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Erschienen in Ausgabe: No 81 (11/2012) Letzte Änderung: 31.01.13

Arthur Rimbaud – Moloch der Einsamkeit

von Shanto Trdic


„It was not fear or dread,
it was a nothing that he knew
too well. It was all a nothing and
a man was nothing too.”

Ernest Hemingway; Winner take nothing

“Ich hab´ mein Sach´ auf
Nichts gestellt.“
Max Stirner; Der Einzige und sein Eigentum


„Que je deviens bete!“
Arthur Rimbaud; Brouillons d´ Une saison en enfe



I.


Am Anfang steht ganz zwingend die Frage nach dem Schöpfer selbst. Wer war der Mensch, das Wesen, die Gestalt – wer oder was steckte hinter jener schillernden, wortgewaltigen Fassade, die jeder überflüssigen Verzierung entbehrte und in ihrer vollen Pracht bis heute staunend bewundert wird, wiewohl sie, misst man ihre Maße an vergleichbaren Entwürfen, in einen winzigen Vorgarten passt? Welche Person verbarg sich hinter dem Werk und was hat es überhaupt mit diesem merkwürdigen Versteckspiel auf sich, das jener trieb, bis ihn ein früher Tod der Welt entriss, für die er jenseits kühn geschwungener, tolldreister Tiraden nur noch Hohn und Spott erübrigte? Mit der Frage nach dem Menschen Rimbaud haben sich Kolonnen von Kärrnern so eingehend wie umständlich herumgeschlagen, ausdauernd bis in die kleinste biografische Nuance hinein, versessen forschend und vergeblich fahndend, immer fasziniert und zwangsweise ungläubig staunend, aber keiner derer, die so taten, kam dabei je wirklich vom Fleck weg: von der Stelle, die sie darob immer breiter traten, bis ein platter, plumper Fußabtreter daraus wurde. An klugen Publikationen, sie mochten Huldigungen oder bloße Annäherungen sein, stocksteife Schläge oder knietiefe Verbeugungen, hat es nicht gemangelt und der Strom entsprechender Erzeugnisse schwoll saisonal oft an. Das knappe Werk Rimbauds, früh erzwungen und rasch wieder begraben, birgt zahlreiche Probleme und wird dennoch ohne Einschränkung gefeiert: keine Mode brachte diesen Genius je ins Straucheln oder gar zu Fall. Mehrwürdig zeitlos ist er, der bereits in die eigene nicht mehr passen konnte oder wollte; und die Zeit hat ihm ohnehin nie etwas anhaben können. Er zählt somit zu den Wenigen, ganz Seltenen – den Äußersten, die immer schon da sind bevor ihr Auftauchen überhaupt bemerkt wird, ein Frühreifer par excellence und noch den Spätesten wird so einer nie ganz allein gehören dürfen. Man darf diesen Dichter folglich in eine Reihe mit Hölderlin, Nietzsche oder Trakl stellen, den ganz groß und dennoch kläglich Gescheiterten; den schreienden Himmelsstürmern, die als gefallene Engel zur Hölle auf Erden herabstürzen und erst im Tod der Gnade einer letzten Erlösung in Vollendung erliegen. Den Zeitgenossen seltsam fremd, fordern sie erst die Nachgeborenen zu etwas forscheren Spekulation auf, die umso aufrechter scheinen, je mehr sie der Alchimie eignen, denen das Werk mehr verdankt als jene bloße Handwerkerei, die sie dennoch, ihrem Uferlosen Drängen und Darben zum Trotz, uneingeschränkt beherrschten.
Die Summe würdigender Kommentare muss mittlerweile in die Zehntausende gehen und noch dass peinlichste akademische Geschwiemel pocht auf Ernst und Heiligkeit, geht es um diesen schillernden Ikarus, der mehr Paradiesvogel als Poet, mehr Narr als König war und sich die Flügel in voller Absicht versengte. Dem schmalen Werk, dicht und gedrängt, steht ein wahrhaft überwältigender, ja erdrückender Wust an untersuchenden Haarspaltereien entgegen.Im Falle Rimbaud ist über die Jahrzehnte viel, allzu viel zusammen geschrieben worden. Und doch ist man mit diesem Dichter nie ganz zurande gekommen, weil man mit ihm kaum ganz und gar fertig werden kann. Meist fischen jene im Trüben, die ihn mittels braver Exegese fassen, irgendwie ´fangen´ wollen; und noch jeder ging in der Irre spazieren, dem danach war, das Rätsel Rimbaud mit dem bewährten Fährtenleser lösen zu wollen. Seine Verse kennzeichnet ganz wesentlich, dass man sie nicht abschließend deuten kann; sie bleiben, wie jede echte, wahre Dichtung Runen und Rauchzeichen, Chiffren und Metaphern. Einer rein kontemplativen, entsprechend nüchternen Betrachtungsweise widerstrebt diese Kunst, die ihr Schöpfer ganz aus dem unmittelbaren, spontanen Erleben gebar: zu eilig scheint sie hingeworfen, ja förmlich ´erbrochen´ worden zu sein, in einem Anfall schierer Ekstase, die heute keiner mehr versteht. Man wundert sich, das dieses kleine, dennoch gewaltig zu nennende Werk überhaupt ´wurde´. Vielmehr: ist es schon geworden, so ganz und gar? Die trunkenen Verse eines pubertierenden Jünglings gleichen einem maßlos waltenden, weit ausgreifenden Malstrom, einer Nova, die alles in sich hinein frisst und umso ungestümer wieder zurückschleudert – wohin doch? In ein Nichts? Wollte er, der so selbstherrlich über Sein und Nichtsein gebot, dass uns, als bloß Lesende, der Schwindel packt? Oder trifft dies, weiter gedacht, bloß auf ihn selbst zu? War dann alles nur Mache, Lug und Trug? Haben wir uns blenden, täuschen, foppen lassen? Hat er in seiner Kühnheit am Ende doch nur die grenzenlose, so verächtlich wie freimütig akzeptierte Posse vorweg genommen, der noch jeder erlag, den das Leben zwangsweise in die eigenen, engen Schranken wies? Jung, allzu jung war er, als ihm seine Eingebungen den hastigen Atem raubten, und das hat ihn endlich vor der Zeit altern lassen, hat den Heißsporn unsäglich mürbe gemacht und so auf ganz banale Art und Weise verbraucht und erledigt. Musste er also, früh von Ekel und Abscheu gepackt, lauter Taumel, Irrsinn – Unsinn heraufbeschwören, um davon umso schnöder wieder abschwören zu können? Musste er sich in wilder, wirrer Wut verbrauchen, um ruhiger werden zu können, allem späteren Vagabundieren zum Trotze, das ja in sehr viel gewöhnlicheren Bahnen verlief und vielleicht nur dem müden Wunsch, einmal von Herzen vergessen zu können, entsprang? Die Dutzendware Mensch, mit der schon Schopenhauer stolz und stur ins Gericht ging, war jenes Geschlecht, gegen das Rimbaud so rabiat und rigoros rebellierte, ohne sich am Ende von den tief verachteten Gewöhnlichkeiten emanzipieren zu können, die jedem Rausch, als einem vorübergehenden Heißhunger, zwangsweise folgen – folgen müssen. Trunken und trächtig vor Fieber, heißen Blutes und stürmisch entschlossen, begab er sich auf eine kurze, keck die Richtungen kreuzende Reise; eine Irrfahrt, die kein Ziel kannte und Gesellschaft nur duldete, so weit sie seinem herrischen Trachten nach Freiheit den verlängerten Arm bot. Das galt auch und vor allem für den Dichter Verlaine, der ihn finanziell