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Erschienen in Ausgabe: No 91 (09/2013) Letzte Änderung: 19.08.13

Der Einfluss der Religionen auf die Kulturen

von Nathan Warszawski

Der Einfluss der Religion auf die Gesellschaft wird nicht weniger, er nimmt zu. Trotz neuen und alten Kriegen, Unruhen und Attentaten berichten alle Medien über ein international bedeutendes religiöses Thema, welches auf den ersten Blick nicht als solches erkannt wird: Die Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen.
Die Bibel verbietet den Beischlaf zwischen zwei Männern, ahndet ihn mit der Todesstrafe, weil der männliche Samen nicht seinen von Gott bestimmten Zweck erfüllt. Der Beischlaf zwischen zwei Frauen findet wegen fehlender Onanie keine Erwähnung. Die Religionen der Bibel verstehen unter einer Ehe (noch) die Verbindung zwischen zwei Menschen verschiedenen Geschlechts. Warum wollen Homosexuelle heiraten?
Die Ehe ist von ihrem Anbeginn an ein Sakrament gewesen, auch wenn es verschiedene christliche Konfessionen heute abstreiten. Homosexuelle, die ihren Neigungen nachgehen/nachgeben, wissen, dass sie gegen die Vorschriften der Bibel handeln. Verständlich, wenn sie Antitheisten wären. Doch nein! Sie streben das Sakrament der Ehe an, zunächst in Form der zivilen Ehe.
Das bedeutet, dass Menschen, die die überlieferten Grundsätze der Religion verletzen, die Religion suchen. Bedarf es eines stärkeren Beweises, dass Religionen auch heute in alltäglichen Dingen überaus wichtig sind?
Die Wissenschaften haben noch nicht endgültig erforscht, ob unsere nächsten tierischen Verwandte über Transzendenz nachdenken. Wir wissen nicht, wann der erste Mensch an Gott, an Götter glaubte. Archäologische Artefakte lassen annehmen, dass die Beschäftigung mit der Transzendenz genau so alt wie die Menschheit ist. Erst durch die Beschäftigung mit Gott ist der Mensch Mensch geworden. Die Religion findet ihr Abbild in der menschlichen Gesellschaft und vice versa. In der Ägyptischen Hochkultur ist der König, der Pharao, ein Nachkomme der Götter. Nach seinem Tod wird er selber zum Gott. Wer wagt, ihm zu seinen Lebzeiten zu widersprechen, ihn anzugreifen? Niemand kann sich seiner Rache entziehen, sobald er Gott geworden sein wird: weder zu Lebzeiten, noch im Tod. Das ägyptische Herrschaftssystem bildet die Gesellschaft der Götter mehr oder weniger vollkommen ab.
Woran erinnert die Demokratie in der griechischen Polis? Politische Ämter darf nur derjenige bekleiden, der es sich leisten kann, für seinen Lebensunterhalt andere arbeiten lässt, kein Banause ist. Wie auf dem himmlischen Olymp bilden sich in der irdischen Polis wechselnde Koalitionen, um den obersten Herrscher zu hintergehen.
Römische Kaiser werden nach ihrem menschlichen Tod zu Göttern erhoben. Im Mittelalter streiten Papst und Kaiser über die weltliche Macht. Die Geschichte der Azteken, Mayas, Chinesen und Japaner ist ebenfalls von Religion durchsetzt.
Bis zur Aufklärung im 17. Jahrhundert kommen die allermeisten Menschen nicht auf den Gedanken, dass Gott nicht existiert. Erst mit der Aufklärung beginnt der Kampf gegen die Existenz Gottes, gegen Religion und Kirche. Die Aufklärung hat den Kampf in diesem Punkt grandios verloren.
