Erschienen in Ausgabe: No 80 (10/2012) | Letzte Änderung: 13.02.13 |
von Constantin von Hoensbroech und Ulrike von Hoensbroech
Grenzüberschreitungen
waren in Ausstellungen vor einhundert Jahren und noch länger zurück ein
durchaus gängiges und bewusst eingesetztes Stilmittel. In diesem Sinne ist auch
der Kapellenraum mit Gewölbe und spitzbogigen Blendarkaden einzuordnen, den die
Besucher im Jahr 1912 in der Mitte des Rundgangs durch die „Internationale
Kunstausstellung des Sonderbundes Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler“ in
Cöln, damalige Schreibweise, betraten. Neben den von Erich Heckel und Ernst Ludwig
Kirchner bemalten Stoffbahnen, die die Wände verkleideten, waren es die
Glasfenster des Niederländers Johann Thorn Prikker (1868 bis 1932), die diesem
Raum jene mystisch-religiöse Aura verlieh, von der der damalige Leiter des
Kölner Kunstgewerbemuseums schrieb: „In der dunklen gotischen Apsis vor den
Glasfenstern Thorn Prikkers verstummte aller Zank und Gehässigkeit. Hier stand
man unmittelbar vor etwas Neuem, Großen, Ungeahnten.“
Heute,
100 Jahre nach der Maßstäbe setzenden legendären Sonderbundschau, ist jene in
den damaligen Ausstellungsrundgang eingehauste Kapelle nur noch als eine Art
Erinnerungsraum oder eher Hommage in die aktuelle Ausstellung „1912 - Mission
ModerneDie Jahrhundertschau des
Sonderbundes“ integriert. Indes gelingt es den für die Ausstellung im Kölner
Wallraf-Richartz-Museum verantwortlich zeichnenden Akteuren erneut etwas von
jener erhabenen, sakralen und zum bewussten Innehalten anmutenden Wirkung zu
entfalten. In wunderbarer Linie korrespondieren die Skulpturen „Betende“ (1894)
sowie der große Kniende“ (1898)von
George Minne (1866 bis 1941)mit den
großartigen farbenfrohen Fotografien von drei der insgesamt sechs Kirchenfenstern,
die Thorn Prikker für die Dreikönigenkirche in Neuss schuf und auf denen er 24
figürliche Szenen aus dem Leben Christi sowie ornamentale Muster darstellte.
Nach
über drei Jahren Vorbereitungen, Recherchen und Rekonstruktionen lässt das
Wallraf-Richartz-Museum nun eine der wichtigsten Ausstellungen des 20.
Jahrhunderts wieder aufleben. Von den vor einhundert Jahren gezeigten rund 650
Exponaten von Künstlern, wie Cézanne, Cross, Gauguin, van Gogh, Picasso, Munch,
Macke, Nolde, Schiele und anderen, werden etwa 120 Werke aus renommierten
Museen in Europa und den USA gezeigt. Einige der Werke von 1912 gelten als
verschollen. Auf Ersatzwerke eines Künstlers, die manches Museum statt eines
angefragten bestimmten Werks anbot, wurde absichtlich verzichtet. Bewusst wurde
in der heutigen Schau beim Rundgang durch die neun Räume die einstige
Aufteilung in Künstler- und Länderräume aufgegriffen. Bemerkenswert ist dabei
etwa der Raum zu Norwegen sowie Edvard Munch – schließlich hatten sich Munchs
Werke bereits 1912 gesellschaftlich und künstlerisch hoch angesehen in der
Kunstwelt etabliert. Immer wieder sind historische Aufnahmen in die
Präsentation eingebunden, die so eine klar nachvollziehbare visuelle Brücke
zurück in die Zeit schlagen, als sich die damaligen Organisatoren von den eher
konzeptionslosen Ausstellungen des 19. Jahrhunderts verabschiedeten und einen
neuen Ausstellungstypus begründeten.
