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Erschienen in Ausgabe: No 104 (10/2014) Letzte Änderung: 16.10.14

»Berlin Art Week« - Start der Berliner Kunstherbstsaison

von Jan Löw

Beeindruckend, wie sich hunderte Körper zu einem wogenden Organismus in der Akademie der Künste am Hanseatenweg ballten. Der schwindlig machenden Enge vor der Treppe zur Ausstellung »Schwindel der Wirklichkeit« entkommen, dominierte nicht selten die Lust zur eigenhändigen Dokumentation dieser Performance. Nur Nam June Paiks »Three Camera Participation« aktiviert wohl die Bildspeicherprozesse in ähnlicher Weise. Drei Videokameras erzeugen seitlich versetzt Bilder der Betrachter in drei unterschiedlichen monochromen Farben. Menschliche Bewegung sorgt so für neue Farbmischungen im Fernsehbild der eigenen Kontur. Gleich nebenan setzt Giny Vos Monitor statt Spiegel in eine Reproduktion von Jan van Eycks berühmter Arnolfini Hochzeit. Auch hier wird der Selbstbeobachtungskreis via Kamera geschlossen, ohne natürlich die Rückansichten der vor fast 600 Jahren von ihrem Landsmann malerisch Portraitierten mit darzustellen.
Zwischen den schon Altvorderen Thomas Demand, Valie Export, Olafur Eliasson, Dan Graham und Bruce Naumann findet sich das aufblühende Talent einer Sophia Pompéry. Wer seinem Spiegelbild in »Transient Shade« näher kommt, bemerkt die schwindende Reflektionsmöglichkeit.
Falls sie angesprochen werden, ob sie sich über Wirtschaftsthemen unterhalten möchten, tun sie dies. Tino Sehgals Performerinnen offerieren die Hälfte des Eintrittsgeldes als Belohnung.
Hauptanziehungspunkt für Kunstsuchende war »Art Berlin Contemporary« am Gleisdreieck. Die immer noch keine Kunstmesse sein will. Demonstrativ nichts in Kojenwände zwängt, und so viel Raum für schweifende Zusammenschau eröffnet. Eingefahrene Sehgewohnheiten hinterfragend, überzeugt die Fotoserie »Come Out« von Richard Mosse. Als Ire liegt ihm besondere Sensibilität für Massenkonflikte im Blut. Auf Infrarotfilm aufgenommen, erscheint pflanzliches Grün hier in zartem Lila. So konzentriert sich der Blick auf die abgebildeten Handlungen der Menschen.
Kriegerisch ist auch die Szenerie in Martin Eders meisterhaftem Gemälde »Unbekanntes Gebiet«. Seine Protagonistin starrt auf ihr glänzend, himmelwärts gerichtetes, scheinbar bis in die Gewitterwolken über der Szene stechendes Schwert. Warum so viel Weiblichkeit? Nur, um diesen illusionslosen Blick unter intellektuellem Radar hinein in die Menschen zu schmuggeln? Kitsch hält er erklärtermaßen für die Komprimierung von Gefühlen, die Jeder versteht.
Auf eine andere Art süßlich, schmeckte der Hawaii Toast aus John Bocks Grillofen. Wird er im Zeichen seiner Hochschulprofessur im beschaulichen Karlsruhe jetzt milde?
Neue Wege und neuen Namen fand dafür Kristian Jarmuschek mit dem Messeformat »Positions« im ehemaligen Kaufhaus Jandorf. Älteren Ostberlinern auch bekannt als »Haus der Mode«. Es wäre sicher mehr als interessant geworden, Messepräsentation und Kunstauktion zu verbinden, wie es seine ehemaligen Mitgesellschafter der »Preview« vorhatten. Nun bleibt der immer wieder phantastische Eindruck von Axel Anklams Raumvisionen. Verbunden mit der Freude über das erweiterteGalerieprogramm von J. J. Heckenhauer in München, und die Frage, ob das Messedesign im nächsten Jahr mit einfachen Mitteln dem historischen Ort mit wunderbargroßen Fenstern angepasst werden wird.
Wie viele Galerien und freie Kunsträume in Berlin zu finden sind, kann man nur schätzen. Offiziell sind es um die 400. Eingeweihte vermerken fast 700 im Adressbuch.
Sehenswert sind derzeit vor allem:
Großformate von Kippenberger bei Capitain/Petzel. Karl-Marx-Allee 45, 10178 Berlin, bis 25. Oktober 2014. http://www.capitainpetzel.de
Fotografische Studien nach Monet von Elger Esser, die mit ihren unendlich scheinenden Farbabstufungen Fotografie lesen lernen, bei Kewenig. Brüderstrasse 10, 10178 Berlin, bis 7. November.
http://www.artnet.de/galleries/kewenig-galerie/elger-esser-lâge-dor/
Abstrakte Kompositionen von Vordemberge-Gildewart, bei Berinson. Lindenstrasse 34, 10969 Berlin, bis 20. Dezember. www.berinson.de/exhibitions/gemalde/
Aus Messingdraht filigran komponierte, schwebende Skulpturen von Constantin Luser, die in Bewegung geraten, immer neue Deutungen erlauben. In der GalerieJette Rudolph.
Strausberger Platz 4, 10243 Berlin, bis 31. Oktober. www.jette-rudolph.de

Akademie der Künste: Hanseatenweg 10, 10557 Berlin, bis 14. Dezember 2014.
http://www.schwindelderwirklichkeit.de/ausstellung/

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