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Erschienen in Ausgabe: No 82 (12/12) Letzte Änderung: 13.02.13

"Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen..."

von Heike Geilen

... so lautete ein früheres Propaganda-Motto der seligen "Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft" aus dem Jahr 1951 der DDR, das von der Bevölkerung halb ernsthaft und halb ironisch aufgegriffen wurde. Die "Science-Busters" führen das Zitat einer neuen Verwendung zu, indem sie den mittlerweile aufgelösten Vielvölkerstaat durch eine imposante bis zu 75 cm große Meeresnacktschnecke und das etwas anrüchige "siegen" mit dem deutlich cleveren "denken" ersetzen. "Von Seehasen lernen, heißt denken lernen.", so lautet ihre Variante, die sie in ihrem Buch anpreisen.
Science Busters? Seit 2007 machen Kabarettist Martin Puntigam und seine zwei "Zuchtbullen der Physik", der Wiener Universitätsprofessor (i. R.) Heinz Oberhummer und sein Kollege Werner Gruber, Theater- und Kabarettbühnen unter dem Motto "Wer nichts weiß, muss alles glauben!" unsicher. Mittlerweile agiert das "Trio Infernale" sogar in einer Wissenschaftsshow des ORF. Ihr Anliegen: "Wissen in die Köpfe und Herzen von Menschen abseits des gebildeten Bürgertums zu pflanzen" und den Leuten - insbesondere der jungen Generation - erzählen wie faszinierend Naturwissenschaft und Technik ist. Ihr Erfolgsrezept: mittels unerwarteter wissenschaftlicher Sensationen und Überraschungen sowie durch lockere und witzige Vortragsweise schlauer werden beim Lachen. Für ihre Zuschauer sind die "Science Busters" in der Tat eine Belohnung, weil die Show sie fordert anstatt ruhigzustellen. Wer nicht wach- und aufmerksam ist, versäumt entweder "den kubischen Raumausdehnungskoeffizienten - oder, noch schlimmer: einen Gag", formulierte die FAZ einmal treffend.
Nun hat sich das charmant-heitere Trio entschlossen, ihre Telegenität auch auf das lesende Volk auszuweiten. "Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln" knüpft kongenial an das lockere und leicht verdauliche TV-Profil an, das sich - allem Ulk zum Trotz - einer Menge naturwissenschaftlicher Einsichten bedient. Voll von ausufernden Assoziationen, Pointen, Doppeldeutigkeiten und Querverbindungen, mitunter sogar köstlichen Rezepten (nein, nein, keine Angst, es handelt sich nicht um chemische Mixturen, sondern tatsächlich um schmackhafte und vor allem genießbare Variationen aus der im Selbsttest erprobten "Erfahrungsküche" des passionierten Hobbykochs Werner Gruber), regt das Buch Fantasie, Neugier (und Appetit) an. Den Autoren gelingt es, auf völlig neue Art und Weise zum Teil bereits Bekanntes in völlig neuem Licht zu zeigen. In sechs thematischen Kapiteln widerlegen sie anekdotisches Wissen, räumen mit Aberglauben auf und zeigen vor allem wie Physik die Welt beherrscht.
Puntigam, Gruber und Oberhummer warten mit allerlei interessantem Wissen aus dem Reich des Tierreichs auf, das in vielerlei Hinsicht dem menschlichen in nichts nachsteht. Da geht es um Diäten, Superjoghurts, um Elvis-Glühwürmchen, zerquetschte Maden oder gar schimmliges Brot als prima Wundauflage oder um Krebse, die sich als ballistische Slow-Food-Spezialisten erweisen. Sie empfehlen den Extrakt des Japanischen Rosinenbaum als todsicheres Mittel gegen den Kater nach einem homöopathischen Vollrausch und kritteln an den unzulänglichen Hilfsmitteln einiger Märchenfiguren herum. Denn hätte zum Beispiel Hänsel (der vom Gretel) anstatt Brotbrösel eine UV-Lampe in seiner Hosentasche gehabt, wäre mittels ureigener Ingredienzien (man könnte auch Sperma dazu sagen) der Weg aus dem dunklen Wald ein Kinderspiel gewesen. Aber dann wäre die Geschichte mit der Knusperhexe heute nicht derart tief im kollektiven Gedächtnis verankert und selbige gelte wahrscheinlich medizinisch aufgrund des eigenen Überkonsums an Pfefferkuchen als adipös. Von Zeit zu Zeit eingestreute rote Infokästen vermitteln dem geneigten Leser - wenn er denn mag - so "richtig ernstes Zeug": zum Beispiel über unsere neuronalen Verbindungen, warum Schmerz unangenehm ist, Raketen fliegen oder was Strom, Spannung und Widerstand eigentlich sind.
Alles in allem erweist sich die unterhaltsame, einfallsreich-originelle und durchweg verständliche Darbietung von wissenschaftlichem Sachwissen als gelungener Beitrag zur Wissensvermittlung für Jedermann, auch wenn zuweilen die Witzeleien und der allzu schnoddrige Tonfall ein wenig überstrapaziert wirken. Etwas mehr Zurückhaltung hätte diesem ansonsten wunderbaren Buch vielleicht besser zu Gesicht gestanden.
Und auch wenn man persönlich vielleicht nie dazu kommt, Seehasen zu streicheln, die samtig weiche Oberfläche des pinkfarbenen Covers bietet adäquaten Ersatz. Bliebe nur noch zu überlegen wessen Gedanken man lesen möchte. Aber Vorsicht: "Gedanken verändern den Denkenden. Das gezeigt zu haben war das große Verdienst von Eric Kandel, wofür er vollkommen zu Recht den Nobelpreis bekam." Der nämlich hatte genug Zeit und Muße zum Schneckenstreicheln und dabei - man höre und staune -.....
Ach was, lesen Sie selbst.


Puntigam – Gruber - Oberhummer
Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln
Was wir von Tieren über Physik lernen können
Hanser Verlag, (September 2012)
296 Seiten, Gebunden

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