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Erschienen in Ausgabe: No 79 (9/2012) Letzte Änderung: 13.02.13

Aufschieben mit Plan: "Verschiebe nie auf morgen, was du noch übermorgen besorgen kannst." (Mark Twain)

von Heike Geilen

"Die Natur hat den Menschen mit Vernunft begabt. Von anderen Lebewesen unterscheiden wir uns - so wird behauptet - durch unsere Fähigkeit, logisch zu denken. Eigentlich müssten wir also wahnsinnig vernünftig sein, unser ganzes Handeln auf reifliche Überlegung gründen und stets das Bestmögliche tun." So beginnt der 1943 in Lincoln geborene Philosophieprofessor John Perry sein kleines Buch vom effektiven Arbeiten durch gezieltes Nichtstun. Und zweifelt gleich im Weiteren diese Aussage von Platon, Aristoteles und weiteren Gelehrten der Antike an. Denn dass sich der Mensch als vernunftbegabtes Wesen zu seinem eigenen Wohl von Reflexion und Planung leiten lässt, darf mehr als angezweifelt werden. Perry hält das Ideal rationalen Handelns für die Quelle enormen und zudem unnötigen Leidens. Prokrastination, so heißt der psychologische Fachbegriff. Er bezeichnet den verstärkten Hang von Menschen, Dinge ewig vor sich herzuschieben. Der Autor selbst erkannte, dass er genau jener Spezies angehört, die er als "Aufschieber mit Plan" bezeichnet.
"Der Mensch ist nicht vernunftbegabt, sondern findet nur für alles und jedes einen vernünftigen Grund." (Robert Henlein)
Sein schmales Büchlein stellt eine Art philosophischer Selbsthilfekurs "für deprimierte Dauertrödler" dar. Wohingegen der Begriff "Kurs" als solcher nicht zu wörtlich genommen werden darf. Eher sind es ein paar gute Ratschläge in die richtige Richtung, gefolgt von brauchbaren und weniger brauchbaren Ideen zu den typisch wunden Punkten eines Prokrastenikers, Anekdoten und Vorschläge sowie Bemerkungen über organisatorische Probleme, "die vielen Liegenlassern zu schaffen machen". Es ist kein Vorstoß in Richtung Psychotherapie, sondern bestenfalls eine kleine praktische Anleitung zur Selbsthilfe in mehreren Schritten. Dazu gehören unter anderem die Vermeidung der Zeitverschwendung durch Perfektionismus oder aber tägliche To-do- bzw. Do-not-Listen, auf denen man alles Erledigte abhaken kann, um somit ein gewisses Erfolgserlebnis zu bekommen (und nicht ständig als faule Socke dazustehen). Perry empfiehlt zudem mit Musik gegen die Aufschieberei anzugehen oder wartet mit einigen Vorschlägen aus dem reichen Schatz seiner Niederlagen beim Thema endloses Surfen im Internet und ständiges E-Mail-Checken auf. Er hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die horizontale Organisation und empfiehlt die "Kollaboration mit dem Feind".
"Jeder schafft jede beliebige Menge Arbeit, vorausgesetzt, es handelt sich nicht um Arbeit, die von ihm erwartet wird." (Robert Benchley)
Fazit: "Rationalität ist eine wunderbare Gabe, für die meisten von uns aber nicht mehr als dünner Firnis über dem bunten Wimmelbild unserer Wünsche, oder auch selbst nur ein Wunsch, der, obwohl vergleichsweise schwachbrüstig, gegen alle anderen antreten muss." John Perrys Büchlein versteht sich nicht als Zaubermittel, um aus einem planvollen Aufschieber einen "Alles-sofort-Erlediger" zu machen, sondern sein Anliegen ist es, deren vielleicht angeknackstes Selbstbewusstsein mit seiner witzigen und saloppen Art wiederaufzurichten.

"Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, das immer dann außer sich gerät, wenn es nach Vernunftgeboten handeln soll." (Oscar Wilde)


John Perry
Einfach liegen lassen
Das kleine Buch vom effektiven Arbeiten durch gezieltes Nichtstun
Aus dem Englischen von Maria Andreas
Titel der Originalausgabe: The Art of Procrastination
Riemann Verlag, (September 2012)
128 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3570501493
ISBN-13: 978-3570501498
Preis: 12,99 EURO

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