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Erschienen in Ausgabe: No 105 (11/2014) Letzte Änderung: 04.12.14

Alles ist wie es ist? oder: Alles kann aus uns werden?

von Heike Geilen

Alles kann aus uns werden!
Auf den ersten Blick drückt dieser Satz Hoffnung aus, Zuversicht, Entschlossenheit. Auf den zweiten jedoch könnte er gar als Drohung im Raum stehen. Zweifel schleichen sich ein. Kann wirklich ALLES aus uns werden? Was beinhaltet das Wörtchen "alles"? Grammatikalisch gehört es zu den Indefinitpronomen, den unbestimmten Fürwörtern. Und das wiederum heißt: Wir wissen es (noch) nicht. "Und wissen es eine Minute vorher nicht. Eine Sekunde vorher nicht. Wir stehen auf einem Fleck, die Füße nebeneinander, die Hände an der Hosennaht, und rühren uns nicht; wir fragen uns, wie sind wir hierhergekommen, irgendetwas geschieht hier, und wir wissen nicht was; wir holen Luft, um etwas zu sagen, und sagen etwas anderes, als wir sagen wollten - vielleicht was den Zuhörer erschüttert und bezaubert in einem, so dass sie in sich blicken und den Kopf schütteln und einander zuraunen, so hätten sie die Sache noch nicht betrachtet. Und schon ist etwas aus uns geworden. Der Verkünder einer guten Hoffnung zum Beispiel - und dabei haben wir doch nur ein Märchen erzählt..." (Michael Köhlmeier: "Die Abenteuer des Joel Spazierer")
Märchen erzählt auch der Titelheld in Michael Köhlmeiers neuem und - vorab - grandiosem Werk, obwohl dessen Handlung alles andere als märchenhaft daherkommt, sondern eher bizarr und grotesk, zuweilen makaber, unheimlich und absonderlich. Als Schelmenroman bezeichnet der österreichische Autor sein auf 655 Seiten eng gesetztes Buch, "in dem unsere Welt aus den Augen eines Außenseiters beschrieben wird; und sie wird in ihren schönsten Farben beschrieben - wie eine wunderbare, exotische, aber vielleicht höchst giftige Blume.", wie er selbst im Vorwort bemerkt. Sein sechzigjähriger Protagonist, aus dessen Augen in der Ich-Form rückblickend berichtet wird, erweist sich - ähnlich dem als "Klugen Hans" in die Geschichte eingegangen Pferd, das angeblich rechnen konnte - als Experte der manipulativen nonverbalen Kommunikation. Er meint, die Wünsche der Menschen zu durchschauen, "vor allem jene, die sie vor sich selbst nicht zugeben". Indem er sie entweder erfüllt oder auch nicht,ist er in der Lage, Einstellung seines Gegenüber zu ihm selbst zu steuern, je nachdem, ob ihm an dessen Zuneigung gelegen ist oder diese als ungünstig erachtet wird. Oder kurz und knapp: Er lügt wie gedruckt. Die Lüge allerdings empfindet er als legitimes, wohlkalkuliertes Konstrukt eines anderen Ichs. "Ich fand es sehr interessant, ein Ich ins Leben zu schicken, das es nicht gab und um das ich mich folglich nicht zu sorgen brauchte. Nicht einmal vor dessen Absterben fürchtete ich mich." Aber: "Hütet euch davor, etwas zu erfinden, wofür es sich zu leben lohnt, denn dafür lohnt es sich auch zu sterben und zu töten."
Und dies exerziert er gleich mehrere Male im Laufe seiner skurrilen, zuweilen erschreckenden Vita. Getreu der Lebensweise seiner Familie, die ihm vorlebt(e), "dass der Schein die Realität, das Sein aber Fiktion sei", entdeckt er schon als kleiner Junge die vielfältigen Möglichkeitsformen des Daseins. Diese versteht er dann auf seinen Odysseen durch unterschiedlichste politische Gesellschaftsformen hervorragend einzusetzen. Beginnend in Joel Spazierers frühesten Kindheit im Budapest der fünfziger Jahre, wo er noch András Fülöp gerufen wird, der familiären Flucht nach Wien, diversen Aufenthalten in der Schweiz (zuweilen hinter Gittern) und Deutschland, nach Belgien, Kuba, Mexiko, Italien, Paris, Moskau, bis hin in die ehemalige DDR, wo er um politisches Asyl sucht und beinahe ein nationaler Held wird, lügt und stielt er, manipuliert seine Mitmenschen und schreckt gar vor Morden nicht zurück. Doch Joel Spazierer, alias András Srámek, alias Andres Philip, alias Robert Rosenberger, alias Dr. Ernst-Thälmann Koch ist keineswegs ein unsympathischer Zeitgenosse. Gesegnet mit einem reizvollen Äußeren, überdurchschnittlicher Intelligenz sowie Charme und ausgesprochener Höflichkeit agiert er als ein Zwitterwesen, halb Engel und halb Teufel. Er tut Schreckliches, erleidet es aber auch selbst. Bei ersterem entzieht er sich immer geschickt jeglicher Verantwortung, an letzterem geht er nicht zugrunde. Schrieb Michael Köhlmeier noch vor fünf Jahren in seinem grandiosen Roman "Abendland": "Das Kreuz des Abendlandes ist das schlechte Gewissen", so hat Joel Spazierer dieses besagte Gewissens-Kreuz restlos abgelegt. Doch letztendlich geht es nicht um sein Schicksal, "sondern das seiner Zeit, womit alle Menschen gemeint sind - außer ihm."
