und Syrien).Wie auch immer: indem Rom den Zuzug fremder Völker ordnungsrechtlich zu regeln begann und ein Niederlassungsrecht (ohne Zahlung von Steuergeldern) bewilligte, schaufelte es unmerklich an seinem eigenen Grab. Das Chaos widerstreitender Ethnien spiegelte sich vor allem in der Struktur der Heere, wo man als ´Migrant´ noch am besten Karriere machen konnte. Die Masse nachströmender Barbaren verdrängte in einem langen und komplizierten Prozess das Römische, d. h gewisse Fähigkeiten und Fertigkeiten; Potenzen, die den Erfolg auf Jahrhunderte garantierten. Der konstituierende Rahmen, die ordnende Verwaltung und das Netz einer alle Teile des Reiches verbindenden Infrastruktur, hielt das langsam aueinander bröckelnde Konstrukt noch immer locker zusammen. Überhaupt gab es ganz unterschiedlich ´integrierte´ Barbaren. Burgunder, Goten oder Germanen: sie alle hielten es je unterschiedlich mit der großen Ordnungsmacht, die bereits an allen Enden zu schrumpfen begann. Wie die ins Reich strömenden Barbaren untereinander auskamen, darauf weiß die Geschichte nur Bruchstückhaft Auskunft zu geben. Aber auch der Umgang dieser ´Zuwanderer´ mit den zahlenmäßig an den Rand gedrängten ´Heimischen´ verbleibt im Zwielicht. Es wird ein insgesamt eher schwieriges, von Argwohn und Misstrauen beherrschtes oder begleitetes Verhältnis gewesen sein, das diese Menschen zueinander hatten. Die abgekoppelten Parallel-Welten jenseits der Alpen, in Pannonien und andernorts, nahmen die ´Ur-Römer´ wohl eher mit Zerknirschung zur Kenntnis. Als Weltuntergang mag ihnen dieser Zustand dennoch nicht vorgekommen sein, denn er vollzog sich ja ganz zäh; über Jahrhunderte. Es ist in der Retrospektive dauernd von ´Einfällen´ und ´Verwüstungen´ die Rede, aber mit denen hatte das alte, das stolze Rom auch ständig zu kämpfen. Vielleicht wird es im späten 21. Jahrhundert einmal zu ähnlich bekömmlichen Lösungen kommen wie zuzeiten Theoderichs, der recht geschickt auf wohlmeinende Befriedung beteiligter Parteinen setzte, um im Innern Ruhe wahren zu können. So betrieb er früh eine kluge Ausgleichspolitik zwischen Goten und Italikern. Dabei nutzte dieser ´Migrantenkönig´ den immer noch intakten, hocheffizienten Verwaltungsapparat und überließ es dem Römer Liberius, die Ansiedlung der Goten in Italien zu koordinieren. Eine schwierige Aufgabe, die jener mit viel Geschick löste, ohne dabei die bestehenden Besitzverhältnisse allzu stark anzutasten. Auch Theoderich konnte zu keinem Zeitpunkt auf die zahlreichen Mitglieder der alten senatorischen Führungsschicht verzichten, um seine neue Ordnung zu etablieren. Dennoch kam es zu keinem ´Multikulti´ spätrömischer Prägung mehr. Das war vorbei. Theoderich zementierte die Identität des exercitus gothorum, die nur noch über eine strikte Trennung von zugewanderten Goten und alteingesessen Römern funktionieren konnte. Belastet wurde deren Verhältnis ferner durch die Tatsache, dass die Goten arianische, autochtonen Italiker jedoch inzwischen katholische Christen geworden waren. Gewiss: Theoderich förderte die spätantike Kultur im Ostgotenreich, dennoch wurde in seiner Regierungszeit der Philosoph Boethius hingerichtet: dieser suchte ein umfassendes, das antike Erbe irgendwie rettendes Bildungsprogramm umzusetzen, jener sah in ihm am Ende nur einen Verräter, den es zu beseitigen galt. Nach Boethius kamen andere und die sicherten einen dennoch geordneten, das Alte noch irgendwie wahrenden Übergang, aber dies waren, gemessen an den erst gut einhundert Jahre zurück liegenden Entwicklungen, schon Abgesänge. Und, ja: langsame Untergänge.
Die abendländisch-islamische Transformation könnte zunehmend tumultös oder eher langsam, unmerklich, unauffällig, ohne nennenswerten Krawall vor sich gehen. Was mag überwiegen? Wie mögen sich die Anteile mischen? Wird Europa zu einem ´Super-Libanon´ (in einigen Städten geht das schon los), oder schafft es ohne nennenswerten Flurschaden den Wechsel? Die alte, gewachsene Kulturlandschaft ließe sich einhegen und von Grund auf neu bewirtschaften, aber wie sähe diese ´Bodenreform´ wohl im Einzelnen aus? Die Exponenten eines zukünftigen Austauschs zögen den diskreten Diskurs rabiaten Auseinandersetzungen vor; denn letztere hätten dem Kontinent im 20. Jahrhundert fast die eigene Vernichtung beigebracht. Und die Regierten? Wie auch immer: das Alte, Gewohnte, Gelebte wird bereits klammheimlich, aber umso nachhaltiger im Gegenwärtigen widerlegt, wenn wir nur an die Worte Wulffs oder Williams´ denken. Ein im Grunde ganz übliches Phänomen. Die Geschichte liefert über Rom hinaus so viele weitere Beispiele dafür, dass gelebte Substanzen schon im Gegenwärtigen widerlegt werden, obschon dies kaum zur Kenntnis genommen wird und erst recht später keine Irritationen mehr zeitigt. Schaut man sich heute Heimatfilme aus den frühen 50ern an, etwas rührselig umwölkt von einer heimelnden, als zeitgenössisch empfundenen Idylle, dann will das so gar nicht zu Mammutprojekten der gleichzeitig an Fahrt aufnehmenden Wirtschaftswunderzeit erinnern, die in gewaltigen Stauseeprojekten, über megaloman anmutenden Kanalsetzungen und Flussbegradigungen eben jene agrarisch geprägte Beschaulichkeit im wahrsten Sinne wüst und nicht selten schroff beendete, buchstäblich verbaute; um nur diesen Beispielkomplex zu bemühen. Derlei Umwälzungen vollzogen