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Erschienen in Ausgabe: No 95 (01/2014) Letzte Änderung: 22.12.13

Die gute Kritik „Die Wahrheit will keiner mehr hören.“-
Mit
„Willy 100“ gelingt dem Autor und Regisseur Johann Jakob Wurster ein in jedere Hinsicht überzeugendes Stück,mit wunderbarer Musik von Thomas Lotz.

von Axel Reitel

Alle: "Ja, das brächte uns an den Galgen, wie wir da sind." Shake. Sommernachtstraum, 1. Aufzug, 2 Szene. Eine Stube in der Hütte.

All. That would hang us every mother's son.
Shake. Midsummer Night's Dream, Act 1, Scene 2 The same. A Room in a Cottage.



Zu Willy Brandts 100stem Geburtstag liefert Wurster eine eher weniger bekannte Episode. Wir befinden uns im Berlin des Jahres 1936, kurz nach den Olympischen Spielen. Der 22jährige Willy Brandt ist mit falschem Namen und falschem Pass (überzeugend im Von-innen.nach-außen spielen Lorris Andre Blazejewsk) über Paris aus Norwegen eingereist. Als norwegischer Tourist namens Gunar Gaasland getarnt, soll er im Auftrag der von Paris aus operierenden SAP den Widerstand der Deutschen gegen den NS-Staat einleiten. Der Schlachtruf lautet: „Hitler muß weg. Und dann kommt Europa!“
Gaasland-Brandt wird für drei nicht ganz ungefährliche Monate in der Reichshauptstadt bleiben. Wenn er auffliegt, wird er kaum davon kommen. Denn er ist für die Gestapo kein Unbekannter. Schon einmal musste er „fliehen“. Nach Hitlers Machtergreifung war er nach Norwegen emigriert, wo aus dem Lübecker Abiturienten und aktiven linken Sozialdemokraten Herbert Frahm der sprachbegabte und wortgewandte Journalist Willy Brandt wurde.
Einerseits findet Gaasland- Brandt in Berlin die Situation vor, auf die er gefasst war, denn längst reagiert das Gespenst der totalen Überwachung bis in die Stuben der Mietshäuser hinein.Andererseits gibt sich die Reichshauptstadt nach außen immer noch weltoffen und friedvoll. „Wir haben Vollbeschäftigung. Alle stehen in Lohn und Brot und dürfen wieder arbeiten. Wir haben ein famoses Straßennetz, Zucht und Ordnung.“ heißt es im Stück. Aus den Volksempfängern mit den "fest eingestellten Sendern“ dudeln die Schlager des Jahres von Hans Moser und Margot Friedländer:"Sag beim Abschied leise Servus" und "Du sollst mein Glücksstern" sein. Die deutsche Lufthansa macht ihre ersten "planmäßigen Versuchsflüge" über den Nordatlantik. Max Schmeling knockt Joe Louis aus.
Wen kümmert's da, dass der Deutsche Künstlerbund verboten wird? Dass Thomas Mann ausgebürgert wird und in die USA emigriert? Dass Carl von Ossietzky, Journalist und Herausgeber der Wochenschrift "Die Weltbühne", deren engerer Kreis Heinrich Mann als Kandidaten bei der Reichstagswahl empfohlen hatte, kurz vor den Olympischen Spielen schwerkrank aus dem KZ entlassen in das Staatskrankenhaus in Berlin verlegt, zwar den Friedensnobelpreis erhält, ihn aber nicht annahmen darf. Kein Reichsdeutscher dürfe in Zukunft ja jemals eine Nobelpreis annehmen! Na, wenn der Hitler das sagt.