aushielt und weniger Freund, mehr unverbindlicher Spielgefährte war. Rimbaud war ja keiner, der Freunde haben konnte. Er blieb allein und das wollte er auch so, das konnte gar nicht anders gehen, ging man die Freiheit an, wie er sich diese erträumte und solcherart in´s Leben zwang. Damit hat er sie gleichzeitig zu Tode getrampelt und den Traum gleich mit. Es war dies ohnehin, allen lieblichen oder nur milderen Zügen seiner Poesie zum Trotz, ein Traum ohne Mondschein, schon in ewiger Nacht geboren, von schaudernder Schwärze umspannt, die jedes kleinste Irrlicht umso schärfer leuchten und wieder verpuffen lässt. Seine Gottheit mag die starre, stumme, ewig ferne, nur scheinbar zum greifen nahe, rastlos glühende Mitternachtssonne gewesen sein. Ein dauernd wanderndes, mächtiges Gestirn, für das bloße Auge völlig unbewegt prunkend, selbstherrlich strahlend, jeden Winkel ertastend ohne irgendwo haften zu bleiben, man könnte meinen: unbekümmert den Blicken der arglos Empfänglichen zuteil werdend, diesen Erdenkindern, von denen sich der Lümmel so frech und freimütig lossagte; ein verquerer, verzogener Lauselöffel, den er sich und allen anderen vorspielte, solange ihm noch Zeit dazu blieb. Er muss, als Mensch, ganz unerträglich gewesen sein; heute würden wir sagen: ein richtiger Kotzbrocken. Dennoch: der Versuch, Freiheit um jeden Preis, auf alle Kosten hin, zu erproben, steht; er mochte noch so anmaßend, so aberwitzig wie abwegig scheinen und den zu Fall bringen, der so töricht war, es wider jede Vernunft zu versuchen. Dieser Versuch hat Zeilen kühnster, keckster Dichtung gezeitigt, ein eigenes, ganz in sich abgeschlossenes Utopia, das als ferne, faustische Fiktion weiterlebt, und in der Tat wie eine trächtige Sonne an allen Rändern glüht und schier zu zerplatzen droht. Wenige Blätter sind uns davon geblieben, meist kurze oder etwas längere Reime nebst versnaher Prosa, die vor lauter Hast und Hunger einer rasend rauschenden Verkündigung gleicht. Ganz sicher genial, und doch am Ende verfehlt, auf großartige Weise verfehlt. Sympathisch bleibt, dass dieses Oevre in jeden Schnellhefter von der Stange passt. Es ist, im Sinne Nietzsches, ein Werk für alle und für keinen. Lieber noch wolle er ein Hanswurst sein als ein Heiliger, meinte der Philosoph. Das hätte so auch Rimbaud behaupten können, dem das hochmütige Gekritzel seiner Sturm und Drang Periode bald völlig gleichgültig war. Um irgendwelche Veröffentlichungen scherte er sich ohnehin nie, das war ihm, der herrisch über allem thronte, ganz gleich, und später dann, im Exil, focht es den ´Bauern´ umso weniger an. Den ´Aufenthalt in der Hölle´ gab er zwar in Druck, aber er gab einen Dreck auf die Veröffentlichung. Entstandene Kosten beglich er nie. –
Dieser Mensch wollte eben doch sein wie die Sonne: stolz und starr waltend und im letzten, alles zerstörenden Zenith umso aufreizender alles überstrahlend, um darob endgültig und großartig zu vergehen. Als unendlich fernes, unablässig Feuer speiendes Gestirn, rettungslos die eigene Substanz verbrauchend bis an den Rand der sicheren Selbstzerstörung, feiert es das Sein selbst, steil in die letzten Schlacken und Niederungen hinein, die von der bloßen Strahlkraft zehren und als ´stella nova´, die das Ende des stolzen Sterns markiert, indem sie ihn noch einmal so hell aufscheinen lässt wie eine ganze Galaxie, nahm der Dichter zugleich Abschied von jeder Raserei die nur im Nichts enden konnte. So mag es den fernsichtigen, zugleich vorsichtig tastenden Blicken derer vorbehalten bleiben, die noch gewillt sind, in Weiten, Fernen vorzustoßen, diesem brodelnden Koloss irgendwie näher zu kommen: ein Feldstecher langt da kaum hin. Der so urwüchsig wie irrwitzig im All treibende Klumpen mutet komisch und auch wieder grandios an, kläglich und königlich zugleich; nackt und rein leuchtend, unendlich verloren und umso erhabener, je deutlicher man dieser grenzenlosen Einsamkeit gewahr wird. Derlei Vergleiche mag für übertrieben halten, wer will. Die Kunst lebt von Übertreibungen, und dass der verkrachte Teenager an ihnen zerbrach, ändert nichts an der Konzeption, die einzigartig bleibt, weil sie mit so viel Ungestüm, Irrsinn und Verve angepackt wurde. Rimbauds verzweifeltes, tolldreistes Aufmucken war, seinem Alter entsprechend, ehrlich; erfrischend echt. Warum dann nicht, wo es um eine Würdigung geht, zu den Sternen greifen? Werk und Person gleichen diesem einen, hellen Stern, den die Dunkelheit gebar; eine Erscheinung, welche, noch aus sicherster Distance beäugt, in den schillerndsten Farben und Facetten schimmert. Es bleibt gefährlich, dem Gestirn näher zu Leibe zu rücken und es ist ganz unmöglich, den lodernden Ball in geordnete Bahnen drängen zu wollen. Die Laufrichtung lässt sich kaum näher bestimmen und die Schläge dieser fauchenden Fackel bändigt keine Macht der Welt. Der schroffe Irrläufer gleicht im Grunde einer Laune der Natur, nur jenen dunklen, abgründigen Gesetzen gehorchend, die Kraft und Fülle in dauernder Verschwendung zeitigen: als sichtbare Spuren einer heimlichen Gottheit, die von sich selbst nichts mehr weiß. Auch sie bleibt im Dunkel verborgen. Ungewöhnlich genug, das es einem Jüngling vorbehalten blieb, aus Tiefen zu schöpfen, denen er nicht gewachsen sein konnte und denen er doch, umso entschiedener, ihr Gold und Silber abgewann, um damit Verse zu schmieden, deren Strahlkraft jeden, der sich einen Sehenden heißt, für immer die Augen verdirbt. Man kann diese Verse bewundern oder belächeln, begreifen kann man sie nicht. -
In diesem Sinne möchte ich mich damit bescheiden, jene Finsternis, welche die Person Rimbaud umgibt, ein klein wenig zu erhellen. Das geht nur über eine gleichsam grelle, dennoch vorsichtig tastende Sprache. Was soll man noch spröde und verknöchert an ihm herumdoktern? Leuchten wir sie also aus, die eine oder andere geheime Trutzkammer, die wüsten Gemächer eines rumorenden Feuergeistes; am besten, ohne viel erklären zu wollen – das sollen die Psychologen ´erledigen´. Keine Verbeugung oder sezierende Analyse oder derlei gutgemeinte Versuche sollen meine Sache sein. Im Folgenden werde ich gewisse Eindrücke zu Papier bringen; als kurze, knappe Striche, die einer direkten Zuordnung für würdig erachtet werden. Das geschieht natürlich auf ganz persönliche, also: einseitige Art und Weise und damit werden die vielen offenen Fragen auch und erst recht nicht aus der Welt sein. Nicht schlimm: das knappe, kostbare Werk Rimbauds steht jenseits salopper Frage – Antwort Spielchen; wie alles, was wir unter wahrer, unter wirkliche Kunst verstehen.