sich allerdings weder versteckt noch verstohlen. Das kommt uns nur deshalb so vor, weil die posthume Anschauung auf Eindeutigkeit geeicht ist und den Zwiespalt nur über vage Empfindungen fasst, die meist nicht erwünscht sind. Die damals nichts merkten, gehörten schon einer Minderheit an; einer breiten meinetwegen. Die vollzog noch Riten, die den dynamischen Potenzen der frühen Adenauer-Ära nicht einzig im Ästhetischen widersprachen. Und Adenauer selbst? Der passte im Grunde, wiewohl er die Epoche besiegelte, auch nicht mehr ins Bild. Ganz andere Typen prägten bereits die Zeit, und die rheinische Gelassenheit des ersten Kanzlers täuscht noch heute über den Umstand hinweg, das er einer Dekade vorstand, die mit gewachsenen Strukturen und Zusammenhängen rigoros brach; solche immerhin, an die sich die Leute nicht nur gewöhnt hatten: sie lebten, fühlten – handelten vielfach noch danach. Gebiert nicht jedes Zeitalter derlei Zwiespalt? Das 19. Jahrhundert mit seinen ungeheuren Leistungen (und Verwerfungen), allein im Bereich der alles umwälzenden, gigantische Schatten vorauswerfenden Schwerindustrie kontrastiert auf beinahe komische Art mit den zeitgleich nachdünstenden Sehnsüchten der Romantik, der nur eine Generation zuvor die Schelling und Hölderlin entscheidende Impulse mit auf den kurzen, kläglichen Weg gaben. Als ganz besonders verknöchert und altmodisch empfindet man diese Zeit, betrachtet man allein die ersten, etwas gestelzt arrangierten Photografien jener Jahre: das posieren, ungelenk und blasiert, tiefernst und nahezu Maskenhaft erstarrt (nicht bloß infolge langer Belichtungszeiten) die Mitglieder bürgerlicher Familien, deren ´Oberhäupter´ kräftig ´mitmischten´ im neuen ´Utopia´ und doch das verblichene Ambiente auf peinliche Weise im Privaten pflegten; wie glatt polierten Pudel. Ein neues Medium (die Photografie) schmeichelte staubigen Befindlichkeiten. Besagte, sozusagen belichtete Zeit war aber bereits modern in einem beinahe verstört, ja verwegen anmutenden Sinne. Da stampfte und dampfte schon etwas ganz anderes, jenseits dieser mehr gespielten, geborgten, ja geklauten Fassade. Die Herren Krupp und Borsig, Maffei oder Kessler waren ´Wanderer zwischen den Welten´: in der einen ganz festen Schrittes unterwegs, die andere mutet wie Schaumspukender Schund an. Man las sich abends Eichendorff und Goethe vor, sang und musizierte miteinander; zeitgleich lärmten die Stahlpressen wie urzeitliche Ungeheuer in den dampfenden Hallen dieser Industriebarone; und die Börse lief schon damals umso eifriger mit. Je verborgener, tiefer, drängender die Veränderung, umso zwingender, gewaltiger, aber auch breitflächiger die Auswirkungen, die uns umso schleichender daherkommen, je nachhaltiger sie jeweils vollzogen wurden: an der Oberfläche leben dennoch andere Welten fort oder dahin. Hier tun sich gewaltige Ambivalenzen auf, die keiner umfassend übersieht. Wir sind heute weniger Zeugen, mehr dumpf ahnende Zeitgenossen dieses ständigen Trends, der fast einem unverstandenen Naturgesetz gleicht. Die ersten türkischen Fremdarbeiter tauchten verstohlen, linkisch und im ganzen unbeholfen in einer ihnen fremd anmutenden Umgebung auf. Wer nahm sie schon zur Kenntnis, geschweige denn ernst? Und wirklich keiner rechnete auch nur im Traum damit, dass die Nachfahren dieser Menschen binnen kurzem ganze Stadtteile prägen, das sie von den wenigen Dutzend zu Beginn auf über vier Millionen in kürzester Zeit anschwellen würden. Man kann sich, nächstes Beispiel, die Kultur der Weimarer Zeit, aber auch Wissenschaft und Politik dieser kurzlebigen Epoche gar nicht ohne die ungemein dynamische, ja strotzende Vitalität der jüdischen Gemeinde Deutschlands vorstellen. Sie ist heute fast völlig erloschen. Vermisst sie wer? In Asien, auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, in den Gebieten der ehemaligen GUS, hat sich die ethnische Zusammensetzung nach Ende der Blockzeit noch viel dramatischer verändert. Die Zuwanderung aus dem fortschrittlichen Europa in das ´primitive´ Amerika wiederum, nördlich, südlich und im schmalen Mittelteil, hat blühende Kulturen vernichtet, Völker ausgelöscht oder völlig an den Rand gedrängt. Man kann das brav im Geschichtsbuch nachlesen und denkt sich nichts dabei; nur das Übliche. Und jetzt sickert eben unmerklich orientalisches Gemeingut ein. Das Beispiel Rom lehrt: vieles wird sich ganz lautlos, fast unbemerkt und wie von selbst entscheiden und den gesamten Rahmen verändern und daneben werden gewisse Ereignisse direkte, deutlich erlebbare Brüche, Stürze – Verheerungen zeitigen. Stellen sie sich einen Moment lang vor, sie täten eine Zeitreise, zurück ins Jahr 65, und skizzierten einem bereits betagten Neukölnner die heutigen Zustände. Denken sie sich nun weitere 50, 60, meinetwegen 70 oder 100 Jahre ´nach vorn´. Wem schmeichelte schon der Gedanke, das in besagtem Neukölln nicht länger zivile Würdenträger das sagen hätten, sondern islamische Geistliche und Vereinsvorsteher, die das konsekrierte koranische Recht in der nunmehr zivilrechtlich gesicherten Form anpreisen und stolz verkünden können, das die alten Clan, - und Stammesrivalitäten endlicheinheitlich und zunehmend friedlich geregelt werden. Auch eine Art Fortschritt. Das دار الإسلام stünde dann über dem Grundgesetz: in einer autonomen, selbstverwalteten Region Neukölln.
