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Erschienen in Ausgabe: No 84 (2/2013) Letzte Änderung: 16.01.13

Wie viele Schnittmengen benötigen Erinnerungen?

von Heike Geilen

"Die Erde in Ostgalizien ist schwarz und saftig und sieht immer etwas schläfrig aus wie eine riesige fette Kuh, die dasteht und sich gutmütig melken lässt. Ostgalizische Erde ist verschwenderisch und reich. Sie hat fettes Öl, gelben Tabak, bleischweres Getreide, alte verträumte Wälder und Flüsse und Seen und vor allem schöne gesunde Menschen: Ukrainer, Polen, Juden." Der große Bühnenschauspieler der Weimarer Republik - Alexander Granach - beginnt mit diesem ersten Satz sein von tiefer Liebe zu seiner Herkunft geprägtes Erinnerungsbuch "Da geht ein Mensch". Galizien - diese Grenzlandschaft des alten und neuen Europas, die nach Jahrhunderten der Vernachlässigung durch fremde Herrschaftsmächte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Zentrum eines intensiven europäischen Kulturaustauschs wurde. "Galizien liegt in weltverlorener Einsamkeit und ist dennoch nicht isoliert; es ist verbannt, aber nicht abgeschnitten; es hat mehr Kultur, als seine mangelhafte Kanalisation vermuten lässt; viel Unordnung und noch mehr Seltsamkeit. (...) Es hat seine eigne Lust, eigene Lieder, eigene Menschen und einen eigenen Glanz; den traurigen Glanz der Geschmähten.", stellte einer der dort Geborenen - Joseph Roth - fest.

Heute ist Galizien von der Landkarte verschwunden. Der westliche Teil gehört zu Polen, der östliche zur Ukraine. Geblieben sind Zeugnisse und Erinnerungen seiner "Kinder". Joseph Roth gehört ohne Zweifel zu deren berühmtesten. An Soma Morgenstern begann man sich erst wieder in den letzten Jahren zu erinnern. Die beiden Schriftsteller, die auch freundschaftlich verbunden waren, hatten neben ihrer Herkunft auch noch vieles andere gemeinsam: "die soziale und religiöse Prägung durch das Judentum, die Entscheidung für die deutsche Sprache als ihr Ausdrucksmittel und schließlich die erzwungene Emigration aus dem deutschen Machtbereich und damit aus dem Sprachraum, in dem sie sich etabliert hatten.", wie im Geleitwort dieses Buches zu lesen ist. Daher initiierte die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt am Main vom 7. November 2012 bis zum 19. Januar 2013 eine Ausstellung, die den Starjournalisten der Frankfurter Zeitung, Joseph Roth und deren Wiener Korrespondent, Soma Morgenstern unter dem Motto "So wurde Ihnen die Flucht zur Heimat" wieder zusammenbrachte und das Leben der beiden Künstler beleuchtete und im vorliegenden Buch festhielt.

Das Grundgerüst der Betrachtungen bildet dabei Soma Morgensterns Erinnerungsbericht "Joseph Roths Flucht und Ende". Ergänzt durch zahlreiche Briefe, Interviews und Publikationen, Erinnerungen Dritter sowie zahlreiche Fotos und Faksimiles, zeichnet der Band, ausgehend von ihrer gemeinsamer und zeitlebens prägenden Heimat Galizien, die Lebenswege und Stationen von Roth und Morgenstern, die streckenweise weit voneinander entfernt lagen, aber auch immer wieder zusammenführten, auf eindrückliche Art und Weise nach. Entstanden ist ein beeindruckendes Zeitzeugnis, das die Beziehung der beiden illustriiert und Parallelen, aber auch unterschiedliche Entwicklungen herausarbeitet. Neben dem Blick in das bewegte Leben der beiden angesehenen Journalisten erhält der Leser gleichfalls einen wunderbaren Einblick in die journalistische Arbeit der 1920er und 1930er Jah­re. Zudem fungiert es als eindrucksvolle Rückbesinnung an eine unglückliche Generation, "die in einer Flut von Weltgeschichte verunglückte, aus der nur einige ihr Leben gerettet haben, aber keinesfalls ohne Schaden davongekommen sind.", wie es Soma Morgenstern dereinst so emotional schilderte.


Sylvia Asmus (Hg.), Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Talos
So wurde ihnen die Flucht zur Heimat
Soma Morgenstern und Joseph Roth. Eine Freundschaft.
Weidle Verlag (Oktober 2012)
120 Seiten, Broschiert
ISBN-10: 3938803479
ISBN-13: 978-3938803479
Preis: 25,00 EUR

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