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Erschienen in Ausgabe: No 91 (09/2013) Letzte Änderung: 19.08.13

Albtraum-Qualen mit Traum-Quartett:
Fulminante Verdi-Sänger in München: Opernfestspiel-Eröffnung mit „Il trovatore“

von Hans Gärtner

„Dreh dich, dreh dich, Bühnchen!“, „Opernpremiere im Verdi-Rausch“ oder „Das reinste Hohes-C-Vergnügen“ – alle diese Überschriften würden passen. Träfen, jede auf ihre Weise, den Kern des Berichtes über die funkelnde, aber dunkelnde Eröffnungspremiere der diesjährigen Münchner Opernfestspiele mit Giuseppe Verdis „Il trovatore“. Am Pult: ein Verdi-Kenner, ein Verdi-Anbeter, ein Verdi-Routinier aus Mailand, der in München nicht mehr unbekannte Paolo Carignani. Er nahm sich ungewöhnlich viel Zeit für die Arbeit mit dem groß aufdrehenden, aber auch manche versteckte Partitur-Finesse des Liebes- und Bruder(kriegs)-Dramas aus dem spanischen Mittelalter entdeckende Bayerische Staatsorchester und führte es souverän, wenn auch da und dort zu robust mit sänger-unfreundlicher Vehemenz. Ihm galten keine eklatanten Missfallensäußerungen der Premierengäste, wohl aber dem zweiten „Leiter“ dieses mit hoher Erwartungsspannung erlebten Abends, den aus Frankreich herbeigeholten Regisseur Olivier Py mit seinem Ausstatter Pierre-André Weitz. Sich der komplexen, ausschließlich in die Vergangenheit weisenden, dramaturgisch also mühsam sich schleppenden, wenig transparenten Handlung bewusst, verstrickte sich Py in ein psychologisches Schau(er)-Szenarium. Es herrschte Dunkelheit. Lichtlos – wie die zur Blinden mutierten Leonora – der sich ständig grundlos bewegende, rotierende, aktionistisch aufgeladene optische Rahmen, horrordynamisch ohne ersichtlichen Grund schwarzgefärbt. Das ist vier Teile hindurch schwer erträglich, zumal es Widerwärtiges in Form von Blut und nacktem Fleisch zu verdauen gilt – und wenig dazu beiträgt, die von Rache, verbotener Doppel-Liebe, Verrat und Mord nur so strotzende Oper verständlich zu machen.
Da lobt man sich halt – angesichts derartiger Albtraum-Qualen – die Stimmen, die hier zu einem Quartett (den fünften braven Mann, Kwangschul Youn als Ferrando nicht zu vergessen!) erster Güte verschmelzen. Das in seinen Rollen debütierende Traumpaar Anja Harteros (Leonora) und Jonas Kaufmann (Manrico), seit dem Nationaltheater-„Lohengrin“ von 20.. ) hochgehandelt und hochgejubelt, lässt mit ergreifenden Arien und Duetten allen szenischen Firlefanz vergessen. Die Harteros ist in dieser – von ihr zwingend weich und berückend im Legato bewältigten Partie – wohl konkurrenzlos weltweit. Kaufmanns grandios-virile Bühnenerscheinung, seine draufgängerische Art und tenoral herrlich abgedunkelte Überzeugungskraft geben dem Manrico Profil und Kontur. Von den beiden russischen Solisten sang sich die Azucena der auf „butterweich“ eingestellten, nie heroinenhaft dampfenden Elena Manistina in die Herzen selbst eingefleischt-kritischer Verdianer, während ihr Landsmann Alexey Markov zwar mit Wohlklang, nicht aber mit ausgereiftem Spiel aufwartete.
Dem Sängerstarkult zu verfallen droht das Münchner Publikum anhörlich solcher Supersterne des vokalen Ausdrucks. Wie halt seit Jahren, steht das Musik-Team mit Note 1 dem Regie-Team mit Note3 samt Abwärtstendenz diametral gegenüber. Die Entwicklung im Musiktheatermetier ist eher befremdlich als beflügelnd. Doch sind die satten, erhebenden, durchtragenden Melodien vor allem des Jahresregenten Giuseppe Verdi nicht totzukriegen. Die seit Monaten ausverkauften MünchnerFestspiel-„Troubadour“-Vorstellungen werden gottlob im November fortgeführt. Kaufmann und Manistina sind dann leider der Rest der Premierenbesetzung.

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