Der von dem deutsch-ägyptischen Politologen Hamed Abdel-Samad so leichtfertig prognostizierte Untergang der islamischen Welt wird einstweilen ganz gewiss nicht stattfinden. Das wäre in etwa so absurd wie die posthume Behauptung, dass die germanische Welt der Nachantike hätte verschwinden müssen, weil sie nicht fähig gewesen sei, wie das moderne römische Vorbild funktionieren zu können. Es ging auch ohne; und ziemlich lange. Die Anleihen langten voll hin. Der heutige Weltmarkt läuft gleichsam jenseits kultureller Eigen, - und Besonderheiten ganz reibungslos ab (bzw. herunter) und die rein technisch-kommunikativen Aspekte moderner Lebensführung funktionieren zu großen Teilen via Expertise, die sich halbwegs klonen lässt. Wenn die wahabitische Herren-Clique im saudischen Königreich in Saus und Braus lebt, ihr kulturelles Terrain rundum versiegelt und die ihr opportun scheinende Moderne über bezahlte ´Ungläubige´ abwickeln lässt, dann wird auch der ´Untergang´ noch lange auf sich warten lassen; und zwar, bis der letzte Öltropfen aus der Erde gepresst worden ist und die hohlen Repräsentanzen entweder in aller Eile verhökert werden oder als Ruinen im Wüstensand verkommen. Dann ist auch diese Party aus und vorbei. Europa wiederum hängt an ganz anderen Tröpfen und ist insgesamt ein diffizil vernetztes, feingliedriges Gebilde, dessen Nervenstränge nicht mit einem Hieb zertrennt oder zerschlagen werden können. Am Ende verhaken sich diese Fäden eher heillos, als das sie je ganz brächen. Auch Rom verzettelte sich schließlich, wurde unregierbar; trat unruhig auf der Stelle und am Ende einfach ab. Nicht aber jene, die erst noch dazu kamen und die brachen Flecken füllten und auf ihre Weise ´nachrückten´. Die wuchsen und gediehen, hielten ureigenste Sitten aufrecht und brauchten wohl einige Jahrhunderte, um an den hohen Stand des Imperiums, dessen Nachfolge sie für sich beanspruchten, auch nur in Ansätzen wieder heran zu reichen. Immerhin: sie wollten es. Der Islam wiederum, als allein selig machende, letztgültige Offenbarung mit unumstösslicher Absolutheitsgarantie, hat es im Kern gar nicht nötig, ´europäisch zu werden´. Samad meint, die daraus resultierenden Probleme würden ihn zum verschwinden bringen. Absurd. Die Krise der arabischen Staatenwelt wird vielmehr ganz von selbst Teile dieses Problems in den angrenzenden Kontinent ´importieren´. Die Germanen sind auch nicht regungslos und Schicksalsergeben in ihren Herkunftsgebieten ´untergangen´, haben sich weder von Hunnen meucheln noch infolge Landknappheit selbst verhungern lassen. Warum sollten die Muslime in Nordafrika warten, bis ihnen das Wasser bis zum Halse steht? Der ´Ortswechsel´ wird die religiösen Grundlagen alles andere als schmälern, ja sie können in der ´neuen Welt´ im Grunde problemlos überdauern, nach jeweiliger Eigenart wachsen und gedeihen und werden die Erbauung so nicht nur retten sondern auch erstaunlich schadlos halten. Das wird bei anhaltender demographischer Entwicklung zwangsweise auf Kosten des abendländischen Erbes gehen, das heißt eine schleichenden Verdrängung, Minderung oder Veränderung dieser Substanzen nach sich ziehen. Europa ist rechtsstaatlich verfasst und garantiert die Unversehrtheit auch solcher kultureller Erscheinungsformen, die diesem Anspruch weder genügen können noch wollen.Diese werden sich eher noch selbst ins gegenseitige Gehege kommen, so etwa in der Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten, Kurden und Türken usw. Nicht der Islam wird, in Form einer sein Selbstverständnis mindernden Euro-Variante (a la Tibi) transformiert; Europa wird zwangsweise dem Islam ´angeglichen´. Ausgerechnet das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland verschaffte sich diesbezüglich durch eine einzige Äußerung bleibende Erinnerung. Jenseits des unrühmlichen Abgangs, den sich der Herr Wulff durch eigene Unzulänglichkeiten selbst einbrockte, erlangteer mittels einer (fahr)lässig gesetzten Plattitüde dauernden Ruhm.“ Der Islam,“ erklärte er,“ gehört mittlerweile auch zu Deutschland.“ So, ganz genau so sagte er es: Irrtum ausgeschlossen. Nicht etwa, das die Nachfahren der heute hier lebenden Muslime, etwa der Türken, ´dazu gehören´, oder Angehörige koranischen Glaubens im allgemeinen, geschweige denn, das er die übrigen ´Minderheiten´ wie etwa Hinduisten oder Buddhisten mit einbezogen hätte (wir betonen doch immer und ewig den Schutz, die Hege und Pflege von Minderheiten) – nein: „ Der Islam gehört zu Deutschland.“ Was bedeutet das? Der Bundespräsident ist der eigentliche, der höchste Hüter der Verfassung, die er nach innen und nach außen nicht bloß vertritt: er verkörpert den Schutz und die Pflege derselben. Eine solche Aussage kann, zuende gedacht, also nur heißen, das der Islam Bestandteil der Verfassung werden muss, denn er gehört, wie ihr oberster Hüter fest stellt, zu Deutschland, das durch dieses letztgültige, zentrale Fundament den Rechtsstaat konstituiert, dem es dient. Anders kann es nicht gemeint sein, wenn wir nicht unterstellen wollen, Wulff habe das nur so daher geredet. Kann und darf er auch gar nicht. Denn, wie gesagt: er hütet die deutsche Verfassung, und wenn der Islam dazu gehört, dann muss er auch Eingang finden in den Rechtskanon der Republik. So will es das Amt, so will es eben die Verfassung selbst. Darauf können und dürfen sich zukünftig Vertreter muslimischen Glaubens beziehen, wenn sie Vorschläge machen oder Forderungen stellen, da Wulffs Wort gilt, mag sein Nachfolger auch noch so sehr um Schadensbegrenzung im Sinne begrifflicher und inhaltlicher Relativierung bemüht sein. Er hat sich von dem Satz auf die übliche, nämlich betont vage Art und Weise distanziert, ohne ihm klar und deutlich zu widersprechen: er könne ihn, meint Gauck, so nicht übernehmen, aber „seine Intention nehme ich an.