II.


Wie bereits erwähnt, sind es vor allem die grellen, Trunkenheit und trügerischen Schwindel auslösenden Reize, die wir dem früh erloschnen Stern danken. Ihre schiere Strahlkraft besticht, trifft noch den feinsten Sehnerv; gesetzt, man ´fühlt´ und ´tastet´ nicht bloß mit der Pupille. Die Sprache Rimbauds schimmert und blendet in kichernden, irrlichternden Farben, deren astrale Essenzen schon die ersten frühen Würfe adeln. Ihr kühner, kecker Überschwang kann die ferne, bordende Kraftquelle nur schwer hinter Formfunkelnder Symbolik verbergen, und als ein in rauschhafter Blüte sich blähendes, immens aufgeladenes Gestirn überstrahlt sie das knappe, klamme Oevre. Noch die gegensätzlichsten Empfindungen eint diese unsichtbare, wiewohl allgegenwärtige Gewalt. Die Sprache Rimbauds ist bloß Surrogat; ein Kaleidoskopisches Sekret. Aber was für eines! Den Zwiespalt ballt und eint seine Kunst, und vermittels einer immens aufgeladenen, schier platzenden Diktion drängt die visionäre Kraft auf Erleuchtung; Erweckung. Etliche Zeitgenossen scheiterten gerade an diesem Anspruch und kamen nie über bloße, blutleere Konstrukte hinaus; erreichten nur die übliche Rhetorik, ein Mobilée aus hübsch gewürfelten und lose miteinander verknüpften, längst verschossenen, ein wenig bunt bemalten Worthülsen.
Dieser Dichter feierte nicht einzig ein Feuerwerk der Enthemmung, dessen sprühendes Halali seiner raschen Ermüdung Vorschub leistete. Er litt auch immer unter dem mutwillig entfachten Höllenfeuer und der schwere, mehr unterirdisch waltende Strom seiner herrisch getragenen, gleichsam brennenden Melancholie spricht aus jeder Zeile, hört man nur genau genug hin. Das Moment trostlosen Ergriffenseins, unter stummen Tränen einem darbenden Herzen geschuldet, wird von steter Raserei konsequent konterkariert, kann aber nie zur Gänze erstickt werden. Der Zwiespalt beherrscht alles, immer und zu jeder Zeit, und bei einem ungelernten, ganz seinen Instinkten folgenden Virtuosen wie Rimbaud formen die Gegensätze einander im steten, unbekümmerten Wechselspiel, weniger einander ergänzend als vielmehr geheime chemische Prozesse zeitigend: wahrlich eine echte Schwarzkunst feiernd, die im dauernden Taumel zwischen schmachtendem Vergessen und einer stolzen Vergegenwärtigung ungehemmt oszilliert. Die miteinander wetteifernden Antinomien beginnen zu tanzen,greifen wie selbstverständlich ineinander über, gleich Gasen, deren Schwaden Turmhoch ragen und ständig die Form wechseln, ohne sie je ganz auf zu geben. Kraft eines visionären Bildners entstehen so triumphale Skulpturen; im Ungestüm erbrochene, aber nur langsam geronnene Gestalten, Dichtungen aus feinstem, filigranen Guss. Das ist das wirklich Bemerkenswerte: er schafft die Form nicht ab, zwingt das Chaos vielmehr hinein, ohne der Hülle selbst Gewalt anzutun. Er biegt und bricht diese Form, ohne Sprünge, Wunden – Kanten zu erzeugen. Um neuen Ausdruck wird hier nicht länger gerungen; er wird herrisch und mit sicherer Hand erzwungen. Jugend ist ja, will sie stark sein, immer anmaßend und bei Rimbaud mutiert diese bloße Geste zur selbstherrlichen Gebärde. Mittels ungestümer, aus bodenlosem Abgrund schöpfender Ausholbewegungen nimmt er die Bestie an die Kandare, krallt sich fest und zwingt das Ungeheuer mit letzter Kraft ins grelle Licht. Womöglich ist das seine eigentliche Leistung: Form weiß er zu wahren, Farben mutig zu mischen und die Musikalität, als echte Schwingung, begleitet jede Hymne, jeden noch so beiläufigen Reim. Er macht aus der Revolte also kein umfassendes Prinzip, das so ganz schnell an sich selbst krepierte. Schon das Werk des Knaben taumelt zwischen primitiver Wut und erhabenem Wahn hoffnungslos hin und her und mündet, längst an allen Enden brennend, in einen Rauchgeschwängerten, tolldreisten Existentialismus, dessen spätere Vertreter allesamt als Epigonen gelten müssen. Das zusätzlich spannende an diesen Anmaßungen scheint mir die ´Erbsünde´ überlieferter Gewissheiten zu sein.Die reifen Würfe Rimbauds leben von der ältlichen, im heillosen Jammer versickernden Hingabe an den katholischen Gott, den er unermüdlich und doch zunehmend zwecklos umwirbt. So fällt er auch immer wieder in jene zynische Gebärde zurück, die eine sinnentleerte Grimasse offenbart. Wortmächtig, wortselig bis an den Rand des überhaupt möglichen Ausdrucks, presst er letzte Tropfen aus der alten Überlieferung; dem langsam versiegenden Quell. Und am Ende weint der Verdurstende; beklagt noch einmal sein Schicksal, bevor er endgültig verstummt.
Zuvor aber kennt die Maßlosigkeit des Jünglings keine Grenzen. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens erklärt der gerade einmal Siebzehnjährige sein Ich zum umfassenden, allen Widrigkeiten stolz standhaltenden, ja stur trotzenden Medium. Die Welt mag auseinander brechen – noch in den Trümmern will er tanzen wie ein Irrwisch. Nur Fieber, Taumel und Verwirrung lässt er gelten. Die freieste aller Freiheiten will er besitzen; ganz und gar. Das Sein ist ihm eine knetbare Konkursmasse, welche er rücksichtslos, im denkbar radikalsten Sinne umzuformen gedenkt: der Dichter als Schöpfer, im eigentlichen, ursächlichen Sinne des Wortes. Historische Begebenheiten, das eigene, als schmerzlich empfundene ´Geworfensein´, die bindende, beutelnde Herkunft – er kann und will damit gar nichts mehr zu tun haben, ´Überlieferungen´ sind ihm ein Gräuel, er brennt so sehr, das diese alte Haut rasch runzelt und endlich wie Wachs zerschmilzt. Der Dichter meint wohl, den drückenden Überzug der Tradition wie ein falsches Kleid vom Leibe werfen zu müssen; die Fassade ´gilt´ nicht mehr. Der berühmte Seher – Brief sagt alles. Hier bringt er es auf den Punkt.
Was also hatte Rimbaud im Sinn? Vielleicht wird das deutlich, wenn man die wesentlichen Abschnitte seiner kurzen Schaffensphase – für mich sind das deren drei – noch einmal scharf voneinander scheidet und im Einzelnen betrachtet (begleitende Umstände, der Personenkreis und die diversen Ortswechsel sollen in diesem Zusammenhang zunächst außen vor bleiben; darüber ist wahrlich genug zusammengeschrieben worden).
Anfangs schlägt ein romantischer Sturm und Drang erste, schon bedrohlich ausufernde Wellen; ein selbstherrlicher, vor allem selbstvergessener Überschwang kündigt sich an. Rimbaud ist zu diesem Zeitpunkt noch ein halbes Kind; ein pubertierender Lümmel. Doch steht er, dichtend, vor der ersten, echten Reife; auch schon seiner letzten. Sie wird die wenigen noch folgenden Jahre schöpferischen Seins vollenden und bei der Gelegenheit erledigen: ruchlos meucheln. Klaglos kündigt der Empörer dann einen Bund, den er zuvor so blasphemisch beschwor. War es einer mit dem Teufel? Jedenfalls wird er den in schneller Folge gestammelten Fieberphantasien nichts wesentliches mehr hinzu fügen können. Das ´trunkene Schiff´ gibt, allen Stürmen weniger trotzend denn ihren Gewalten umso großartiger gehorchend, die Stoßrichtung vor, ohne echten Kompass eine Erkundung einleitend, die auf´s offene, grenzenlose, vor allem einsame Meer hinaus führt. Vermessungen können nicht die Sache dieses Navigators sein; dazu ist er auch selbst viel zu vermessen. Mitunter weiß er schöne, schmeichelnde Worte zu bemühen, aber im Korsett seiner Verse führen sie, aus dem gewöhnlichen Zusammenhang gerissen, den üblichen Liebreiz ad absurdum. Der Dichter flieht beinahe verzweifelt jeder Konvention; allem allzu deutlichen, allzu vordergründig funkelnden Schein. Und ist fortan immer auf der Flucht; sein ganzes restliches Leben lang. Schon der Junge lief ständig fort, hielt es daheim nicht aus und er wird auch kein Zuhause mehr finden in dieser Welt. -
Die zweite Phase. Sie zeigt uns den Jüngling als Meister und Vollstrecker: mit tödlichem Ernst vollzieht er nun die vielzitierte Entregelung aller Sinne. Es gilt, ein Experiment zu erproben; aber so, als habe er, noch minderjährig, keine Zeit mehr, als säße ihm schon jetzt dauernd der Keil im Nacken. An einer künstlerischen Entwicklung ist ihm kaum gelegen; eher probt er die abrupte, etliche Entwicklungsschritte bewusst überspringende Entfaltung, als einen Ausstoß schierer Kraft, die nur ihr eigenes Ungestüm kennt und immerfort, bis zur letzten Neige genießen muss. Werk und Person verschmelzen nun endgültig zu einer Einheit, sind nicht mehr voneinander zu trennen. Rimbaud ist jetzt wirklich Dichter, macht sich sehend – um jeden Preis. Alles, was sich im Innern bis zum Überlaufen staut, wird er in Worte fassen, er ist geladen bis zum Platzen, gespannt zum Zerreißen, allen Genüssen und Martern offen, empfänglich – einfach nur bereit für alles, was die herausgeforderte Existenz hergeben mag. Und er fordert viel. Mehr, als wirklich drin wäre.
Abschnitt Nummer Drei beendet das tollkühne Vorhaben wieder. Der müde Rest, das triste, trübe Leben steht bevor. Nicht länger mag er Dichter sein. Er hat nun alle Gifte aufgebraucht, hat sich vergeudet und vertan und begreift: es war alles ein Schwindel. Lug und Trug. Das Leben lässt sich weder gegen die Vision austauschen noch von ihr überwältigen, also muss die Vision verschwinden; Punkt. Der Verzweiflung folgt Resignation, Ernüchterung – aber kein Erbarmen. Es heißt nun, Abschied zu nehmen, ein letztes Mal die müde rauchenden Ruinen zu besichtigen, den wüsten Traum zu erinnern, von dem bloß noch eine öde Brache kündet, und die Reste jener ´Bruchbude´ wird er jetzt, zynisch und verkracht, in eigener Bitternis ersaufend, mit letzter Kraft einreißen. Die Fundamente konnten stark genug nie sein. Der Ringkampf mit dem Teufel hat sich erledigt. Ein boshafter, neckischer Intellekt streckt vollends nieder, was nur noch groggy in den losen Seilen hängt. Der ´Aufenthalt in der Hölle´ beendet das Diktat jener meisterlichen Illuminationen, die noch einmal kompakt und griffig alte Manien umkreisen. Das verkaterte Schiff, nunmehr ein kläglicher Kenterkahn, darf abdrehen. Mein Arbeitstag ist vorüber,“ höhnt Rimbaud,“ ich werde Europa verlassen.“ Denn dort grassiere der Irrsinn. Den eigenen hat er soeben beerdigt. Der Künstler verabschiedet sich mit einem bösen Lebewohl, bar jeder Heilserwartung; dazu später mehr. Am Ende bleibt ihm, nicht länger trunken noch dürstend, der Marsch durch die Wüste; eine banale, zähe Odyssee. Es soll dies nicht der Ort sein darüber zu spekulieren, ob er diese Jahre im Exil, im Profanen, wie ein Galeerensklave durchlitt oder - eher meine Meinung – wie ein ganz normaler, unauffälliger Erdenbürger geschultert hat. Das Meer lässt er, wieder an Land, weit hinter sich und tauscht es gegen die Öde, die gleichsam endlose Steppe ein. Die Erregung weicht der Ernüchterung: den wendigen Worten folgt das peinliche, endgültige Schweigen. Adieu.


