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Erschienen in Ausgabe: No 83 (1/2013) Letzte Änderung: 08.02.13

Interview mit Boris Braune

von Boris Braune

1994 gründete der Dirigent Mark Mast den Verein Junge Münchner Philharmonie, der 2007 in Bayerische Philharmonie e.V. umbenannt wurde. Seit dieser Zeit ist er stets gewachsen und vereinigt eine Vielzahl von Orchestern und Chören. Was macht die Bayerische Philharmonie so einzigartig?

Einzigartig macht die Bayerische Philharmonie ihr ganzheitliches Konzept. Dieses äußert sich in den verschiedensten Bereichen, von jung bis alt, vom Kinder- und Jugendchor bis zum großen Chor, genauso wie vom Amateur bis hin zum Profi, von instrumental bis vokal. Wir haben sieben Klangkörper und insgesamt 1500 Musiker und Sänger, die aus 30 bis 35 Nationen pro Jahr zu uns kommen. Das ganzheitliche Konzept ist das Zusammenspiel von Pädagogik und Künstlertum.


Museen, Zeitungen und Verlage denken darüber nach, wie Sie ein junges Publikum wieder ansprechen können. Was tun Sie, um Klassik für die jungen Menschen attraktiver zu machen.

Bei uns musizieren gerade die Jungen für andere junge Menschen, aber auch für alte Menschen. Wir pflegen zahlreiche Kooperationen, u.a. mit dem Bayerischen Roten Kreuz. Wir gehen mit der Musik aktiv dorthin, wo die Menschen sind: in die Seniorenheime, in Schulen und Kindergärten. Wir entwickeln und praktizieren verschiedene Formate, um eine Vielfalt von musikalischen Erlebnismöglichkeiten zu bieten. Beispielsweise haben wir Crossover-Projekte, wie „symphonischer Beatbox“: Im Gasteig kam es 2012 zu einer bisher einzigartigen Begegnung des Münchner Jugendorchester mit Robeat, Deutschlands bekanntestem Beatboxer. Das hat einfach wunderbar geklappt!
Eine unserer Maximen ist das lebendige Musizieren.


Welches gesellschaftliche Engagement nimmt die „Bayerische Philharmonie“ wahr. Kunst ist ein hohes, aber leider auch teures Bildungsgut. Nicht alle, die sich dafür interessieren, können sich die Eintrittskarten leisten.

Indem wir uns als Solidargemeinschaft verstehen sorgen wir dafür, dass nicht die finanzielle Situation für die Teilhabe an unserem Kulturangebot entscheidend ist. Wir haben dazu verschiedene Mechanismen – u.a. eine Sozialklausel – die es jedem musikbegeisterten Menschen ermöglichen, am monatlichen Üben, an den gemeinsamen Projekten teilzunehmen, auf eine Tournee mitzufahren oder an den Konzerten teilzuhaben. Es gibt eine Kooperation mit „Dein München“, eine Initiative, die sich an die finanziell schwachen Jugendlichen in München richtet, immerhin 20.000, und eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit mit einer Stiftung im Seniorenbereich. Sozial Benachteiligte bekommen so eine Chance, an unseren Konzerten zu partizipieren. So waren beispielsweise im Dvorák-Requiem im Herkulessaal etwa 70 Senioren, die es aus Mobilitätsgründen nicht allein schaffen, und/oder deren Rente nicht ausreicht, um sich eine Eintrittskarte regelmäßig leisten zu können.

Nicht nur im Internet wachsen die Menschen zusammen, Global Village, auch in der Kunst. Justus Frantz gründete 1995 die „Philharmonie der Nationen“. Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig globale und ethnische Vielheit, Diversity, ist das Schlagwort der Stunde, in der Kunst zusammenzufügen?



Es ist einerseits natürlich wichtig, aber die Internationalität ist für uns selbstverständlich. Ein Streichorchester mit 16 Musikern besteht bei uns beispielsweise aus 10 Nationen. Internationalität ist für uns also keine Sonntagsgerede, sondern ein gelebtes Konzept, dass wir immer wieder praktizieren. Musik ist eine Sprache, die keine ethnischen, sozialen oder religiösen Grenzen kennt; Musik ist außerhalb der gedanklichen intellektuellen Grenzen. Aus diesem Grund ist sie ein hervorragendes Medium und eine Möglichkeit für die Herausforderungen unserer Zeit. Ob sich die 30 bis 40 Nationen immer untereinander verbal verstehen, ist nicht die Voraussetzung.


