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Erschienen in Ausgabe: No 89 (07/2013) Letzte Änderung: 25.06.13

Der Aufstieg in die „herrschende Klasse“
Zum Tod des DDR-Malers Willi Sitte am 8. Juni

von Jörg Bernhard Bilke

Die nordböhmische Kleinstadt Kratzau, an der Bahnstrecke von Reichenberg nach Zittau in Sachsen gelegen, hat, obwohl kaum 5000 Einwohner groß, im 19./20. Jahrhundert vier Maler von Bedeutung hervorgebracht: Joseph Ritter von Führich (1800-1876), der Anhänger der Kunstrichtung der Nazarener war, Gustav Kratzmann (1812-1902) und Wilhelm Kandler (1816-1896). Der vierte Maler aus Kratzau war der am 8. Juni in Halle an der Saale verstorbene Willi Sitte (1921-2013), der sowohl von den Nationalsozialisten wie auch von den Kommunisten gefördert wurde und sich dennoch unbeliebt machte. Er studierte seit 1936 an der Kunstschule des Gewerbemuseums in Reichenberg und wurde 1940 von dort an die 1938 eingeweihte „Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei“in Kronenburg/Eifel empfohlen. Seine Kritik an den politischen Aufgaben, die der Kunst dort gestellt wurden, nämlich: die „Blut und Boden“-Ideologie mit künstlerischen Mitteln zu verbreiten, führte dazu, dass er 1941 zur „Wehrmacht“ an die Ostfront einberufen wurde. Dort aber wurde er mit Gelbsucht infiziert, wurde nach einem Heimaturlaub in Italien eingesetzt und desertierte 1944 zu den italienischen Partisanen.
Nach dem Krieg lebte Willi Sitte einige Monate in Mailand, Vicenza und Venedig, kehrte aber 1946 nach Kratzau zurück, von wo er 1946 mit seinen sudetendeutschen Landsleuten in die Sowjetische Besatzungszone vertrieben wurde. Er kam nach Halle an der Saale, wurde 1947 SED-Mitglied und bekam 1951 einen Lehrauftrag an der 1879 gegründeten Kunstschule Burg Giebichenstein, wo er 1959 zum Professor ernannt wurde. Damals, in den fünfziger Jahren, soll er Vertreter einer fast oppositionellen Künstlergruppe gewesen sein, die vom Staat Unabhängigkeit bei der künstlerischen Arbeit gefordert hätte. Sio soll er auch mit den Schriftstellerin Christa Wolf (1929-2011), Sarah (1935-2013) und Rainer Kirsch (1934) sowie der Schauspielerin Eva-Maria Hagen (1934) befreundet gewesen sein.
Der Aufstieg in die Parteihierarchie, woran diese Freundschaften zerbrachen, begann 1964, drei Jahre nach dem Bau der Mauer in Berlin, Sein Verrat an früheren Positionen und sein Eintreten für die Kunst des „Sozialistischen Realismus“ wurden vom Staat belohnt. So wurde er 1969 Mitglied der „Akademie der Künste“, 1974 Präsident des 1950 gegründeten „Verbandes Bildender Künstler“, 1976Mitglied des Scheinparlaments „Volkskammer“. Im Jahr 1979 folgte der „Nationalpreis“ erster Klasse und 1986 die Aufnahme in das ZK der SED. Höher konnte man nicht steigen! Um Mitglied im Politbüro zu werden, benötigte man andere Qualitäten.
Noch zu DDR-Zeiten wurde Willi Sitte zur „Viererbande“ gerechnet, wie die bedeutendsten DDR-Maler genannt wurden, zu der noch der Schlesier Bernhard Heisig(1925-2011) , Wolfgang Mattheuer(1927-2004) aus dem Vogtland und Werner Tübke (1929-2004) aus Schöebeck/Elbe gehörten. Die staatliche Apotheose des Künstlers ging so weit, dass 1967 eines seiner Bilder auf einer DDR-Briefmarke erschien. Nach dem Mauerfall werden seine staatsnahen Gemälde wie „Leid, Kampf und Sieg der Roten Fahne“ oder „Chemiearbeiter am Schaltpult“nicht mehr gezeigt. Im wiedervereinigten Deutschland löste sein nachhaltiges Bekenntnis zum Kommunismus nachträglich ohnehin nur Befremden und heftige Diskussionen aus. So konnte eine 2001 im „Germanischen Nationalmuseum“ in Nürnberg geplante Ausstellung zum 80. Geburtstag nicht gezeigt werden, weil dier Rolle des Malers als DDR-Kulturfunktionär noch nicht ausreichend geklärt schien. Im sächsischen Merseburg dagegen wurde fünf Jahre später, zum 85. Geburtstag, die „Willi-Sitte-Galerie“ eröffnet.


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