III.


Vor allem der Übergang von der mittleren Phase hin zur letzten ist aufschlussreich und bedeutsam; wollen wir uns damit etwas näher beschäftigen.
Eben noch unerschrocken unterwegs, bereit, alle Erfahrungen zu machen, sehen wir ihn nun auf einmal vor den Trümmern seiner eingebildeten Trugschlösser knien. Am Boden – am Ende. Er hat nach den Sternen gegriffen und ist auf dem nackten Bauch gelandet. Sein krampfhaft erzwungenes Eroberungsgelüst hat Nattern genährt, die jetzt, vorzeitig alt und runzlig geworden, nur noch verstohlen durch den Staub kriechen; wie Blindschleichen. Alles scheint vergeben und vertan. Noch drückt und drängt, schubst und schüttelt ihn der letzte Schwindel, doch die Fieberkurve sinkt, das Feuer erlischt langsam. Sein Sehnen und Fühlen liegt nur mehr in letzten, lahmen Zügen. Er dankt ab, streckt die Waffen, streicht seine Segel. Das ehedem trunkene Schiff ist nun ein trostloses, trauriges und bringt ihn, der die Ruder weniger führte, mehr herrisch kreisen ließ, mit halber Kraft zurück an Land. Der Hafen steht leer. Niemand empfängt den tollkühnen Segler. Er wird nun wieder harten Boden unter den Füssen spüren, nicht länger selbstherrlich über den Wassern geistern.
Sicher: die Niederlage schmerzt mehr, als man ihm, der etwas unbeholfen von Bord stolpert, auf Anhieb ansähe. Aber er hat diesen Schmerz sehr deutlich, sehr intensiv beschrieben. Der ´Aufenthalt in der Hölle´ gerät zum Manifest seines Scheiterns: ein schnöder, aber ungemein scharfer, in puncto Zynismus bei gleichzeitiger Wehklage sehr direkter und anschaulicher, endgültiger Abgesang. Hier scheinen Kafka, Bernhard und Borchert in einer Person gelitten zu haben. Es ist die Seelenlandschaft eines gepeinigten, bis auf´s äußerste gereizten Geistes, die hier auf Entfaltung drängt. Eine seltsam wache, dennoch entrückte Welt müht sich aus aschfahlen, hell nachglühenden Rudimenten, noch einmal glasklar funkelnd, aber von Dämpfen umwoben, die wirklich aus der Hölle nachdünsten und schwarzen Ruß an den zerborstenen Wänden zeitigen. Hier ist der Furor, den er zum Schluss fast schon verzweifelt beschwor, nur noch ein Gespenst; ein Phantom, in gottlosem Raum verloren. Über allem liegt nun etwas Klägliches, Krankes und der räudige, ruchlose Ton, ehedem herrisch aus den Zeilen tönend, klingt jetzt weinerlich, wütend - unversöhnlich klagend.
Stellen wir frank und frei fest: kein Trost, keine Hoffnung, keine Gnade und kein Heil bleiben dem Dichter noch aufgespart; diese Rente hat er, im Heißhunger, vollständig aufgezehrt. All das sehnte er wohl immer wieder herbei: zwanghaft – unerbittlich. Der ´katholische Schatten´ lief heimlich dauernd mit:

„Qu´ on Patiente et qu´ s´ ennine
C´ est trop simple. Fi de mes peines.
Je veux que l´ été dramatique
Me lie a son char de fortune.»

