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Erschienen in Ausgabe: No 102 (08/2014) Letzte Änderung: 06.08.14

Religion und Demografie - Michael Blume, Religion und Demografie. Warum es ohne Glauben an Kindern mangelt, sciebooks Verlag, Filderstadt 2014, 234 Seiten. ISBN 9781499110258

von Karim Akerma

In „Religion und Demografie“ präsentiert und integriert der Religionswissenschaftler Michael Blume Befunde einer zehnjährigen Forschungstätigkeit. Der religionsdemografische Kernsatz seines neuen Buches lautet: „Religionen – und nur Religionen! – vermögen Menschen in ausreichender Zahl zu dem Verzicht zu bewegen, den Familien mit mehr als zwei Kindern bedeuten.“ Da mindestens zwei Kinder pro Frau erforderlich sind, soll eine Gemeinschaft, Gesellschaft und letztlich: die Menschheit insgesamt nicht aussterben, sind die Ergebnisse von Blumes Abhandlung staatstragend und menschheitsrelevant.
Auf stets kurzweilige Art macht Blume seine Leser mit zahlreichen demographischen Fakten, Tendenzen und Interpretationen bekannt und räumt mit verbreiteten Irrtümern auf. So zeigt er etwa, dass nicht „die Moslems“ als solche geburtenstark sind und dass gebildete religiöse Menschen westlicher Nationen durchaus mehr Kinder haben als ihr nichtreligiöses Umfeld – dass also Kinderzahlen nicht unbedingt ein Ausdruck von Bildungsferne sind. Ein hübsches Beispiel an das Blume erinnert, ist das evangelische Pfarrhaus.
Jenseits der Mitte seines Buches stellt Blume eine entscheidende Frage: „Gibt es eine Möglichkeit, diese komplexe Befundlage irgendwie zusammenzudenken?“ (136) Welche Befunde hat der Autor bis hierhin vorgestellt, dass er die Frage nach der Möglichkeit einer Synthese aufwirft?
Da ist zum einen der Antipode des oben zitierten religionsdemografischen Kernsatzes. Religionen seien nämlich nicht nur einzigartig darin, Menschen zum Verzicht zu bewegen, den mehr als zwei Kinder bedeuten, sondern auch darin, Menschen dazu zu bewegen, sich nicht fortzupflanzen. Als Beispiele für religiösen Antinatalismus verweist Blume auf die Skopzen und die Shaker, sowie auf die Frühphasen von Jainismus und Buddhismus. Während die ehelos dem Gottesreich lebenden Shaker heute praktisch ausgestorben sind – da ihnen keine Erwachsenen mehr beitraten und keine Waisenkinder mehr aufgenommen wurden –, wurde der ursprüngliche Antinatalismus wesenhaft weltverneinender Religionen sekundär stets dahingehend pronatalistisch aufgeweicht, dass nur noch die Priesterschaft zölibatär fortlebte, wohingegen der Laienschaft eine pronatale Lebensführung zugestanden wurde.
Auf Seite 43 seiner Arbeit präsentiert Blume unter der Überschrift „Religionsverbundenheit und durchschnittliche Kinderzahl von westdeutschen Frauen bis zum 31. Lebensjahr“ ein vom Demografen Birg et al. 1991 publiziertes Diagramm. Aus diesem Schaubild geht zum einen hervor, dass 1950 geborene Frauen bis zum 31. Lebensjahr umso mehr Kinder hatten, je stärker sie sich einer Religion verbunden fühlten. Zum anderen zeigt das Schaubild, dass 31-jährige Frauen des Jahrgangs 1955 auch dann durchschnittlich 0,2 weniger Kinder hatten als die 1950 geborenen, wenn sie sich als ebenso religionsverbunden ansahen. Im Verbund mit weiteren Erwägungen führt Blume dieser Befund zu der Frage: „Ist ‚Religion‘ ein eigenständiger demografischer Faktor oder ergibt er sich nur aus anderen Variablen wie Bildung, Einkommen, Alter oder Nationalität?“ (59)
Zunächst sieht es so aus, als sei Religiosität kein wirkmächtiger Faktor, der sich gegen andere Impulse durchsetzen könnte. Denn eine zwischen 1981 und 2004 in mehreren Wellen in 82 Ländern durchgeführte Weltweite-Werte-Umfrage (World Value Survey) mit knapp 270000 Befragten hatte in den Worten Blumes ergeben: „Steigender Wohlstand und existentielle Sicherheit durch funktionierende Institutionen wie Ärzte führen weltweit zu sinkender Gebetshäufigkeit und sinkenden Geburtenraten.“ (106) Bis hierhin sieht es so aus, als sei die Religiosität einer Gesellschaft eine Funktion oder Spielball ihres wirtschaftlichen Wohlergehens. Wenn sich die Intensität gelebter Religion direkt in Kinderzahlen umsetzt, dann wäre global mit dem wirtschaftlichen Erfolg ein Niedergang der Geburtenzahlen zu erwarten. In diesem Zusammenhang stellt und beantwortet Blume eine für seine Arbeit entscheidende Frage: „Kommt es bei der Demografie also doch nur auf den Wohlstand an, der sich dann eben auch in sinkendem religiösem Engagement ausdrückt? Nein – denn diese Daten sind Daten auf der Makroebene, also auf der Ebene ganzer Gesellschaften. Die höhere Kinderzahl der Religiösen findet sich dagegen stets auf der Mikroebene ‚innerhalb‘ der Gesellschaften.“ (110)
Man kann nun versuchen, die Befunde so zusammendenken: Vermehrter Wohlstand führt auf der Ebene von Staaten durchaus zu verminderter Nachkommenschaft. Ist allerdings das Umfeld nur noch schwach religiös (wie innerhalb zahlreicher westlicher Industriestaaten), dann korrespondieren der durch die Bethäufigkeit indizierten Religiosität innerhalb des religiös indifferenten Umfelds mehr Kinder pro Frau.