Beschränken wir uns auf Länder, in denen die monotheistische Religion vorherrscht, die auf die hebräische Bibel beruht: beide Amerikas, Europa, Australien, Afrika mit kleinen Ausnahmen und der größte Teil Asiens. Nicht nur hier werden Monate mit heiligen lateinischen Namen belegt. Oft sind es Götter oder Imperatoren, die nach ihrem Tod Götter geworden sind. Die Kalenderjahre werden nach religiösen Ereignissen gezählt. Nach der Französischen Revolution scheitert der Versuch, einen Kalender einzuführen, der nicht auf die alten Religionen basiert.
Religionen wandeln sich. Alte vergehen, neue entstehen, sie existieren nebeneinander, bekämpfen sich, reiben sich aneinander, passen sich einander an. Homosexualität als grundsätzliches menschliches Bedürfnis ist unter Gläubigen nicht selten, auch unter Priestern. Selbst chassidische Juden kennen Homosexualität, die sich dank neuer Medien nicht mehr vertuschen lässt. Eines nicht fernen Tages werden die meisten Religionen der gleichgeschlechtlichen Ehe das Sakrament erteilen. Manche Evangelische Kirche in Deutschland sind Vorreiter.
Die menschliche Gesellschaft basiert auf Religion. Wie in der Religion steht an ihrer Spitze ein Herrscher, der das Sagen hat. Nicht nur in der Politik. Auch Wirtschaft und Familie verhalten sich religionskonform. Es gibt wenige radikal-demokratische Ausnahmen.
Zum Beispiel die Schweiz mit ihrer direkten Demokratie. Die Herrschaftsunterschiede zu repräsentativen demokratischen Staaten werden jedoch immer kleiner. Landwirtschaftliche Kollektive, Kibbutzim mit unbedingtem demokratischem Mandat, haben eine außergewöhnlich wichtige Rolle im Aufbau des Staates Israel gespielt. Heute spielen sie im Staat ein untergeordnete Rolle, nachdem sich ihre direkte Demokratie aufgelöst hat. Umschriebenen religiösen Gemeinschaften in der Neuen Welt gelingt es bis heute erfolgreich, sich von den politischen Vorstellungen der Religion abzusetzen. Eine Übertragung ihrer gesellschaftlichen antireligiösen Vorstellungen auf den Gesamtstaat ist ausgeschlossen.
Es klaffen große logische Lücken in der Beweiskette. Sie werden geschlossen werden. Vielen wird der Gedanke an die zunehmende Bedeutung der Religionen nicht gefallen, sodass sie ihn ablehnen werden. Die „Leugner“ sollten bedenken:
Vielen Menschen ist der Glaube an einem persönlichen Schöpfergott abhanden gekommen. Sie verschließen sich der Transzendenz und wenden sich neuen Religionen zu. Die auffälligste und größte neue deutsche Religion ist der Glaube an den menschengenachten Klimawandel. Die Positionen der Gläubigen und der Häretiker stehen sich kompromisslos gegenüber. Schon wird zur Verfolgung der Abweichler aufgerufen. Geopfert wird wie früher Geld. Mancher Priester des menschengenachten Klimawandels leben sehr gut davon. Wie in der Antike und im Mittelalter übernehmen Regierungen den Glauben, um wiedergewählt zu werden. Jedes Naturereignis, und findet es auch im fernen Japan statt, wird als Zeichen des Gottes der neuen Religion interpretiert. Selbst eine Farbe hat sich die neue Religion zugelegt, die bisher dem Islam vorbehalten war.
Die Abhandlung drängt zur Frage, worauf die Religionen basieren. Die Antwort ist einem eigenen Aufsatz vorbehalten.

