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Erschienen in Ausgabe: No 91 (09/2013) Letzte Änderung: 21.08.13

Ein „queres“ Leben: Über John Irvings Neuling „In einer Person“

von Hans Gärtner

Ein sportlicher Typ, dieser John Irving. Noch mit 70 Jahren, die er seit März 2013 bereits auf dem Buckel hat. Mit seinem 13. Roman in der Aktenmappe kreuzte er bereits durch die Literaturhäuser, auch durch die deutschen. Und gab nebenher Interviews, die zum Teil sehr freizügig, stets aber frisch und frei von der Leber weg aussehen. Irving nimmt kein Blatt vor den Mund. Gibt Auskunft über Privates. Sieht auf Fotos aber abgekämpft aus. Er findet dysfunktionale Familien interessanter als harmonische. Da unterscheidet der große Irving sich wohl nicht von Zunftkollegen seines Kalibers. „Stellen Sie sich vor“, sagte er, „wenn ich auf die Frage nach meinem nächsten Buch antworten würde: Well – diesmal geht es um eine überaus lange und glückliche Ehe.“
„In einer Person“ (Diogenes Verlag, 726 Seiten, 24,90 Euro) führt Ehen vor, die kurz sind, labil, bedroht, brüchig, zum Scheitern verurteilt. Schon die kurze Ehe der Mutter seines in der Ich-Form erzählenden Helden Bill Abbott, Irvings Alter Ego in vieler Hinsicht. Er ist im nämlichen Jahr wie sein Erfinder, 1942, geboren, auch in New England, Vermont. Schon diese Liaison mit einem – wie sich freilich erst viel später herausstellt – schwulen Mann, der bis ins hohe Alter als Entertainer arbeitete. Neugierig wie Sohn Billy ist, hat er ihn nach langen Jahren, die ihn selbst schon zu einem alten Herrn gemacht hatten, in einer zwielichtigen Bar in Madrid aufgetrieben. Zusammen mit seinem Geliebten, seinem besten Menschen unter der Sonne.
Hat Billy die Veranlagung, neben Frauen auch Männer zu lieben, am Ende gar geerbt? Die Gen-Forschung müsste erst einmal bestätigen, dass es so etwas gibt. Billy heißt nur kurz nach seinem leiblichen Vater, bis er dann, als Junge noch, wo er in einem Kaff an der amerikanischen Ostküste aufwächst, den Namen seines (geliebten, lange verehrten) Stiefvaters Robert Abbott erhält. Unter diesem Namen wird er, auch in diesem Punkt seinem Erfinder John Irving ähnlich, zu einem (nicht eben berühmten, aber bekannten) Schriftsteller.
Gut 700 Seiten zieht sich das mit allen Wassern gewaschene „quere“ Leben des Bill Abbott dahin – nicht immer zur reinen Freude des Lesers, der mit Wiederholungen rechnen, die er hinnehmen muss, schon deshalb, um den Faden nicht zu verlieren. Er wird konfrontiert mit einer turbulenten, geradezu abenteuerlichen, also unwahrscheinlichen Story eines bisexuell aktiven Mannes, der sich selbst toll und attraktiv findet, der intellektuell ist, Shakespeare liest und spielt – und damit in Gefilden des gendermäßig Nicht-Festgelegten agiert. Der ein Mädchen, klug und praktisch begabt, lebenstüchtiger als alle übrigen Irving-Gestalten, liebt, mit dem er streckenweise zusammenlebt, der einen Großvater hat, der auf der Laienbühne des Örtchens, wo man in Lehrerwohnungen unterkommen konnte (weil man vielfach dem Lehrkörper angehörte), seit Jahren die Frauenrollen übernimmt, mit Leidenschaft und Hingabe sich einen Fan-Kreis besonderer Art schaffen kann – und im wirklichen Leben ein Sägewerksbetreiber im Holzfällerhemd ist.
Das Personal dieses Romans: ausgefallen, ausgeflippt, exzentrisch, verdorben, hinterhältig, intrigant, mittelständisch-kitschig – die Mischung ist einmalig. Wo gibt es das: Shakespeare gehört zum Leben der Gemeinde (wie anderswo der Kirchgang oder das Wirtshaus), ihrer Laienspieler und Lehrer, wie das tägliche Brot. Wunderbar, die Bühnenstücke, die einstudiert werden, auf die Irving natürlich zu sprechen kommt, ohne deren Kenntnis (man müsste nebenbei „Was ihr wollt“, „King Lear“ und „Romeo und Julia“ lesen!) der Leser sich schwer tut, den Witz, der oft versteckt ist, zu verstehen.
Verstehen – da ist vieles, was John Irving dem Leser zumutet. Skurriles ist man ja von ihm gewohnt, aber solche Figuren wie die seiner unglaublichen „Miss Frost“, die ein Mann ist, sind schon, Grandpa Harry inklusive, auch die Psychologin, die Bill wegen Ausspracheproblemen aufsucht und die ausgerechnet die Mutter seiner liebsten Freundin ist (mit deren BH unterm Kopfkissen er jahrelang schläft, ohne sie sexuell zu erobern) und viele andere Nebenfiguren gehören einem Panoptikum der Ausnahmephänomene menschlichen Daseins an. Unvergesslich. Szenen, die bleiben, gibt es alle 20 Seiten neu. Sie fügen sich wunderbar, Irving ist sehr exakt! Manche lässt er freilich im Nebel des Geheimnisvollen hängen, etwa die von Bills Erlernen des „Durchschlüpfers“, seine Eingliederung in einen noblen New Yorker Ringerclub, erst recht aber die Geschichte mit dem Kloschüssel-Rutsch, aufgrund dessen Bills Vater seinen Geliebten auf hoher See findet, Mr. Bovary.
Das Bizarre lebe hoch! Es geht bei Irving um Identität und ihre Gewinnung, um Vaterverlust und seine Verarbeitung, um die Unwägbarkeiten, denen menschliche Existenz unweigerlich ausgesetzt ist, von der ersten Seite an. Das ganze Buch erscheint als ausgedehntes, pittoreskes und grotesk anmutendes Plädoyer für Toleranz. Für Akzeptanz von Anderssein, wobei allerdings nur wenig Beachtung dem religiösen Aspekt des Ausscherens aus der Norm geschenkt wird. Irving scheint damit Probleme zu haben. Er war Leistungssportler, bevor er 1978 (mit „Garp und wie er die Welt sah“) den Durchbruch als Autor schaffte. Kennt sich einigermaßen in Wien aus, örtlich und sprachlich. In Wien, so sagte er im Interview (SZ 266/2012), saß er im Kaffeehaus und versuchte, `Die Blechtrommel` von Günter Grass, mit dem er befreundet ist, auf Deutsch zu lesen. Auch Grass hat skurrile Typen kreiert, die faszinieren, allerdings blieben diese seinem Erstlingswerk vorbehalten. Bei Irving folgt in Kürze der 14. Roman. An Absonderlichkeiten kann der nicht noch zulegen. „In einer Person“ hat da bereits alles ausgeschlachtet, was in dieser Hinsicht gibt.
Ein sattes, aber auch verdammt durchwachsenes, sich über ein halbes Jahrhundert hinziehendes Leseabenteuer ist es, sich auf John Irvings „In einer Person“ einzulassen. Liebe als Freundschaft, Liebe als Begierde (beiderlei Geschlechts), Liebe als Kostbarkeit, Liebe in den schillerndsten Farben, die sich nur denken lassen. Und ein sich ewiges Selbstverlieren und -rückgewinnen.

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