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Erschienen in Ausgabe: No 83 (1/2013) Letzte Änderung: 31.01.13

"Scheiß aufs glückliche Ende"

von Heike Geilen

"Man könne das Wachstum gar nicht verhindern, erklärte mir mein ehemaliger Bankberater. 'Wenn die Wirtschaft schrumpft, wachsen die Schulden. Wenn die Haare ausfallen, wächst die Glatze. Wenn die Handys kleiner werden, dann wächst halt die Fläche um die Handys herum.' Auch mein Geld sei also nicht direkt weg, ich hätte dafür etwas anderes bekommen, 'Nun müssen wir nur noch herausfinden, was das ist', sagte er und klopfte mir auf die Schulter. 'Ist das nicht aufregend?', fragte er. Ich weiß nicht mehr, ob ich nickte."
Diese Zeilen aus Tilman Rammstedts neuem, aberwitzigem Roman zeigen deutlich, dass... nein, nicht, dass eine Wirtschaftskrise gar nicht so schlimm ist wie es scheint und man sie nur aus einem anderen Blickwinkel betrachten müsste. Und nein, auch nicht, dass Männer unbedingt Mut zur Lücke haben sollten. Sondern sie offenbaren erneut den grotesk-humoristischen Schreibstil des Ingeborg-Bachmann-Preisträgers. War es im Vorgängerroman noch Opa und der Kaiser von China, der durch skurrile Buchseiten taumelte, lässt Rammstedt dieses Mal seinen - wen wundert's eigentlich - psychosomatischen Bankberater einen Überfall auf seine eigene Dienststelle verüben. Da dieser für brenzlige Situationen offensichtlich alles andere als geeignet scheint ("Als er selbst ist mein Bankberater verloren. Als wir selbst sind wir alle verloren. Wenn alle nur sie selbst bleiben, kommt es zu keinem glücklichen Ende."), scheint das ganze Unterfangen damit schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt zu sein. Also was tun? Retter in der Not und geradezu prädestiniert dafür - der macht's doch sonst auch immer mit links - soll Aktion-Held Bruce Willis sein. Daher schreibt Rammstedt Letzterem fleißig Mails, um ihn zu etwas mehr Engagement bei der Rettung der Welt... äh seines ehemaligen Bankberaters... zu bewegen. Komischerweise (oder besser: natürlicherweise) verhält sich jener allerdings vollkommen kontraproduktiv. Wie um Himmels Willen lässt sich die (persönliche) Finanz- (und Lebens-)Krise des Autors dann noch abwenden und die Geschichte zu seinem wohlverdienten glücklichen Ende führen? "Darum geht es doch immer, nur darum geht es immer."
Das dies alles nur ein Gedankenexperiment im Kopf des "seriösen Schriftstellers mit ausreichend Berufserfahrung, besonders was Figuren angeht, denen es gerade nicht sehr gut geht (Liebe, Körper, Leben)" ist, wird schnell klar. In einem Plot, der auf der einen Seite geradezu vor rasanter Komik, irrwitzigen Lügen und einer Unmenge Absurditäten und Fantasie sprüht, offenbart Rammstedt auf der anderen Melancholie und Menschlichkeit. In einer aberwitzigen Ménage-à-trois aus ehemaligem Bankberater, Aktion-Held Bruce Willis und ihm selbst bietet die Erzählung immer wieder neue, nicht vorhersehbare Wendungen und treibt den Leser nahezu atemlos durch einen Text, der ständig zwischen Fantasie und Wirklichkeit pendelt. "Als Schriftsteller und als Leser traue ich den Geschichten mehr, die mit Humor geschrieben sind", offenbarte Rammstedt einmal in einem Interview. "In total ernster Prosa erkennt man die Effekte oft zu schnell, die Rührung oder Trauer erzeugen sollen. Hinter Humor kann man solche Effekte besser verstecken, und auf die ernsten, tiefgründigen Seiten kommt es mir genauso an." Sein jüngster Roman lebt nicht nur von ebensolchen kraftvoll-subtil gezeichneten Charakteren und einem sprühend-klugen, bizarr-komischen Humor, sondern auch durch seine ideenreiche Sprache, unter deren vordergründiger Unbeschwertheit eine unerwartete Ernsthaftigkeit und Dramatik liegt. Diese allerdings muss man sich aus all dem Klamauk erst einmal herausarbeiten.
Letztendlich nimmt das Fiasko seinen grotesken, zunehmend unglücklichen Lauf. Doch wie bekräftigt Rammstedts ehemaliger Bankberater so nett: "Man könne ja niemanden zu seinem Glück zwingen, sagte er. Schon aus rein rechtlichen Gründen, sagte er. Da habe er sich erkundigt, sagte er." Aber vielleicht gelingt es Rammstedts Protagonisten doch noch, alles zu drehen und das drohende schlechte Ende behelfsweise in ein ziemlich glückliches Ende umzumünzen? Doch das "erinnert einen immer nur daran, was alles fehlt, um an einem richtig glücklichen Ende zu sein, und dann ist es im Handumdrehen ein ziemlich unglückliches Ende, also fast schon ein richtig unglückliches Ende, zumindest wenn man ganz genau hinschaut." Tilman Rammstedts ehemaliger Bankberater jedenfalls ist sich sicher, dass vielleicht "auch alles ganz anders" ist. Wahrscheinlich aber auch nicht. Also: "Scheiß aufs glückliche Ende". Ein gutes, ein außergewöhnliches Buch ist trotzdem.


Tilman Rammstedt
Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters
Dumont Buchverlag (Oktober 2012)
155 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3832196862
ISBN-13: 978-3832196868
Preis: 18,99 EURO

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