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Erschienen in Ausgabe: No 87 (05/2013) Letzte Änderung: 02.05.13

Adam Smith - Ein Engländer (1723-1790) erfand eine neue Wissenschaft: Die Nationalökonomie

von Rainer Westphal

In Zeiten der Arbeitslosigkeit, Abbau sozialer Leistungen sowie eines neoliberalen Wirtschaftssystems setzen Diskussionen darüber gewisse theoretische Kenntnisse voraus. Es dürfte nachvollziehbar sein, dass für den interessierten Laien diese Kenntnisse in verständlicher Form vermittelt werden sollten. Dieses ist umso wichtiger, da Politiker und selbsternannte Ökonomen mit pseudowissenschaftlichen Methoden wirtschaftliche und politische Interessen bedienen. Um das Werk von Adam Smith entsprechend würdigen zu können, bedarf es der Fähigkeit, sich in die Welt, wie diese sich im 18ten Jahrhundert darstellte, hineinzuversetzen. Der Stand des Wissens und der bestehenden Verhältnisse kann selbstverständlich nicht mit der heutigen Zeit verglichen werden. Eine Kritik bedarf der Berücksichtigung dieser Tatsache.
Unbestätigten Gerüchten zufolge soll Smith im Alter von 4 Jahren von Zigeunern entführt worden sein. Das Schicksal, als Zigeuner nicht künftig sein Leben fristen zu müssen, verdankt er dem Einsatz von Familienmitgliedern, welche ihn befreit haben. Für die Wahrscheinlichkeit, dass dieses den Tatsachen entspricht, gilt ein Schreiben an seinen Biographen, in dem er seine Befürchtung mitteilte, dass er wohl ein schlechter Zigeuner geworden wäre.
Adam Smith gilt als Vater der Nationalökonomie und ging als solcher in die Geschichte ein. Er war Schotte und Junggeselle, wurde Professor der Moralphilosophie und schließlich höchster Zollbeamter von Edinburgh, was seinem Charakter als Schotte wohl entgegen kam. Die Grundlage für seinen Ruhm bildete sein Werk mit dem Titel: „Wohlstand der Nationen.“
Der deutsche „Papst“ der Wirtschaftswissenschaftler, Günter Schmölders, erklärte einmal, dass die Entwicklung der Nationalökonomie in den letzten zweihundert Jahren primär durch Adam Smith bestimmt wurde. Auch das so genannte sozialistische Lager erkannte dieses Werk als ein Denkmal der Menschheitskultur und der Grundlage an, welche sogar die Quelle des Marxismus sein sollte. Derartiges ist heutzutage als besonders interessant anzusehen, da die Vorstellungen von Smith als Kapitalismus extremer Prägung vermittelt werden, ohne eine entsprechende Interpretation zu erfahren.
Ab dem 16ten Jahrhundert kam der so genannte „Merkantilismus“ (1) auf. Diese These galt als die Grundlage für die Finanz- und Wirtschaftspolitik. Der Merkantilismus bestand mehr oder weniger aus einem Bündel von Verordnungen mit dem Ziel, die Finanzkraft des Staates zu steigern. Es herrschte beim Merkantilismus die Vorstellung, dass der Reichtum einer Nation im Besitz von Edelmetallen liege. Dies sollte dadurch geschehen, die Ausfuhren von Waren zu forcieren, und deren Einfuhr, außer natürlich von Rohstoffen, zu verhindern. Export bedeutete für die Merkantilisten, dass Geld in Form von Gold und Silber ins Land floss.
Interessant für selbsternannte Rechtsintellektuelle dürfte sein, dass ausgerechnet Smith sich als entschiedener Gegner des Merkantilismus darstellte.
Smith vertrat die so genannte „Laissez-faire“­-Strategie, welche eine freie Wirtschaft, was dem Gesetz von Angebot und Nachfrage folgen sollte, zum Ziel hat. Demnach sollten in einem derartigen Wirtschaftssystem Freiheit und Notwendigkeit zum Zuge kommen. Die Definition von Freiheit beinhaltete das Fehlen von Behinderungen, um dann diese in Zusammenhang zu Notwendigkeiten gebracht zu werden. Nach seiner Auffassung erfolgte bei der Entfaltung die Regulierung der Preise nach ökonomischen Gesetzen. Smith ging davon aus, wie in dieser Zeit vorherrschende Moral war, dass jeder Mensch ein natürliches Recht auf Glückseligkeit oder „von Gott gegeben“, besitzt. Das auf den eigenen Vorteil bedachte Selbstinteresse nur im Ausnahmefall böse, sonst aber moralisch korrekt sei, da dieses auf eine Verbesserung des Daseins abzielt. Diesem Gedankengang unterwarf er seine Ökonomie, und pries den Eigennutz als Antrieb allen wirtschaftlichen Handelns.