So heißt es in dem Gedicht ´Bannieres de mai´. Aber jeder noch so dramatische Sommer geht einmal zuende; die Blätter wechseln ihre Farben, sinken endlich zu Boden; modern matt zu Tode. Voller Unschuld und zugleich wissend hat er alles an Eindrücken wie ein Schwamm in sich aufgesogen, immer mit dem Ziel, die eigene Person und das Sein damit zu verzaubern – zu verwandeln. Doch wusch er alle Grenzen damit fort. Der Versuch, die erlittenen Gespinste ins lichte Sein zu zerren, war ganz vergebens; nur lauter Totgeburten hat er da zusammengerauft. Was blieb ihm noch? Rimbaud sehnte sich nach einem Paradies, als dem allmächtigen, vollkommenen Leben, aber erwachen sollte er dort, wo das Nichts anfängt.
Selten hat jemand so ehrlich, so brutal und ungehemmt das eigene Scheitern, die totale Kapitulation aus sich herausgespien, wie jener in seiner ´Hölle´. Führwahr grausam klingen sie nun, seine Worte, beinahe jeder Satz kracht wie ein Kolbenhieb. Und hämmert fort, stampft einfach nieder, was der Wut, der Verzweiflung noch stand hielt. Hier, in der ´Hölle´, durchleidet Rimbaud ein wirklich letztes Mal alles, was ihn einst Dichter werden ließ: sein Ausgestoßensein, seine Illusionen, seinen Wahn – seine Dummheit. Ein qualvoller letzter Gang; ein Spießrutenlauf, der ihn noch einmal die Stockschläge seiner vornehmen Seele, als einer dummdreisten Gebieterin, erdulden lässt. Bei der Gelegenheit wirft er allen Ballast von sich; nur schnell weg damit. Ihm selbst bleibt nichts: er hatte alles auf die eine, falsche Karte gesetzt und am Ende folgten die vielen Nieten, mit denen er sich, der bürgerlichen Langeweile zurückgewonnen, fortan herumschlagen muss: in aller Herren Winde getragen. Die Illusionen des Dichters wie das Handwerk des Bauern, den er sich jetzt schimpft und dessen Gesetzen er fortan gefügig Folge leistet: beides ist ihm gleich töricht – nur zuwider. Das heroische, auf groteske Weise romantische Phantasma seiner gemeuchelten Jugend verblubbert im dickflüssigen Lavagebräu eines heillosen Zynismus. Hier spricht einer, der nun nicht mehr hochmütig sondern nur noch verächtlich auf das Leben herabschaut, dem er sich ab sofort fügt: eine total verkrachte, sich selbst verlachende Existenz. Ähnlich hatte der Dramatiker Grabbe schon Jahrzehnte zuvor im ´Theodor von Gothland´ mit freilich etwas anderen Mitteln einen ähnlichen Nihilismus zelebriert, ja förmlich aus sich heraus gespien. Sarkasmus, Hohn und Spott triumphierten und auch hier ging der Sieger leer aus, wurde er zur komischen Figur. Die eherne Gebärde gerät bei Rimbaud unfehlbar zur Fratze und die stolzen Fanfarenklänge mutieren im Anblick dieser Grimasse zu einem misstönenden, komischen Trauermarsch. Das macht die Lektüre seiner narzisstischen Selbstbespiegelung so unerhört spannend: im ersten Lesegang versteht man nur Bahnhof - aber jede einzelne Zeile wirkt schon, indem sie voll ins Schwarze trifft. Die Befindlichkeiten, die der Lümmel da austobt und mit vielerlei scharfen Allgemeinplätzen vermengt, kann man greller kaum malen. Man merkt: das kommt ungemein direkt, aus der röchelnden Tiefe sozusagen, die, vom letzten Blutsturz übermannt, den Patienten zum keuchen, kotzen bringt. Rimbaud ist Lungenkrank und Lebensmüde. Moderner hat bis dato kein Europäer den Ekel beschrieben, der sich an allem reibt ohne ganz zur Ruhe kommen zu können. Das ist verbales ´action painting´; ruchloser Rotz – geistreiches Zeter und Mordio. Die rachitische Orgie beweist noch einmal: dieser Mensch ist aller Sinne weniger mächtig, eher trächtig gewesen; wie ein bis zum Platzen geblähter Fisch, der die tausendfache Brut aus dem empfänglich geschwollenen Leib schleudert und bei der Gelegenheit selbst zerplatzt; elend verreckt. Rimbaud ist zum Schluss überhaupt wie ein Fisch in der Wüste, ein verendender Kadaver, der noch aus der letzten Pore heißen Dampf heraus pfeifft.
Er hat die eigene Beerdigung noch um einige Jahre überdauert. Nicht eigentlich überwunden hat er den Tod des Dichters, eher noch mit Blessuren überstanden. Er hat das Nichts kaum besiegen können, ist aber seinerseits auch nicht mehr von ihm vernichtet worden. Er hat letzthin die Konsequenzen seiner Kapitulation akzeptiert und tapfer in Kauf genommen, was dem folgte. Dieser gefallene Engel wollte nichts, aber auch gar nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun haben. Er schwor ihr so resolut ab, wie er ihren Versprechungen einst Folge zu leisten gewillt war. Der Deserteur scherte aus, schloss ab – zog einen letzten Strich. und wehrte vehement jede Erinnerung an das Gewesene, Geträumte ab. Wies es stolz und für immer von sich. Und lebte fortan, als sei nichts gewesen; nichts geschehen. Er blieb sich damit dennoch treu: störrisch und stur bis ganz zum Schluss, keiner Kompromisse fähig. Der Sturm hatte sich gelegt und die Wunden vernarbten schon, runzelten bereits auf der langsam abkühlenden, pergamentenen Haut. Rimbaud, der Plünderer, Eroberer, der Zerstörer und Überwinder, bezog fortan ein karges, klägliches Gemach, um es sich darin ein wenig gemütlich zu machen. Er richtete sich ein, schaffte Ordnung – und zog doch wieder in die weite Welt hinaus, aber bar jeder Begeisterung: die war nun endgültig erloschen. Er schweifte umher, so ziellos wie ehedem, ließ sich wiederum gehen, jedoch dem unentbehrlichen bürgerlichen Erwerb dienend, der ihn wiederum fest hielt, wohin er auch floh. Stets im Würgegriff jener ´Sachzwänge´, von denen heute wieder so viel die Rede ist, eilte er von dannen und kam doch nie vom Fleck, machte er sich immer wieder aus dem Staub und blieb ihm dennoch verhaftet. Wurzellos und ohne Halt, hielt es ihn nirgends lange und überall blieb er in die Trostlosigkeiten des täglichen Lebens verstrickt, ohne Weib und Kind, ganz auf sich gestellt, ein Gehetzter auch weiterhin, mit müden, schweren Gliedern sich schleppend von einem kläglichen Exil ins nächste. Im Innern glich er dieser ausgebombten, ausgebrannten Ruine, den kläglichen Überresten seiner maßlosen Himmelsstürmerei, und aus den Ritzen sich lösender Brocken wuchsen letzte spärliche Reste zähen, aber Wurzelstarken Unkrauts heraus: knapp über dem steinharten Boden, immer im Schatten des Torsos selbst.
Immerhin: er selbst hatte die Mauern geschliffen, das Heim zu Schrott gemahlen. Der ´Aufenthalt in der Hölle´ entstand unter wüsten Zuckungen und Ballungen und legte wahrlich Zeugnis ab, mittels grimmiger Wehklage, die sich in allen möglichen Fragwürdigkeiten noch einmal ganz selbstherrlich suhlt und genießt: boshaft, unverfroren – ungeschlacht.
Seine ´Hölle´ ist im Grunde eine Art später, abschließender ´Besichtigungs-Tourismus´ geworden. Rimbaud betrachtet die Verheerungen, blickt ein letztes Mal zurück und kennt danach erst recht kein Zurück mehr. Hier verachtet er auch jede Transzendenz, verzehrt sich nicht länger nach tausenderlei Wunsch und Wahn; er negiert derlei Trug heftig, bis zum unseligen Ende, das jenseits der unmittelbaren Erfahrung liegt und ohnehin nicht mehr lange auf sich warten lässt. Da ist, billig zu bemerken, nichts mehr gemacht oder erklügelt; der Notschrei ist echt. So ist der ´Aufenthalt in der Hölle´ ein bittrer, brennender Wein; mitunter ´bittersüß´. Er entbehrt nicht der gelegentlich sanften, milden Züge. Und spiegelt doch die letzten, lausigsten Konsequenzen und darob den Charakter dessen, der ihn im letzten Eifer erbrach. Und in der Tat liegt doch viel Übelkeit, Stickluft und Verwesung über allem. In Vergleich etwa zu Mallarme, dem ´stillen Eunuchen´, oder Baudelaire, der seine ´Blumen des Bösen´ im bürgerlichen Exil verfasste und immer auf schmeichelnde ´Duftnoten´ setzte, würgt jener den letzten Speichel aus sich heraus, wie ein Erbrechender über der Lokusöffnung. Und fordert noch einmal bis zur letzten Neige den totalen Exzess, die tränenreiche Ekstase – selbst im Profanen. Hier trafen hohe, früh vollendete Meisterschaft und letzte Reste pubertierenden Unvermögens unvermittelt und ungestüm aufeinander, sich gegenseitig in krampfartiger Umklammerung unselig befruchtend – die Saat ging höllisch auf. Das hat ihn dann auch nicht davor bewahren können, zu stammeln; gewiss. Wohl aber vermied er leeres Wortgeklingel und dekorativen Zierrat. Er machte ernst bis zum bitteren Ende. Das genialische, zumeist aufgesetzt und gestelzt stammelnde Gekrieche der ´Kollegen´ (von denen sich im Kreise um Verlaine etliche tummelten) ging ihm bis zum Schluss ab. Alles war unbedingt und absolut. Unverschämt genug, das Leben über jede Grenze, jedes Maß hinweg aus der Verankerung reißen zu wollen, aber nur so verzweifelt man tatsächlich, unfehlbar an der Existenz und auch das wollte er ganz oder gar nicht. Die Fahrt hätte nicht gelohnt, wäre sie lediglich eine unverbindliche Spritztour, eine ´Pauschalreise´ geworden. Der plötzlich ältere Rimbaud erkennt aber: diese Art zu leben, zu sein – so unerbittlich und ungestüm – ist doch nur für kurz zu halten; durchzuhalten. Billiger gesprochen: Life hard, love hard – die young. So ist es geschehen. Der Dichter starb sehr jung. Der Dichter musste so rasch und zügig sterben, schneller noch, als er ´wurde´; und der Krämer weinte ihm dann auch keine Träne mehr nach. Er müsse seine Visionen begraben, erklärte Rimbaud im ´Aufenthalt´. Nun galt wirklich: ´Ich ist ein anderer´ und: ´Ich schrieb das Schweigen´. Der Empörer beschwor den Ekel herauf. Im Grunde war dies nur das winseln eines herrischen, verzogenen Kindes. Das dann wieder den vorlauten Mund hielt. Nach der Besessenheit, dem Leben auf der Überholspur, rekrutierte er schließlich, endlich nüchtern, die abgetretenen Pfade und sorgsam vermessenen Handelsrouten. Der Rebell wurde Reaktionär, der Revolte folgte Resignation, der tolldreiste Kamikaze katapultierte seinen bis auf´s Äußerste gespannten Leib aus der Höllenmaschine heraus und landete im Sumpf der Gewöhnlichkeiten. Und schleppte diesen vor der Zeit gealterten Körper, nur mehr ein Wrack, auf fade, letzte Reisen. Ein zynisches ´Good-bye´ hinten dran. Dem dann die Posse folgte.

