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Erschienen in Ausgabe: No 83 (1/2013) Letzte Änderung: 01.01.13

"Das Stück war ein großer Erfolg, nur das Publikum war eine glatte Fehlbesetzung."

von Heike Geilen

"Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße. Heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht!" Hach, was waren das noch für Zeiten. Der Bericht stammt aus der Feder einer unbekannten Person über die - man mag es kaum glauben - Uraufführung der "Räuber" von Friedrich Schiller am 13. Januar 1782 im Nationaltheater Mannheim mit dem berühmten Schauspieler August Wilhelm Iffland als Franz Moor, die zum Theaterskandal schlechthin avancierte, obwohl der Regisseur das Stück vorsorglich in die Vergangenheit verlegt hatte. Schiller wurde nach der zweiten Aufführung, der er heimlich beigewohnt hatte, mit Arrest belegt. Dies scheint Denis Diderot, dem Begründer des bürgerlichen Dramas, entgangen zu sein, der völlig diametral in etwa zur gleichen Zeit konsterniert feststellte: "Heutzutage findet man sich gelassen im Theater ein, man schaut gelassen zu, geht gelassen wieder weg - und was man anschließend macht, weiß ich nicht".
Doch auch später noch schlugen die Emotionen im Parkett zuweilen recht hoch. "Das Stück war ein großer Erfolg, nur das Publikum war eine glatte Fehlbesetzung." Der Großmeister der scharfzüngigen, boshaften und witzigen Dialoge und Bonmots - Oscar Wilde - schrieb dies nach einer Premiere, die mit Buhrufen geendet hatte, am nächsten Tag in seiner Kritik. "Hinter der Pointe verbirgt sich die Erkenntnis, dass der Zuschauer im Parkett und auf der Galerie nicht einfach passiver Konsument, sondern aktiver Mitwirkender ist, dass er den Abend (...) vielmehr mitgestaltet und durch seine Reaktionen erst zu dem Ereignis macht, für das es sich lohnt, eine Eintrittskarte zu kaufen oder Abonnent zu werden.", stellen die beiden Herausgeber Bruno Hitz und Charles Lewinsky folgerichtig über jenen unersetzlichen Protagonisten fest. Und trotzdem wird gerade der Zuschauer in Theateranthologien mehr als stiefmütterlich behandelt. Dem haben Hitz und Lewinsky entgegengewirkt. Sie trugen in ihrem Kompendium Beiträge zusammen, die fast ausschließlich aus der Sicht des Publikums geschilderte Theatermomente enthalten.
Entstanden ist ein wunderbarer Schmöker, "so vielfältig und abwechslungsreich wie der Spielplan eines guten Theaters". Alphabetisch geordnet versammeln sich 101 kurzweilige Auszüge aus Erzählungen, Romanen, Reportagen, Zeitungsartikeln oder sonstigen Abhandlungen von A wie Theodor W. Adorno bis Z wie Carl Zuckmayr, die sich größtenteils alle um die Person im Parkett (oder der Loge) drehen bzw. aus der Sicht selbiger geschrieben sind oder wie es Peter Altenberg, ein Meister der kurzen Texte, so treffend bemerkte: "Lauter Menschen, die sich selbst nicht auskennen im Leben und in sich selbst." Auch Friedrich Dürrenmatt lässt kein gutes Haar am Theater, das - wie er findet - "heute so langweilig geworden [sei], dass sogar die Boxkämpfe, die in ihnen stattfinden, nur markiert sind." "Seitdem die Künstler glauben, sich alles erlauben zu können", so seine Meinung, "halten sich auch die Regisseure und die Kritiker für Künstler." Ein bisschen allgemeine Wahrheit mag wohl schon in seiner bitterbösen Wetterei stecken.
Jeder Artikel, ob von Gottfried Benn, Thomas Bernhard, Lion Feuchtwanger, Thomas Mann, Max Frisch, Kurt Tucholsky, Virginia Woolf oder Mark Twain wird mit einer Kurzvita des Autors und/oder einem Hinweis auf die "Fundstelle" des Textes eingeleitet, so dass man als Leser zudem noch viele Anregungen erhält, die Werke des Autors mal wieder aus dem Regal zu holen bzw. sie sich vielleicht gar erst einmal in selbiges zu stellen (nach vorangegangener Lektüre versteht sich). Zurück bleibt nach diesen literarischen Theaterbesuchen letztendlich jede Menge Spaß und "lebende Bilder der Ergötzung". So wie zum Beispiel dieser köstliche Beitrag des tschechischen Dramatikers und Erzählers Karel Čapeks:
"Premieren haben bekanntlich ihr Stammpublikum. Es gibt Menschen, die überhaupt nur zu Premieren gehen. Man sagt, sie tun dies aus leidenschaftlicher Theaterbegeisterung oder aus Neugier oder Snobismus oder der Kleider wegen oder wegen der Bekannten - meiner Ansicht nach gehen sie aus unbewusster und perverser Grausamkeit hin. Sie gehen hin, um sich genüsslich am Lampenfieber der Schauspieler zu weiden, an den Qualen des Autors und der Agonie des Regisseurs, sie kommen, um sich blutrünstig an der furchtbaren Situation auf der Bühne zu berauschen, wo jeden Augenblick etwas schiefgehen, irgendwas querlaufen kann - und alles ist im Eimer. Zu Premieren geht man, wie man im alten Rom in die Arena zu den Raubtierkämpfen oder zum Martyrium der Christen ging. Es ist ein merkwürdiger Genuss an der Qual und Aufregung der Geopferten."



Bruno Hitz und Charles Lewinsky (Hg.)
Bühne frei!
101 Theaterbesuche von Augustinus bis Zadek
Unionsverlag (September 2012)
352 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3293004482
ISBN-13: 978-3293004481
Preis: 28,00 EURO

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