Adam Smith schrieb: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wird das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an Menschen, sondern an ihre Eigenliebe.“
Smith war der Meinung, dass derartige egoistische Aktivitäten das wirtschaftliche Geschehen beschleunigen würde, was zu einer vom Schöpfer gewollten „natürlichen“ Ordnung führen solle. Eine derartige Marktwirtschaft sollte von einer derartigen Ordnung, auch als „unsichtbare Hand“ bezeichnet, beherrscht werden. Smith stellte u. a. die Behauptung auf, dass der Kaufmann mehr oder weniger gezwungen sei, das anzubieten, was der Kunde wolle, und dieses besser zu sein hätte, als das, was die Konkurrenz bietet, um nicht bankrott zu gehen.
Versetzt man sich nun in die Zeit um 1750, so ist festzustellen, dass Britannien in der damaligen Zeit immer reicher wurde. Nicht zuletzt durch den Handel und der Ausbeutung seiner Kolonien. Eine Verteilung dieses Reichtums fand bei Großgrundbesitzern, und somit zumeist beim Adel, sein Ende. Von den damals 7 Millionen Menschen in Britannien besaßen die meisten nur das, was sie auf dem Leib hatten, sowie Bett und Tisch. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug unter 40 Jahre. Zumeist waren bis zu 1,5 Millionen Menschen arbeitslos, und wurden als „nutzlose Arme“ betrachtet. Es würde zu weit führen, die entsetzliche Armut zu schildern, welche durch das Einsetzen einer technischen Entwicklung in der Textilmanufaktur (Manchester-Kapitalismus) noch gesteigert wurde.
Für die Begüterten in Britannien bestand kein Unterschied zwischen den Begriffen Armut und Arbeit. Man predigte, dass die Löhne nicht niedrig genug wären, und deshalb dem Laster und Müßiggang Vorschub leisten würde. Selbstverständlich war Smith klar, dass die Arbeit die Grundlage für den Wohlstand bedeutet. Von Smith stammt folgender Satz:
„Keine Gesellschaft kann ungefährdet blühen und glücklich sein, wenn der weitaus größere Teil ihrer Mitglieder arm und erbärmlich ist.“
Festzustellen ist jedoch, dass Smith trotz seines Mitgefühls immer der Auffassung war, dass Armut und Elend nur deshalb existierten, da das System des Kapitalismus sich noch nicht zur vollen Blüte entfaltet hätte.
Von 1730 bis 1737 besuchte Smith die Burgh School von Kirkcaldy und danach ein College in Glasgow. Er studierte Latein, Griechisch, Mathematik und Moralphilosophie. Die Ökonomie war damals noch ein Teil der Moralphilosophie. Es kann davon ausgegangen werden, dass Smith vom so genannten „Utilitaristen“ beeinflusst wurde, deren Vordenker Francis Hutchison (1694 – 1747) in Glasgow lehrte. Die Utilitaristen gingen davon aus, dass alle Menschen zum Glück streben sollten, was deren bestmöglicher Zustand sei. Dieses Streben sollte Maßstab für Beurteilung individuellen Handelns sein.
1740 ging Adam Smith nach Oxford, wo von reaktionären Professoren den Stipendiaten das Lesen moderner Philosophen verboten wurde. Erst zwanzig Jahre später erwachte Smith aus der Erstarrung, als ihm das „Traktat“ des Königsberger Denkgenies Emanuel Kants mit dem Titel „Kritik der reinen Vernunft“ in die Hände fiel. Als Reaktion seiner Erlebnisse in Oxford fiel Smith in seinem Werk „Wohlstand der Nationen“ über die Hochschulen, und den dort vorherrschenden Dogmatismus her.
