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Erschienen in Ausgabe: No 87 (05/2013) Letzte Änderung: 08.05.13

Das Dilemma des Chefs in neoliberalen Zeiten

von Adorján F. Kovács

Motivationskurse und -schulungen sind en vogue. Manager in Leitungspositionen werden in Trainingscamps geschickt. "Im Grunde geht es da immer um drei größere Themen: Führung, Motivation, Persönlichkeitsentwicklung", sagt Linde-Personalchef Werner Boekels. Um Menschen für eine Sache zu begeistern, muss man sie motivieren, heißt es. Das ist aber nur teilweise richtig. Motivieren muss man nur die Mittelmäßigen. Das ist keineswegs negativ gemeint, handelt es sich hierbei doch um die große Mehrheit der Menschen. Die wenigen wirklich Begabten müssen nicht motiviert werden. Sie motivieren sich selbst. Das kann zum Problem werden.
Was bedeutet Motivation heute? Auch früher schon, aber in einer neoliberalen kapitalistischen Gesellschaft erst recht bedeutet sie zuallererst Geld. Doch der Mensch ist auch ein soziales Wesen mit dem Bedürfnis nach immateriellem Kapital. Er braucht Anerkennung. Sie ist zwar schon mal nicht schlecht, noch besser aber ist Macht. Macht über andere Menschen. Anderen sagen können, was sie zu tun haben, was sie zu lassen haben, ist Macht. Ob diese Menschen nun aufgrund von Respekt, aus Anerkennung oder aus Angst gehorchen, ist dem Machtinhaber zunächst einmal egal; er hat formaljuristisch das Recht auf seiner Seite, weil er als Führungspersonal den Status quo stützt, und bleibt, einmal installiert, wenn er nicht ganz grobe Fehler macht, im Amt (oder wechselt nach Entlassung aus der einen in eine andere Leitungsposition).
Darum werden mittelmäßige Menschen vor allem dadurch für eine Sache motiviert, dass ihnen die Möglichkeit eröffnet wird, irgendwann viel Geld zu verdienen oder eine Führungsposition zu erreichen, in der sie Macht haben. Sie sind also nicht von der Sache fasziniert, sondern vom Geld oder von der Macht, die sich mit der Führungsposition verbinden. Bei entsprechender individueller Konstitution kann allerdings viel Geld allein für fehlende Macht entschädigen; Macht ohne entsprechende Bezahlung kann ebenfalls befriedigend genug sein für Menschen, denen es mehr darauf ankommt, „am großen Rad zu drehen“ und „etwas zu bewegen“. Oft wird Machtverlust durch Geld kompensiert. Geld und Macht: Am besten ist beides zugleich.
Diese Fakten bedeuten natürlich, dass die Sache nicht die Hauptrolle spielt bei der Motivation, sich mit ihr zu befassen. Entsprechend dürften die Ergebnisse sein. Es kann nur gehobener Durchschnitt erwartet werden. Dennoch sind diese Führungspersonen ungemein wichtig und notwendig, um den normalen Betrieb aufrecht zu erhalten. Auch haben diese Menschen gewisse besondere Fähigkeiten, die sie in ihre Position gelangen ließen. Sie sind ehrgeizig, fleißig, haben ein Gespür für Geld und können im weitesten Sinne Menschen führen, managen. Sie sind in der Lage, ihre Sache in ein günstiges Licht zu setzen, zu vermarkten. Nur darf man die so Leitenden nicht mit den wirklich Begabten gleichsetzen, weil sie von der grundsätzlichen Konstruktion her nicht aus dem Mittelmaß herausragen, sondern nur an dessen Decke kratzen dürfen.
Wirklich neue sachliche Impulse darf man von den Chefs nicht erwarten, auch weil die Energien dieser Menschen völlig von der genannten Motivation absorbiert werden. Nur diejenigen Menschen, die ein genuines Interesse und vor allem eine große Begabung für eine Sache mitbringen, werden wirklich neue Impulse geben können. Für sie ist die Sache entscheidend und das Wichtigste. Darum brauchen sie auch keine Motivation im genannten Sinn. Das Lob ergibt sich für diese Menschen aus der Sache selbst. Genau das macht sie aber im normalen Betrieb so verletzlich. Denn dies ist der Grund dafür, dass so viele begabte Menschen zwar große Leistungen für ihre Sache vollbringen, aber viel zu wenig Geld verdienen oder in der Hierarchie nicht