Verweilen wir kurz bei der Bethäufigkeit, die für Blume als pronatales Indiz stichhaltiger ist als ein eher vages Bekenntnis zu ausgeübter Religion. Zur Bethäufigkeit sagt er insbesondere zweierlei:
1. „Steigender Wohlstand und existentielle Sicherheit…führen weltweit zu sinkender Gebetshäufigkeit und sinkenden Geburtenraten.“ (106)
2. „…umso regelmäßiger die Menschen beteten, umso mehr Kinder wiesen sie auf.“ (179)
Blumes Bethäufigkeitssätze betreffen offenbar zwei ganz unterschiedliche demographische Einheiten:
Bethäufigkeitssatz 1. bezieht sich auf religiöse Gesellschaften, deren traditionell gegebene relativ hohe Bethäufigkeit und Kinderzahl mit später hinzukommendem steigendem Wohlstand sinkt. Dies bedeutet: Die Bethäufigkeit weicht dem wirkmächtigeren Wohlstand.
Bethäufigkeitssatz 2: Haben wir es mit einer Wohlstandsgesellschaft zu tun und ist die Gesellschaft im Ganzen weniger stark religiös, so geht eine in gesellschaftlichen Segmenten anzutreffende höhere Bethäufigkeit mit höheren Geburtenraten einher.