Vergeudet, verschwendet – verbraucht; so könnte das Fazit lauten. So endete einer, der jedes geistige oder weltliche Exil ausschlug: er, der gegen die Gesetze der Natur zu rebellieren sich erdreistete, der gegen sich, Gott und die Welt zu wüten verstand – gegen alles. Der dann, dreiundzwanzigjährig, verkündet:“ Absurde! Ridicule! Degoutant!“Gemeint waren die eigenen Verse; nunmehr Spülwasser. Er begriff sich darob wohl auch als einen Blödian, dessen letzte Worte gerade noch taugten, den Widersinn jugendlicher Überhebung zu persiflieren. Und wenn der müßige, nachgeborene Betrachter im Falle Rimbaud einen hehren Himmelskörper bemüht, dann war das vielleicht eher ein rasch vorbeirauschender und noch sehr viel zügiger verglühender Klumpen, der darob elend seine Bahnen zog: früh erloschen, rasch erkaltet und als Trabant träge Elipsen zeichnend.
Puschkin sagte einmal über Byron, das dessen Genie mit seiner Jugend verblasste, das er darob unweigerlich verstummte und nicht wieder zu seinen ersten Tönen zurückkehrte. Das trifft so auch auf Rimbaud zu. Der eine starb, vom Leben bis in den Abgrund seiner Seele angewidert, auf griechischem Boden den leichten Heldentod. Jener wiederum erlosch wie ein Vulkan und siechte zum Schluss, irrlichternd den Katholizismus erinnernd, dem irdischen Ende auf seine Weise entgegen.
Wie könnte man ihn historisch einordnen? Wenn er nicht so isoliert und aller Bindungen und Zusammenhänge ledig steht, wie behauptet, dann steht er gleichwohl einsam und verloren, aber nicht unbedingt Mutterseelenallein. Um seinem umfassenden Anspruch einerseits, der unfasslichen kreativen Eruption andererseits gerecht werden zu können, setzte er alles auf eine Karte, aber das taten andere auch. Philosophisch wurzelt er in Stirners Einzigem, dem alles Übrige herrisch beanspruchtes Eigentum wird. Er quält sich aber in dieser Hinsicht wie Nietzsche mit der angestammten Überlieferung herum, dem Christentum, dem er dann auf eigentümliche Weise in den letzten Stunden erliegt (fand die Schwester). Die Jahre des Exils gleichen einer Entfremdung, die womöglich an Sartre oder Kafka grenzt; unser Dichter schwieg hier aber. Der banalen, gespenstisch arbeitenden Tristesse ausgeliefert, gerät das einsame, immer an einen Ort gebundene Leben Kafkas zum Kuriosum. Gedanke: ob der weit gereiste, Weltenbummelnde Kaufmann wohl ähnlich auf den Spuk reagierte wie jener, der aus Prag fast nie heraus gekommen ist? Seine beinahe zwanghafte, wüste Wortakrobatik in der ´Hölle´ ähnelt den Übertreibungen Thomas Bernhards, der kaum vom tief verachteten Österreich lassen konnte. Innerlich wurzellos waren sie alle drei, der Prager Jude so sehr wie der Lümmel aus der französischen Provinz oder der austrische Miesepeter. Weltanschaulich glich Rimbaud einem Renaissancemenschen, allerdings ohne die kraftstrotzende und naive Gewissheit dieser Geister, die noch ohne Einbußen aus dem Vollen schöpften, während ihm nur die nihilistische Tollwut Nahrung gab. Auf halber Strecke zum zwanzigsten Jahrhundert konnte man anders wohl nicht mehr den Überschwang feiern, den ein entfesselter Instinkt forderte. Im Großen und Ganzen führt eine direkte Linie vom verkommenen Villon über unseren unflätigen Dichter bis hin zu den langhaarigen Exoten jener späten, noch einmal wilden sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, deren herausragender Exponent, der Sänger Jim Morrison, kurioserweise erst im Paris seines hochverehrten Helden zur Ruhe kam um dort, vom jahrelangen Drogenmissbrauch zu Tode geschwächt, an Leib und Seele erschöpft, langsam zu erlöschen. Ähnlich dem Dichter, nur etwas anders eben. Dieser gleichsam überstolze Geist trug in der Seine-Metropole ein verirrtes, vor Überdruss darbendes Gemüt zu Grabe, wie weiland Rimbaud das seine dort erst entfachte. Beide einte das nämliche Schicksal. Ein Kommentator brachte es in einer verschollenen Dokumentation aus der 80ern trefflich auf den Punkt:“ In einer wahnsinnigen Hetzjagd nach Leben wollte er alles sehen, alles fühlen, alles sein.“ Diese Obession gerät zur finsteren Vision, wenn Morrison seltsam wohlklingend, ja erhaben davon singt :“Not to touch the earth, not to see the sun, nothing left to do but run, run, run: let´s run.” Noch düsterer die gesprochenen Worte des bereits vom Verfall gezeichneten Barden, der dem Rock´n Roll entsagt und bereits das europäische Exil für sich beansprucht:“ …wandering, wandering, in hopeless night…out here in the perimeter there are no stars…out here we´re stoned…immaculate.“ Es existieren Momentaufnahmen, die den Sänger kurz vor einem Auftritt seiner Band in San José zeigen, wo ein großes, stark besuchtes Festival stattfand. Morrison lehnt, seltsam abwesend und in sich versunken, von zahlreichen Besuchern umringt, an einer Wand. Ganz für sich allein, ohne jeden Blickkontakt, betont auf Abstand, total isoliert. Total allein. Die Einsamkeit, die hier zum Ausdruck kommt, fühlte Morrison sehr deutlich:“ People are strange, when you´re a stranger, faces look ugly, when you´re alone.” Wirklich anwesend wirkt er auch später kaum mehr; in seiner launigen, von Missmut und Gram diktierten Distanziertheit dafür umso präsenter. Hier gleicht er im kaum kaschierten, wie beiläufig nach außen gekehrten Ekel, seiner ganzen müden, matt wehrenden Abscheu trefflich dem Rimbaud Carjats. Bekanntlich zeigt die berühmte Photografie den Dichter auf dem Höhepunkt seines Schaffens, den jener, als Sänger einer psychedelischen Rockband, im Sinne maximaler Popularität soeben auch erklommen hatte. Beide wirken wie ungezogene, verwöhnte, verkorkste Lümmel, und genau so benahmen sie sich auch. Jener randalierte in Lokalen, pöbelte herum und pumpte sich mit Drogen voll. Der andere stand dem kaum nach. Und rief, feige genug, die Polizei, als Verlaine ihm gefährlich zu Leibe rückte. Die Doors kamen bei ihren Konzerten auch nicht ohne aus. -

IV.