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Antwort auf die Kritik von R. Trobisch

Warszawski 30.06.2013 17:55

Die Kritik basiert auf meine Aussage, dass heutige Werte religiös sind, aber nur religionsbasiert sein sollten. Als Beispiel habe ich die zivile Ehe angeführt. Vor einer Beantwortung ordne ich die Argumente des Kritikers. --------------------------------------------------------------- Die Begriffe „religiös“ und „religionsbasiert“ verfügen über eine große Überschneidung. Ich habe mich bewusst für „religiös“ entschieden, da dieses Wort die Realität trifft. Selbstverständlich bietet die Ehe finanzielle Anreize und sicherlich wird sie auch deshalb geschlossen, was die Abschaffung dieser Anreize zur Folge haben wird, wozu ich kein Hellseher sein muss. Betrachtet man den Ablauf einer zivilen Ehe, so fällt bereits mit wenig Fantasie auf, dass der Standesbeamte in die Rolle des Priesters schlüpft und geweihte Worte spricht. Zuweilen weinen einige der Zuschauer. Das soll zwar auch bei anderen finanziellen Transaktionen vorkommen, wenn auch äußerst selten. Bei einer romantischen Ehe auf See verheiratet der Kapitän als oberster staatlicher Vertreter die Eheleute. Hier ist das Sakrament mit allen Sinnen greifbar, auch wenn anschließend an Land die Ehe „verrechtlicht“ ist. Wenn wir außerhalb des deutschen Tellerrandes blicken, dann sehen wir, dass in verschiedenen entwickelten und unterentwickelten Ländern ein Priester die zivile Ehe zelebriert. --------------------------------------------------------------- Das Argument der „Verrechtlichung“, der finanziellen Absicherung spricht nicht im Mindesten gegen das religiöse Sakrament. Selbst höchstkirchliche Ehen im Mittelalter erfolgten aus finanziellen und politischen Gründen. --------------------------------------------------------------- Mein Satz „Homosexuelle, die ihren Neigungen nachgehen/nachgeben, wissen, dass sie gegen die Vorschriften der Bibel handeln.“ irritiert den geschätzten Kritiker, da Homosexualität als Neigung zu definieren beinahe unzulässig, zumindest fragwürdig ist. Denn bei Homosexualität handelt es sich um eine sexuelle Orientierung, NICHT um eine Neigung. Nun will ich der medizinischen Forschung nicht vorgreifen, auch wenn ich nicht geschrieben habe, dass Homosexualität eine Neigung sei. Ich habe lediglich mitgeteilt, dass es Homosexuelle gibt, die ihren Neigungen nachgehen/nachgeben. Ich habe nicht erwähnt, dass auch Heterosexuelle ihren Neigungen nachgehen/nachgeben. „Neigung“ bezieht sich nicht auf Homo- oder Heterosexualität, sondern auf die Befriedigung des sexuellen Triebes, die unabhängig von der sexuellen Orientierung erfolgt oder auch nicht. Siehe Zölibat. Die Bibel verfolgt nicht den Menschen, der homosexuell ist, sondern erst dann wenn er seiner Neigung nachgegangen ist/nachgegeben hat. --------------------------------------------------------------- Der Kritiker schreibt, dass meine Argumente Einblick in mein irritierendes Welt- und Menschenbild geben. Dafür bin ich dankbar, denn somit hat mein Schreiben seinen Sinn und seinen Zweck erfüllt. Es soll zum Denken anregen, auch mit Hilfe der Irritation.

Wer Skepsis äußert, ist ein "Leugner"?!

