Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 90 (08/2013) Letzte Änderung: 31.07.13

Sintflut da und Sündflut dort

Alte Bilder und Handschriften als Verkündigung des Alten Testaments

von Hans Gärtner

AT in AP und BSB. Heißt in Langform: Altes Testament in Alter Pinakothek und Bayerischer Staatsbibliothek. Beide Münchner Häuser taten sich zusammen in Sachen jüdisch-hebräische Bibel. Sie präsentieren Schätze – die meisten aus jeweils eigenem Bestand – die an Erzählkraft und theologischer Bedeutung und Aussage einerseits, andererseits aber auch an rein kulturhistorischem Wert kaum zu überbieten sind.
Die Kuratoren Elisabeth Hipp und Martin Schawe sind zuständig für Konzept, Auswahl, Beschriftung (es gibt ein sehr gut informierendes Booklet) und Hängung der Schau „Das Alte Testament – Geschichten und Gestalten“ in der Alten Pinakothek. Dabei sind sie ebenso glückvoll wie im pädagogisch-didaktischen Anspruch pfiffig zu Werke gegangen.
In zwei relativ kleinen Sälen versammeln sie da ein paar der berühmtesten Barockmaler, die sich an Themen des AT entzündeten (von Albrecht Altdorfer über Hans Baldung-Grien, Rembrandt und Rubens bis Claude Lorrain), dort, gedacht als Einstieg, Gemälde des Spätmittelalters und der beginnenden Frühen Neuzeit. Sie schicken den Besucher aber noch ein drittes Mal weg, diesmal auf auf eine längere und wohl auch mühevollere Strecke, nämlich ins Erd- und erste Obergeschoß des Leo-von-Klenze-Baus, um unter den dort ständig hängenden Tafelbildern und Bildtafeln AT-„Bezügliches“ selbst zu entdecken. Auf dieser den Besucher aktivierenden Spurensuche begegnen ihm dann beispielsweise erneut Adam und Eva, diesmal nicht wie im Spätmittelalter-Saal von Lucas Cranach d. Ä. gemalt, sondern von Rogier van der Weyden.
Den „Topos“-Bedeutungen von Bildern wie denen zu Isaaks Opfer mit dem Verweis auf den Opfertod Christi am Kreuz, zum Brennenden Dornbusch, dessen Feuer Moses unbeschadet ließ, zu David und Salomo, zur Vision des Propheten Ezechiel und vielen weiteren „Topoi“ des ersten Bibelteils, die sich im zweiten widerspiegeln, gesellt sich das umwerfende Motiv der „Sintflut“, wie es der Maler Hans Baldung, genannt Grien, vor etwa 500 Jahren auf die Leinwand brachte. Diese Leihgabe der dem Südbayern leider zu wenig bekannten, großartigen Museen der Stadt Bamberg überwältigt in ihrer dramatischen Wucht derart, dass es – obwohl nicht aus dem Eigenbestand Münchens genommen – zum Plakatmotiv avancierte: In ihrer Verzweiflung klammert sich Mensch und Tier, dem Ertrinken nahe, an die auf Anhieb als überdimensionalen Schatzkasten wahrgenommene Arche Noah, um dem – welch aktueller Bezug! – verheerenden Hochwasser zu entkommen.
Aber die sündige Menschheit musste in biblischer Vorzeit büßen, wie sie es bis heute muss – und so fällt auch in der wiederum völlig im notwendigen Dunkel versinkenden Schatzkammer der Bayerischen Staatsbibliothek sofort ein Pendant zum archaischen Hochwasser-Thema auf: Szenen des „Sündflut“-Mythos, die Hans Mielich für das Riesenformat einer Prachtausgabe des „Bußpsalmen-Kodex“ von Orlando di Lasso ins Auge. Die aufgeschlagenen beiden Seiten dehnen sich – mit ihrem fünf Stimmen-Notenbild, für Chöre wegen der Entfernung sehr groß, also gut von weitem sichtbar aufgemalt – bis in die Geschichte des Turmbaus von Babel aus. Im Katalog des Quaternio Verlags Luzern, den die BSB in ihrem Museumshop (18 Euro) anbietet, schreibt Bernhold Schmid dezidiert über diese Kostbarkeit (wie seine Kolleginnen und Kollegen über die anderen Exponate ausführen) und geht auch auf die Rolle des Hofkapellen-Chefs ein, den Bayern-Herzog Albrecht V. an die Münchner Residenz verpflichtete.
Die BSB leistet mit ihrer, syrische, hebräische und arabische Schriften von hohem Seltenheitswert einbeziehenden, Ergänzungs-Schau „Das Alte Testament und sein Umfeld. Vom Babylonischen Talmud zu Lassos Bußpsalmen“ einen willkommenen Beitrag zum 21. Kongress der “International Organization for the Study of the Old Testament” (IOSOT, zu dem die LMU vom 4. bis 9. August eingeladen hat. Beide Ausstellungen, die sich auf wunderbare Weise ergänzen, werden bis 20. Oktober gezeigt.

Bild
Bild

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück