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Erschienen in Ausgabe: No 99 (05/2014) Letzte Änderung: 09.05.14

Heiliges Kälbchen und Hund verkehrt - Franz Marc und Georg Baselitz als Tiermaler in Kochel

von Hans Gärtner


Vor 99 Jahren schrieb der „Blaue Reiter“ Franz Marc seiner Frau Maria nach Sindelfingen im „Blauen Land“ aus der Westfront, von der er, der bayrische Soldat, nicht mehr lebend zurückkehrte, die programmatischen Sätze: „Der unfromme Mensch, der mich umgab … erregte meine wahren Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute in mir anklingen ließ. Und vom Tier weg leitete mich ein Instinkt zum Abstrakten …“

Auch in ihrer Wildheit liebte der in München geborene Maler Franz Marc (1880 – 1916) das Tier. Es war für ihn das „reine Wesen“. Bunt malte Marc seine Vierbeiner: die Pferde grün oder blau, den Steinbock gelb, das „heilige Kälbchen“ rot. Wenn Marcs Tiere „auf kristallinen blauen Bergen ruhen, sind sie entrückt und paradiesisch bei sich. Wenn Tiere ins Blaue hinauf ragen oder in ihrer Bläue bis oben ins Bild reichen, dann wachsen sie in ein spirituelles Jenseits hinüber …“, schrieb einmal der Marc-Forscher Peter-Klaus Schuster. Er vergaß auch nicht die Landschaft, das so genannte „Blaue Land“ rund um das Städtchen Murnau – mit Kochel-, Walchen-, Rieg- und Staffelsee, als Franz Marcs irdischen Garten Eden zu preisen.

In diesem irdischen Garten Eden liegt, hoch über dem Kochelsee, das seit sechs Jahren mit einem Neubau erweitere private Franz Marc Museum. Es wurde 1886 gegründet, „um Leben und Werk Franz Marcs in der Landschaft darzustellen, die den Maler geprägt hat“. Sie steht`s im Prospekt. Immer wieder konfrontiert Cathrin Klingsöhr-Leroy, die Museumsleiterin, das malerische und grafische Oeuvre des Museums-Namensgebers mit dem Werk Kunstschaffender des 20. Jahrhunderts. Was bisher bereits mit Paul Klee, Else Lasker-Schüler, Beckmann, Kirchner, Pechstein, Heckel und Beuys geschah, wird bis in diesen Sommer hinein mit dem am Ammersee lebenden Künstler Georg Baselitz (geboren 1938 in der Oberlausitz) fortgeführt. Die Ausstellung, die bis 21. September 2014 geöffnet ist, heißt „Tierstücke. Nicht von dieser Welt“.

Franz Marc bekannte sich zum Tier – in Worten wie denen, die eingangs zitiert wurden, aber vor allem mit Malereien – auf spezifische Art. Er kam vom französischen Impressionismus her, gab seinen Farben mehr und mehr Kraft im Sinne eines van Gogh und eines Gauguin, was sich im Spätwerk mit seinen, der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ angehörigen, Freunden August Macke und Wassily Kandinsky weiter ausdifferenzierte, was aber auch zu einem eigenständigen Ausdruck führte. Beinahe ungemischt sind die Grundfarben in Marcs Gemälde „Hocken im Schnee“ (1911) oder dem unter dem Titel „Katze hinter einem Baum“ in Klammern gesetzten „Kinderbild“ von 1910/11. In Schnee hatte Marc auch einen Hund und Rehe gesetzt. Die Farbe wird bei Marc autonom. Seine Formen und Kompositionen vereinfachen sich in den Jahren 1911 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, dessen Opfer er 1916 wurde. Große Tierbilder entstehen: „Rote Rehe“, „Springendes Pferd“.

„Gibt es für den Künstler eine geheimnisvollere Idee als die, wie sich wohl die Natur in den Augen eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein Tier die Welt, oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund?“, fragte Marc einmal. Er suchte das Wesen des Tieres zu ergründen. Feststand für ihn, dass das Tier „Teil einer natürlichen Ordnung“ ist, „eingebettet in den kosmischen Rhythmus, dem der Mensch nur als sehnsuchtsvoller Betrachter begegnen kann“. So sagte es Cathrin Klingsöhr-Leroy in ihrem einführenden Beitrag „Franz Marc und Georg Baselitz – Vom Motiv zum Ornament“ des Ausstellungs-Begleitbands.

