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Erschienen in Ausgabe: No 97 (03/2014) Letzte Änderung: 04.03.14

Leningrad im Zweiten Weltkrieg: Daniil Granin sprach im Deutschen Bundestag

von Jörg Bernhard Bilke

Das Land, in dem man geboren wird und aufwächst, kann man sich nicht aussuchen. Der russische Ingenieur, Panzeroffizier und Schriftsteller Daniil Alexandrowitsch Granin ist am 1. Januar 1919 in der Nähe von Kursk an der russisch-ukrainischen Grenze geboren, aber in Sankt Petersburg, das zwischen 1924 und 1991 in Leningrad umbenannt war, aufgewachsen, wo er auch Elektrotechnik studierte. Am 22. Juni 1941, als deutsche Truppen in die Sowjetunion eindrangen, meldete er sich freiwillig zur Front. Seit 1949 ist er freier Schriftsteller, seine Erzählung „Die eigene Meinung“ wird zur Literatur des „Tauwetters“ gerechnet. Bekannt wurde er durch die zweibändige „Chronik der Belagerung Leningrads“ (1977/82), die auf Deutsch unter dem Titel „Das Blockadebuch“ (1985/87) erschien und starken Kürzungen durch die sowjetrussische Zensur ausgesetzt war. Die vollständige Fassung erschien nach der Auflösung der Sowjetunion.
Heute ist Daniil Alexandrowitsch 95 Jahre alt, noch recht rüstig und durfte am 27. Januar, dem 1996 eingerichteten „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“, im Deutschen Bundestag sprechen. Was er zu sagen hatte über Hunger, Not und Sterben über fast 900 Tage in der belagerten Stadt, die am 27. Januar 1944 befreit wurde, ließ ihn manchmal nur stockend erzählen. Vom Stalinismus, den er sicher in voller Überzeugung vertreten hat, verabschiedete er sich während der Herrschaft Leonid Breschnews (1906-1982) und unterstützte nach 1985 den Kurs Michail Gorbatschows.
Im Jahr 1976 war er Gast des für ausländische Literatur zuständigen Verlages „Volk und Welt“ in Ostberlin und nahm die Gelegenheit war, mitten in der Nacht, um der Beschattung zu entgehen, den „Liedermacher“ Wolf Biermann, den er verehrte, in der Chausseestraße aufzusuchen. Er brachte, obwohl er die deutsche Sprache versteht, die Russisch-Dolmetscherin des Verlages mit, die vor Angst fast verging, weil sie hier zu konspirativen Aktivitäten genötigt wurde. Beim Abschied soll er Wolf Biermann gefragt haben, ob er abgehört würde. Die Wohnung des Sängers, der am 16. November 1976 ausgebürgert wurde, war selbstverständlich durch und durch „verwanzt“!

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