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Erschienen in Ausgabe: No 95 (01/2014) Letzte Änderung: 20.12.13

Im Interview der Verleger und Medienunternehmer Eduard Kastner

von Eduard Kastner

Herr Kastner, wir leben in einer multimedialen Welt, die Nutzung des Internets steigt kontinuierlich, das Fernsehsehen bleibt stabil, aber die Bundesbürger lesen immer weniger. Braucht es noch Bücher oder ist das Medium überholt?

Es kommt natürlich darauf an, ob Sie das auf Print-Medien beziehen. Erwiesenermaßen wird mehr gelesen, gerade über die elektronischen Medien. Es steigt auch die Motivation dadurch, mehr „Print“ zu lesen: wegen der persönlichen Wichtigkeit des Gelesenen oder den variierenden Umständen des Lesens. Elektronische Medien bekommen so den Teaser-Status, um danach – bei Bedeutung – die Contents in Print zu „verewigen“.

Der große Trend im Internet sind derzeit Medienportale mit kurzen Videobotschaften, sehen Sie darin mehr als einen Zeitgeist?

Es ist Teil der „Arbeitsteilung“: schnelle Information per E-Medium, Nacharbeitung per Print. Ob dabei immer Video-Botschaften an Bord sind, bezweifle ich. Sie sind eher aufwendig herzustellen, aber wünschenswert, weil sie viel mehr Informationen enthalten. Es war immer Ziel aller Medien, wichtige Inhalte in sehr kompakter Weise schnell zu verbreiten. Wo bleibt da noch Platz für „Zeitgeist“. Natürlich zwingt uns das Internet dazu um so mehr. Aber damit engt sich das Internet ein, wird zum „Vorabkanal“. Will es das? Womöglich wird es nicht gefragt, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Mobile-Darstellung kommt diesem Trend entgegen und schafft damit Platz für umfangreiche Hintergrundinformationen – das muss nicht nur Print bedeuten. Es sind Hybrid-Formen bei uns bereits tägliche Praxis.

Glauben Sie, dass das E-Book die Lesegewohnheiten verändert?

Jedes neue Medium verändert die Lesegewohnheiten. Es fragt sich nur, wohin. Das E-Book ermutigt, schnell in neue Inhalte einzutauchen, sie zu testen. Ob ein typischer E-Book-Nutzer in den Urlaub noch Print-Bücher mitnehmen will, bezweifle ich. Dazwischen liegt die tägliche Wahrheit.

Sie scheinen mit Ihrem Angebot, insbesondere auf dem Schulbuchsektor ein krisenfreies Segment zu bedienen, ist dem so?

Natürlich sind Anweisungen an den Pädagogen dann krisenfest, wenn sie allein und nur in Print angeboten werden. Aber wie lange ist dies noch Realität? Wir leben von der Tradition, von Gewohnheiten. Allerdings ist der Raum der elektronischen Medien derzeit noch sehr eng. Echt gearbeitet wird mit Print. Die elektronischen Medien dienen der Präsentation in der Klasse. In 10 Jahren wird dies anders aussehen.

Warum ist es schwerer, den Lesern beizubringen, dass sie für Journalismus auch im Internet bezahlen müssen?

Es ist nicht nur schwerer, schlichtweg sehr schwer. Wir zögern noch, für unsere sehr breiten Dienste (z. B. www.hallertau.info) etwas zu verlangen. Dabei haben wir kaum Gegenfinanzierung über Werbung. Diese Form der Meinungsvielfalt fällt bei uns unter demokratischen Luxus, den wir bieten, weil die Printmedien uns (noch) den finanziellen Spielraum geben. Andere werden schneller gezwungen sein, etwas zu verlangen – oder die journalistische Qualität auf Facebook-Niveau abzusenken. Es kann nur nichts verlangt werden, wenn es (fast) nichts kostet. So kann es nur Qualitätsjournalismus geben, wenn dafür über ein Abo etc. gezahlt wird. Doch der User entscheidet, welche Qualität er akzeptiert. Hier gibt es Verwerfungen zwischen Internet und Print.

Was verstehen Sie unter „Druckkultur“?

Das Wort besteht aus zwei Teilen: „druck“, weil wir das können und wir darin eine starke Position einnehmen und „Kultur“, die wir bewusst pflegen via Ausstellungen, Konzerte und vieles andere. Diese Form der „Kultur“ braucht immer irgendwie „druck“. Unsere Einladungen sind so aufwändig, dass sie elektronisch nicht gänzlich erfassbar sind, der Kick fehlte. Wir zeigen damit, dass „Kultur“ in gedruckter Form mehr bietet als elektronische Animation. Die „druckKultur“ behandelt aber viele andere Themen rund um Medien, Innovationen, Konjunturprognose u.v.m.. Sie bildet unsere/meine Welt ab und zeigt weit über „Print“ hinaus. Die Grundlagen kommen aber aus dem „druck“, wie wir ihn seit 115 Jahren auf den Markt bringen. Druck ist ein Kulturgut der Zukunft.