Lassen wir die drei Phasen erneut Revue passieren, um dem Dichter jetzt einmal auf eine eher profane Art und Weise näher kommen zu können. Die äußerliche Erscheinung Rimbauds, wie sie uns auf den wenigen erhaltenen Photografien, Zeichnungen und Gemälden bezeugt ist, korrespondiert ganz gut mit dem, was bisher geschrieben worden ist.
Fangen wir so weit wie möglich vorne an. Es existiert eine Aufnahme des Knaben vom Tage der ersten Kommunion. Er trägt hier eine weiße Armbinde. Etwas Zartes, Stilles, Reines geht noch von diesem Kind aus. Der Unmut lauert schon in der Reserve, regt sich etwas maulig hinter einem ´knuffigen´ Schmollmund, aber insgesamt blickt dieser schöne, anmutig wirkende Spross ganz kindlich und naiv in die Kamera. Wiewohl neugierig tastend, verraten die Blicke noch nicht den Seher, für den er sich bald hält. Eigentümlich makellos wirkt er hier. Trotz und Gram schleichen sich ganz zögerlich, wie ein Verdachtsmoment, in das brave Gestenspiel dessen, der so unschuldig und entgegenkommend drein blickt, wie dies einem Jüngling aus gutem Haus wohl ansteht. Die Züge harmonieren. Die Haltung wirkt entfernt gespannt, aber nicht verkrampft oder gezwungen. Im Vergleich hierzu betrachte man die stark retuschierte Photografie vom Oktober 71 – was für eine Verwandlung bereits! Anmaßung und Kälte umwittern nun das sture, störrische Antlitz eines frühreifen Empörers. Etwas Grausames, Mächtiges gräbt sich in den Blick des gerade einmal Siebzehnjährigen, der sein ´Trunkenes Schiff´ und den ´Seher – Brief´schon Monate zuvor verfasste. Die Züge sind verhärtet. Er hat einen Entschluss gefasst, dessen Ernst sehr spürbar wird. Und doch ist dass noch immer ein Knabe durch und durch, man würde ihn auf höchstens vierzehn, fünfzehn Jahre schätzen. Einer seiner Lehrer befand, er werde übel enden – da hatte sich der Mann wohl schon genug in dieses Gesicht vertieft, das von einem Widerwillen kündet, den man sich fester, unverrückbarer kaum denken mag. Eine Zeichnung von Ernest Delahaye, irgendwann im selben Jahre entstanden, betont die herrische Attitüde des Knaben: ein kühler Blick, ganz kühnen Sinnes. Mit halb geöffnetem Mund scheint er, in eine Betrachtung vertieft, etwas sagen, murmeln zu wollen – gewiss keine Annehmlichkeiten oder höflichen Allgemeinplätze. Im Dezember desselben Jahres hat sich das Bild nochmals gewandelt. Auf dieser unretuschierten Photografie fröstelt man ob der Eiseskälte, die von dem Jungen ausgeht. So abgebrüht, so brutal und zugleich steinern schaut er, dass einem der Atem stockt. Ein Greis von einem Kind; und keiner, der milde oder wohlmeinend parlierte. Der Trotz ist dahin, er scheint ihn gar nicht mehr nötig zu haben, die letzten kindlichen Ausdrucksformen sind verflogen, wiewohl man immer noch einen kleinen Jungen sieht. Der Blick zutiefst unnachgiebig, hinter argwöhnischen Schlitzen lauernd, wach und misstrauisch: so blickt einer, dem jedes Heil abhanden kam. Er wirkt auch arrogant, entfernt rücksichtslos, boshaft – bar jeder Pose. Auf den ersten Blick ist das ein übler Geselle, der sich hinter der Maske eines Halbwüchsigen versteckt, ohne gewisse Absichten solcherart verschleiern zu wollen.
Die Zeichnungen von Cazals und Forain zeigen uns endlich den durch zahlreiche Gifte sichtlich gereiften, in steter Abwesenheit befindlichen Jüngling; einen, der beträchtlichen geistigen Gärungen unterworfen scheint. Er wirkt verklärt, seltsam abwesend und dabei doch immens präsent. Cazals fängt auch ganz gut den Ekel ein, von dem noch jeder befallen wurde, der das lautere Leben einfach hinter sich ließ, auf die Reise ging und nur noch gelegentlich derer gedachte, denen er sich grenzenlos überlegen fühlt. Forain wiederum scheint eine jener Putten verewigt zu haben, die von den ehrwürdigen Kathedralen auf uns herab sehen und dabei schweigen. Vergeistigung und Sinnlichkeit harmonieren in diesen entrückten Gestalten. So auch auf diesem Bilde. Das geläufigste Bild stammt von Fantin-Latours. Der hat auf seinem Gemälde die versammelte Boheme eingefangen, Verlaine und Konsorten, aber ´überlebt´ hat dieses Werk nur die Erscheinung des langhaarigen, merkwürdig entspannt, ja richtig locker wirkenden Dichters. Der Künstler mischt dem Antlitz des Jungen eine Spur Dreistigkeit hinzu. Hier wirkt Rimbaud auf eigentümliche Weise unschuldig; aber der Tischgesellschaft insofern überlegen, als das er, ganz auf sich gestellt, ihrer nur als Dekoration bedarf. Die anderen sind bloß Statisten. Er ist mitten unter ihnen, aber sie scheinen ihn nichts anzugehen, sie können auch ruhig alle verschwinden, er weint ihnen keine Träne nach. Dann das bekannte Photo von Etienne Carjat, das doch auf Anhieb den verheerendsten Eindruck hinterlässt. Die Haare sind jetzt wieder brav gestutzt. Er steckt in einem biederen Ausgehdrillich. Und wirkt nervös, entfernt zappelig – voller Widerwillen. Ist das etwa wieder der brave Zögling von einst? Von wegen. In jenen Tagen hat sich der Dichter, allen erhaltenen Überlieferungen zufolge, am schlimmsten aufgeführt. Carjat wird später die übrigen Glasnegative vernichten, nachdem Rimbaud ihn mit einem Stockdegen schlug. Der Dichter ist zu dieser Zeit ständig breit: vom Alkohol und den vielen Drogen, die er offenbar ganz wahllos zu sich nimmt. Denn er treibt sein Experiment auf die Spitze und jetzt wird, das Photo beweist es, ganz deutlich: das ist dennoch ein Jüngling, ein fläziger Halbstarker geblieben. Kein Mann ist aus dem geworden. Die Gesichtszüge sind hier so verquält, verbittert, weinerlich infantil, dass einen das Photo auf Anhieb richtig abstößt. Er hat, das wird sehr deutlich, nicht bekommen, wonach er suchte, wonach ihn dürstete. Er merkt es längst. Und wirkt wie ein trauriger Spuk, beleidigt, lächerlich bekümmert, nicht mehr sonderlich beseelt. Aus der Traum. Das könnte jetzt ein Schulbub sein, der von den ´Andern´ verlacht und verhöhnt worden ist; mit dem überdies keiner der Racker etwas zu tun haben möchte. Solche standen früher allein auf dem Pausenhof herum, in irgendeiner Ecke, unbeachtet, wie schlecht bestellt und nicht abgeholt. Die stachelte allenfalls noch das heimlich gesponnene Rachegelüst an, der Frust – der blanke Hass. Die Radierung von Marcoussis verkauft uns diesen Rimbaud folgerichtig wie eine Karikatur: die Haare wirr und wieder leicht nachgewachsen, der Hals nahezu grotesk verlängert, die Augen noch einmal starr aufgerissen: als hoffte er, wieder sehend werden zu können, ein letztes Mal - vergebens. Auf einer Zeichnung von Felix Regamay, ebenfalls 1872 entstanden, sieht man ihn an der Seite von Verlaine; unschlüssig, muffig – schon leicht gebeugt. Der Ältere scheint ihm etwas erzählen zu wollen, aber Rimbaud, der fast wie ein Opa mit Buckel wirkt, schaut kaum auf, ist mit sich selbst beschäftigt, folgt nur widerwillig. Auf dem Gemälde von Jef Rosman und dem Portrait Garniers sehen wir dann einen, der bereits seinen Abschied eingereicht, der jede Begeisterung von sich geworfen, jeden Elan und alle Spannkraft eingebüßt hat. Ein ratloser, geknickter Mensch, einer, der wohl schon im Stillen die Leere (er)trägt. Endlich überhaupt ein Mensch, möchte man sagen; eine verletzte, leidende Seele. Garnier unternahm es, den müde und ausgezehrt blickenden Dichter (er war ja schon keiner mehr) vor ein gleißend helles Licht zu stellen, das ihn vergeblich von der Seite umflackert; der Glanz will einfach nicht abfärben und betont nur die pergamenten, blassen, bleichen Züge. Einzig die traurigen Augen künden noch ein wenig von hehrer Größe. Die Verwandlung ist perfekt. Wenn man beim Betrachten dieses Bildes den Blick etwas verklärt, meint man, er sähe zu Boden; ja man glaubt fast, das sei ein vornehmer, freundlicher Mensch geworden. Hier deutet sich eine Empfindsamkeit an, die man ihm kaum zugetraut hätte. Von dem rabiaten Empörer, den uns Ernest Delahaye auf der frühen, rasch hingeworfenen Zeichnung präsentiert, ist nichts mehr übrig geblieben. Ich gestehe: erst hier will mir dieser Rimbaud wenigstens ein klein wenig sympathisch vorkommen. -
Schließlich die letzten Photografien aus der ´nachdichterischen Zeit´; die meisten von ihm selbst ´hingestümpert´. Rimbaud in Abessinien; anno 1883. Ein nüchterner, von südlicher Sonne verbrannter Fellach´. Etwas unbeholfen steht er in der Landschaft; unschlüssig, unwillig - genervt. Kaum zu glauben: das soll der Schöpfer des ´Trunkenen Schiffes´ sein? Der Schiffbruch liegt lange zurück und ein rettendes, versöhnlich stimmendes Eiland hat der Mann nirgends mehr finden können. Auf der letzten Aufnahme wirkt er tatsächlich wie ein ´Bauer´, einer, der die ´runzlige Wirklichkeit´ so sehr ´umarmte´, das er darüber endlich hart und gleichgültig wurde. Man merkt: der legt keinen Wert mehr auf Austausch und derlei gesellige Geplänkel, der will eigentlich nur in Ruhe gelassen werden, der ist einer, der im Grunde gar nichts mehr will.