nach oben kommen. Für sie ist das, was für die Mittelmäßigen im Vordergrund steht, nämlich das Geld oder die Karriere, nebensächlich. Viele dieser wenigen idealistischen Menschen bleiben in einer schlecht bezahlten, untergeordneten Position, obwohl sie sehen, dass sie sachlich besser sind als die ihnen vorgeordnete Führungsperson. Sie müssen sich eben ernähren und sind häufig bis zur Blindheit engagiert. Oft ist es auch die Leistung der Führungsperson, den begabten Menschen zu halten, indem ihm Sand in die Augen gestreut wird, durch eine Ehrung etwa, die wenig kostet. Er zieht ohnehin aus der Sache selbst seine Hauptbefriedigung. Neoliberal betrachtet ist der begabte Mensch doof, weil er nicht viel Geld und Macht will.
Das heißt natürlich nicht, dass jeder Mensch, der keine Führungsposition erreicht, begabt ist. Und selbstverständlich müssen Chefs auch in der Sache bis zu einem gewissen Grad kompetent sein. Es heißt aber, dass die Anforderungen für eine Führungsposition sich in aller Regel deutlich unterscheiden von dem, was sachlich gefordert und von der Sache her am besten wäre. Dieses Dilemma bestand zwar schon immer so, ist aber durch die neoliberale Fixierung auf rein finanziellen Erfolg noch wesentlich verschärft worden.
Wenn bei der Besetzung von Führungspositionen unter neoliberalen Gesichtspunkten die bevorzugt ausgewählt werden, die Geld akkumulieren und gut managen können, darf man sich nicht wundern, wenn in der Sache selbst mehr und mehr Stillstand eintritt. Momentan wird diese negative Folge noch kaschiert durch die Neudefinition von Erfolg. Neoliberal definierter Erfolg heißt nicht, dass eine Sache erfolgreich betrieben wird, sondern dass mit ihr viel Geld verdient wird. Gutes Management bedeutet ferner, dass die Sichtbarkeit einer Sache durch Marketing erhöht wird. Das ist aber nicht unbedingt korreliert mit sachlicher Qualität. Es wird also der Erfolg entsprechend seiner Neudefinition bewertet. Auch dies ist eine neoliberale Technik. Sie kommt den Geld- und Machtbedürfnissen der Mittelmäßigen entgegen. Insofern ist der Neoliberalismus tatsächlich eine den meisten Menschen entgegenkommende Ideologie, die von ihren Verteidigern ja darum auch gerne als dem Menschen angemessen und demokratisch bezeichnet wird.
Wenn heute verlogen bedauert wird, dass zum Beispiel ein Mozart nie eine ihm sachlich zustehende Stellung einnahm, muss man dabei doch die feudale Gesellschaft berücksichtigen, in der er lebte. Heute würde er aber noch weniger eine ihm zustehende Stellung finden. Echte Begabungen sind aus den genannten Gründen meist gesellschaftlich auf der Strecke geblieben und werden dies unter dem neoliberalen Regime zunehmend tun. Ausnahmen haben immer schon die Regel bestätigt. Der Erfolg der neoliberalen Ideologie, den sie sich selbst bescheinigt, wird einer in der Breite sein, er wird eine kolossale Mittelmäßigkeit fördern, eine gehobene Durchschnittlichkeit etablieren.
Dennoch wird es weiter Vorstöße in die Tiefe und in die Spitze geben. Aber trotz und nicht wegen der gesellschaftlichen Voraussetzungen, sondern einfach weil es immer begabte Menschen geben wird, die von einer Sache fasziniert sind und sie sehr gut machen, auf Geld und Macht jedoch keinen Wert legen. Der neoliberale Ansatz verlässt sich in zunehmend zynischer Weise darauf, dass solche Menschen sich schon finden werden, die so doof sind, auf die ihnen zustehende materielle und soziale Rekompensation zu verzichten. Ob dies aber die ideale Voraussetzung für eine positivere Entwicklung unserer Gesellschaft ist, wage ich zu bezweifeln. Im Grunde ist die neoliberal organisierte Gesellschaft gegenüber echter Begabung mindestens ebenso borniert wie eine von Clans oder dem Adel angeführte.

Dieser Beitrag ist die geänderte Fassung eines im Buch des Verfassers „Deutsche Befindlichkeiten“ im Verlag Die Blaue Eule 2012 erschienenen Textes.

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