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Erschienen in Ausgabe: No 101 (07/2014) Letzte Änderung: 09.07.14

Wo der Leibhaftige im Spiel ist

von Hans Gärtner

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40 farbenprächtig von Jakob Kirchmayr neu eingepinselte Sagen – „reloaded“ – mit einer „Zugabe“, die Original-Sage von der „Nase von Lichtenegg“, alles geschrieben und ausgesucht von Folke Tegetthoff. Ein veritabler Verschenk-Band wie seine Vorgänger, die Sagen aus Kärnten, Tirol, Wien,Salzburg, Vorarlberg, Oberösterreich und die Donau entlang versammeln.

Ein schöner Platz war`s, den die Mostviertler da für ihre Valentinskirche ausgewählt hatten, auf dem Hügel bei Altenhofen, gerade dort, wo der Hallerhof jetzt steht. Aber irgendwas muss da schief gelaufen sein, sonst gäbe es ja heute nicht ein Ortsanfangs- und ein Ortsendeschild, auf dem groß „St. Valentin“ zu lesen ist, und die Hallerhofer würden nicht drauf hinunterschauen können …

So fängt der Erzähler fast immer irgendwie an, wenn es um eine seiner für diesen Band ausgesuchten Sagen aus Niederösterreich geht. Jede Sage ist, wie man weiß, örtlich fest verankert. Wenn auch das Geschehen nicht verbürgt, sondern schön erfunden ist und über Jahre hinweg mündlich so oder ein bisserl anders weitergegeben wurde, so ist der heimatliche Boden jeder „Geschichte“ doch echt.

Gehen wir also zurück, nicht nur mit Schritten, sondern auch im Kopf, ein paar lächerliche hundert Jahre, und schauen den Männern und Frauen droben auf dem Hügel zu, wie sie zu bauen beginnen. Und blöd schauen, wenn am nächsten Tag alle Geräte, Schaufeln, Krampen, Kraxen verschwunden sind und alles Aufgegrabene wieder zugeschüttet und alles Aufgebaute wieder verschwunden ist.

Ins Mostviertel führt diese Sage, in einen naturbedingt bezeichneten Landschaftsteil. Dorthin, wo die Leute schwer arbeiten auf den Feldern, in den Obstgärten und Fruchtanbaugebieten, von wo die einheimischen, aber auch die (Super-)Märkte und Läden der weiteren Umgebung beliefert werden. Lächerlich sei die Zeit, die wir, nach hinten zu, überbrücken sollen, um sich weiter erzählen zu lassen:

Bald darauf wird alles Gerät unten in der Ebene beim Erlabach gefunden und jetzt ist den Kirchen-Bauern klar, dass es wohl die Ungläubigen … gewesen sein müssen, die sich einen Scherz machten oder gar verhindern wollten, was nicht zu verhindern ist.

Gut und Böse wird in der Sage oft gegeneinander gesetzt, gar ausgespielt. Spannung bringt ins Geschehen, wer nicht zu den Üblichen gehört, die Außenseiter, die leicht zu Ausgestoßenen werden können.

Als sie am nächsten Morgen zur Baustelle kommen, das gleiche Bild: Werkzeug weg, die getane Arbeit wie ausradiert. „Das gibt’s doch nicht“, rufen die frommen Männer und Frauen, schicken einen von den Ihren hinunter zu der Stelle, wo das Werkzeug gestern gelegen war, und wirklich, da liegt es, zwischen einer frischen Baugrube und einem Stückchen Mauer!

Also ist wahr, was sich da – wundersamer Weise – ereignete. Das Unerklärbare spielt in der Sage eine größere Rolle noch als im Märchen, wo oft alles mitsammen unerklärlich ist, märchenhaft halt, über- und unwirklich, nicht von dieser, aber in dieser Welt.

Und da man nun nicht mehr annehmen kann, dass die Handvoll Ungläubigen sich zweimal hintereinander so viel „Scherz“ antun würde, spricht man schon vom Teufel, der nicht will, dass dem heiligen Valentin ein Kirchlein gebaut werde.

Was also ist zu tun, um aus der misslichen Lage herauszukommen? Wer die Sage erzählen hört, wird sich seins denken. Wer sie liest, weiß vielleicht schon, wie das Ganze ausgeht oder liest schnell nach vorne, um es so rasch wie möglich zu erfahren.

Also werden das Werkzeug und das Erdloch und das Mauerwerk nun jeden Tag vom Pfarrer gesegnet und mit Weihwasser bespritzt, werden Wachen aufgestellt – aber es hilft nichts. Jede Nacht – völlig unerklärlich – dasselbe Spielchen: hier verschwunden – dort aufgetaucht!

Noch immer ist die Lösung nicht ausgesprochen. Der Teufel soll die „Sage vom Sankt Valentiner Kirchenbau“ holen! Der ist natürlich im Spiel. Damit es gruselig zugeht und die bösen Mächte königlich vertreten sind. Fast jede Sage hat etwas Unheimliches, etwas, wovor man sich fürchten mag oder gar Angst kriegt und sich duckt – worunter? Unter Gottes weiten, schützenden Mantel …

Bis man endlich kapiert, dass es weder die Ungläubigen noch der Leibhaftige, sondern Gott selbst ist, der ihnen ein Zeichen geben und anzeigen will, wo dereinst ein Ortsanfangs- und ein Ortsende-Schild zu stehen habe. Und weil es ein gar so herrliches, göttliches Zeichen gewesen ist, geben sich die frommen Mostviertler nun nicht mehr nur mit einem Kapellchen zufrieden, sondern …

Wer kann die Sage zu Ende erzählen? Wer in St. Valentin im Mostviertel sich auskennt, weiß es: Sie bauten gleich das großartige Gotteshaus, in dem noch heute die Menschen vor Ehrfurcht und Andacht verstummen.

Dies ist nur eine von vier mal zehn Sagen, hübsch ausgewogen für jedes der vier allseits bekannten niederösterreichischen „Viertel“ (samt einer angehängten „Bonus-Geschichte“), in die zu fahren vielleicht mancher Leser samt Kind und Kegel noch diesen Sommer gedenkt. Das Buch wär ein sinnvoller Begleiter im Gepäck für diese Reise.

Folke Tegetthoff mit Jakob Kirchmayr: „Sagen aus Niederösterreich“, 190 Seiten, 19,95 Euro, Tyrolia Verlag, Innsbruck 2014

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