V.


Wenn man das Leben dieses seltsamen Menschen in summa betrachtet, also auch die gleichsam rast, - aber im Grunde ereignislosen letzten Jahre, die dem kurzen dichterische Aufbegehren (Aufflammen) folgten, dann fällt auf: hier fehlt das Adagio, der einnehmende, mild stimmende Unterton, als Trost, Balsam - ´harmony´. Die freundlichen, versöhnlich stimmenden Züge verpuffen zumeist, auch in den Versen, wo sie keinen echten Ausgleich schaffen. Eine leise, traurige Melodie klingt wohl einmal an, durchblättert man etwa die späteren Briefe in Richtung Heimat (hatte er eine?); so, wenn er der Mutter von seiner Langeweile berichtet. Überdruss und immer wieder Langeweile plagen den Mann, verfolgen ihn wie weite, alles verdunkelnde Schatten. Ein trüber Singsang, diese ´Papiere´, die wiederum, nebst Auflistung diverser geschäftlicher Details, ohne derlei überhebliche Girlanden auskommen, vor denen die Briefe des Jünglings nur so strotzten. So zieht sich eine sehr reine, sehr nackte Verzweiflung, die in langen Jahren der Wanderschaft nicht weichen mag, wie ein gähnendes Largo durch das restliche Leben Rimbauds; und Dichten war nur ein kurzer, vergeblicher Rausch. Am Sterbebett soll er ja, was fragwürdig bleibt, zum Katholizismus zurückgefunden haben. Der Dichter aber blieb in ein verwirrendes Staccato verstrickt: rhythmisch, rastlos, forsch vorwärts drängend bis zur Raserei. Dem danken wir sein Werk, das uns noch heute so verführerisch und fremd, vermessen und verrucht vorkommt. Darob blieb ihm selbst nur das müde Gestoßensein; bis hin zum frühen, kläglichen Tod.
Ein merkwürdiges, ein wirklich eigenartiges Leben. Man wird mitunter den Eindruck nicht los, als habe sich jemand eine tolle Geschichte ausgedacht, um andere bloß an der Nase herum zu führen. Als sei da etwas maßlos übertrieben (und all zuviel erfunden), als sei schon beim Alter gelogen worden. Haben wir uns von Grund auf von ihm täuschen, narren lassen? Vielleicht war alles nur Erfindung, Legende – Lüge. Lächerlich. Ist dies am Ende bloß einer gewesen, der für kurze Zeit ´ausflippte´, der sich auf seine Weise austobte und dabei aus dem Vollen schöpfte? Einer, der ´Party´ machte und dann folgerichtig die eigene Jugend mit dem Meuchelmesser niederstreckte? Und dann sucht man sich eben irgendeinen Beruf, ein Auskommen, geht dem Broterwerb nach, ohne den nichts geht im Leben. War also der Dichter Rimbaud nur ein heftig pubertierender Schlingel, der Verse kritzelte, soff und herumhurte (wie ein verkrachter Oberschüler) und bei der Gelegenheit ein Werk schuf? Der sich im Dorf zu Tode langweilte und einfach ausbüchsen musste und dann eben einen drauf machte? Wer könnte das schon entscheiden. Aber diese Verse! Was sie uns heute noch sind; sein können. Er wollte, glaube ich, tatsächlich die Welt verändern, von Grund auf umgestalten. Sicher: wer will das nicht in jungen Jahren. Dieser wollte den Dusel, den dumpfen Dämmer erlösen, die Transzendenz in den matten Tagtraum zwingen, irgendwie, wider alle Vernunft. Er hatte den Schneid, dabei alles auf eine Karte zu setzen und das war dann schließlich eine Niete. So lässt sich kaum leben; auf Dauer nie. Das hat er begreifen müssen und die schnöde Konsequenz daraus gezogen. Was blieb ihm übrig? So trug auch er am Ende sein Kreuz ganz allein durch die Welt. Die paar Seiten bekritzeltes Papier waren dem Wortkünstler da längst gleichgültig geworden – was lag ihm, nach all den Erfahrungen, noch daran? Denn nichts blieb. Die Erfahrung hatte alles fortgewischt. Ausgelöscht. So war ihm zum Schluss eben alles egal; als einzige Konsequenz einer genialen Jugend nebst tobsüchtiger Verzückung. Den Manen dieser Euphorie seien abschließend die Worte Friedrich Nietzsches anheim gestellt:

„Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme,
Glühe und verzehr ich mich.

Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse
Flamme bin ich sicherlich!“


Anmerkung des Verfassers: Ursprünglich war vorgesehen, den vorliegenden Aufsatz im Renovatio Imperii (Zeitschrift für einen geladenen Leserkreis) zu veröffentlichen; dies gilt ferner für die noch folgende Betrachtung zu Anton Bruckner. Das Blatt wurde indes schon Ende 2001 wieder eingestellt, weshalb die Texte nunmehr erstmals bei TR einem interessierten Publikum vorgelegt werden können.



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