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Erschienen in Ausgabe: No 115 (09/2015) Letzte Änderung: 01.09.15

Man muss den Blick heben, um "über sein eigenes, eng begrenztes Fleckchen Erde" hinwegschauen können

von Heike Geilen

Noch bis ins 19. Jahrhundert waren die Alpen wegen der für Mensch und Tier gefährlichen und mühsamen Fortbewegung ein nahezu rundherum durch hohe Bergzüge verschlossenes Gebirgsgebiet, fernab von jeglichen Tourismusströmen. Doch schon bald weckten genau diese Regionen das Interesse von zumeist gut betuchten Bergtouristen, die sich gegen ein paar Münzen von ortskundigen Einheimischen auf ihren Gipfelbesteigungen führen ließen. Mit dem Aufkommen der Eisenbahnen in Europa stieg die Zahl der Reisenden und Skitouristen sprunghaft an. Gleichzeitig reiften in den Köpfen von Ingenieuren Ideen für Spezialbahnen heran, die in der Lage sein sollten, die Erholungssuchenden auf den großen Steigungen in schwierigem Gelände mühelos auf die Gipfel zu befördern. Am 9. Juni 1926 konnte die nach dem neuen System "Bleichert-Zuegg" erbaute Rax-Seilbahn, im Gemeindegebiet Reichenau, als die erste Personen-Seilbahn Österreichs dem öffentlichen Verkehr übergeben werden.

Vielleicht fließt gerade dieses Ereignis in Robert Seethalers neues, kleines Meisterstück ein: "Seit Wochen hatte man den Frühlingsbeginn und mit ihm das Eintreffen des Bautrupps erwartet. Eine Seilbahn würde errichtet werden. Eine mit elektrischem Gleichstrom betriebene Luftseilbahn, in deren lichtblauen Holzwaggons die Menschen den Berg hinaufschweben und den Panoramablick über das ganze Tal genießen würden." Einer der insgesamt 37 Männer, die für die Firma Bittermann & Söhne beim Bau der 1. Wendenkogler Luftseilbahn - genannt die "Blaue Liesl" - beteiligt sein wird, ist Andreas Egger. Ihn, der kurz nach der Jahrtausendwende als etwa vierjähriger Bankert mit dem Pferdewagen aus einer Stadt weit jenseits der Berge angekommen und beim Bauer Kranzstocker mehr schlecht als recht untergebracht wird, erfüllt diese Anstellung mit großem Stolz. "Er sah sich als ein kleines, aber gar nicht mal so unwichtiges Rädchen einer gigantischen Maschine namens Fortschritt (...), fühlte sich als Teil von etwas Großem, etwas, das seine eigenen Kräfte (eingeschlossen seine Vorstellungskraft) bei weitem überstieg und das, wie er zu erkennen glaubte, nicht nur das Leben im Tal, sondern irgendwie auch die ganze Menschheit voranbringen würde." Die Berge schienen mit einem Mal etwas von ihrer ewiggültigen Mächtigkeit eingebüßt zu haben. Doch zugleich macht sich auch ein bedrückendes Gefühl in ihm breit. "Vielleicht hatte es mit dem Knattern der Motoren zu tun, mit dem Lärm, der plötzlich das Tal füllte und von dem man nicht wusste, wann er wieder verschwinden würde. Oder ob er überhaupt je wieder verschwinden würde."

Wunderbar einfühlsam, in leisen, ruhigen, unspektakulären, aber ungeheuer eindringlichen Tönen erzählt Robert Seethaler die Geschichte und das Leben des Andreas Egger. "Er dachte langsam, sprach langsam und ging langsam, doch jeder Gedanke, jedes Wort und jeder Schritt hinterließen Spuren, und zwar genau da, wo solche Spuren seiner Meinung nach hingehörten." Und genau diese begangenen Pfade des immer ein Auswärtiger Bleibenden, des Geduldeten und als Hinkebein Verspotteten - eine Verletzung die er den Grobheiten und Prügeln seines Mündels zu verdanken hat -, zeichnet der österreichische Autor unglaublich subtil und feinsinnig mit seiner enorm bildreichen Sprache nach, die schon im "Trafikant" begeistern konnte. Eine Diktion und Ausdrucksweise, die den Leser direkt in die auf den ersten Blick spröde, doch im Inneren brodelnde Gefühlswelt seines Protagonisten katapultiert. Er nimmt Anteil an den inneren Umwälzungen und Erregungen, als Egger seine große Liebe Marie kennenlernt, heiratet und mit ihr ein kleines, gepachtetes Grundstück am Berg bezieht. Er leidet mit ihm bei schweren Schicksalsschlägen, begleitet ihn in den Krieg und auf seinen Touren, die er in den letzten Jahren seines Lebens als Bergführer verbringt.

Entstanden ist ein narbenreiches, aber nicht unglückliches Bild von Missgeschicken, Bemühungen und Gelungenem eines vielleicht auf den ersten Blick wunderlichen und eigenbrötlerischen, aber immer bescheidenen und zufriedenen Mannes. "Wie alle Menschen hatte auch er während des Lebens Vorstellungen und Träume in sich getragen. Manchen davon hatte er sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden." Seethaler skizziert mit seinem Protagonisten zudem ein ungeheuer eindringliches Porträt einer Zeit und zeigt auf, dass jener im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen nicht verlernt hat, dem zunehmend lauteren Tosen der Welt die notwendige Ruhe entgegenzusetzen.

Wenn man heute in die Alpenregionen fährt, kann man mitunter nur erahnen, wie diese Gegend aus den Augen von Andreas Egger ausgesehen haben muss. Menschliche Grenzen setzen die Berge fast keine mehr. Mit zahlreichen Seilbahnen erreichen heute Freizeitliebhaber auch noch den letzten Winkel. Vielleicht spürt man beim Innehalten den Atem dieser vergangenen Zeit für den Andreas Egger beinahe prädestiniert zu sein scheint: "Er war schon so lange auf der Welt, er hatte gesehen, wie sie sich veränderte und sich mit jedem Jahr schneller zu drehen schien, und es kam ihm vor, als wäre er ein Überbleibsel aus einer längst verschütteten Zeit, ein dorniges Kraut, das sich, solange es irgendwie ging, der Sonne entgegenstreckte. (...) Manchmal in lauen Sommernächten, breitete er irgendwo auf einer frisch gemähten Wiese eine Decke aus, legte sich auf den Rücken und blickte zum Sternenhimmel hinauf. (...) Und manchmal, wenn er lange genug so dalag, hatte er das Gefühl, die Erde unter seinem Rücken würde sich ganz sachte heben und senken, und in diesen Momenten wusste er, dass die Berge atmeten."

Fazit: "Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen." Auf 160 Seiten entwirft Robert Seethaler ein leises, unspektakuläres Bild eines Mannes, der stellvertretend für die vielen Stahlstützen der Seilbahnen zwar äußerlich gebeugt und mit einer Patina aus Rost umgeben, aber innerlich gerade und aufrichtig ein Teil von etwas Großen war und trotzdem immer bodenständig bleibt. Ein Buch zum Innehalten und Durchatmen, feingeistig und besinnlich, gut zu lesen. Ein Text, der bescheiden und zufrieden, ja, der glücklich macht.


Robert Seethaler
Ein ganzes Leben
Hanser Berlin Verlag (Juli 2014)
160 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3446246452
ISBN-13: 3446246454
Preis: 17,90 EUR

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