Bei seinen häufigen Reisen nach Edinburgh lernte Adam Smith David Hume (1711-1776) (2) kennen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Smith auch vondiesen entscheidend beeinflusst wurde. Hume war es, der dem vorherrschenden Merkantilismus widersprach, da dieser zu einer „passiven“ Zahlungsbilanz, und damit zur Verarmung im Lande führe. Geld, so Hume, wäre lediglich ein technisches Mittel, das den so genannten beschwerlichen Tauschhandel überflüssig mache. Er bewies, dass eine Zahlungsbilanzeine Tendenz zum Ausgleich habe. Laut Hume solle eine sinkende Geldmenge ein Sinken der Preise nach sich ziehen. Eine zunehmende Geldmenge der Exportländer solle zu Preissteigerungen führen. Diese Überlegungen entwickelten sich zum Gesetz vom internationalen Handel.
1759 veröffentlichte Smith seine „Theorie der ethischen Gefühle“ als moralische Begründung für den Kapitalismus. Seine Vorstellungen gipfelten in nachstehender Äußerung:
„Wie selbstsüchtig der Mensch auch immer eingeschätzt werden mag, so liegen doch offensichtlich bestimmte Grundveranlagungen in seiner Natur, die ihn am Schicksal anderer Anteil nehmen lassen.“

An anderer Stelle äußerte er die idealistische Vorstellung:

„Dass wir oft durch Kummer anderer Kummer empfinden, ist eine zu offensichtliche Tatsache, als dass es irgendwelcher Beispiele bedürfte, um dieses zu beweisen.“
Aus den vorgenannten Aussagen von Smith wird ersichtlich, dass die Ökonomie in der damaligen Zeit keine eigene Wissenschaft darstellte, sondern lediglich als Ableger der Moralphilosophie angesehen wurde. Offensichtlich glaubte Smith tatsächlich, dass die Fähigkeit zur Selbstkritik und das Verlangen nach wechselseitiger Sympathie die egoistischen und narzisstischen Triebe im Zaum halten würde.
Smith Theorie machte ihn bekannt, und er genoss eine gewisse Verehrung. Bei opulenten Gastmalen rechneten Prominente sich als Ehre an, über Themen wie „Ist die Sklaverei ein Vorteil für die Freien?“ zu referieren. Zur Schar seiner Bewunderer gehörte auch ein gewisser Charles Townshend, der später als Schatzkanzler einen Konflikt herbeiführte, der zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg führte. Er erhob, angeblich auf Empfehlung von Smith, eine Teesteuer für die Kolonien. Die Reaktionen der amerikanischen Siedler waren eindeutig, und wurden unter dem Synonym „Tea-party“ bekannt. Townshend hatte einen Stiefsohn, und bot Smith, gegen ein entsprechendes Salär, eine Altersversorgung an, Begleiter dieses Sohnes zu sein. Smith akzeptierte dieses Angebot, und trat mit Townshends Sohn als erstes eine Reise nach Frankreich an.
Es existiert ein lesenswertes Buch mit dem Titel "Adam Smiths Reise nach Frankreich" (Die Andere Bibliothek 2012), in dem die Erlebnisse festgehalten wurden. Während dieser Reise erfolgte ein Abstecher nach Genf, wo Smith mit Voltair zusammentraf. Es wird angenommen, dass er aufgrund dieser Gespräche seine „Briefe über die Engländer“ verfasste, in denen er das Bürgertum in England lobte, da dieses bereits dort einen Teil der Macht erobert habe.
Während dieser Zeit freundete sich Smith auch mit dem Staatsmann und Ökonom Turgot (1727-1781) an, der später unter Ludwig XVI versuchte, die zerrütteten Staatsfinanzen zu sanieren. Turgot gilt u. a. als Begründer der Theorie, dass der Preis einer Ware nicht von der Arbeit, sondern vom Bedürfnis bestimmt wird.
Als besonders wertvoll wird für Smith die Bekanntschaft mit dem Physiokraten Francois Quesnay angesehen. Quesnay, angeregt vom Blutkreislauf bei Menschen, kam der Arzt auf die Idee, dass die Wirtschaft im „dreiklassigen Volkskörper“ (Landwirte, Grundbesitzer, Händler und Gewerbetreibende) ähnlich funktionieren würde. Bei aller berechtigter Kritik an derartigen Vorstellungen kann als Verdienst von Quesnay angesehen werden, dass er die ökonomischen Aktivitäten eines Volkes in einer „gesamtwirtschaftlichen Betrachtungsweise“ zu erfassen versuchte. Nach Ansicht der Physiokraten war allerdings zur damaligen Zeit die Agrarwirtschaft die alleinige Quelle des Reichtums.
