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Erschienen in Ausgabe: No 100 (06/2014) Letzte Änderung: 01.06.14

Enttäuschter Freiheitskämpfer - Der Schauspieler Steven Scharf erobert München

von Hans Gärtner


Wie viel Osten noch in ihm stecke, wurde Steven Scharf einmal gefragt. „Alles!“, gab er prompt zur Antwort. Dabei aber beließ er`s. Gab keine weitere Erklärung ab, wie denn sein schnelles „Alles!“ zu verstehen sei. Man muss ihn sich anschauen, reingehen in die Stücke, in denen er gerade im Einsatz, im Volleinsatz meistens, ist. Johan Simons hat ihn sich für seine Münchner Kammerspiele geangelt und nimmt ihn schwer ran.

Mindestens seit seinem Solo als „Judas“, dem Einmann-Abend und Ein-Akter von Lot Vekemans (Premiere war am 19. Dezember 2012) ist Scharf in aller Theatergänger-Munde Münchens. Gebannt schaut man auf den ganzen Kerl, zwei Meter groß beinahe, wie er da im Dunkeln seine Enttäuschung als einer, der für die Freiheit kämpfte und seinen „Meister“, Jesus Christus, zur Kreuzigung verriet („Den ich küssen werde, der ist`s! Den greift!“), hinausbrülle, eine ganze Stunde fast nur Wehmut, Vorwürfe, Anklagen, Gebrüll, bis zum Absturz von der Leiter. Wohin? Vielleicht gar zur Hölle? Simons hat das textlich schwächelnde Stück so aufgewertet und dank Steven Scharfs radikaler Intensität so zwingend inszeniert, dass es mit Recht noch immer regelmäßig auf dem Spielplan erscheint. „Durch seine unmittelbare Präsenz und gewinnende Eindringlichkeit“ bestach Scharf derart, dass er zum Träger des Gertrud-Eysoldt-Ringes gekürt wurde.

Steven (man spricht seinen Vornamen englisch aus) Scharf ist jetzt 39, kommt aus Thüringen, kriegt derzeit schöne tragende Neben- und Hauptrollen im Fernsehen. Der Film hatte erst einmal Glück bei Steven Scharf („Sturm“, wo er 2008 von Hans-Christian Schmid als Arendt besetzt wurde). Studiert hat er in Rostock, zunächst Jura, dann Bühnendarsteller. Er ging von dort an Schauspielhäuser in Jena, Köln und Basel, bis er 2007 zum Ensemble der Münchner Kammerspiele stieß. Ihnen bleibt er, so ist zu hoffen, treu. So einer wie Scharf muss auf die Bretter, darf sich nicht vor Filmkameras und in (freilich lukrativen) TV-Serien wie „Rosenheim-Cops“ verplempern. So einen wie ihn braucht das Theater, braucht München, das Scharf seit März dieses Jahres als Titelhelden in Ferenc Molnars „Liliom“ feiert, das ihn aber längst kennt, aus „Lear“, aus „Ludwig II.“, aus „Plattform“, wo er der Jury der Zeitschrift „Theater heute“ so positiv aufgefallen war, dass sie ihn zum Schauspieler des Jahres 2013 wählte.

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