Nun scheint es, dass Blumes Bethäufigkeitssatz 1 herausgefordert wird, wenn folgende Konstellation zutrifft: Gesellschaften, deren Mitgliedern es wirtschaftlich nach und nach besser geht, die aber ihre Gebetshäufigkeit beibehalten und für die man dennoch empirisch rückläufige Geburtenzahlen feststellt. Solche Gesellschaften scheinen etwa Algerien, Marokko und die Türkei zu sein (vgl. die Studie „Glaube, Macht und Kinder“ von Kröhnert/Klingholz, 2010). Sind wir auch und gerade in Anbetracht dieses Phänomens gehalten, die Aussagekraft der Bethäufigkeit mit Blume auf gesellschaftliche Mikroebenen zu beschränken?
In religiös indifferenten bis areligiösen Gemeinschaften oder Gesellschaften jedenfalls, so ein wesentlicher Befund Blumes, ist die durch hohe Bethäufigkeit angezeigte intensive Religiosität das einzige Moment, das eine den Fortbestand der Gemeinschaften oder Gesellschaften garantierende Geburtenzahl zu sichern vermag. So macht Blume geltend, dass Betreuungseinrichtungen in weitgehend säkularen Industrieländern nicht per se zu mehr Kindern führen, sondern stets nur dann, wenn diese Betreuungseinrichtungen Teil religiöser Gemeinschaften sind.
Überaus interessant ist Blumes Buch nicht nur, weil es zahlreiche weniger bekannte Religionsgemeinschaften und Facetten religiösen Lebens im Hinblick auf die Frage nach dem Vorliegen eines statistischen Zusammenhangs von Religion und Kinderzahl pro Frau auf lesenswerte Weise auswertet und zu positiven Schlüssen kommt. – Zur Kenntnis nehmen sollte man Blumes Studie zumal auch deshalb, weil sie Appellcharakter hat. Blume appelliert an Staat, Kirche und Politik dahingehend, dass eine bevölkerungsmäßige Bestandserhaltung keine Selbstverständlichkeit ist und das ausgeprägte Geburtentief Deutschlands nicht einfach hingenommen werden sollte. Blume hofft, „dass sich die Kirchen und Religionsgemeinschaften mit ihrem demografischen Absterben nicht länger abfinden.“ (222) Er verweist auf „das schon biblisch gewachsene, religionsdemografische Wissen des Judentums“ (222) und setzt auf einen interreligiösen wie auch religiös-wissenschaftlichen Dialog. Hier gebe es Potential zur Überwindung des Geburtentiefs, „ohne dabei die reproduktiven Selbstbestimmungsrechte von Frauen und Männern in Frage zu stellen.“ (222)
Wo aber soll die vermehrte und rituell gelebte Religiosität herkommen, die allein in der Lage sei, zumindest die Bestandserhaltung einer Gesellschaft zu sichern? Blume notiert: „Dass aus geistigen Vorstellungen – wie dem Glauben an den Fruchtbarkeit gebietenden Gott Abrahams – auch naturwissenschaftlich beobachtbare Folgen wie erhöhte Geburtenraten hervorgehen können, ist ja für alle beteiligten Disziplinen ein faszinierender Knackpunkt, den wir interdisziplinär noch kaum erfasst und erkundet haben“ (211) Nun kann sich aber ein bislang Ungläubiger nicht einfach entscheiden, künftig glauben zu wollen. Heraus käme allenfalls jemand wie der schwedische Nobelpreisträger Pär Lagerkvist, der sich einst einen „glaubenden Atheisten“ nannte. Blume ist hier um keine Antwort verlegen, sondern kann auf empirische Evolutionsforschungen zur Religiosität verweisen: Wegen des Phänomens sozialer Vererbung wird Religiosität von Eltern auf Kinder übertragen. In dem Maße nun, in dem häufig betende Personen mehr Kinder haben als ihr religiös indifferentes Umfeld, gibt es über kurz über lang eine signifikant wachsende Gemeinschaft von Familien, die bereit sind, das Opfer auf sich zu nehmen, das ein Leben mit mehr als zwei Kindern beim gegenwärtigen Status quo bedeutet. Eine zweite Quelle von Religiosität möchte man indes nicht angezapft wissen: Daseinsangst. Länder mit großer Daseinssicherheit wie Dänemark, Norwegen oder Schweden haben wenige religiöse Einwohner, während die USA mit erheblicher Daseinsunsicherheit vergleichsweise stark religiös sind. Was zu belegen scheint: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt…“

