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Erschienen in Ausgabe: No 95 (01/2014) Letzte Änderung: 20.12.13

Jüdisches Kulturleben im Münchner Herbst

von Anna Zanco-Prestel

„Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen“
Hilde Domin

Die 1987 ins Leben gerufenen „Jüdischen Kulturtage“ waren ein erster Versuch, jüdische Kultur in München nach Jahren der völligen Entfremdung als Folge der Shoah wieder präsent und spürbar zu machen. Daran erinnerte die Vorsitzende der seit 1981 bestehenden „Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition“, Frau Ilse Ruth Snopkowski bei Eröffnung der 27. Edition im Festsaal vom Alten Rathaus. Durch den Abend unter dem Titel „Nur eine Rose als Stütze“ führte mit viel Charme die namhafte Schauspielerin Marianne Sägebrecht, die vom talentierten Violinisten Lenn Kudrjawizki begleitet, tief bewegende Gedichte von Hilde Domin vorlas. Es folgte in den nächsten Tagen ein abwechslungsreiches Programm mit Konzerten bedeutender Künstler wie das Yamma Ensemble aus Israel mit einem Mix aus westlicher und orientalischer Musik oder das Trio Yas, das mit seinen Klängen eine Brücke zwischen Klezmer und Israel zu schlagen wusste. Unter dem Titel „Der Jüdische Wagner“ wurde im 200. Jubiläumsjahr des sächsischen Komponisten ein Gesprächskonzert mit der ungarischen Pianistin Erika Lux, die einige Bearbeitungen wagnerscher Musik jüdischer Interpreten spielte. Kommentiert wurden die musikalischen Beispiele mit viel Humor vom Direktor des „Neuen Zentrums für Jüdische Musik“ in der Villa Seligmann in Hannover Prof. Andor Iszàk, der auf die Faszination einging, die Wagner trotz seines Antisemitismus in jüdischen Kreisen zu Lebzeiten und später ausübte. Von ihm war zu erfahren, wie auf einem Zionisten-Kongress in Basel die Tannhäuser-Ouverture als eine Art Hymne gespielt wurde, nachdem ausgerechnet jene wagnersche Oper, die Theodor Herzog in Paris gesehen hatte, seine Idee eines Juden-Staates beflügelt hatte. Fritz Kortners Spielfilm „Der Ruf“ von 1949 führte in das Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit zurück. Er erzählt von der Remigration eines in der NS-Zeit in die USA emigrierten jüdischen Professors, der - von der Nostalgie zur verlassenen Heimat getrieben - dem Ruf einer deutschen Universität folgt und auf Ablehnung und Missgunst seitens der Kollegen und Studenten stößt. Eine traurige Geschichte mit tragischem Ende, die biografische Züge des bekannten Regisseurs trägt, der auch meisterlich die Titelrolle übernimmt. Ein wertvoller Streifen und ein Zeitdokument zugleich über den schwierigen Neubeginn nach Kriegsende. Beendet wurde die Veranstaltungsreihe durch einen Vortrag auf höchsten Niveau von Prof. Dr. Stefan Schreiner aus der Universität Tübingen zum Thema „Konversion und Messianismus“. Akribisch rekonstruierte er die Lebenswege zweier bedeutenden Konvertiten der jüdischen Geschichte. Der erste war der aus Smyrna stammende Sabbatai Zwi (1626-1976 ), der eine messianische Bewegung gründete, die von Gaza aus über ganz Europa vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Kriegs große Verbreitung fand, und heute noch über Proselyten in der Türkei zählt. Im Osmanischen Reich wurde Zwi gezwungen, zum Islam zu übertreten und starb schließlich im Exil in Albanien. Elemente des Sabbaitismus tauchten bei der messianischen Strömung wieder auf, die der zweite Konvertit, der 1726 in Polen geborene Kabbalist Jakob Frank (1726-1791) unter dem Eindruck der Judenprogromen (Chmelnyzkyi-Aufstand) gegründet hatte, und die sich u.a. auch in Franken ausbreitete. Jakob