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Erschienen in Ausgabe: No 88 (06/2013) Letzte Änderung: 25.05.13

Der Elfte Tag – Doku-Schau über die Überlebenden des Olympia-Attentats 1972

Der geplante Gedenkraum in München

von Anna Zanco-Prestel

Das Attentat auf die israelische Mannschaft während der Münchner Olympiade 1972 gilt generell als Auftakt des internationalen Terrorismus, der seitdem den Rhythmus unserer Tage skandiert. Das Attentat wurde in zahlreichen Filmen – u.a. von Steven Spielberg - rekonstruiert, analysiert und interpretiert. Zum 40. Jahrestag des blutigen Massakers hat Emanuel Rotstein vom TV-History unter dem Titel „Der elfte Tag“ eine umfangreiche Dokumentation produziert, die nun im Rahmen des diesjährigen DOKfests in Kooperation mit der Europäischen Janus Korczak Akademie e.V. im Arri-Kino präsentiert wurde.
Die Idee zum Film war bei Emanuel Rotstein durch die Einsicht gereift, dass sich bis dahin niemand mit den Überlebenden des Anschlags beschäftigt hatte. Eine Gruppe von Menschen, die in dem Anschlag involviert und anschließend aus der Geschichte „ausgeklammert“ wurde. Rotsteins Vorschlag, sie nach so langer Zeit selbst zu Worte kommen zu lassen, Ihre Rolle zu beleuchten, ohne jene der Opfer nicht im Geringsten in den Schatten zu stellen, wurde von den Betroffenen mit Erleichterung, sogar mit Freude aufgenommen. Die Reise von Israel nach München der 7 Überlebenden im Februar 2012 war – wie in einem der bewegenden Interviews verlautete - der „Versuch, die fehlenden Teile einer unglaublichen Tragödie zusammenzufügen...damit der Kreis sich endlich schließt...“. Ergriffen erzählen die Fechter Dan Alon und Yehuda Weinstain, der Leichtathlet Shaul Paul Ladany, der Ringer Gad Tsabary, die Sportschützen Henry Hershkovitz und Zelig Shtorch sowie der Schwimmtrainer Avraham Melamed von ihren Ängsten, während sich das Drama der Opfer in unmittelbarer Nähe vollzieht, von ihren Emotionen, als entschieden wird, die Spiele - ohne sie – fortzusetzen, denn „the show must go on...“. Und von der unendlichen Trauer, die sie bei ihrer Rückkehr nach Israel befällt, von den Schuldgefühlen, die sie - wie sonst so oft bei Überlebenden der Shoah – mit der wiederkehrenden Frage konfrontieren: „Warum ich und nicht die Anderen?“ Schließlich von den Folgen einer Tat, die ihr Leben als Leistungssportler und Menschen für immer verändert. Dabei hatte die Teilnahme an der Olympiade in München für die israelischen Sportler einen besonderen Stellenwert. Deutschen Boden als Olympia-Teilnehmer betreten zu dürfen, war für sie den willkommenen Anlass, der Welt zu beweisen, dass sie als Juden überlebt hatten... Der Geist, in dem die Olympische Spiele in München ins Leben gerufen wurden, war – so in deren Berichten – heiter und sehr international, nichts sollte an die vorausgegangenen Spiele von 1936, an deren großspurigen Inszenierung im Dienste der NS-Propaganda zurück denken lassen. Alles war perfekt organisiert. Alles für alle offen. Man traf sich in freier und lockerer Atmosphäre unter Sportlern aller Nationen: Israelis mit Libanesen und Syriern und sogar mit Ägyptern, zu einem Zeitpunkt, in dem der Friedensvertrag noch nicht unterzeichnet war. Bis zu jenem elften Tag, jenem 5. September 1972, von dem die Dokumentation ihren Titel bezieht: Der Tag des Anschlags. Viele die Fragen, die bis heute noch offen geblieben sind. Allen anderen voran: Wie konnte es dazu kommen, dass keine präventiven Schutzmaßnahmen getroffen wurden und dass israelischen Sicherheitskräften nicht erlaubt wurde, das eigene Team zu beschützen? Fragen, denen immer noch nachgegangen wird und die vielleicht in einer fernen Zukunft oder auch niemals eine Antwort finden werden. Wie viele andere hier und sonst wo. Erörtert wurden sie während der Podiumsdiskussion im Anschluss auf die Vorführung, die von Armand Presser eingeführt und moderiert wurde. Diskussionsteilnehmer vor einem zahlreich erschienenen, sichtlich gerührten Publikum waren - neben Emanuel Rotstein - der israelische Generalkonsul Tibor Shalev Schlosser, der persönliche Erinnerungen und Eindrücke hinein brachte. Die Erinnerung an seine Betroffenheit, als er elfjährig in Israel vom Attentat erfuhr. Die Erinnerung an seine Verwunderung im April 2011 bei seinem Antrittsbesuch in München noch vor seiner offiziellen Einsetzung als Konsul in der Landeshauptstadt, als er sich in Begleitung der bekannten Sportlerin und Überlebende Esther Rot-Shahamorov auf die Suche nach den Spuren des Attentats begab und nur eine Tafel in der Conolly-Straße 31 im Olympia-Dorf vorfand. Seitdem habe er es sich zur Aufgabe gemacht, sich für die Entstehung einer „Gedenkraums“ einzusetzen, wofür er die Zustimmung vom Ministerpräsidenten Horst Seehofer bereits erhalten habe. Das Projekt soll in etwa 1 ½ Jahr in Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt München und der Israelitischen Kultusgemeinde zur Ausführung gelangen. Als Teil des Ganzen soll auch in der Nähe vom Turm am Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck, wo die meisten Sportler den Tod fanden, eine Begegnungsstätte für junge Menschen entstehen, die auch einen Raum für gemeinsame deutsch-israelische Künstlerprojekte bieten soll. Im vergangenen Jahr wurde mit einer für viele völlig unverständlichen Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees den Vorschlag abgelehnt, bei Eröffnung der Olympischen Spiele 2012 in London, eine Gedenkminute für die Opfer des Münchner-Attentats einzulegen. Der geplante Gedenkraum in München soll über die Ereignisse informieren, bei denen – so Generalkonsul Schlosser die „Olympische Idee für politische Zwecke als Geisel genommen wurden“. Dramatische, unvergessliche Ereignisse, bei denen nicht nur elf israelische Geisel, ein deutscher Polizeibeamter und fünf Terroristen ihr Leben lassen mussten, sondern Deutschland selbst zum Opfer wurde, das Land, dessen Bestreben es war, sich bei jenem freudigen Anlass, in „ein neues Licht zu zeigen“.

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