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Erschienen in Ausgabe: No 100 (06/2014) Letzte Änderung: 01.06.14

Die Gleichzeitigkeit der Gnadenlosigkeiten - Mit der furiosen Neuproduktion „Die Soldaten“ sprengen Petrenko/ Kriegenburg alle Dimensionen

von Hans Gärtner

Hauptperson in der das 20. Jahrhundert prägenden Oper ist das Mensch. Das „Soldatenmensch“, wie Komponist Bernd Alois Zimmermann sein Werk „Die Soldaten“, 1965 in Köln uraufgeführt, zuerst nannte. Hauptperson ist aber der Mensch. Der Mensch in seinem dunkelsten Drange. Der weibliche wie der männliche. Der Mensch in seiner Niedrigkeit, Animalität, Gnadenlosigkeit. In seiner Sucht und Gier nach Befriedigung, auch nach Beheimatung. Das ist der Stoff, den auf die Bühne zu bringen der in München schon mit einem provokanten „Wozzeck“ (2008) und einem verspielten „Ring“ als Regie-Wunder bekannte Andreas Kriegenburg geradezu berufen war. Der umjubelte Erfolg seiner rezenten Inszenierung ist der konzeptuellen Exzessivität und Extravaganz, dem Mut zu Extraordinärem und einem zu allem bereiten und fähigen Ensemble (Solisten, Chor, Statisterie, Bühnenmusiker) zu danken, einem Wagnis, das vor dem alle Dimensionen sprengenden Gespann Petrenko/Kriegenburg hier niemand eingehen wollte.
Als Wolfgang Sawallisch in Köln das Sagen hatte, wo das hochkomplex, unter die Haut gehende, weilunerträglich verknotet vertonte und bis zur Verstörung verschlüsselte Sozialdrama des Sturm und Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz 1965 uraufgeführt wurde, weigerte er sich, es zu bringen, bis Zimmermann, der im Selbstmord endete, zur Überarbeitung bereit und Michael Gielen willens war, es zu dirigieren. So relativ bieder wie es etwa Günther Rennert in München noch vor gut40 Jahren machte, kann man sich`s heut nicht mehr vorstellen. Doch ist Kriegenburgs Version im faszinierend-atemberaubenden Simultan-Bühnenbild Harald B. Thors und Andrea Schraads schneidender Kostümierungs-NS-Satire allerstärkster Opern-Tobak. Schon bei der Generalprobe war angeblich ein Drittel der Zuschauerreihen nach der Pause leer.

Dabei fesselte das in der anstrengend zu verfolgenden Gleichzeitigkeit in aufeinander gestellten, ausfahrbaren Käfig-artigen, ein Kreuz bildenden Zellen und auf dem Spielboden ablaufende grausige Geschehen soldatischer Ausfälligkeiten der übelsten Art von der ersten Minute an. Es trägt die Anspannung bis zum apokalyptischen Schluss durch. Man glaubt, die Bühne des Nationaltheaters bersten zu sehen – und den Graben sprengen zu hören. Ohrenbetäubend, dennoch transparent lässt Kirill Petrenko, der die Partitur wie ein Besessener durchfegt und das Wunder vollbringt, 120 Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters zu konzentrieren. 30 Rollenträger und eine riesige toll choreografierte „Menge“ werden bis zum Äußersten getrieben und vollbringen in Spiel- und Stimmaufwand ein das Können der Bayerischen Staatsoper krönendes Mirakel. Für den Zuschauer, der um Himmels willen nicht unvorbereitet das Haus betreten möge, führen alle Abscheulichkeiten menschlicher Kommunikation, zumal im schroffen Aufeinandertreffen von schon maskenmäßig faschistoide Brutalität vermittelndem Militär und bieder-doppelmoralisch gesinnter Bürgerlichkeit zum Bilderbogen humanitärer Erbärmlichkeit. Gesungen wird hier das Requiem auf zwei Weltkriege.
Schwer vorstellbar, die unnachahmliche Sopranistin Barbara Hannigan als Marie – solistisch, aber auch im Zusammenspiel mit Christoph Stephinger (Wesener) und Okka von der Damerau (Charlotte), nichtweniger mit ihren stimmlich unübertrefflichen Liebhabern (Stolzius: Michael Nagy; Desportes: Daniel Brenna; Mary: Wolfgang Neweda; de la Roche: Alexander Kaimbacher) – durch eine Kollegin ersetzt zu sehen. Die junge Kanadierin verfügt über Nuancen einer genialischen Sängerdarstellerin. Sie liefert eine auszeichnungswürdige Studie des früh sich an Sex & Crime verlierenden Mädchens. Große Auftritte haben Nicola Beller Carbone als Gräfin de la Roche, Christian Rieger als Eisenhardt und Kevin Conners als Pirzel, aber auch die zurückhaltende Hanna Schwarz als Weseners alte Mutter.
Kriegenburgs Personen sind reine Theaterfiguren. Sie agieren hochartifiziell, so wie die ganze Inszenierung trotz aller Realitätshärte im abgehobenen Abstraktionsgestus geheimnisvoll die traurige Geschichte der Marie Wesener, die zur Soldatenhure wird und sich, bei Kriegenburg allerdings nicht für immer, aus dieser Welt verabschiedet. Ein Opern-Thriller der Sonderklasse für Besitzer starker Nerven. Die nächsten Aufführungen: 28. und 31. Mai, 4. und 6. Juni.

Bild

(c) Prof. Dr. Gärtner

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