Frank, der zunächst zum Islam und später zum Katholizismus übertrat, starb 1791 in Offenbach am Main, wo er in den Adelsstand erhoben worden war. Gehalten wurde der Vortrag im Jüdischen Museum im Rahmen der Ausstellung „Treten sie Ein. Treten sie aus“, in der die Gründe untersucht werden, die Menschen dazu bewegen ihre Religion zu wechseln. Viele der darin als „Miniatur-Biografien“ auch bildlich dargestellten Geschichten weisen auf Schicksale – oft tragische Schicksale – von Menschen, die Zeit ihres Lebens mit Vorurteilen zu kämpfen hatten und in einem Religionswechsel ihre Hoffnung auf Emanzipation vor Diskriminierung und Verfolgung setzten. Thematisiert wird der Wechsel zwischen den Konfessionen der drei monotheistischen Religionen wie die Übertritte zu asiatischen Weisheitslehren oder spirituellen Bewegungen afrikanischer Prägung. Dies auch anhand prominenter wie Heinrich Heine, Gustav Mahler, Max Jakob oder Edith Stein, die aus wohl unterschiedlichen Gründen den Schritt wagten, was sie nicht immer vor weiteren Ausgrenzung oder Verfolgung bewahrte. Mit einem Festakt im Burda-Saal des Jüdischen Gemeindezentrums in München ist am 12. Dezember an das vor 200 Jahre vom leitenden Ministers des Königs Max.I Max Joseph Graf von Montgelas erlassene „Judenedikt“ vom 10. Juni 1813 erinnert worden. Trotz restriktiver Maßnahmen, die die Einschreibung der Juden in „Matrikeln“ genannten Listen vorsahen, um deren Anzahl gering zu halten, galt das Edikt als Meilenstein im Zuge der Emanzipation. Durch eine Neuordnung rechtlicher Verhältnisse wurde Juden gestattet, Grundbesitz zu erwerben, Handelsunternehmen zu gründen, öffentliche Schulen zu besuchen und eigene Friedhöfe anzulegen. Der im Geiste der Aufklärung wirkende bayerischer Staatsreformer aus Savoyen, der zum Freimaurerbund gehörte und zeitweilig im Kreis der „Illuminaten“ stand, hatte sich ursprünglich für weitgehendere Reformen eingesetzt. Manche liberale Ansätze stießen jedoch auf den Widerstand der Münchner Bürgerschaft. Dies führte dazu, dass sich an einem Ort nur eine Höchstzahl jüdischer Familie niederlassen durfte und dass eine Heirat einer behördlichen Genehmigung unterworfen war. Die vollständige Gleichstellung der Juden sollte erst mit der Annahme der Verfassung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 erfolgen. Das Edikt war – wie die Präsidentin der Israelitischen Gemeinde Frau Dr. h.c. Charlotte Knobloch in ihrer Ansprache unterstrich - ein erster Schritt in diese Richtung, der sich positiv auf die Folgejahre auswirkte, nicht zuletzt durch die Gründung zwei Jahre später der Jüdischen Gemeinde, durch die Errichtung 1816 eines eigenen Friedhofs und durch den Bau der Synagoge an der Westenriederstraße nach Plänen des jungen bretonischen Architekten Jean-Baptiste Métivier.
Originale des Regierungsblattes vom 17.7.2013 sowie der Statistik des Innenministeriums von 1812 wurden anlässlich der Feier ausgestellt, die von Reden hochkarätiger Persönlichkeiten wie Innenmister Joachim Hermann und Tassilo Graf von Montgelas, der die Gelegenheit ergriff, für eine großzügigere Flüchtlingspolitik in Bayern zu plädieren. Höhepukt der auf die Initiative der Montgelas-Stiftung zurückgehende Veranstaltung war ein Vortrag von Prof. Dr. Phil. Rolf Kießling aus der philologisch-historischen Fakultät der Universität Augsburg zum Thema: „Gab es auch einen pragmatischeren Weg zur Emanzipation? Das Judenedikt vom 10.Juni 1813 aus der Sicht der Region“.


www.juedischekulturmuenchen.de
www.juedisches-museum-muenchen.de

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