Wir haben Vollbeschäftigung. Alle stehen in Lohn und Brot und dürfen wieder arbeiten!“. Bei den Olympischen Spielen holt Deutschland 42 Goldmedaillen, doch wird ein schwarzer US-Amerikaner der Star der fünf Ringe. Hitler ist in Rage, aber sonst – alles gut. Eine allgemeine Massen-Stimmung wie eine Wand, eine spitzelnde, lauschende freilich, die sich auch in dem Zimmer befindet, das sich Brandt mietet (xzellent wie die Wand in Shakespears Sommernachtstraum Thorsten Tinney in stummer Rolle hinter einem mannshohen Leinentuch.).
Und Gaasland-Brandts Vermieterin, Frau Hamel (eine sehr lebendige mit hoher Spiellaune agierende Natascha Petz), hält es mit den Spitzeln und der Blockwartsfrau, Frau Klein. „Wenn sie etwas merken, melden!“ (Die Darstellung jener grauenvollen Unbekümmertheit in der Anstiftung zu denunzieren, gelingt Juliane Köster so gekonnt, dass einem diese Schnepfigkeit, mit der an die Gestapo verraten wurde, noch nach fast achtzig Jahren zu Boden drückt).
Überhaupt bietet das im Laufe der Aufführung sich am laufenden Band selbst multiplizierende Ensemble - Lorris Andre Blazejewski als Willy, Juliane Köster, Thomas Lotz, Natascha Petz, Thorsten Tinney, Nicolas Weidtman – das im Nu in Dutzende von Rollen zu schlüpfen vermag,einen überragenden Abend voller überraschender sich selbst übertreffender Einfälle und Bilder. Es gibt weder feste Kulissen, noch allzu viele Requisiten, das Stück baut voll und ganz auf die schauspielerischen Mittel - und der Zuschauer profitiert davon.
Die filmreife, bildmächtige Bahnfahrt zu Beginn des Stückes, die sich in den engen Gängen aneinander vorbei drückenden Fahrgäste, das Türen - und Fenster öffnen, das Koffer verstauen, einen Kaffee aus einer Thermoskanne in einen Becher gießen, Fahrgeräusche, Schienenschlägen, für diese in das Stück geradezu hineinzoomende Etüde und Pantomime brauchen die Darsteller genau sechs Klapp-Stühle.
Als der erste Satz fällt, die Frage "Der Zug nach Berlin?" (Natascha Petz, ein unglaubliches Energiebündel!) sitzen die Zuschauer im Otto-Suhr-Saal längst ins Stück gezoomt und stecknadelstill auf ihren Plätzen.
Schuld daran trägt ein wenig auch das vom Ensemble auf der Bahnfahrt (so so schön!) gesungene Volkslied von Edvard Grieg (den Chorsatz dazu schrieb Lotz, wow!) - diesem Ohrenschmeichler sollen noch fünf weitere folgen - und dann das tragende, das kaltschnäuzig gerufene Schlüsselwort: „Paßkontrolle!“, das Gefahr herüberträgt und Bangen um den jugendlichen Brandt als vergeblich kämpfenden Visionär.
Berlin, 1936. Das ist kein guter Ort. Längst sind die KZ bekannt, über sie wird sogar in den Zeitungen berichtet. Doch es gibt im normalen Leben auch viel lustiges Kino. Andererseits werden Kinos auch gern genutzt für konspirative Treffen . Den Kontaktmann Gaasland-.Brandts, Horn, spielt Nicolas Weidmann (routiniert und makellos).
Es folgt die Schlüsselszene. „Horn: 'Keiner möchte so enden wie Erich Mühsam.' 'Brandt euphemistisch: 'Für Carl von Ossietzky gibt es Hoffnung.'Die Zuschauer schauen gebannt auf die Leinwand (Lotz, Petz, Köster) und beginnen unverschämt, mit sich selbstzufrieden, zu lachen: "Hahaha!"
Diese, der Kritiker wiederholt, Schlüsselszene, ist ein meisterliches Minidrama über die Unvereinbarkeit von Freiheit (Emanzipation von der Tyrannei) und Notwendigkeit (seinen Lebensunterhalt zu verdienen). Die Masse des Jahres 1936 in Deutschland lässt den Aufstand scheitern und führt stattdessen auch Gaasland-Brandt in die Fänge der Gestapo. Irgendwer zeigte ihn an, vielleicht die Vermieterin mit ihrer häuslichen Nestwärme, so dass man ihr "um den Hals" fallen könnte, wer weiß.
Gaasland-Brandts gerät schwer in Bedrängnis. Sein Leben hängt an einem seidenen Faden. Es geht um seinen Pass, der behördlich eingezogen wird. Das ist fatal. Denn was ist der Mensch ohne Pass? „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen“, schreibt Brecht am Anfang seiner Flüchtlingsgespräche. Und weiter: „Er kommt auch nicht so einfach zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird“. Genau dass weiß die Gestapo auch. Sie bestellt ihn. Sie verhört ihn. Sie treib mit ihm ein Spiel. Sie hält ihn in der geheimen Kralle. Ohne Pass käme Brandt nie mehr weg. "Eingereist über Paris (sic!) und Kopenhagen. Warum nicht direkt?" So lautet die Gretchenfrage des Gestapo-Gespanns (bedrohlich echt von Thorsten Tinney und Nicolas Weidtman in Szene gesetzt).

Wobei es Lorris Andre Blazejewski wunderbar gelingt, die innere Anspannung des Verhörten in dieser schier ausweglosen Situation mit wenigen Bewegungen, besser gesagt, mit einer fast totalen Zurücknahme der körperlichen Anwesenheit, will sagen, mit der präzisen Auflösung jeglicher äußeren, will sagen verräterischen Abwehr, exemplarisch vor Augen zu führen. Zu sehen, wie er dennoch davon kommt, auch aus Deutschland, von wo er nach Spanien aufbrechen wird, mitten hinein in den Spanischen Bürgerkrieg, ist ein MUSS. Das muss man gesehen haben.

Ohne Zweifel. Es ist ein Stück wie man es sich wünscht. Dass dieses kaum bekannte Kapitel aus dem Leben des Politikers Willy Brandt auf die Bühne gebracht wurde, ist schon ein Verdienst. Wie das Wurster und sein Ensemble aber machen, ist einfach hohe Kunst.


Otto-Suhr-Saal im Neuen Stadthaus, Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin, U Klosterstraße


Willy100 – Im Zweifel für die Freiheit


Ein Theaterabend zum 100. Geburtstag von Willy Brandt


Lorris Andre Blazejewski als Willy sowie Juliane Köster, Thomas Lotz, Natascha Petz, Thorsten Tinney, Nicolas Weidtman


Buch/Regie: Johann Jakob Wurster, Musik: Thomas Lotz, Bühne/Kostüm: Thomas Lorenz-Herting




Kartenpreise
So-Do 26,- / 18,- ermäßigt
Fr/Sa 29,- / 20,- ermäßigt
Tickets T 030 - 84 10 89 09
oder
www.ticketmaster.de
Sonderkonditionen für Schüler/
innen und Jugendgruppen via
THEATER STRAHL
Spielort / Verkehrsanbindung
Otto-Suhr-Saal
Neues Stadthaus
Parochialstr. 1-3, 10179 Berlin
U Klosterstraße

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Alles schön und gut

steffenpollex 20.12.2013 12:43

Dennoch sollte man "Carl von Ossietzky" in allen Fällen richtig schreiben - nicht mal mit "K" und mal mit "C" - und vor Veröffentlichung zumindest noch die automatische Rechtschreib- und Grammatik-Kontrolle von MS Word drüber laufen lassen... Wurster? Nomen est omen...

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