Auch in der heutigen Zeit versucht man in der BRD eine „gesamtwirtschaftliche Betrachtungsweise“ durch einen Sachverständigenrat. Allerdings bezeichnet man heutzutage derartige Bemühungen, neudeutsch ausgedrückt, als In- und Output-Analyse. Es war Wassily Leontief, welcher die Theorie von Quesnay wiederbelebte, und1973 den Nobelpreis für diese Pionierarbeit auf diesem Sektor erhielt.
1766 kehrte Smith nach England zurück. Entgegen der Beschwörungen von David Hume zog er nach Kirkcaldy zu seiner Mutter, und nicht nach Edinburgh. Während seines siebenjährigen Aufenthalts schrieb er sein, bereits erwähntes Werk, „Wohlstand der Nationen“. Dieses Werk trug ihm den Ruf ein, er sei „der Vater der klassischen Nationalökonomie“.Der Ökonom Joseph Schumpeter (3) beurteilte das Werk dahingehend, dass es keine neuen Ideen enthalten würde, sondern lediglich die Zusammenfassung des damaligen ökonomischen Wissens. Es trifft demnach nicht zu, dass Adam Smith seiner Zeit vorausgeeilt sei.
Nach Adam Smith kapitalistischer Denkweise sind die Produktionsfaktoren in Arbeit, Kapital und Boden gleichrangig einzuteilen, und bilden zusammenden Wert der Ware. Beim Vater der Nationalökonomie liest sich dieses aber so, als ob die Arbeiter den Wert einer Ware allein schaffen würden, und ihnen Profit und Bodenrente vom Lohn abgezogen würde. Smith unterstellt den Kapitalisten, dass diese überhaupt nicht arbeiten würden. Die Frage, wer die Werte eigentlich produziere, spaltete seit dem die Menschheit. Linke Ökonomen vereinnahmten Smith für sich, da dieser, laut Ansicht dieser in die Nähe eines Begriffs gekommen ist, der in Karl Marx Werk einen hohen Stellenwert hatte: der Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten. Schumpeter äußerte hierzu, dass Smith derartiges nur angedeutet habe.
Smith glaubt u. a., dass die Ware, wenn sie denn einen Markt erreichte, ein neuer Marktpreis, der natürliche, entstehen würde. Der Schotte war der Meinung, dass die schwankenden Preise einem natürlichen Preis aufgrund ökonomischer Gesetze, einer gleich einer „unsichtbaren Hand“ zusteuern würde. Dieses sollte bei einer freien Marktwirtschaft, ähnlich wie physikalische Gesetze, funktionieren. Er war der Meinung, dass die Ökonomie dem Rang einer exakten Naturwissenschaft beizumessen wäre. Er ging davon aus, dass die Produktionsmengen sich mittelfristig an der Nachfrage orientieren müssten, da das Profitinteresse über diese Schiene dann befriedigt werden würde. Hieraus leitete er die These ab, dass der Markt sich selbst reguliere, und lehnte deshalb jegliche Eingriffe des Staates ab. Nach seiner Ansicht sei der Staat lediglich dafür zuständig, das Land gegen gewaltsame Übergriffe von außen zu schützen. Darüber hinaus solle dieser die Gerechtigkeit oder Unterdrückung von Mitbürgern mittels eines Justizwesens darstellen. Der Staat dürfe nur öffentlich Anstalten betreiben, wenn diese von Kapitalisten nicht betrieben werden können, da der Gewinn nicht die Kosten deckt.
1778 wurde Adam Smith oberster Zollbeamter in England, obwohl er theoretisch gegen die Erhebung von Zöllen war, weil diese den Wettbewerb verhinderten. Als Zollchef kontrollierte er nicht nur die Einnahmen, sondern war auch Befehlshaber von Soldaten, welche Schmugglern das Handwerk zu legen hatten. Diese Aufgabe machte für ihn einen Umzug nach Edinburgh notwendig. Sein Ruhm wuchs während dieser Zeit, zumal William Pitt der Jüngere, 1783 Premierminister wurde. Dieser war als ein Verehrer seines Werkes bekannt. Ab 1778 wohnte Smith allein in seinem Haus. Als er sein Ende kommen sah, verbrannte er alle Manuskripte, welche aus seiner Sicht nicht zur Veröffentlichung geeignet waren. 1790 verstarb Adam Smith im Alter von 68 Jahren.
