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Erschienen in Ausgabe: No 90 (08/2013) Letzte Änderung: 01.05.14

Wohin führt uns der Euro?

von Ingo Friedrich

1. Aus heutiger Sicht wurde der EURO zu früh und mit zu vielen Staaten eingeführt. Aber ihn heute »zurückzuschneiden« ist praktisch nicht möglich. Die feststellbaren Mängel müssen demzufolge auch im heutigen Währungsraum behandelt und beseitigt werden.
2. Die bisherige EURO-Diskussion umfasst auch nicht die Probleme, die wir bei Beibehaltung der DM gehabt hätten. Nicht nur die ständigen Aufwertungen der DM hätten uns auf Dauer sehr gestört, auch das unvermeidbare Diktat der Deutschen Bundesbank in Frankfurt hätte uns bei den Nachbarn wenig Sympathien eingebracht. Es ist das Problem unserer geographischen Mittellage und als Klassenprimus in der Mitte Europas ständig Anlass für Neid und Missgunst infolge unseres wirtschaftlichen Erfolges zu liefern. Über den Reicheren denkt man ganz schnell, der hat das zu meinen Lasten erreicht, selbst wenn es in diesem Fall Fleiß und eine vergleichsweise gute Politik (Schröders Reformen lassen grüßen) waren, die Deutschland in diese Rolle gebracht haben.
3. Die Krise der letzten Jahre setzte sich aus der Entwicklung von Immobilienblasen (Spanien und USA), von Bankpleiten (Lehmann Brothers), mangelnder Wettbewerbsfähigkeit bei den Südstaaten, Überschuldung dieser Staaten sowie hohen Leistungsbilanzdefiziten zusammen, wobei die niedrigen EURO-Zinsen die Kreditaufnahme dieser Staaten noch »beflügelten«.
4. Eine Krisenbewältigung muss deshalb bei allen Aspekten ansetzen. Eine Vielzahl von Maßnahmen zur Bankenkontrolle, zur Reduzierung von Blasenbildungen und zur Eindämmung der Staatsverschuldung sind eingeleitet. Es bleibt das zentrale Problem der unterschiedlichen Wettbewerbsfähigkeit.
5. Vor der EURO-Zeit konnte die Wettbewerbsfähigkeit durch eine »normale« Abwertung wieder hergestellt, bzw. »simuliert« werden. Nach dem EURO-Beitritt muss statt der normalen Abwertung durch eine INNERE ABWERTUNG ein analoger Wettbewerbseffekt angestrebt werden. Das ist zwar sehr viel schwieriger, aber - wie einige Länder beweisen - nicht aussichtslos, ja unvermeidbar, selbst wenn es unpopulär ist.
6. Innere Abwertung bedeutet schmerzhafte Reduzierung von Kosten, Löhnen, Gehältern und Renten. Das wäre ähnlich wie bei einer normalen Abwertung ist aber nun viel härter und deutlicher sichtbar und spürbar.
7. Vor EU-Europa stehen schwierige Anpassungsjahre, aber so große Ziele wie die Schaffung eines neuen zentralen Faktors der Weltpolitik, der europäische Werteglobal und glaubwürdig vertreten will, sind offenbar nur mit großen Anstrengungen erreichbar.
8. Auf die Frage an Prof. Sinn wie die europäische Wirtschafts- und Währungswelt in den nächsten 10 Jahren aussehen wird, antwortete er wie folgt: der EURO wird bleiben, aber es wird ein bisschen mehr Inflation in Europa und in Deutschland, eine etwas höhere Transferzahlungen für die Überschussländer und eine deutlich höhere innere Abwertung in den peripheren Staaten mit entsprechenden innenpolitischen Akzeptanzproblemen geben sowie immer mal wieder einen Schuldenschnitt bzw. Rettungsaktionen, a la Griechenland, Zypern und Irland. Diese Einschätzung wird von mir weitgehend geteilt.
9. Natürlich kann man über Tempo und Ausmaß der inneren Abwertung immer streiten, aber an der grundsätzlichen Unvermeidbarkeit eines derartigen Weges kann es kaum Zweifel geben.
10.Um mit einer philosophischen Weisheit zu enden: Sicher würden wir alle viel lieber in einer sicheren, überschaubaren, gerechteren Welt leben, aber so ganz gelingt uns das noch nicht. Unser Leben in Deutschland mag im Vergleich zu früheren Jahrhunderten und im Vergleich zu anderen Ländern ein bisschen besser sein, aber eine Idylle ist noch lange nicht. Nach wie vor gilt das biblische Wort wonach "das Leben [...], wenn’s köstlich gewesen ist, ist’s Mühe und Arbeit gewesen."

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