Die
Ausstellung im Jahre 1912 in Köln, das damals als eine der weltweit führenden
Kunstmetropolen galt, hatte das ehrgeizige Ziel, der Moderne zum Durchbruch zu
verhelfen. Sie rüttelte mit diesem Unterfangen im deutschen Kaiserreich an
einem eher konservativ geprägten Kunstverständnis – und hatte damit für das
spätere Ausstellungsverständnis, die Rezeption von zeitgenössischen Werken und
deren Präsentation, die Ankaufspolitik von Museen und anderes mehr nachhaltigen
nationalen und internationalen Erfolg. Nicht nur in Deutschland gilt die
Sonderbundschau bis heute als einer der wichtigsten Wegbereiter für die
Moderne. Die Palette der Besucherreaktionen auf die Schau im Schatten des
Kölner Doms war ebenso bunt, vielfältig und bisweilen schrill wie die Exponate.
Die Fachwelt reagierte euphorisch und tief beeindruckt. So wurden
beispielsweile die Glasfenster von Thorn Prikker in katholischen und
evangelischen Medien positiv aufgenommen, während die Amtskirche den Werken
kritisch gegenüberstand. Der Neusser Pfarrer, der die Fenster in Auftrag gegeben
hatte, wurde vom damaligen Kölner Erzbischof von Hartmann versetzt. Erst 1919
konnten die Glasfenster, die heute zu den bedeutendsten Werken christlicher
Glaskunst des 20. Jahrhunderts zählen, eingesetzt.
Es
wäre verfehlt, den seinerzeit im Kölner Generalvikariatfür die künstlerische Ausstattung von Kirchen
Verantwortlichen einen Vorwurf zu machen. Konnten sich die Kuratoren der
Sonderbundausstellung in ihrem Sendungsbewusstsein so sicher sein, die
entscheidenden Protagonisten für die verschiedenen Positionen der zeitgenössischen
Kunst auszustellen? Es ist aus heutiger Perspektive geradezu erstaunlich, wie
zielsicher die Kuratoren seinerzeit die Künstler und Ausdrucksformen
identifizierten, die erst viel später als Höhepunkte der europäischen
Kunstgeschichte eingeordnet wurden. Schließlich begann die Schau mit einem
bewussten Paukenschlag: Die ersten fünf Räume zeigten 125 Werke von Vincent van
Gogh. Der Vater des Expressionismus, von dem gegenwärtig wieder 15 Werke
gezeigt werden, galt vielen Besuchern und Fachleuten eher als „Künstler
kleineren Stils“. Gleichwohl: „Die meisten bedeutenden Künstler der damaligen
jungen Generation haben sie erkannt und in bezeichnenden Werken ausgestellt“
würdigten die Organisatoren der großen Kölner Erinnerungsschau im Jahr 1962 ihre Vorgänger.
Jenen
Aufbruch, jenen vielleicht geradezu revolutionär und innovativ, wagemutig und
riskant anmutenden Impetus der Sonderbundschau von 1912 entfaltet die „Mission
Moderne“ heute sicherlich nicht mehr – zu sehr sind die Namen der meisten
Künstler mittlerweile bekannt und als Autoritäten der jeweiligen
Kunstströmungen, wie etwa (Post-)Impressionismus, Expressionismus und frühen
Kubismus, anerkannt. Gleichwohl ist die gegenwärtige Reminiszenz an die
Ausstellung vor 100 Jahren in quantitativer und qualitativer Hinsicht
überwältigend. Um diesen überquellenden, fast rauschhaften farbenreichen
Ausdruck zeitgenössischen Ausdruck der Moderne erst einmal sacken zu lassen,
sei an dieser Stelle eine Pause im Museumscafé empfohlen. Der heute in den
meisten Museen zum Inventar gehörende Erfrischungsraum ist übrigens auch eine
Idee der Ausstellungsmacher von 1912, die diese Neuerung damals erstmals
anboten. Das gilt auch für den Kurzführer, der den Besuchern vor einhundert
Jahren als Handreichung zur Orientierung überhaupt in einer Ausstellung
mitgegeben wurde. Heute ist daraus ein lesenswerterüber 600 Seiten starker Katalog geworden, der
die damalige und heutige Ausstellung komplett dokumentiert.
Bis 30.
Dezember, di bis so 10 bis 18 Uhr; do 10 bis 21 Uhr.
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