Wenn die Nationalökonomie einen Begründer hat, dann ist es Adam Smith. In diesem einen, vielleicht sogar einzigen Punkt, sind sich heutzutage die Ökonomen einig. Keynes Behauptung, kein wirtschaftswissenschaftliches Konzept sei jemals tot, kann in diesem Zusammenhang demnach als bewiesen gelten.
Smith` These vom Nutzen des individuellen Eigeninteresses interpretierte er weiter- gehend dahingehend, dass aus vielen Einzelinteressen ein funktionierendes Ganzes entstehen würde, gleichsam einer unsichtbaren Hand. Er erklärte, dass diese „Hand“ immer noch besser sei, als die räuberische Staatsklaue. Dieses Eigeninteresse wird heutzutage in ökonomischen Publikationen vornehm als „aufgeklärtes Eigeninteresse“ formuliert.
Des weiteren beschrieb Smith die Vorteile einer Arbeitsteilung am Modell des Herstellungsprozesses von Stecknadeln. Er argumentierte, dass es von der Größe des Absatzmarktes abhängig sei, wie sich eine Arbeitsteilung darstelle. Deshalb lehnte er alle Handelsbeschränkungen ab, und plädierte für größtmögliche Freiheit im nationalen und internationalen Güteraustausch. Der Freihandel vergrößere die Freiheit des Einzelnen bei der Verfolgung des Einzelinteresses und somit, sozial gesehen, zum günstigsten Ergebnis.
Diejenigen, welche die Sprache von Smith sprechen, machen den Staat als die Bedrohung der beschriebenen „Freiheit“ aus, da er Steuern erhebe, Monopole gewähre und Zölle erhebe. Dass dieses ein Irrglaube ist, wusste Smith nur zu gut. Er hatte erkannt, dass es die Geschäftsleute selbst sind. Die Beziehungen der Vertreter einer gleichen Branche beschränken sich im Wesentlichen darauf, Komplotte gegen die Öffentlichkeit zu schmieden, um Preiserhöhungen durchzusetzen. Außerdem war Smith ein ausgesprochener Gegner von Aktiengesellschaften. Der Grund dafür wird von ihm darin gesehen, dass die Direktoren oder Vorstandsmitglieder das Geld anderer verwalten, und man deshalb nicht mit der gleichen Sorgfalt umgehen würde, wie in privaten Handelsgesellschaften. Diese Direktoren oder Vorstandsmitglieder würden sich lediglich für ihre Dividenden interessieren.
Es dürfte jedoch unverkennbar sein, dass es, keine, wie Smith zu vermitteln versuchte, ökonomische Zwangsläufigkeiten gibt. Smith` Theorie einer unsichtbaren Hand wird heute dahingehend ironisch umschrieben, dass wohl eine „göttliche Hand“ für unangenehme Folgen ökonomischer Fehlhandlungen herhalten muss.
Als unverständlich mag es heute erscheinen, dass Smith praktisch einen geradezu egoistischen Ansatz für den Wohlstand der Nationen beanspruchte. Missbräuche und soziale Verwerfungen, die zu einer derartigen Einstellung führen können, tat er offensichtlich mit dem moralischen Glauben an das Gute im Menschen ab. Offen- sichtlich bildete die Grundlage seiner Überlegungen, dass der Wohlstand sich automatisch auf alle Schichten der Bevölkerung niederschlagen müsse. Die Möglichkeit einer missbräuchlichen Nutzung wirtschaftlicher Macht hielt er offensichtlich für zweitrangig, und unterstellte lediglich dem Staat oder der Regierung eines Landes, gravierende schädliche Eingriffe vorzunehmen, die zu negativen ökonomischen Auswirkungen führen.