“ Eine solches Winden und Wurschteln reichte schon wieder, um das übliche Trommelfeuer der Verbände zu entfachen, die im übrigen jederzeit an die Aussage des Vorgängers anknüpfen können, wenn es um´s Eingemachte gehen sollte. Gauck ist in die Falle gegangen: er sucht das, was Wulff in reiner Form einschenkte, mittels Destillat nachträglich zu verdünnen: allein, der Trank ruht im Glase. So läuft das im Grunde schon seit Jahren. Man passt die Rede dem Bedarf und entsprechende Regelungen den nachgewachsenen Strukturen an. Das alles steht, das hält; und zwar immer schon etwas mehr, als es verspricht. Noch viel schwerer fällt es bekanntlich, sich von Satzungen und Losungen zu trennen, die in schriftlicher Form vorliegen. Die Grundsatz-Kommission der CDU hatte schon vor gut einem halben Jahrzehnt in einer ihrer Sitzungen beschlossen, folgende Ergänzung in den Passus mit aufzunehmen: "Wir sind der Überzeugung, dass Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und muslimischer Glaube miteinander vereinbar sind." Die Partei achte und schätze nämlich die "reiche kulturelle Tradition der islamischen Welt". Und dann das Übliche: es sei im Interesse der CDU, die moderaten Kräfte in den muslimisch geprägten Gesellschaften auf ihrem Weg zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu unterstützen. Wie harmlos, wie lieb und einladend das klingt! Nun ist es so, das auch Salafisten wie der Pierre Vogel ständig mit der Beteuerung hausieren gehen, sie seien im Grunde friedliebend und wohltätig, im Grunde ´moderat´. Wenn alles nur so kommt, wie sich das die Vertreter dieser oder jener islamischen Spielart jeweils wünschen, dann gibt es auch keine wirklichen Probleme mehr, dann müssen die anderen nur noch richtig mitmachen (bei diesen, jenen oder anderen) und dann herrschen am Ende auch endlich jene moderaten Zustände, deren dauernde publizistische Beschwörung schon deutlich anzeigt, wie sehr den Europäern daran gelegen ist, Auseinandersetzungen weniger durch zu stehen als vielmehr aus zu sitzen.Der Weg zur ´Moderanz´interessiert diese ´Sitzenbleiber´ zunächst kaum; es gilt wie immer das gesprochene oder geschriebene Wort. Die CDU hat also nur auf den Punkt gebracht, was die unterschiedlich gestimmten Vertreter einer reichen kulturellen Tradition auf Marktplätzen und in Moscheen längst predigen. Wenn die CDU also regiert (und sie regiert seit Gründung der Republik nicht andauernd aber immerhin ausdauernd und oft mit) dann kann sie von denen, die muslimischen Glaubens sind, zur rechten Mitarbeit gezwungen werden, ´auf dem Weg zu Rechtstaatlichkeit und Demokratie´, die ja, laut Wulff, mit den Auffassungen der Erbauung nicht länger kollidieren, denn ´sie gehören zu Deutschland´ - zur Verfassung. Hoppla, höre ich endlich den einen oder anderen sagen: so (schrecklich ernst) war das doch alles nie gemeint. Ja, in Herrgott´s Namen: wie denn sonst? Man könnte denen, die so blöken, auch entgegen halten: was würdet ihr denn dagegen unternehmen, wenn es euch gar so sehr pressiert? Geschenkt. Keiner will es gesehen oder gemerkt haben. Und das stimmt sogar: die Leute sind ganz ahnungslos; ganz arglos empfänglich, um mit Rilke zu sprechen. In der Geschichte werden eben keine Urteile vollstreckt, meist nur noch Tatsachen vollzogen. Das dauert dann, das kriegt der Einzelne nie ganz mit und nach ihm dann wieder die Sintflut. Eine unangenehme Tatsache besagt schon jetzt, das die ehemaligen europäischen Kolonialmächte, deren imperialer Hochmut in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts beinahe jeden Winkel der Welt unerbittlich ihrem Diktum unterwarf, heute selbst kolonialisiert werden. Falls sich an den derzeit üblichen Praktiken verantwortlicher Eliten und ihrer ausführenden Organe nichts Grundlegendes mehr ändert und die Zuwanderung muslimischer Ethnien in den europäischen Raum tatsächlich im vermutetem Ausmaß statt finden wird, ist folgerichtig zu erwarten, das sich rasch ganze Stadteile abkoppeln und deren ´Obere´ eine territoriale Autonomie einfordern, der dann die ´rest-staatlichen´ Autonomien in dem Maße angeglichen werden, wie dies zugunsten eines einvernehmlichen Auskommens geboten scheint. Es würde zunächst noch zu kleineren oder größeren Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Clans kommen, deren Bekenntnisse divergieren. Die dauerhafte Einhegung bestehender Differenzen wird nicht im Handstreich erfolgen können. Daran würde der Staat aber nicht zugrunde gehen; seine ausführenden Organe auch nicht. Das war auch in Rom so eine Konstante: der Senat bleibt; hält die Stellung. Wie auch immer: der muslimische Bevölkerungsteil wird wachsen, die begleitenden Strukturen werden´s ebenfalls und sie müssen im Ergebnis das vorgefundene zivile Gefüge nachhaltig verändern. Denn: der Islam gehört zu Deutschland. Unser Ex-Präsident hatte sich das sicher so gedacht: im öffentlich-rechtlichen Leben bleibt alles schön wie gehabt, wie er (und wir alle) es kennen und schätzen und überhaupt ganz gerne haben und der Islam (dieser, jener oder ein anderer; welcher auch immer) hält sich schön