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Erschienen in Ausgabe: No 93 (11/2013) Letzte Änderung: 21.10.13

Die alltäglichen Absurditäten des Lebens

von Heike Geilen

Ein permanent verspätetes Kaninchen, das verwirrende Selbstgespräche führt, eine ungeduldige Königin, die ständig anderer Leute Köpfe fordert, ein altkluges Ei, das auf einer Mauer sitzt und den Wörtern neue Bedeutungen gibt - wohl jeder kennt das berühmte Kinderbuch von Lewis Carroll. In ihm betritt Alice eine Welt voller Absurditäten, in welcher die herkömmliche Logik und die alltäglichen Verhaltensregeln aufgehoben sind. Fieberhaft sucht sie nach dem Sinn im Unsinn und gerät dabei selber völlig aus dem Lot. Mit seinem Weltbestseller "Alice im Wunderland" schuf Lewis Carroll ein surreales Traumspiel, eine verstörende Begegnung der Protagonistin mit sich selbst und der ewig drängenden Frage: Wer bin ich eigentlich?
Ähnliche Fragen stellt sich auch Frank Kunert. Der 1963 geborene Fotograf und Modellbauer widmet sich seit einigen Jahren schwerpunktmäßig dem Gestalten und Fotografieren einer selbstgeschaffenen skurrilen Miniaturwelt, die gewisse Parallelen zu Carrolls literarischer Erfindung aufweist. Allerdings bevölkert Kunerts Wunderland kein Lebewesen, sondern bei ihm "scheinen die Menschen den Raum erst betreten zu wollen, oder sie haben ihn längst verlassen - und nur ihre Spuren bleiben zurück.", wie es Elizabeth Clarke in ihrem begleitenden Essay formuliert.
Allesamt haben die 24, in diesem Buch abgebildeten Arbeiten Frank Kunerts aussage- und schlagkräftige Namen. "Kleinod", "Goldene Zeiten" oder "Geschlossene Gesellschaft" bewegen sich stets im Spannungsfeld von Tiefgründigkeit und Leichtigkeit. So ist zum Beispiel bei ersterem ein liebevoll gestalteter Balkon zu sehen, der aus einem Atommeiler herausragt, im Hintergrund flankiert von rauchenden Kühltürmen und Schornsteinschloten. "Goldene Zeiten" wiederum zeigt einen heruntergekommenen, von Wellblechzäunen umhausten Wohnblock, auf dessen Dach mit großen roten Lettern das Wörtchen "Fortuna" prangt. Aus seiner bröckelnden Seitenwand ragt ein absurd großer Duschkopf, der einen glitzernden Haufen Goldtaler ausgespien hat. "Geschlossene Gesellschaft" strahlt auf den ersten Blick eine behagliche Atmosphäre aus. Warmes Licht dringt aus dem Inneren in eine kalte Winterwelt. Der Betrachter schaut durch bodentiefe Fenster auf eine prächtig geschmückte Festtafel. Doch ein Stuhl steht schneebedeckt vor der Scheibe. Obwohl er eigentlich das Tafelende markiert und für diesen Gast ein Gedeck aufgelegt wurde, trennt dennoch das Glas den Einzelnen von der Gesellschaft im Inneren.
Elizabeth Clarke weiß die Szenerien des Künstlers treffend zu analysieren: "So, wie die nicht anwesenden Bewohner in Frank Kunerts Werken, leben auch wir in einem Wunderland. Wunderlich, was wir so alles veranstalten, um unser leben auf eine oft absurde Weise in den Griff zu bekommen. Wunderlich, wie wir es immer wieder schaffen, unsere Augen vor dem zu verschließen, was uns nicht gut tut. Wunderlich, wie wir Problemen mit einer Ignoranz begegnen, wie es nur Betriebsblinde zu verstehen wissen. Wunderlich auch, welch große Anstrengungen wir unternehmen, Dinge in unserem Leben zu verbessern und dabei meisterhaft knapp an des Pudels Kern vorbeigreifen."
Fazit: "Frank Kunert gibt unseren vergangenen Spuren einen wertschätzenden Rahmen, und seine kleinen Welten sind auf eigenwillige Weise eine Liebeserklärung an die vielen Geschichten des Alltags - unsere Geschichten." (Elizabeth Clarke: Hinter der Fassade)
Einmal tragisch, dann wieder humorvoll, zuweilen auch ambivalent zeigen sich seine wunderbaren, fotografisch in Szene gesetzten Miniaturmodelle, die durch den zweisprachigen Essay (deutsch/englisch) von Elizabeth Clarke eine großartig erläuternde Ergänzung erhalten haben.


Frank Kunert
Wunderland
Herausgegeben von Thilo von Debschitz. Mit einem Essay von Elizabeth Clarke
Hatje Cantz Verlag (August 2013)
72 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3775735836
ISBN-13: 978-3775735834
Preis: 16,80 EUR

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