Die eben angesprochene Kategorie des „Opfers“ führt uns zum philosophischen Teil von Blumes Erwägungen, den er unter der Überschrift „Sollen Menschen Kinder haben? Die Anthropodizee-Frage“ präsentiert. Antwortet eine Theodizee auf die Frage nach einer Rechtfertigung Gottes in Anbetracht der leidenden Menschen (und Tiere) in der von ihm geschaffenen Welt, so antwortet eine Anthropodizee auf die Frage nach der Rechtfertigung von Elternschaft in Anbetracht der Existenzbedingungen, denen man die eigenen Kinder aussetzt. Blume resümiert, „dass es keine innerweltlich überzeugenden Argumente für ein menschliches Fortpflanzungsgebot, vielleicht nicht einmal ein Fortpflanzungsrecht gebe.“ (191) Ohne sich selbst unter Rückgriff auf religiöse Kategorien an einer Anthropodizee zu versuchen, konstatiert Blume, dass der normensetzende Götterglaube stets auch ein demografisches und evolutionäres Potential entfalte. „Bislang ist es… keiner nichtreligiösen Weltanschauung gelungen, ihren Mitgliedern auf Dauer überzeugende innerweltliche Gründe für die wachsenden finanziellen und zeitlichen Opfer von Kinderreichtum zu vermitteln.“ (202) Extrapolieren wir diesen Befund, so müsste eine materiell gesättigte und religiös indifferent gewordene Menschheit allmählich aussterben.
So gesehen kann Michael Blumes Buch als Stellungnahme zu einem vergessenen Satz Werner Sombarts gelesen werden: „Die Neigung der Menschen, viele Kinder in die Welt zu setzen, ist von Hause aus sehr gering. Voraussichtlich würde das Menschengeschlecht bald aussterben, wenn es nach dem Willen der Eltern ginge. Um das zu verhüten, müssen sehr starke Mächte in Bewegung gesetzt werden, die die urwüchsige Abneigung der Menschen gegen Kinderreichtum zu überwinden vermögen. Solche Mächte sind der Staat, vor allem aber die Kirche (Religion).“ (Sombart, Vom Menschen)
Eines der Verdienste von Blumes Arbeit besteht diesbezüglich darin, die Anthropodizeepflichtigkeit ernst zu nehmen. Einerseits stürbe die Menschheit nicht lange nach dem Jahr 2400 aus, wäre die aktuelle deutsche Geburtenrate von heute an überall auf dem Planeten anzutreffen. Andererseits bedürfen fortpflanzungswillige Paare einer Rechtfertigung dafür, Nachkommen in eine Welt zu setzen, in der sich – geschichtlich gesprochen – vor Kurzem der Judäozid und gerade eben erst vor den Augen der Weltgemeinschaft der Genozid an den Tutsis ereignen konnte. Blume erkennt, dass die Anthropodizeepflicht „für die demografische und geistesgeschichtliche Zukunft der Menschheit von sogar wachsender Bedeutung werden dürfte.“ (182)
Eine überzeugende Anthropodizee scheint nicht vorzuliegen. Dennoch hält Blume gegen die von Antinatalisten geäußerten Bedenken, dass es unverantwortlich ist, sich per Fortpflanzung für eine Fortsetzung der bisherigen Geschichte auszusprechen und eigene Kinder einem ungewissen Schicksal mit gewissem Sterbenmüssen auszusetzen: „Wir dürfen in Gotteshäusern, die nicht selten von Jahrtausenden erfolgreich gewachsener Traditionen zeugen, Kraft für das uns Mögliche und Vertrauen für das Ganze schöpfen.“ (225) In eben solche Gotteshäuser und mit eben diesem Vertrauen flüchteten sich 1994 verfolgte Tutsis mit ihren Kindern in Ruanda. Die sie verfolgenden Hutus verschlossen die Türen und zündeten die Kirchen an. Ein solcher Hinweis mag ungerecht scheinen, mahnt aber an, was eine Anthropodizee zu leisten hätte. Der Hinweis demonstriert die Bürde der Anthropodizeepflichtigkeit, die diejenigen auf sich nehmen, die eine Fortsetzung der bisherigen Gattungsgeschichte gutheißen.
Blume bietet keine Anthropodizee, aber sein Plädoyer für eine Fortsetzung der Gattungsgeschichte ist von einem unverwüstlichen Optimismus getragen, dessen Quellen naheliegen und die man gern besser verstehen würde: „Wir können uns aber auch in den sich längst wieder ausbreitenden Wäldern Europas davon überzeugen, dass die schrillen Untergangspropheten der Neuzeit die Mächte des Lebens regelmäßig unterschätzt haben. Wir alle sind Ergebnisse und Mitgestaltende des großartigen Evolutionsprozesses. Und dieser ist noch lange nicht beendet.“ (226)

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