an das Gehabte, mit allem, was er selbst so hat; und darf auf diese Weise ganz brav Islam bleiben. Geht das, kann das? Der Islam gehört zu Deutschland. Nein – Deutschland gehört dem Islam. Das haben die Deutschen bloß noch nicht kapiert. Mehr noch: Europa wird dem Islam gehören. Die das tatsächlich schon kapiert haben, behalten es ängstlich für sich. Wer wollte schon mit Geert Wilders oder dem vor zehn Jahren gemeuchelten Pim Fortuyn verwechselt werden, die das nicht bloß befürchtet sondern auch gleich lauthals kritisiert haben? Warten wir es doch einfach ab und bleiben wir unserem Credo treu, welches besagt: nur nicht über Gebühr anecken; diplomatisch bleiben und es dem Aal, der Schlange gleich tun, sich winden und wenden um jede mögliche Achse, bis das Stützrad auseinander bricht. Wer weiß: vielleicht würde man schon etwas früher einen Vorschlag aufgreifen, den der Dichter Günter Grass einst, wider jede Ironie, in die öffentliche Diskussion einbrachte. Er meinte mal, man solle eine Kirche in eine Moschee ´umwidmen´ - ´als Geste guten Willens´. Das mag mancher noch immer für absurd halten. Im übrigen schießen aber islamische Gotteshäuser allerorten frisch aus dem Boden. Im Grunde sind unsere Bedenken nur noch verzweifelter Ausdruck eines schon völlig überholten Festhaltens an überkommenen Formen, die zunehmend ohne Inhalt, ohne ideellen Rückhalt auszukommen haben. Sie, die so heucheln, sind ganz ahnungslos. Kirchen wird es auch später noch genug geben in Deutschland, allen sichtbaren Verfallstendenzen zum Trotz. Sicher: im Osten der Republik verfielen die christlichen Ableger im Schatten real-sozialistischer Beglückung, was bereits zu Beginn der 90er vom Dokumentarfilmer Dieter Wieland bestürzt zur Kenntnis genommen wurde. Zumindest im Westen finden die Umwidmungen im Sinne des Großschriftstellers längst statt: in Form lockerer, so lässig wie dankbar goutierter Säkularisierungen. Kratzt das denn irgendwen?Na? Aus Kirchen werden Begegnungszentren, Discotheken oder Szene-Kneipen. Kirchen sterben langsam und im Dutzend, es gibt aber noch immer genug. Weitere Umgestaltungen zögen jedoch, unseren Zusammenhang betreffend, kaum; das wäre sicher kein wirklich wirksames Signal, denn die Objekte selbst fallen kaum aus dem Rahmen, spiegeln keine grundlegende Gesinnung mehr, sind irgendwie ´out´ und es sind eben ´nur´ Kirchen; nichts weiter. Tanzen kommt geiler als beten; saufen und grölen geht besser als in Andacht und Stille zu horchen. Warum also das Sakrale gegen ein selbiges aufwiegen, wenn sich geschmeidige, umso beeindruckendere Lösungen anbieten? Betrachten sie etwa den Reichstag; dieses protzige, grässliche Ungetüm. Mir hat der klobige, großkotzige Klotz nie gefallen. Die plumpen, pompösen Proportionen entsprechen kaum seinem im Grunde nüchternen, an die Verfassung gehaltenen Auftrag, dem eine bescheidenere Repräsentanz ungleich besser anstünde. Man könnte also zumindest den aufgeblasenen Mittelbau, als Geste guten Willens, in eine Ganztagsmoschee umwidmen. Das wäre nur ein erster Schritt, aber als solcher ein unmissverständlicher. Schauen sie: der Reichstag ist vom ersten Hammerschlag an so oft um, - und ausgebaut worden, da tut ein weiter ´Handschlag´ nun wirklich nichts mehr zu Sache. Das so wuchtig wie anmaßend prunkende Monument verkörpert auf nahezu groteske Art und Weise den bürgerlichen Größenwahn jener imperialen Epoche, die ihn einst hervorbrachte. Man könnte aber, mit etwas gutem Willen, die Kraft und die Würde jenes dauernd beschworenen interkulturellen Ausgleichs in diese Saft, -und Kraftstrotzende Form giessen und damit ein wirklich starkes und eindeutiges Signal setzen. Es gibt da zahlreiche architektonische Anknüpfungspunkte. Das hehre Halbrund der mächtigen Kuppel kann mit den Lösungen anderer islamischer Prachtbauten gut mithalten, und wenn man sie zusätzlich durch Minarette schirmte (nicht zu hoch, nicht zu breit), dann ähnelte der ganze Bau, abzüglich der immer noch peinlich prahlenden, kantig auswuchernden Seitenblöcke, auf Anhieb den stolzesten Ablegern koranischer Erbauung; im wahrsten Sinne des Wortes. Würde man weiterhin den Giebel etwas abrunden, die plump und hölzern wirkenden Säulen entfernen und durch einen mächtigen steinernen Torbogen ersetzen (je nachdem, ob das statisch zulässig ist), wäre ein vorzügliches Gleichmaß erreicht, das dem Bau der Hagia Sophia in nichts nachstünde. Als multifunktionales Begegnungszentrum ermöglichte der Reichstag dann ein multikulturelles Miteinander, das den zwei größten Bevölkerungsteilen des Landes, dem muslimischen und dem deutschen, die Möglichkeit böte, endlich ernst zu machen mit der vielbeschworenen Integration. Wie die de facto dann aussähe? Anders, als sie heute ständig beschworen wird. Im Islam ist das Politische vom Sakralen nicht zu trennen, somit könnten die entsprechenden Absprachen oder Fürbitten gleich ´im Hause´ weiter gereicht werden. Eine Art Rotationsprinzip käme so zum Vollzug. Die Moschee als Weisungs, - und Einspruchbefugte Korrektivinstanz, eine Art ´Oberhaus´ nach britischem Vorbild, dem vielleicht nicht immer das letzte Wort, wohl aber der ständige, auf Nachbesserung bauenden Einwand vorbehalten bliebe. Das über dem Eingang eingemeißelte ´Dem deutschen Volke´ mutet vor diesem Szenario allerdings peinlich an. Eine schwer erträgliche Hybris, unzeitgemäß und überhaupt blasphemisch; eine, die es dann schleunigst zu entfernen gilt. Dort könnte, ruhig in