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Erschienen in Ausgabe: No 102 (08/2014) Letzte Änderung: 04.09.14

Richard Avedon im Brandhorst Museum

von Anna Zanco-Prestel

Viele der im Rahmen des Projekts „MURALS AND POTRAITS“ bis zum 11. September 2014 im Brandhorst Museum ausgestellten Aufnahmen erkennt man sofort, eingeprägt wie sie sind in unserem Kollektivgedächtnis. Dies ohne sie unbedingt, mit dem Namen ihres Urhebers zu verbinden. Es sind die Bilder der Stars und Ikonen der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts, der internationalen Mode- und Filmwelt, die rund um den Globus gingen. Bilder, die den Stil vom amerikanischen Way of Life jener Jahre mit ins Leben gerufen haben, von dem der Fotograf Richard Avedon (1923-2004) einer der einflussreichsten Interpreten und gar Schöpfer war. Portraits – nach seiner eigenen Definition - als „theatralische Darstellung“, die eine „Art Künstlichkeit behält, welche die Wahrheit des Portraitierten verbirgt.“

Stellvertretend für alle die sublimierte Erotik der Schlange um den nackten Körper der jungen Nastassja Kinski, ein Foto, das in 2 Millionen Exemplaren verkauft wurde. Oder jene von Marylin Monroe, mal gefeierter Leinwandstar, einmal Privatperson in ihrer Mitleid erweckenden Hilflosigkeit. Am meisten repräsentativ vielleicht das Foto von Charlie Chaplin, der - gesenkten Kopfes aus dem Bildfeld der Kamera - sich selbst meisterlich inszenierte. „Wütend grinsend mit seinen Fingern als Hörnern“ – beschreibt ihn Avedon. „Schaut, was für ein Teufel ich bin“, war die Botschaft des großen Regisseurs an Amerika, ein Tag bevor er – in der paranoiden Mc Carthy-Ära – die Staaten in Richtung Schweiz für immer verließ.

Avedon war einer der erfolgreichsten kommerziellen Fotografen seiner Epoche und ein hochtalentierter Künstler zugleich. Der Faszination des menschlichen Gesichts ausgeliefert, suchte er in der Auswahl seiner Sujets Seelenverwandte, Fragmente seines eigenen Gesichts. Sein Verhältnis zu seinen Modellen ähnelte dem des Bildhauers zu seinem Ton. Die Palette seiner in Ausstellungen und später in großformatigen Bildbänden gedruckten Portraits reicht von namhaften Schauspielern wie Humphrey Bogart oder Buster Keaton bis hin zu den bedeutendsten Künstler- und Literatenpersönlichkeiten seiner Zeit. Herausragend in seinem Rückblick auf die energiegeladene Kulturszene der unmittelbaren Nachkriegszeit ist das Band „Observations“ (1959) mit einer Einführung von Truman Capote, in dem Größen wie Marcel Duchamp, George Braque, Samuel Beckett figurieren. Oder der 72 jährige Ezra Pound „arrogant, spöttisch [...]“, nach dem Richterspruch „unheilbar geisteskrank“ – er auch – wie Charlie Chaplin – unmittelbar vor seiner endgültigen Abreise nach Italien.

Dass Amerika nicht allein Glance & Glamour sei oder für kulturelle Highlights stehe, zeigen andere, weniger bekannte Werke des „Eklektikers“ Avedons, die ihn in die Nähe eines engagierter Bürgerrechtlers rücken lassen. Allen voran die aufwühlenden Portraits kranker Menschen in psychiatrischen Anstalten zu einer Zeit, in der die Psychiatrie in Wissenschaft und Literatur verstärkt thematisiert wurde. Die Zeit, in der sich „Einer flog über das Kuckucksnest“ abspielt.

Das „andere“ Amerika taucht auch in Serien wie „ In the American West“ Mitte der 80er Jahre, in der Avedon Menschen jeder Art quer durch 17 US- Staaten fotografierte: Farmer, Bergarbeiter, Landstreicher [...]. „Diese Menschen, kommentierte er, haben keine Stimme und ich wollte herausfinden, was sie miteinander verbindet. Ich bin an den Beziehungen zwischen den Menschen interessiert und ihren überraschenden Ähnlichkeiten. Paradox. Ironie. Widerspruch – das interessiert mich an einem Photo.“

Erschütternde Aufnahmen aus nächster Nähe sind die, in denen er mit seiner Kamera dem durch Krankheit gezeichneten fortschreitenden Verfall im Antlitz seines Vaters gnadenlos folgt. Eine Serie zwischen „Hinrichtung und Ehrerweisung“, die ihm anlässlich einer Ausstellung in Köln schließlich die Anerkennung der Fachwelt einbrachte.

Neben den seit den 50er Jahren entstandenen Portraits sind in der spektakulären Schau drei der vier zwischen 1969 und 1971 entstandene große fotografische Wandbilder zu sehen, die die politischen und sozialen Umwälzungen jener Jahre durch die Linse des „liberal“ Avedon wieder in Erinnerung rufen.

Als unverzichtbare Einführung in die Komplexität des Schaffens dieses Protagonisten der New Yorker Szene gilt die filmische Dokumentation, die die unterschiedlichen Phasen seines künstlerischen Tuns einfühlsam rekonstruiert.

Zur aus dem Fond der Udo und Annette Brandhorst-Stiftung, der Avedon-Foundation, New York sowie aus Privatbesitz bestückten Ausstellung ist im Hirmer Verlag ein deutschsprachiger Katalog (240 Seiten, 120 Abbildungen) erschienen.

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