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Erschienen in Ausgabe: No 104 (10/2014) Letzte Änderung: 21.10.14

Ist das ostdeutsche Kulturerbe heute vergessen?
Die Bonner „Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen“ beging ihren 40. Geburtstag

von Jörg Bernhard Bilke

Der Festsaal im Bonner Universitätsklub war am Nachmittag des 17. September mit fast 200 Gästen bis auf den letzten Platz gefüllt, als die am 12. Juni 1974 in Stuttgart gegründete „Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen“ ihren 40. Geburtstag beging. Wie der Vorsitzende Hans-Günther Parplies aber einleitend bemerkte, bestünde wenig Grund zum Feiern, denn der historische Vorgang von Flucht und Vertreibung, wovon schließlich zum Kriegsende 1945 und danach 15 Millionen Deutsche betroffen gewesen wären, biete gewiss keinen Anlass zum Feiern. Weiterhin müsse auch bedacht werden, dass von der Bundesregierung im Jahr 2000 allen Kultusinstitutionen der Vertriebenen die finanziellen Zuwendungen entzogen worden wären.
Nach der Vorstellung der Gäste, zu denen auch Christine Czaja, die Tochter des Vertriebenenpolitikers Dr. Herbert Czaja (1914-1997), und der Bonner Bürgermeister Reinhard Limbach gehörten, sprach der Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk (CSU) , der durch Herkunft und Berufsweg als Redner für diese Gedenkveranstaltung hervorragend geeignet war. Er wurde 1959 als Sohn oberschlesischer Eltern im oberfränkischen Forchheim geboren, studierte in Bonn Geschichte und Politische Wissenschaften und wurde, noch während seines Studiums, wissenschaftlicher Mitarbeiter des CDU-Bundestagsabgeordneten Helmut Sauer/Salzgitter, der noch 1945 in Schlesien geboren worden war. In den vier Jahren 1987/91 wirkte Hartmut Koschyk beim „Bund der Vertriebenen“ in Bonn als Generalsekretär, wurde aber 1990 in den Bundestag gewählt, dem er bis heute angehört.
Er ist ein erfahrener Politiker, der sich besonders in der Vertriebenenpolitik auskennt. Deshalb versteht er auch den Schmerz, den die Flüchtlinge und Vertriebenen in Westdeutschland empfunden haben müssen, als die Ostverträge abgeschlossen wurden und damit der Verzicht auf die alte Heimat jenseits von Oder und Neiße besiegelt war. Diese Niederlage, so der Redner, müsse durch verstärkte Kulturarbeit aufgefangen werden. Warum das wichtig ist, erhellte ein Zitat aus der Rede, die die Bundeskanzlerin Angela Merkel am 30. August 2014 zum „Tag der Heimat“ in der Hauptstadt Berlin gehalten hat:“Auch Deutsche, die keine familiären Wurzeln östlich der Oder haben, sollten wissen, dass Breslau, Königsberg und Stettin einmal deutsche Städte waren, dass die Ostpreußen Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant und Käthe Kollwitz das deutsche Kultur- und Geistesleben ebenso geprägt haben wie der Schlesier Gerhart Hauptmann oder der in Prag geborene Rainer Maria Rilke und dass die Siebenbürger Sachsen oder die Russlanddeutschen ihre eigene Kultur und ihr eigenes Brauchtum haben wie die Bayern, Sachsen und Württemberger.“
Der Referent, der sich in der Geschichte der Stiftung auskannte, erwähnte auch die auf mehreren Tagungen geleisteten Vorarbeiten für ein europäisches Minderheitenrecht und die veränderten Bedingungen, unter denen die Kulturstiftung, 16 Jahre nach ihrer Gründung, im wieder vereinigten Deutschland hätte arbeiten müssen. Er bezeichnete diese Jahre danach als „Blütezeit“ der Stiftung, jetzt wären, nachdem der „Eiserne Vorhang“ gefallen war, die Regionen der alten Heimat samt den wenigen, dort verbliebenen deutschen Bewohnern wieder zugänglich geworden, man hätte das Stettiner Schloss, die masurischen Seen, das schlesische Riesengebirge wieder besichtigen können.
Deshalb hätte er den am 30. Juni 2000 erfolgten Entzug staatlicher Geldmittel für anderthalb Dutzend ostdeutscher Kulturinstitute als „nicht sachgerecht“ empfunden, und „dieser Umbau“ auf nur noch projektbezogene Forschung wäre „zu drastisch und vor allem zu schnell“ vollzogen worden. Aber immerhin hätte die Bundesregierung, nachdem Angela Merkel 2005 Bundeskanzlerin geworden wäre, die Fördermittel zur Pflege des ostdeutschen Kulturerbes von zwölf auf 21 Millionen Euro jährlich erhöht. Dazu gehöre aber auch, so Hartmut Koschyk, die 2005 gegründete Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ durch die Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach, die zugleich Präsidentin des in Bonn ansässigen „Bundes der Vertriebenen“ ist, und durch den in Eger/Böhmen geborenen SPD-Politiker Dr. Peter Glotz (1939-2005), Autor des Buches „Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück“ (2003).
Die Veranstaltung wurde abgerundet durch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Stand und Perspektiven der wissenschaftlichen Aufarbeitung des ostdeutschen Kulturerbes“, die von Jörg Bernhard Bilke, von 1983 bis 2000 Mitarbeiter der Bonner Stiftung „Ostdeutscher Kulturrat“, umsichtig geleitet wurde. Im Podium saßen der Jurist Prof. Dr. Gilbert H. Gornig/Marburg, der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Tilman Mayer/Bonn, der Germanist Prof. Dr. Karol Sauerland/Warschau und der Kunstwissenschaftler Dr. Kazimierz Pospieszny/Marienburg. In der ersten Diskussionsrunde ging es darum, ob den heutigen Deutschen, fast 70 Jahre nach Kriegsende 1945, das ostdeutsche Kulturerbe noch vertraut ist. Wird beispielsweise der noch heute auf deutschen Bühnen gespielte Dramatiker Gerhart Hauptmann (1862-1946) noch als schlesischer Autor erkannt? Das ostdeutsche Kulturerbe, das 1945 als „unsichtbares Fluchtgepäck“ auf die Reise ins Ungewisse mitgenommen wurde, ist ein unverzichtbarer Bestandteil der deutschen Kultur überhaupt. Die schlesische Barockdichtung ist einzigartig in der deutschen Literaturlandschaft. In seinem Buch „Der ungeheure Verlust“ (1988) hat der 1935 in Liegnitz/Schlesien geborene Germanist Louis F. Helbig einen Ausspruch des Schweizer Autors Max Frisch aufgegriffen, der 1948 ins nunmehr polnische Breslau eingeladen war und die Abtrennung Schlesiens als Verlust für Deutschland empfand. Das war das Thema der zweiten Diskussionsrunde, wie das ostdeutsche Kulturerbe auch im heutigen Deutschland wieder ins öffentliche Bewusstsein gehoben werden kann. Vermutlich haben die Deutschen noch immer nicht begriffen, was ihnen 1945 verloren gegangen ist.

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