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Erschienen in Ausgabe: No 101 (07/2014) Letzte Änderung: 06.08.14

Hohn und Spott auf die Sudetendeutschen - Franz Fühmanns Erzählung „Böhmen am Meer“

von Jörg Bernhard Bilke

Der DDR-Schriftsteller Franz Fühmann (1922-1984), dessen 30. Todestags am 8. Juli zu gedenken ist, ist am 15. Januar 1922 in Rochlitz am Riesengebirge geboren und 1984 an Magenkrebs in einem Ostberliner Krankenhaus gestorben. Seine Ich-Erzählung „Böhmen am Meer“, nach 1955 niedergeschrieben und ein Jahr nach dem Mauerbau veröffentlicht, ist eine entsetzliche Geschichte über die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Sicht eines vom überzeugten Nationalsozialisten zum DDR-Sozialisten „geläuterten“ Schriftstellers, der mit seiner Vergangenheit und mit der seiner Volksgruppe abrechnet.
Der Autor berichtet, wie er im Sommer 1955, krank vor Sehnsucht nach dem Meer, das er 1943 zuletzt gesehen hat, in ein Fischerdorf bei Rostock fährt, wo er im Haus einer einsilbigen und verschlossenen Witwe, deren Ehemann 1943 als Soldat in Afrika gefallen ist, seinen Urlaub verbringt, die, die Mundart verrät es, aus einem Nachbardorf von Rochlitz stammt und 1945 an die Ostseeküste umgesiedelt wurde. Auf Fragen nach ihrem Leben gibt sie nur sparsame Auskunft, aber der Autor findet heraus, dass sie 1939, als sie Magd war auf einem Gut im Riesengebirge, vom Baron geschwängert und später weggejagt wurde. Im gleichen Jahr 1955 fährt Franz Fühmann widerwillig zu einem sudetendeutschen Heimattreffen nach Westberlin, wo er den „Egerländer Marsch“ hört und danach eine Rede des einstigen Gutsbesitzers, der das Heimatrecht einfordert.
Als Franz Fühmann diese Erzählung schrieb, war er noch voll den ideologischen Vorgaben verpflichtet, die der Staat den Schriftstellern gestellt hatte, und erfüllte das Erwartungsmuster, einen vertriebenenkritischen Text zu liefern, der tagespolitisch genutzt werden konnte. Die Verurteilung des westdeutschen „Revanchismus“ wird noch dadurch überhöht, dass der Festredner seinem „Dienstmädchen“ Hermine Traugott, wie es im „Dritten Reich“ hieß, ein uneheliches Kind gemacht hat, womit er als Vertriebenenpolitiker unglaubwürdig wird.
Die ganze Geschichte fällt freilich in sich zusammen, wenn man die poltischen Zutaten wegnimmt. Dann stimmt die Kausalkette: „Erst Frauenschänder, dann Revanchist“ nicht mehr, und der Autor müsste sich eine andere Beimischung ausdenken, um die Sudetendeutschen zu diskreditieren. Der „positive Held“ in dieser noch von den Denkmustern des „sozialistischen Realismus“ geprägten Geschichte ist der Dorfbürgermeister von Z. , auch er ein „Umsiedler“, der Hermine Traugott schon 1945 im Sammellager bei Eger getroffen hat, wo sie ihn beschwor, sie nicht mit ihrem 1940 geborenen Sohn an der Ostseeküste anzusiedeln. Dieser Bürgermeister hat als Kommunist selbstverständlich im Konzentrationslager gesessen, ist heute SED-Mitglied und wird so beschrieben: „Ein hagerer Mann, straff, mittelgroß, das Gesicht wettergebräunt, und die Stirn und Wangen gefurcht; ein Gesicht, erfüllt von der Güte derer, die viele Kämpfe durchgestanden haben.“
Warum Hermine Traugott Angst vor dem Meer hat? Sie fährt mit der Familie des Barons von Langenau im Sommer 1940 auf eine Nordseeinsel, wo ihre Schwangerschaft ruchbar wird. Sie wird von der Ehefrau wüst beschimpft und sofort entlassen, worauf sie sich in der Nordsee ertränken will. Das könnte aus einem Film von Rosamunde Pilcher stammen.

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Sudetendeutscher "Selbsthass"?

HRothe 03.02.2015 18:22

Diese Rezension ist ideengeschichtlich bemerkenswert - sie unterstellt dem Sudetendeutschen Franz Fühmann, "die Sudetendeutschen diskreditieren" und "Hohn und Spott" auf dieselben häufen zu wollen, also von einer Art sudetendeutschem "Selbsthass" angetrieben gewesen zu sein. Eine stringente Beweisführung kann ich dabei nicht erkennen, insbesondere Hohn und Spott fehlen m.E. völlig. Das Motiv der geschwängerten Dienstmagd, die sich daraufhin umbringen will - das ja wegen massenhaften Auftretens in der Wirklichkeit auch massenhaft in der Literatur vorkommt - ausgerechnet mit Rosamunde Pilcher zu assoziieren, ist schlicht boshaft. Warum nicht Goethe, Gretchen im Faust I ? Interessant wird der Text durch den sich aufgrängenden Vergleich mit dem sogenannten "jüdischen Selbsthass", der ja immer wieder bemüht wird um israelkritische jüdische Denker wie Norman Finkelstein zu pathologisieren. Dieser entgegnete einmal auf diesen Vorwurf: "Angenommen ich wäre ein jüdischer Selbsthasser, was würde das an den Fakten ändern? Und wenn ich ein jüdischer Selbst-Liebhaber wäre - würde dann automatisch alles stimmen, was ich sage?"

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