Wie könnte Ihrer Meinung nach die Zukunft der Printmedien aussehen?

Sie meinen, wie die Printmedien sich entwickeln? Davon abzukoppeln ist die Frage ihrer Herstellung und damit, wie sie physisch aussehen. Bleiben wir bei der Entwicklung der Printmedien. Generell wird immer ein gewisser Prozentsatz der Kommunikation die Papierform wählen: wenn etwas wichtig ist, besondere Aufmerksamkeit erreichen soll, Vertrauen ins Spiel gebracht wird oder gewisse Traditionen erfüllt werden müssen. Bei der Verpackung wird Papier/Pappe zunehmen. Hinzu kommt das veränderte Verhalten zukünftiger Generationen: die elektronischen Medien sind noch so jung, das sich bei ihnen noch sehr viel Neues ergeben wird. Das alles wird Print einschränken/verändern. Neue Medien werden entstehen. Das Buch wird sich auf Edelbände oder Billigware zurückziehen (müssen). Zeitungen verlieren in der heutigen Form ihre Berechtigung. Sie überleben als Hintergrundinformation, Unterhaltungsmedium etc. mit Wochenrhythmus. Fachzeitschriften wandern ähnlich ins Netz. Hinzu kommt die Möglichkeit jedes Haushalts- Arbeitsplatzes, sich das Medium in Papier selbst auszudrucken. Hier stehen wir also erst am Anfang. Es ist aber nur zu logisch. Dabei werden neue Formate entstehen.

Sie erweitern in Zeiten der Krise ihr Verlagshaus, wo sehen Sie die Potentiale der nächsten Jahre?

Weil Zeitschriften jetzt noch Print sind, nehmen wir so viele auf wie möglich. Auch bei Edelbüchern strengen wir uns an. Wir versuchen, kurz- und mittelfristig so viel Print wie möglich in unsere Eigenregie aufzunehmen. Noch mehr werden wir Verpackungen ausbauen. Wenn die neue Drucktechnik des Rollendigitaldruckes am Markt sich installiert, müssen wir voll dabei sein.

Wie sieht das Druckhaus der Zukunft aus? Empfehlen Sie wie ein die Banken bei Anlagen ein gemischtes Portfolio, hier nun eins aus Internet und Print?

Das Druckhaus der Zukunft ist eine reine industrielle Installation. Vorne wird eine Rolle Papier reingeschoben, seitlich kommen die Umschläge o.ä. hinzu (online oder offline) und hinten verlässt ein fertiges Produkt die Anlage, postalisch bereits aufbereitet. Lediglich im Verpackungsdruck u.ä. bleibt die bisherige Technik noch sehr lange. Wegen des Portfolios brauchen Sie die anderen Medien, d.h. das Drucken ist nur eine Ausgabeform. Mehr Mehrwert wird in der jetzigen „Vorstufe“ erzeugt ähnlich vielfältig wie in der Molekularbiologie. Gedruckt kann z.B. auch als 3D in Kunststoff werden.

Was haben wir unter Software-Engineering und Softwarearchitektur?

Die Software ist nur der größere Schlüssel zur Produktion in der „Vorstufe“. Auch hier wird sich noch viel ändern. Viele Nutzen der Zukunft werden immateriell ausgegeben, quasi als App. Die Software der Zukunft gleicht mehr einem großen Organismus.

Welche Potentiale sehen Sie im digitalen Bilddruck?

Die digitale Drucktechnik, konkret als Rollendigitaldruck mit Ink-Jet-Technik, steht vor dem qualitativen Durchbruch. Es wird sich ein „schöneres“ Druckbild ergeben als in Offset. Die Tinte wird nicht teurer sein als jetzt die Druckfarbe.

Herr Kastner, müssen wir uns von der „Weltmacht Papier“ verabschieden? All unser Wissen, unsere Werte, unsere Kunst verdanken wir dem gedruckten Wort und den Bildern auf Papier, das Abendland war immer eine Schriftkultur!

Sicherlich wird Papier seine Weltmacht verlieren wie z.B. Spanien einst die Welt regierte. Doch es gibt im heutigen Spanien noch viel Lebensqualität. Das Kostbarste wird immer materiell bleiben wie z.B. Kunstwerke, Urkunden, Geldscheine etc.. So ist der Mensch angelegt. Im Netz gibt es keine Sicherheit noch Geborgenheit. Papier wird es immer geben – nur eben relativ weniger.

Herzlichen Dank für das Gespräch, das Dr. Dr. Stefan Groß führte

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