goldglänzenden Lettern, geschrieben stehen: ´Dem einen Gott´ - und zwar auf arabisch (oben, größer) und deutsch (darunter, etwas kleiner; wiederum als Geste guten Willens). Das alles setzte Zeichen, Europaweit, es hätte immensen Vorbildcharakter und verdeutlichte sichtbar und unmissverständlich den Zeitenwechsel, der dann sowieso längst statt gefunden hat. Und weiter statt finden würde. Derlei optische und funktionale ´Nachbesserungen´muss man nicht im Mindesten als anrüchig empfinden. Das die Hagia Sophia einst in eine Moschee umgewandelt wurde, bevor sie Atatürk zu einem Museum machte, das beanstandet heute kein Mensch mehr. Andere Zeiten, andere Sitten. Ob wohl die osmanisch anmutenden Zwiebeltürme im Süden der Republik heute noch eine Baugenehmigung bekämen, fragte schon, etwas heiter, besagter Wieland in einer seiner zahlreichen Betrachtungen. Es ist auch wirklich zu komisch. Wenn Spaßbäder und Großraumdiscotheken, die auf ihre Weise den Zeitgeist spiegeln, im optischen Rahmen antiken Thermen und Tempeln, fernöstlichen Klöstern oder orientalischen Bädern angeglichen werden, dann ist das nichts, was irgendwer als obszön empfände. Und es sind derzeit ja auch nur die Krawallmacher von Pro NRW, die uns allen den Spaß verderben wollen und mit Bedenken hausieren gehen, die keiner derer, deren Selbstverständnis zwischen Stress und Konsum herumkollert, ernstlich, innerlich – existentiellverspürte. Wenn winzige islamische Sekten und Gemeinden auf verödeten Industriegründen riesige Repräsentanzmoscheen errichten lassen, dann fragt auch keiner, wo das Geld her kommt und wie lange es noch dauern wird, bis ein gutes Dutzend Menschen zu jener Masse angeschwollen sein wird, die das Innere des Großbaus halbwegs füllte. Tun wir doch nicht immer und ewig so scheinheilig, so verdammt überlegen und integer; das steht uns doch gar nicht mehr zu. In hundert, vielleicht zweihundert Jahren dürfte ein Vorhaben wie das geschilderte sehr viel weniger abwegig und anmaßend erscheinen, wenn nämlich der jetzigen Mehrheit der Bevölkerung eine annähernd gleich starke Gruppe einstiger Zuwanderer gegenüber stünde, deren Sitten und Gebräuche das Gesamtbild nicht länger ´exotisieren´; vielmehr zunehmend repräsentieren. Dazu dann eben der passende Bau. Das erspart unnötige Reibungen im Großen und es könnten im Kleinen weitere Details sorgsam ausgehandelt werden, um das Endergebnis umso nachhaltiger im Boden einer nunmehr deutlich gewandelten Kultur zu verwurzeln.
Seit etwas mehr als zwanzig Jahren stellt sich im globalen Gefüge erneut die Machtfrage. Einst waren es zwei mächtige ideologische Blöcke, die Weltumspannend um die Durchsetzung ihrer je seligmachenden Ansprüche rangen. Der westliche Kapitalismus überwältigte schließlich den Counterpart im Osten, löste sich dann recht zügig aus nationalstaatlichen und sonstigen Ordnungsgeflechten heraus und verschafft seinem Rigorismus nunmehr in sämtlichen Teilen der Welt Geltung. Im Schatten dieses gigantischen Projekts, das in seiner Gänze wohl noch immer nicht voll durchschaut, bedacht, bewertet worden ist, vollziehen sich Auflösungsprozesse, die entweder als chaotische Interregnien neuen, recht fragwürdigen Ordnungssystemen Vorschub leisten oder zu regionalen Lethargien und Anarchismen führen, deren Bewältigung misslingt. Staaten werden unregierbar und bröckeln auseinander; zerfasern und schaffen auf diese Weise quasi-autonome Zonen, die nur mehr durch Clans und Stämme kontrolliert werden. Im kleineren Maßstabe sind es ganze Stadtteile, dich sich zunehmend der zivilen Obhut entziehen. Ein enthemmter Globalkapitalismus wird der Fragmentierung überkommener Ordnungssysteme auch weiterhin unheilvoll zuarbeiten. Der hier untersuchte Zusammenhang fügt sich ohne große Lücken in die skizzierte Entwicklung. Zu Zeiten des kalten Krieges spielte der Islam geostrategisch gar keine Rolle und alle diesbezüglichen ´größeren´ Ereignisse wie etwa der Sturz des Schah im Iran, der Afghanistan-Feldzug der Sowjets oder das pseudo-imperiale Machtgehabe des Saddam Hussein waren noch eingebettet in das ´big game´ der Supermächte, deren kolossale Übermacht jede ausufernde Emanzipation rechtzeitig im Keim erstickt hätte. Die Großen hatten aber nie nötig, so zu tun; in über vierzig Jahren nicht. Das vergangene ´Stellvetretergeplänkel´ in der dritten Welt ähnelte allerdings schon verblüffend den heute um sich greifenden, schier ausufernden asymmetrischen Auseinandersetzungen. Wie hilflos, wie arglos nehmen sich die Versuche aus, derlei Brandherde ein zu dämmen. Ehedem wurden sie dazu genutzt, die konkurrierenden Systeme in Stellung zu bringen; jetzt tobt sich im Schatten dieser Scharmützel nur noch jener Raubtierkapitalismus aus, den ein pensionierter Bundeskanzler einmal beiläufig erwähnte. Zwei amtierende Staatsoberhäupter waren es schließlich, die auf je eigene Art und Weise der sogenannten Arabellion den Zündstoff boten, derer sie bedurfte, um jene Legitimation für sich beanspruchen zu können, die heute weltweit mittels entsprechender sprachlicher Codes ganz locker durchgereicht wird: George Walker Bush und sein Nachfolger im Amte, Barack Hussein Obama, ließen sich entsprechend vernehmen – und verhoben sich bei der Gelegenheit in einem Maße, das bis auf weiteres nicht endgültig abgeschätzt werden kann. Ersterer prophezeite, in törichter Überschätzung eigener Möglichkeiten, von einem irrationalen Sendungsbewusstsein besessen, der arabischen Welt ein ´Leuchtfeuer der Demokratie´, und der entsprechende ´Kreuzzug´, im Schatten real-politischer Interessen ausgefochten, setzte die Region tatsächlich in Flammen; die haben sich mittlerweile zu einem Flächenbrand historischen Ausmaßes ausgeweitet. Erst durch die militärischen Abenteuer dieses Texaners brachen alte Stammesfehden (entlang traditionell-religiöser Bruchlinien) mit voller Wucht aus, verschärften sich die konfessionellen Gegensätze in der Region und das einzig durch strikte Autoritäten irgendwie zusammen gehaltene staatliche Gefüge löste sich im Zuge der Verheerungen weiter auf. Obama wiederum, gleichsam als Prediger und Visionär unterwegs, gab in der berühmten Kairoer Rede die weiche, wiewohl nicht weniger fragwürdige Variante einer Bekehrung zum besten, die ebenso selbstverständlich Demokratie und Freiheit, Menschenrecht und Menschenwürde bemüht, ohne zu ahnen, das sie am Ende nur noch ein Deckmäntelchen sein könnte, hinter dem ganz andere ´Ideale´ zum Vorschein kommen um auf ihre angestammten Rechte zu pochen. Schon jetzt tritt in der muslimischen Welt aus dem Schatten bzw. der Reserve, was zu den Vorstellungen der ´mächtigsten Männer der Welt´ (als solche werden sie durchaus in der islamischen Welt wahr genommen) in krassem Widerspruch steht. Nichts wirklich Neues unter der Sonne. Denn auch in diesem Falle belehrt uns die Geschichte über jene Divergenz, die nur zu oft zwischen Absicht und Abfolge, Wollen und Können, Plan und Wirklichkeit besteht. Das gilt gerade für unterschiedliche Ideologien, Ismen und ihre Ableger. Der von Luther, Zwingli und Calvin ins Leben gerufene Protestantismus war ganz anders gemeint, gewollt oder gedacht, als er später tatsächlich (weiter)´gemacht´wurde. Denn: “Die Reformation war der entschiedene Ausdruck eines bahnbrechend neuen rebellischen Individualismus (…) und in dieser Hinsicht trieb sie die Entwicklung, mit der sich die Renaissance immer weiter von der Kirche und dem Menschen des Mittelalters entfernthatte, weiter voran.“ (R. TARNAS: Das Wissen des Abendlandes. Düsseldorf 2006. S. 302). So hatten sich das aber die ´Altfrömmler´, im Wesentlichen noch dem religiösen Rigorismus der Kirchenväter verpflichtet, im Traum nicht gedacht. In dem oben skizzierten Falle ist der Spieß gleichsam herum gedreht worden. Bush und Obama gingen stur von den eigenen, durch westlich-zivilisatorisches Erbe gedeckten Prämissen aus; weder von sunnitischen, schiitischen oder sonstigen Bekenntnissen, deren Träger und Fürsprecher ganz anderen ´Satzungen´ gehorchen. Sie hatten ja, in orientalische Zeitlosigkeit gebettet, nur auf passende, quasi zeitnahe Gelegenheiten gewartet; auf entsprechend ´höhere Konsekration´. Die ist ihnen von den beiden ´Wanderpredigern´ nunmehr auf je unterschiedliche Weise nachgeliefert worden. Geschichte ist eben kein linearer Prozess; in ihr kommen ganz reale Spannungsverhältnisse zum Ausdruck, andauernd, und das Ringen um Macht und Einfluss zeigt nur an, zu wessen Gunsten sich die Kraft jeweils verlagert hat. Oft reicht ein Tropfen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen, vielfach staut sich das Becken oder glimmt die Lunte. Und manchmal reicht eben eine gut gemeinte Rede, um die Gemeinde endgültig in Bewegung zu setzen – die Richtung kann dann eine ganz andere als die gemeinte sein. Im Grunde treten derlei ´Pannen´ ständig auf. Geschichte ist und bleibt unberechenbar. Wenn das Sein das Bewusstsein bestimmt, dann bestimmen die gewachsenen Verhältnisse umso bestimmter das Sein selbst, und das je stärkere, je wendigere oder wackere Bewusstsein setzt sich schließlich durch.
Verstrickt in eine global-strategische ´Neu-Unordnung´ gleicht unsere heillos erweiterte, nunmehr 27 Mitglied-Staaten starke Union dem Koloss auf tönernen Füssen. Sie hat ihre maximale Ausdehnung längst erreicht und beginnt schon an der süd-östlichen, demnächst auch süd-westlichen Peripherie zu bröckeln: der Griechenland-Krise scheint, früher als erwartet, eine spanische zu folgen. Es geht natürlich um Finanzen, um den Mammon, aber das reicht schon wieder, um beteiligte Völker faustdick gegeneinander auf zu hetzen, den Furor des Nationalismus neu zu entfesseln. Das ist schade, denn die Einigung Europas erfolgte, erstmals überhaupt in der uns überlieferten Geschichte, ausschließlich auf friedlichem Wege. Nun droht sie schon wieder entzwei zu gehen. Um beim Vergleich zu bleiben: das Großreich des Trajan schrumpfte ebenfalls in rascher Folge, die christlichen Gemeinden (Parallel-Welten?) wurden, als Flecken auf der großen Karte, immer größer, zahlreicher, und die späte Teilung des imposanten mutli-kulturellen Gebildes in einen östlichen und westlichen Teil erfolgte am Ende doch zu spät. Sie konnte den Verfall des Gesamtkörpers nicht mehr aufhalten. Der aktuelle Versuch, ein Europa der zwei Geschwindigkeiten zu erzwingen, im Grunde auch eine Art Teilung, mutet insofern grotesk an, als das die derzeit alle Teile der Welt im Würgegriff haltende Finanzoligarchie auf derlei national-staatliche Einhegungs, - und Ordnungsversuche einen Dreck gibt. Das wird vorzüglich sichtbar am Vorgehen jener anglo-amerikanischen Rating-Agenturen, die im Zuge ihrer so selbstherrlich wie selektiv vorgenommenen Abwertungen europäische Staaten eiskalt in den Abgrund wetten. Den größten aller Weltschuldner, die USA, halten sie peinlich in Quarantäne. Das Europa der 17 gerät gefährlich in Bewegung, taumelt bereits, und ist so, als schrumpfender