Ein so großes Ensemble wie die Bayerische Philharmonie sowohl organisatorisch, künstlerisch und auch menschlich zusammenzuhalten, ist enorm aufwendig, wie gelingt Ihnen das?

Wir haben klare Grundwerte, einen starken Markenkern, auf den wir uns beziehen, wir haben ein sehr engagiertes Team, das täglich alles daransetzt, diese Ziele zu verfolgen – und natürlich eine Vielzahl von hoch motivierten Partnern, die uns dabei unterstützen.


Seit 2012 gibt es die Sommerakademie der Bayerischen Philharmonie, welche Ziele verfolgt diese?

Die Sommerakademie der Bayerischen Philharmonie auf Schloss Hohenkammer hat dieses Jahr zum ersten Mal stattgefunden und baut auf eine längere Tradition auf: die erste Akademie hat 1996 in Colorado stattgefunden. Es folgten mehrjährige Akademien in Kloster Andechs und Klostern Seeon. Nun haben wir auf Schloss Hohenkammer einen festen Sitz, der es uns in besonderem Maße ermöglicht, unser ganzheitliches Akademieformat fortzuentwickeln. Alle drei Chöre als auch die vier Orchester kommen hier für Akademiephasen zusammen. Wir bieten zudem Meisterkurse mit international renommierten Instrumentaldozenten an; ergänzend gibt es Workshops in TaKeTiNa – ein Rhythmuserlebnis – und Komposition. Die jeweiligen Angebote richten sich an die Mitglieder, ebenso wie an externe interessierte Sänger und Instrumentalisten.

Was macht das Besondere des Münchner Publikums aus?

Aus unserer Erfahrung ist das Münchner Publikum ausgesprochen kenntnisreich und kundig, und es hat auch erstklassige Vergleichsmöglichkeiten in jedem Genre an einem Standort wie München. Deshalb ist dieses Publikum für uns auch ein besonderer Anspruch.


2013 ist Wagner-Jahr, was plant die Bayerische Philharmonie?

Während sich alle anderen um Wagner kümmern, kümmern wir uns um Paul Hindemith und Karl Amadeus Hartmann.


Wie finanzieren Sie sich? Sie, lieber Herr Braune, stehen im Team für die Projektleitung!

Die Finanzierung ist sehr einfach zu beschreiben, wenngleich es für viele sicher überraschend ist. Wir haben eine privatwirtschaftliche Mischfinanzierung von etwa 99 Prozent, d.h. Ticketeinnahmen, Spenden und Förderbeiträge, Mitgliedsbeiträge, Sponsorengelder und natürlich Konzerthonorare. Aber nur mit einem Prozent haben wir dieses Jahr öffentliche Gelder in Anspruch genommen. In einem sehr engagierten Team unter Führung des Intendanten widmen wir uns dem Thema Fundraising mit großem Engagement.


Welche Möglichkeiten haben Interessierte, Ihr Projekt zu unterstützen?

Die Möglichkeiten sind sehr vielfältig, von der Fördermitgliedschaft – im Jahr ab 125 Euro – bis zum Premiumsponsor gibt es variabel viele Möglichkeiten. Helfen kann man uns auch mit Übernachtungsmöglichkeiten – bei der hohen Anzahl von ausländischen Musikern. In der Regel bietet sich die Fördermitgliedschaft an, mit der man sich zur Bayerischen Philharmonie bekennt und mit einem kleinen Beitrag etwas Wichtiges leisten kann. Ein weiteres konkretes Beispiel, was hilft, ist eine Musikerpatenschaft: Dass heißt, man übernimmt für ein Jahr den Mitgliedsbeitrag und ein Schüler, dessen Eltern finanziell nicht die Möglichkeit haben, kann dann bei uns mitspielen bzw. singen.


Was liegt Ihnen besonders am Herzen, die Tourneen, die Akademien, der Rhythmusworkshop „TaKeTiNA“, oder…?

Die Musik

Die Fragen stellte Dr. Dr. Stefan Groß.

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