Tropico 29.06.2013 19:34

Es ist durchaus nachvollziehbar, wenn argumentiert wird, dass die meisten Werte religionsbasiert sind, aber religionsbasiert ist nicht religiös! Demnach ist es argumentativ nicht schlüssig, wenn der Wunsch der Heirat gleichgeschlechtlicher Paare als zwingend religöses Bedürfnis interpretiert wird. "Homosexuelle, die ihren Neigungen nachgehen/nachgeben, wissen, dass sie gegen die Vorschriften der Bibel handeln. Verständlich, wenn sie Antitheisten wären. Doch nein! Sie streben das Sakrament der Ehe an, zunächst in Form der zivilen Ehe." Dieser Absatz muss unter anthropoligischen Gesichtspunkten irritieren: Homosexualität als Neigung zu definieren ist eine beinah unzulässige, zumindest aber fragwürdige Bestimmung. Bei Homosexualität handelt es sich um eine sexuelle Orientierung, NICHT Neigung. Aber diese Feinheit wird hier unterschlagen. Das Problem daran ist, dass Neigungen durchaus als pathologisch angesehen werden können. So bietet allein schon diese Begriffsverwendung, dass Homosexualität in den Bereich der Pathologien gerückt werden kann - auch wenn dies vom Verfasser unbeabsichtig ist. Auch die Gleichsetzung der beiden Verben "nachgehen/nachgeben" ist problembehaftet. Einer Sache "nachgehen" beschreibt einen aktiven bewussten Vorgang. Das Subjekt ist sich seiner bewusst. Einer Sache nachgeben, verlagert das Subjekt in die Passitvität. Das Subjekt wird dort nur noch durch das das Subjekt dominierende Libidinöse, Triebhafte gesteuert. Wo also Nachgehen vom - um mit dem Freudschen Begriffsapparat zu sprechen - "Ich" ausgeht, bezieht sich "nachgeben" auf das "Es". Die darin implizierte Unterstellung, dass Homosexualität triebgesteuert ohne die Moderation des Bewusstseins (das freudsche "ICH") zu Tage tritt, ist allein schon an dem Punkt widersprüchlich, wo das Subjekt sich zur Homosexualität bekennt - was zwingend notwendig ist, sofern es heiraten will. Ferner ist die Begriffsverwendung "Vorschriften" im Bezug auf die Bibel interessant. Sie zeugt von einem autoritären Verständnis von Religion, dass nicht zwingend, also argumentativ begründet ist. Es handelt sich um eine Interpretation. Denn, dass man anstelle von Vorschriften ebensogut von Geboten sprechen kann, ist offenkundig. Auch der nächste Satz irritiert. Denn der Wunsch nach Heirat ist nicht zwingend (!) der Wunsch nach dem religiösen Sakrament. Hier kommt die eingangs dargelegte Unterscheidung von religiös und religionsbasiert zu tragen. Man denke nur an die dieses Jahr veröffentlichte globale Religionsstudie. Die Ehe als Institution ist verrechtlicht! Durch die Zubilligung von Rechten (Steuern, Fürsorgeverantwortung, etc.) bietet die Ehe in ihrer zivilen Form plausible Anreize. Darüber hinaus wird mit dem temporalen Adverb "zunächst" eine "hellseherische" Fähigkeit des Autors unter Beweis gestellt. Den Heiratenden wird unterstellt, die zivile Ehe nur unter der Absicht einzugehen, bzw. für sie zu streiten, um in unbestimmter Zukunft (zunächst) das eigentliche ontologische Bedürfnis befriedigen zu können - das Ehegelübte vor Gott. Diese generalisierende Unterstellung entbehrt jeder empirischen Grundlage. Wonach die darauf folgende Schlussfolgerung ebenfalls nicht objektiv begründbar ist: "Das bedeutet, dass Menschen, die die überlieferten Grundsätze der Religion verletzen, die Religion suchen." Man hat es hier mit einem klassischen Fehlschluss zu tun, der jeder Objektivität spottet. Vielmehr, und das habe ich versucht an der Sprache des Textes zu verdeutlichen, handelt es sich hier um eine Argumentation, die auf nichts anderem als Glauben und Vermutungen beruht. "Bedarf es eines stärkeren Beweises, dass Religionen auch heute in alltäglichen Dingen überaus wichtig sind?" Wo ist der Beweis? Ich stimme darin überein, dass Religionen auch heute noch wichtig sind - allein schon weil sie eine Zuflucht in die ontologische Sphäre bieten, in der die Dinge zu einem (scheinbaren) übergeordneten Zusammenhang verknüpft werden können. Mit den in diesem Text vorgebrachten Argumenten hat diese Ansicht allerdings nichts zu tun. Denn, um es mit einem Zitat aus dem Text zu sagen, "Es klaffen große logische Lücken in der Beweiskette." Das Ergebnis lautet nun nicht, dass die These falsifiziert ist, sondern nur, dass die vorgebrachten Argumente nicht taugen, die These zu begründen. Worin die Argumente allerdings Einblick geben, sind das irrittierende Welt- und Menschenbild des Autors. Mehr als ein Glaubenspostulat ist dieser Text somit nicht. Mit besten Grüßen, R. Trobisch.

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