Riese auf schwankendem Grund, umso gröberer Gefährdung ausgesetzt: der ganze Kontinent gleicht in der Totale einem fragilen, überhaupt fragwürdigen Gebilde in unsteter, unsicherer Verfasstheit. Welchen Stürmen mag die Gesamtunion noch entgegen gehen, wie will sie ihnen trotzen? Im Block-Zeitalter war alles viel einfacher, auch überschaubarer. Hier konnte sich der Einigungsprozess noch langsam und stetig, sachte und behutsam vollziehen; es herrschte, auch im Innern, Friede; Ordnung. Beides braucht sich nunmehr auf. Ebenfalls langsam. Und unerbittlich. Was wiederum nicht heißen muss, das am Ende alles irgendwie den Bach runter geht. Das Erbe der Antike hat sich weder im räumlichen noch im ideellen Sinne je ganz verflüchtigt, wie wir sahen. Der Stabwechsel von der frühen griechischen Poleis über Rom, Byzanz bis hin zur Renaissance gleicht einem weiten Lauf und sicherte ein beispielloses kulturelles Erbe, dessen annähernd dreitausendjährige Konsistenz bis auf den heutigen Tag fortwirkt. In einem schöpferischen Prozess ohnegleichen wandelte sich dabei das Selbstverständnis derer, die an ihm teil hatten, in oft kühnen, mitunter krummen, nicht selten gefährlich abrupten Schüben und bildete so die Grundlage für alle weiteren, kaum minder imposanten Ansätze. Die Langlebigkeit des abendländischen Gesamtentwurfes lässt sich kausal nicht vollständig ableiten: der νοῦς der Alten bleibt selbst Mythos, ein Gegenstand staunender Betrachtung. In den letzten gut fünfhundert Jahren hat er sich recht selbstherrlich über alle verbliebenen, noch wirkungsmächtigen ´Konkurrenzen´ hinweg gesetzt: auf je unterschiedliche und, wie wir sahen, nicht selten selbstherrliche Art und Weise. Was ist heute, jenseits hocheffizient arbeitender Systeme, von der Idee Europas übrig geblieben? Oder muss man nicht doch ganz schlicht fragen: wo steht es überhaupt noch, dieses Europa, wo will es hin, was kann, soll oder muss es tun oder lassen, um im globalen Spiel weiter zu bestehen? Paul Natorp, einer jener unlängst in Vergessenheit geratenen Meisterdenker des 19. Jahrhunderts, beschwor, jenseits aller bloßen Zwecke, den Primat des Seins selbst, und zwar in einem betont praktischen, im Gemeinschaftlichen wurzelnden Sinne. Diese wie auch immer verstandene Gemeinschaft setzt allerdings ein irgendwie Gemeinsames zwingend voraus. Die Substanz, das unverwesliche Erbe – die einende Wurzel. Es soll hier nicht der irrwitzige Versuch unternommen werden, einen paneuropäischen Blut und Boden Mythos zu erdichten – Gott bewahre. Das hatte auch der Soziologe Tönnies nicht im Sinne, als er die Gemeinschaft von der bloßen Gesellschaft schied und sie mit Blut, Ort und Geist in Verbindung brachte, die gerade mit den kruden nationalsozialistischen Vorstellungen nichts mehr gemein haben konnten. Ist den heutigen Europäern jenseits unverbindlicher Allgemeinplätze und barer Absichtserklärungen alles nur mehr Kürwille im Tönnie´schen Sinne? Haben wir es uns in den Niederungen des Gesellschaftlichen ´gemütlich´ gemacht und jeden lebendigen Sinn für Gemeinschaft, die uns auf ganz eigene, zwingende Weise in die Pflicht nimmt, eingebüßt? Für Tönnies waren in der gesellschaftlichen Sphäre die höchsten Werte nur noch Fiktion, der einzig einigende Wille lediglich Kontrakt. In Anbetracht des heute wütenden Cash n´ Crash erlangen diese kalten Konstrukte eine fast schon beängstigende Aktualität, denn das, was der große Gelehrte mit ihnen zum Ausdruck brachte, war auf eigene Weise Indiz für Untergang und Verfall, die er deutlich kommen sah.
Der alte Ovid brachte es so schön auf den Punkt: Gutta cavat lapidem, non vi sed saepe cadendo. Ob der Schelm dabei wohl auch an seine eigene kleine Welt gedacht haben mag? Die Übersetzung dieses alt-römischen Sinnspruchs ins gegenwärtige Deutsch erspare ich mir übrigens. Latein ist eine tote Sprache, die keiner mehr spricht. Und keiner vermisst. Dem Deutschen könnte es einmal ganz ähnlich ergehen. Denn alles was entsteht, ist wert, das es einstmal vorüber geht. Wer derlei Wortwitz für abwegig hält oder gar als anmaßend empfindet, möge sich erinnern, was Jacob Burckhard schon in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen zu denken gab: das nämlich jene Kulturen, die wir in der Rückschau für hoch erachten, in Wahrheit schon ganz späte, abfallende Erscheinungsformen darstellten. Sie hatten ihre beste Zeit längst hinter sich. Er fand auch, dass es die Weltreligionen seien, welche die größten historischen Krisen herbeiführen. Sie wüssten nämlich von Anfang an, dass sie Weltreligionen sind, und sie wollten es auch sein. Das wusste wohl auch das Christentum, jenseits der Entsagungen und Bescheidungen, die sein größter Künder anmahnte, ohne das ihm nachfolgende Geschlechter gerade hier gefolgt wären. Das weiß, mehr als jede andere monotheistische Verheißung, auch und gerade der Islam. Es wäre ganz töricht zu vermuten, er widerspräche sich gerade in dieser Sache, um einer anderen zu genügen. Aber “am Ende ist das nicht ungerecht und keine Demütigung, wenn wir es richtig auffassen.“ Daran anschließend und abschließend die passenden, zeitlos gültigen Worte eines lateinischer Klassikers, des Komödiendichters Terentius:“ Ego pretium ob stultitiam fero. Denn: Facta infecta fieri nequeunt.

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Die abendländisch-islamische Transformation

Warszawski 07.09.2012 23:14

Uff!

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