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Erschienen in Ausgabe: No 99 (05/2014) Letzte Änderung: 09.05.14

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir?

von Heike Geilen

Auf Sardinien, nicht weit entfernt von Nuragus, einer kleinen Gemeinde reichlich 70 km nördlich von Cagliari, befindet sich ein schöner Brunnentempel aus der Nuraghenzeit (ca. 1600 - 400 v. Chr.). Mehr als fünfzig derartige Wasserkultstätten wurden bisher auf dem Italien vorgelagerten Eiland gefunden. Das Besondere an diesem Denkmal ist jedoch, dass eine Treppe tief in die Erde zu einem jahrtausendealten Korridor hinunterführt, von dem man einen unterirdischen Raum erreicht, der von oben erleuchtet wird. Ein "erhabenes architektonisches Werk, ein Ineinanderfließen der Ordnung", wie der leider bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommene italienische Architekt Aldo Rossi bemerkte. Das Geheimnis dieser mystischen Stätte wurde bis heute nicht entschlüsselt, aber es macht auf eindrucksvolle Art und Weise die als Headline gewählte Frage, das große Rätsel der Menschheit anschaulich. "Ich sehe die Zeit wie ein plastisches Gebilde", hatte Rossi gesagt, "Bruchstücke, deren ursprüngliche Bedeutung wir vergessen haben, werden in Fragmenten wundervoller Gebäude aufbewahrt. Aber wir können nicht immer das Zerbrochene wieder zusammensetzen und das Vergessene verstehen."

Sabina Magnani von Petersdorff hat den richtungsweisenden und herausragenden Italiener noch persönlich kennengelernt. Rossis Worte könnten als Leitfaden für das wunderbare Buch der 1955 in Rom geborenen Autorin stehen. Aufgewachsen in einem intellektuellen Elternhaus (die Mutter Franca Magnani war Auslandskorrespondentin der ARD, ihr Vater Valdo Begründer der Sozialistischen Union Italiens [USI] und beide fanden während des Krieges Exil in der Schweiz) lernte sie schon früh eine interkulturelle geistige Weite kennen und wurde durch sie geprägt. Bereits in ihrer Kindheit fand Politik vor dem Kinderzimmer statt. Mura Budberg, die Geliebte Maxim Gorkis, Sandro Pertini, späterer Staatspräsident Italiens und sogar Willi Brandt und Enrico Berlinguer, Staatsekretär der KPI, waren nur einige Zeugen einer lebendigen Zeit. Sie durfte 1973 als offizielle Dolmetscherin der italienischen Delegation zu den Weltjugendfestspielen nach Ostberlin reisen und diskutierte angeregt mit Wolf Biermann in Florenz. Ihr Bruder Marco saß drei Jahre später mit Rudi Dutschke auf dem Podium. Am 14. Juni 1980, "dem Datum der Schlacht von Marengo, mit der Napoleon einen für Italien wichtigen Sieg gegen Österreich errungen hatte", kommt sie aus dem hellen, quirligen Rom in die "dunkle leere Stille" der im "Kalten Krieg" gefangenen "Weltstadt Berlin", um hier zu studieren, und dessen Kiez sie letztendlich der Liebe wegen gegen die kapitolinischen Gärten Roms eintauscht.

Die Römerin spannt einen weiten Bogen in ihrer Erzählung, der von ihrer Kindheit bis in die Gegenwart und wieder zurück bis zu ihren und den Vorfahren ihres Mannes, einem Deutschen, dessen Vater Offizier im Zweiten Weltkrieg war, reicht. Dabei wirft sie einen unverstellten Blick auf unterschiedlichste Sichtweisen, Eigenheiten und Unterschiede beider Nationen. Geschichtliches, Politisches, Kulturelles, als auch sehr Persönliches tritt bei ihren "Wanderungen" auf den Straßen, die bekanntlich alle in eine Stadt führen, zu Tage: Erinnerungsstücke, Gedanken und Wünsche eines ungemein interessanten und aktiven Lebens. Entstanden ist ein Stück Zeitgeschichte, das Entfernungen überwindet. Ein zauberhafter, ein zuweilen humorvoller, liebenswerter, aber auch nachdenklicher und tiefsinniger Text, bei dessen Lektüre vergangene Zeit zu Augenblicken der Gegenwart zusammenschmilzt.

Fazit: "Mein Rom ist überall" erweist sich, wie auch eingangs erwähnter nuraghischer Brunnentempel, als ein Zeitfragment, dessen "Wiederaufbau" Sabina Magnani von Petersdorff auch gar nicht anstrebt. "Ich bin keine Architektin, kann Zerbrochenes nicht wieder zusammensetzen, kann das Zerbrochene nur erinnern.", schreibt sie nach ihrem Gespräch mit Aldo Rossi. Doch gerade Letzteres tut sie mit unglaublicher Verve, mit Feingefühl und großer Objektivität. Ein sehr gut lesbarer, informativer und spannender Text, der fast ein ganzes Jahrhundert umreißt und immer wieder dorthin zurückführt, wo die Autorin geboren wurde und wohin dem Sprichwort nach alle Wege führen: nach Rom.



Sabina Magnani von Petersdorff
Mein Rom ist überall
Europa Verlag Zürich (Februar 2014)
196 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3905811782
ISBN-13: 978-3905811780
Preis: 19,00 EUR

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