Nicht umsonst kehrten beide Tier-Maler, Marc und der um fünf Generationen jüngere Baselitz, dem Trubel der Großstadt den Rücken. Beide zogen aufs Land. Baselitz befände sich auf dem Land, sagte er einmal, „in besserer Gesellschaft“. Baselitz` Tiere, so Cathrin Klingsöhr-Leroy, „wandeln sich vom erdigen Geklumpe zum Fragment, stehen auf dem Kopf, liegen quer und dienen … ausschließlich der virtuosen und bestechend schönen Entfaltung einer Malerei, die sich selbst feiert“.

Georg Baselitz war gerade einmal 15, als er schon drei Adler malte. Die Könige der Lüfte stürzen in seinen großformatigen Bildern auf den Betrachter zu. Riesenvögel. Bedrohlich. Ausgestattet mit überschüssigen Kräften. Machtvoll. Nicht umsonst ist der Adler das Wappentier so vieler Länder, auch der deutschen Nation. Schon im Eingangs-Bereich des Franz Marc Museums in Kochel am See hängt jetzt einige Monate ein Adler-Bild, 2009 von Baselitz gemalt, rund und behäbig. Der Adler schwarz und zerzaust, mit dem Kopf nach unten. Alle anderen Baselitz-Adler sind wild und finster. Selbst der aus der Remix-Serie Ende der 2000er Jahre mit getüpfelter „Tapete“.

Und dann der Hund des Herrn Baselitz. „Ein Hund“ – nicht „Mein Hund“ heißt das Bild, das auch das Plakatmotiv abgibt: ein weißfelliger Kläffer, das Maul weit offen, Zunge raus, schwarzes Halsband. Hockt da, die Vorderpfoten wie als Stützpfosten aufgestellt. Sie sieht der Betrachter aber nicht als auf dem Boden aufruhend, da ja der ganze Kerl verkehrt herum, vor ein graues Felsenstück gesetzt, auf die Leinwand gebannt wurde. Wie ein Denkmal. An eine Geschichte mit Baselitz-Freund Gerhard Richter erinnernd, der mal einen Hirsch malte – und als Baselitz nicht anders „antworten“ konnte als – mit einem Hund. Mit seinem eigenen geliebten Hund Igor.

Dazu die Auskunft von Baselitz-Kennerin Carla Schulz-Hoffmann, die der Maler selbst nur bestätigen kann: Die Tiermotive – allesamt aus dem Bereich des Vertrauten stammend, nie exotisch, immer nah: Kühe, Hasen, Adler (wie bei Franz Marc: Rehe, Kühe, Pferde, Gämsen …) – sind relativ belanglos, das eigentliche Thema ist und war schon immer bei Baselitz die bloße Malerei. Ihre Farbmischung. Ihr Duktus. Es gibt bei Baselitz „vermatschte“ Tiere. Und daneben sind die so genannten Fraktur-Bilder und die Streifen-Bilder: Tiere in quer gelegte Streifen „zerschnitten“. Was im Franz Marc Museum von Baselitz zu sehen ist, geht substanziell über 55 Jahre hinweg. Da sieht man denn auch „viele Künstler, keinen Einheitsstil“. Von Baselitz selbst war zu hören: „Ich bekenne mich zu immer wieder neuen Liebschaften“ – stets sucht und findet der Maler einen Neuanfang. Am Beginn seiner sehr eigenwilligen Malweise stand ein Italiener: Piero de la Francesa. Wer je seine schon 400 Jahre alte „Maria Magdalena“ in Arezzo sah, weiß, wovon Baselitz redet: von den Gegensätzen der Farben. Ein Hosenbein rot, das andere grün. So ist auch im Faltflyer die Rede von „Dissonanzen“, auf die Baselitz setzt. Und: Er setzt auf Hässlichkeit. „Die Tradition der deutschen Malerei ist die Tradition der hässlichen Bilder. Von Dürer über Caspar David Friedrich zu Nolde“. So Baselitz. Na denn, auf geht`s, im gewollt Hässlichen etwas Schönes finden. Garantiert: Es gelingt. Doch kommt es drauf an, was bei Baselitz und was bei Franz Marc als schön gilt.

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