Dieses Denken mag daraus resultieren, da man um das Jahr 1750 ein anderes Verhältnis zur Arbeit als solches hatte, was deren Wertschätzung betraf. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Smith ein Gegner des Merkantilismus war, da er die negativen Folgen aufgrund seiner Erfahrungen klar erkannte. Es sei jedoch erlaubt, darauf hinzuweisen, dass in dieser Zeit ein blühender Sklavenhandel existierte, und notwendige schwere körperliche Arbeit diesen, und abhängig Beschäftigten, überlassen wurde. Man hielt es nicht für nötig oder für angemessen, derartige Arbeiten entsprechend zu honorieren, um eine Verarmung oder Verelendung dieser Bevölkerungsschichten zu vermeiden. An eine gerechtere Umverteilung der Vermögenswerte wurde in keiner Weise gedacht, obwohl Smith den Menschen als solches das Recht des Strebens nach Glück zubilligte. Des weiteren ist festzustellen, dass im 18ten Jahrhundert keiner die Konzentration des Kapitals in Konzernen und Aktiengesellschaften und sonstigen Kapitalgesellschaften voraussehen konnte, welche zu Monopolen und Oligopolen im erheblichen Umfang führte, und somit eine Selbstregulierung auf den Märkten zumeist unmöglich macht.Die Share-Holder-Ideologie führt u. a. dazu, dass der Egoismus der Kapitalgesellschaften lediglich auf die Schaffung von Dividenden und auf die Erzielung von Kursgewinnen ausgerichtet ist. Diese Dividenden werden an Kapitalgeber ausgezahlt. Keineswegs wird beispielsweise ein Konzern mehr produzieren, wenn dadurch die Preise der Produkte sinken. Viel interessanter erscheint es dann, über die Senkung der Kosten die Rendite zu erhöhen. Die Liste kapitalistischer Handlungsweisen, welche die so genannten Märkte unterlaufen, ließe sich beliebig erweitern.
Als Vordenker des Neoliberalismus gelten Milton Friedman (4) und Friedrich August von Hayek, welche die Thesen von Adam Smith wieder aufgriffen, und die„Selbstheilungskräfte“ und die „unsichtbare Hand“ wieder propagierten. Beide erhielten für ihre theoretischen Arbeiten den Nobelpreis. Insbesondere Milton Friedman vertrat die These vom so genannten Nachtwächterstaat, der sich aus dem wirtschaftlichen Geschehen herauszuhalten habe. Er redete der totalen Privatisierung das Wort, was zu geradezu grotesken Handlungen führte. Ronald Reagan machte sich die Thesen von Milton Friedman zu Nutze, um eine radikale Umverteilung von unten nach oben umzusetzen. Als besonders fanatische Anhänger Adam Smith gilt die „Tea-Party“ in den USA, welche die „unsichtbare Hand“, und das egoistische Besitzstreben mit religiösen Thesen untermauern.
Die Neoliberalen behaupten, dass staatliche Mehrausgaben keinen Einfluss auf die Konjunktur nehmen, dass der Multiplikatoreffekt eine Legende, und der Wohlstand der Nachkriegszeit allein auf die Liberalisierung der Weltwirtschaft zurückzuführen sei. Die Neoklassiker schwören jeder aktiven staatlichen Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik ab, und setzen auf die Selbstheilungskräfte des Marktes, die – auf lange Sicht – stark genug seien, eine Volkswirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu rücken.
Es kann festgestellt werden, dass der Neoliberalismus als gescheitert anzusehen ist, und die Bewältigung der entstandenen Probleme und Verwerfungen noch einige Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Es bleibt zu hoffen, dass gewisse Kreise erkennen, dass die Theorien von Adam Smith aus dem 18ten Jahrhundert stammen. In einer Zeit, als sich Menschen die Freiheit nahmen, die Freiheit anderer Menschen nicht nur einzuschränken, sondern zu beseitigen. Auch wäre es erstrebenswert, dass der Begriff „marktkonforme Demokratie“ aus dem Vokabular selbsternannter Ökonomen endgültig verschwindet, und eine Missachtung von Arbeit künftig unterbleibt (5).


(1)http://www.youtube.com/watch?v=8qnVDfGdFs4
(2) http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_3372/
(3) http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_3058/
(4) http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_3021/
(5) http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_3928/



Literaturhinweise:
Paul-Heinz Koesters: Ökonomen verändern die Welt
Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen
Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle
John Kenneth Galbraith: Die Tyrannei der Umstände

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