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Erschienen in Ausgabe: No 91 (09/2013) Letzte Änderung: 19.08.13

Konferenzen am Genfer See

von Nathan Warszawski

Vor 75 Jahren hat die Konferenz von Evian am Genfer See in Frankreich stattgefunden. Vier Monate vor der Reichspogromnacht und ein Jahr vor dem Zweiten Weltkrieg versuchen 32 Staaten, den Juden bei der Auswanderung aus Deutschland und Österreich zu helfen, um ihnen das Leben zu retten. Der Versuch scheitert.
75 Jahre später, nach mehr als 100.000 Toten und zwei Millionen Flüchtlingen in Syrien, kommt eine weitere Konferenz am Genfer See mit dem unheilvollen Namen „Genf-2“ nicht zustande. Auch hier hätte darüber gesprochen werden sollen, Menschen bei ihrer Flucht zu helfen, um Leben zu retten. Der Genfer See bringt Flüchtlingen kein Glück.
Die Historiker streiten sich weiterhin, warum die erste Genfer Konferenz gescheitert ist und ob die versagenden teilnehmenden Staaten Mitschuld am Genozid an die Juden tragen. Über das Scheitern der zweiten Genfer Konferenz debattieren noch nicht Historiker, sondern Journalisten.
Gibt es zwischen beiden Konferenzen eine Verbindung?
Damals wie heute sieht die Welt mit schönen Worten tatenlos zu, wie Menschen umgebracht werden. 1938 will niemand die anstehende Katastrophe sehen, 2013 wird die unübersehbare Katastrophe schicksalhaft als Kismet gedeutet. Damals haben Antisemiten die Hilfe hintertrieben. Heute hintertreiben sie die Gleichgültigen.
Gibt es zwischen Antisemitismus und Gleichgültigkeit eine Verbindung?
Dazu müssen wir in die 2000-jährige Geschichte des europäischen Antisemitismus eintauchen. Die kurzgefasste Quintessenz lautet, dass für Antisemiten der Sinn der Welt im Juden und im Judentum besteht. Der Jude ist schuldig, denn er verkörpert das Böse. Das Böse ist jüdisch. Wenn der Jude Zinsen eintreibt, dann ist Zinseintreiben jüdisch. Wenn der Jude fliehen muss, verkörpert der Flüchtling den Juden. Die Abneigung vieler Deutschen gegen Vertriebenen aus dem Osten, gegen Gastarbeitern und Asylanten lässt sich damit gut erklären. Der heutige Widerstand in Deutschland und Europa richtet sich nicht speziell gegen Flüchtlinge aus Syrien, sondern gegen Flüchtlinge allgemein. Zum Glück der Flüchtlinge sind die Mehrheit der Deutschen und Europäer keine Antisemiten. Doch deren Bedeutung reicht aus, den Flüchtlingen zu schaden.
Etwa zwei Millionen Menschen aus Syrien ist die Flucht ins nahe Ausland gelungen. Sie sitzen zum großen Teil in Lagern in der Türkei, im Irak, in Jordanien und in Libanon. Von den Einheimischen werden die muslimischen Araber und Kurden eher freundlich aufgenommen. Die Türkei verweigert aus strategisch-politischen Gründen weiteren Flüchtlingen den Zutritt, die Kapazitäten Jordaniens sind erschöpft, der Krieg ist nach Libanon übergeschwappt. Junge Mädchen aus den jordanischen Lagern werden an reichen älteren Männern von der Arabischen Halbinsel für ein Handgeld für eine gewisse Zeit verheiratet, um dem Rest der Familie ein Überleben zu ermöglichen.
Obwohl der Hass auf Juden im Nahen Osten die Bevölkerung stärker als in Deutschland und Europa durchdringt, wird den Flüchtlingen geholfen. Die Flüchtlinge gelten dort somit nicht als Juden, die das Böse verkörpern, obwohl nachweisbar ist, dass in Ägypten Politiker und geistliche Führer ihre Feinde gerne als Juden bezeichnen. Es besteht somit die begründete Gefahr, dass der islamische vom europäischen Antisemitismus das Böse als jüdisch übernimmt, mit der Folge, dass auch vielen arabischen und muslimischen Kriegsflüchtlingen jegliche humanitäre Hilfe im Nahen Osten verwehrt wird, so wie zur Zeit in Deutschland und Europa.
Die Flüchtlingstragödie endet nicht mit Syrien. Die Unruhen in Ägypten und anderen aktuellen oder baldigen failed states im Norden Afrikas werden gerne mit den Begriffen „Arabischer Frühling“ oder „Arabellion“ verbrämt. Nur zögerlich setzt sich die Einsicht durch, dass die Vertreibung der jeweiligen Machthaber nicht sosehr auf den moralischen Wunsch einer demokratischen Verwirklichung beruht, sondern auf den berechtigten Wunsch, Hunger und Armut zu entkommen. Zum Ende ihrer chaotischen Herrschaft am Nil empfehlen die herrschenden Islamisten den Ägyptern, weniger zu essen, da die Nahrungsmittel nicht ausgereichen. Ob Demokrat oder Diktator: Nur derjenige wird auf Dauer die Macht halten, der das Volk satt macht.
Die EU darf mit einer starken Zunahme von Flüchtlingen rechnen, die über das Mittelmeer das gelobte Europa erreichen wollen. Europa weiß, wie es sich der Flüchtlinge erwehren kann. Sie wird ihre Anstrengungen erhöhen.
Seit der Konferenz von Evian am Genfer See vor 75 Jahren hat sich Europa weit bewegt, wirtschaftlich, militärisch und ideologisch. Der Hunger ist verschwunden, ein kriegerischer Angriff ist nicht zu erwarten, Demokratie ist eine Selbstverständlichkeit. Lediglich die Folgen des europäischen Antisemitismus werden nicht verstanden, weder für Juden, noch für andere Bedrängten. Es wird noch Millionen von Toten brauchen.

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