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Erschienen in Ausgabe: No 102 (08/2014) Letzte Änderung: 06.08.14

Wenn Salzburg trauern lässt … dann setzt es Stars in Bewegung: Barenboim, Domingo, die famosen Wiener Philharmoniker

von Hans Gärtner

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Was es doch alles zu betrauern gab an jenem vorletzten Juli-Mittwoch 2014: Abgestürzte, tödlich verletzte Fluggäste, die man in den Niederlanden zu Grabe trug, Tote bei Gefechten im Gaza-Streifen, einen erst vor wenigen Tagen verstorbenen weltberühmten Dirigenten, nicht zu vergessen den Beginn der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, den Ersten Weltkrieg! Alles zusammengenommen – eine traurige, eine Trauer-Bilanz von ungeheurem Ausmaß. Tod und Vernichtung. Einzelne starben, in unmittelbar erlebter Gegenwart. Völker schlachteten sich ab, vor 100 Jahren. Totengedenken war also angesagt – auch wenn ein Kulturevent wie die Salzburger Festspiele eher Anlass zur Freude geben sollte.

Die das Festival nun bereits zum dritten (aber nicht letzten) Mal eröffnende Konzertreihe „Ouverture Spirituelle“ war, wie bereits vor Monaten geplant, mit ihrer zehnten Veranstaltung ohnehin auf Sterben, Vernichtung, Leid und Tod ausgerichtet. Zu jedermanns Überraschung stand ein „Requiem“ auf dem Programm, das keiner gut kennt: Max Regers Komposition op. 144 b nach Worten Friedrich Hebbels für Solostimmen, Chor und Orchester, genannt das „Hebbel-Requiem“, vor fast genau 98 Jahren in Heidelberg uraufgeführt. Man holte sich für die Ausdeutung der Dichterworte keinen Geringeren als den ins Baritonfach mutierten Startenor Placido Domingo ans Solisten-Pult. Schlohweiß das Haupt- und Barthaar. Freundlich der Blick auf die, die ihn jubelnd willkommen heißen – für eine Partie, die zu den kürzesten seiner Karriere gehören dürfte. Dreimal hörten wir von ihm, empathisch und eindringlich, die Mahnung an die Seele, die die Toten nicht vergessen möge. Dass sie „in den heiligen Gluten … aufatmen … und erwarmen …“, dass sie „erstarren, bis hinein in das Tiefste“, wenn man sich ihnen gegenüber verschließe, brachten die Damen und Herren des Wiener Singvereins – für den Hörer regelrecht belastend, da er Schuldgefühle aufkommen spürte – zum Ausdruck.

Daniel Barenboim, der W. A. Mozarts „Maurerische Trauermusik“ von 1785 in Memoriam Lorin Maazel eine (vom unaufmerksam klatschfreudigen Publikum gestörte) Schweigeminute folgen ließ, befehligte nach dem wenig undurchsichtig gebliebenen Requiem die prachtvoll aufdrehenden, geschmeidigen, höchst präsenten Wiener Philharmoniker für Anton Bruckners „Romantische“. Des beflissenen Dirigenten glückhafter Zugriff auf die schillernde, in Wellen immer wieder erschütternde und die Natur schier aus den Angel zu heben drohende Tonsprache des über die Orgel mit Max Reger verwandten katholischen Komponisten aus Oberösterreich machte die Wiedergabe zu einem Ereignis ersten Ranges. Wer macht es den Wiener Bläsern, Hörnern insbesondere, der Tuba, aber auch dem famosen Holz so schnell nach? Wer befehligt wie der Großdirigent aus Berlin Bruckners enorme Vierte mit derart pianistisch-detailsicherem Ohr, mit dem Aplomb fürs flirrende, gefeierte Naturschauspiel, wenn schon nicht mit „frommem“ Impetus, so doch klangpotentem Bewusstsein nicht ohne Prunk-„Sucht“ so überzeugend und mitreißend?

Eine konzertante Sternstunde bei nachher noch rotgolden leuchtender Abend-Sonne über der Festspielstadt war da im dicht besetzten Großen Festspielhaus zu erleben. Selbst die fernste Anfahrt hierher wurde überreich belohnt.

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