Seite für Seite treten Michael Köhlmeiers Intensionen mehr zu Tage: dass die zuweilen abgrundtiefen Unwahrheiten seines "Helden" tatsächlich nur ein überwältigender Beleg für die offensichtlich auf einem Irrtum begründete Mangelnatur des Menschen sind. Denn in Wirklichkeit, so ist sich Joel Spazierer sicher, gab es einmal eine Zeit, "in der sei zwischen Lüge und Irrtum nicht unterschieden worden. Erzählte einer eine Geschichte und sie entsprach nicht der Wahrheit, sagte keiner, die ist gelogen; man anerkannte, dass diesem Menschen etwas fehlte und er in die Welt hinein erfinden wollten, was ihm fehlte. (...) Aber dann wurde die Lüge erfunden. Als die Wirklichkeit erfunden wurde, wurde die Lüge erfunden. Die Lüge ist Diebstahl an der Wirklichkeit, so wie die Wirklichkeit eine Verkürzung, Verwesentlichung, eine Abstraktion des Paradieses ist. (...) ein endloses Gewebe von Sinnhaftem und Sinnfremden; ersteres adeln wir mit dem Begriff Wahrheit, für letzteres haben wir unzählige Worte zur Verfügung." Joel Spazierer scheint dieser fiktiven Zeit direkt entstiegen zu sein. Vielleicht ist er aber auch nur ein Kind, das nie erwachsen wurde, bei dem keine Entwicklung stattfand. Denn wenn man seine Erinnerungen, seine "narrativen Transformationen", aus den Augen eines Vier- bis Siebenjährigen betrachtet und von dessen weltanschaulicher Warte aus analysiert, bekämen all seine Handlungen und Erlebnisse Sinn und Form. Im Traum imaginierte Tiere, die von Zeit zu Zeit seine Handlungen leiten, scheinen ein Indiz zu sein. "Die Götter sind in die Tiere geschlüpft, von nichts anderem erzählten diese Geschichten; vielleicht - dachte ich - vielleicht bin ich ein Tier, das in einen Menschen geschlüpft ist, wahrscheinlich sogar."
"Ich liebte Worte...", legt der Autor einem seiner Protagonisten in den Mund und zwar dem bereits aus "Abendland" bekannten Sebastian Lukasser, Köhlmeiers Alter Ego. Dieses Mal schreibt jener allerdings nicht selbst die Lebensgeschichte des Mannes mit den vielen Namen auf, sondern bestärkt Joel darin, dies eigenständig zu bewerkstelligen. Nur helfend greift er in deren strukturellen Aufbau ein.
"Ich liebte Worte...". Davon kann sich der Leser auf beinahe jeder Seite überzeugen. "Die Abenteuer des Joel Spazierer" erweisen sich als Lektüre von hoher erzählerischer Dichte, mit einer Fülle an tiefgründigen und weisen Satzpassagen, einem wunderschönen Duktus, latenter Ironie und vielen zu erforschenden Hintergründigkeiten. Der Roman erzählt in rückblickenden, zumeist chronologischenEpisoden, mal skizzierend und in schnellen Sprüngen, dann wieder einem mäandernden Fluss oder Waben voller Erinnerungen gleichend, eine Geschichte, die mehr als einmal zum Nachdenken anregt und die hoffnungsvolle Gewissheit wachsen lässt: Alles kann aus uns werden! Weil nichts ist wie es ist und "die Arbeit am besseren Menschen (...) wenigstens zur Hälfte darin [besteht], an ihn zu glauben. Das haben wir zu spät begriffen. Wenn man nicht an ihn glaubt, wird er nicht."
Fazit: Mit "Abendland" legte Michael Köhlmeier bereits ein Opus magnum vor, ein Buch, das völlig zu Recht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2007 stand. "Die Abenteuer des Joel Spazierer" stehen jenem in nichts nach. Der österreichische Autor beweist einmal mehr, dass er sein Handwerk hervorragend beherrscht. Erneut lässt er das Wesen der Dinge sichtbar werden, würdigt deren unendliche Erscheinungsformen und bringt sie in eine gewisse Ordnung. Ich wage eine Prognose und sehe ihn dieses Mal ganz oben auf dem Podest der Preisträger. Verdient hätte er es.


Michael Köhlmeier
Die Abenteuer des Joel Spazierer
Carl Hanser Verlag (Januar 2013)
655 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3446241787
ISBN-13: 978-3446241787
Preis: 24,90 EUR

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