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Erschienen in Ausgabe: No 80 (10/2012) Letzte Änderung: 13.02.13

Beleidigungen und kein Ende?

von Steffen Dietzsch

Die anschwellende Kakophonie der Karikaturen – auf Papier und auf der Strasse – wird möglicherweise so schnell verlöschen wie die Flamme eines frommen Jünglings, die in Khartum ein deutsches Papierfähnchen verzehren sollte (schade, das uns nicht Sekunden später gezeigt wurde, was man dann mit dem verrußten Holzstäbchen in der Hand macht … ja, der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen ist kurz) …
Mit dem verschwundenen ‚arabischen Frühling’ sollten doch nun endlich auch unsere – so gut gemeinten – Einbildungen verschwinden, die dort einen hoffnungsvollen Trend zur Demokratisierung und Modernisierung auszumachen meinten. Unser serviler Umgang mit den empörten Massen dort (in unseren Massenmedien) hat unsere Neigung zur Auto-idolâtrie (Nietzsche) in der Begegnung mit dem Fremden übermächtig gemacht. Unsere Selbstbornierung betrifft dabei gerade Sachverhalte, die letztlich auch mit unserer Selbsterhaltung hier in Europa zu tun hätten. Wir propagieren und führen just für diejenigen Gruppen (die wir als ‚das Volk’ identifizieren, das vom Diktator ‚getötet wird’) deren Bürgerkriege, die dann, nach dem Sieg, unsere Lebensform und uns selber öffentlich zum Teufel wünschen, ja unsere Gesandten unter frenetischer Anteilnahme töten.
So wird kommen, was wir seit einem Säkulum schon an den europäischen Umwälzungen über die Zeiten sehen konnten: die radikalsten Stimmungen, auch wenn sie momentan zahlenmäßig in der Minderheit wären, machen ihre fundamentalen Gesinnungs- oder Glaubensbotschaften, auch Institutionswünsche!, lebens- und politikverbindlich. Spott, Witz, Ironie und Lachen war fürs Individuum schon in den europäischen politischen Theologien des XX. Jahrhundert existenzgefährdend. Diese Erbschaft steckt tief in der (keineswegs nur islamischen!) Volksfrömmigkeit und wird in gegenwärtigen Theokratien geschickt gehändelt.
Diejenigen, die am unnachsichtigsten, lautstark oder tränenselig auf Verletzungen oder Beleidigungen ihre Gefühle und Überzeugungen verweisen können, erzeugen sehr effizient neue, strengere – sogar rückwirkende – Normen (und Sanktionen), damit das-niemals-mehr-geschehen kann. Sie hungerstreiken und plakatieren die öffentliche Anerkennung ihres Verletztseins herbei. Oder gar – grausiges ex oriente lux – wie es die tobenden islamischen Massen gerade eben zeigen, sie akzeptieren nur das öffentliche In-den-Staub-trampeln und den Tod derer, die sich ein vom je gleichgeschalteten Kollektiv abweichendes Verhalten erlauben. Hier ist dann sogar der (quietistische) Rückzug ins Private keine Option mehr. Der alte Denunziantenspruch: Auch das Private ist politisch heißt heute schon – ins Islamische gewendet: es gibt kein privates Religöses! – Das heißt: bald werden wir hören: Eure Gleichgültigkeit unserer Religion (und ihrem Propheten) gegenüber, Eure fehlende Empathie unserer Glaubenspraxis (in Bekleidung, Beköstigung und Begleitung) gegenüber beleidigt uns genauso wie ehemals Euer (jetzt klammheimlicher) Spott – Deshalb müssen wir jetzt noch andere Seiten aufziehen …

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