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Erschienen in Ausgabe: No 106 (12/2014) Letzte Änderung: 04.12.14

Die Marquise Luisa Casati-Stampa - Unkonventionelle Ikone der Moderne Ausstellung in Palazzo Fortuny /Venedig

von Anna Zanco-Prestel

Bis zum 8.März 2015 präsentiert Museo Fortuny die erste Luisa Casati Stampa ganz gewidmete Ausstellung. „Zerstörerin der Mittelmäßigkeit“ nannte Gabriele D'Annunzio die exzentrische Marquise, die Dichter und Künstler ihrer bewegten Zeit zwischen Bèlle Epoque und I. Weltkrieg inspirierte.


Beinah jeder kunstinteressierte Venedig-Besucher kennt Palazzo Venier dei Leoni, den „unvollendeten Palast“ aus Pietra d'Istria, der die Linie der prächtigen Bauten zwischen Accademia e Punta della Salute sanft unterbricht. Dort befindet sich die berühmte Peggy Guggenheim Collection, deren Präsenzin Venedig im Laufe der Jahrzehnte viel zur Internationalisierung der Stadtbeigetragen hat. 1951 wurde das Bauwerk von der amerikanischen Kunstmäzenin Peggy Guggenheim erworben, die 30 Jahre darin wohnte und zum Dreh- und Angelpunkt der zeitgenössischen Weltkunstszene aufsteigen ließ.
Kaum jemandem dürfte es aber heute noch bekannt sein, dass Peggy Guggenheim eine berühmte Vorgängerin hatte, die Anfang des XX. Jahrhunderts– und wie sie selbst in späteren Jahren – eine wichtige Rolle innerhalb der venezianischen Gesellschaft, insbesondere auf kulturellem Gebiet spielte. Der exzentrischen Luisa Adele Rosa Maria Amman und späteren Marchesa Luisa Casati Stampa, widmet Museo Fortuny bis zum 8. März eine mit etwa 100 Werken – darunter Gemälde, Skulpturen, Fotos – bestückte Ausstellung, die die unterschiedlichen Facetten ihrer schillernden Persönlichkeit beleuchtet. Wie andere berühmten „Zuzügler“, die Venedig von Zeit zu Zeit aus seiner Letargie wachrüttelten, kam die gebürtige Mailänderin immer öfter in die Lagunenstadt, nachdem sie das beachtliche Vermögen des erfolgreichen Baumwollindustriellen österreichischer Herkunft Alberto Amman geerbt und im Jahre 1900 den Marchese Camillo Casati Stampa di Soncino geheiratet hatte. Drei Jahre später lernte sie bei einer Jagdpartie den ebenso exzentrischen Dichter-Soldaten Gabriele D'Annunzio kennen: Mit ihm teilte sie die Vorliebe für die schönen Künste, den Kult der Antike sowie das Interesse für den Okkultismus und die Esoterik. Zu jener Zeit veränderte sie ihren Look, umrandete ihre dunklen Augen mit kräftig-schwarzen, graphischen Lidstrichen und erweiterte ihre Pupillen mit Belladonna-Tropfen. Sie färbte grell rot Lippen und das kurz geschnittene Haar und begann, ein turbulentes Dasein zwischen ihren luxuriösen Residenzen in Rom, Paris und Venedig zu führen. In Venedig mietete sie 1910 Palazzo Venier dei Leoni, wo sie rauschende Feste in einer phantasmagorischen Atmosphäre organisierte, die sie europaweit berühmt machten. Bei einem dieser Anlässe empfing sie ihre Gäste sitzend auf einem goldenen Thron, ein Tiger, den sie extra aus dem römischen Zoo kommen ließ, an ihren Füßen liegend. Ihr „theatralisches“ Auftreten mal als „Harlekin“ , mal als „Sonne“, als „Cesare Borgia“ oder als „Indianer-Häuptling“ verkleidet in u.a. von Léon Bakst oder Erté entworfenen Kostümen lockte Poeten und Literaten – vom bereits erwähnten Gabriele D'Annunzio und dem Symbolisten Robert de Montesquiou, der ihr drei Sonetten widmete, bis hin zu Tennessee Williams, der sie in seinem Werk Man Bring This Up Road verewigte. Zu ihrem Kreis gehörten auch Mitglieder des „Russischen Ballets“ wie die legendären Diagilev und Nijinskij. Sie inspirierte bekannte Maler der Zeit von Boldini und de Blaas bis hin zu Epstein, Alberto Martini und den Photographen Man Ray, und saß für sie Modell. Die unzähligen von ihr angefertigten Portraits wurden u.a. bei der Kunstbiennale vonVenedig ausgestellt und erschienen in weltbekannten Magazinen wie Vanity Fair oder Vogue. Als dekadente „Dark Lady“ gehuldigt, wurde sie zur Ikone ihrer Epoche und übte einen nachhaltigen Einfluss auf die unterschiedlichen Kunstströmungen, vom Fauvismus und Surrealismus bis hin zum Dadaismus. In die Geschichte ist sie nicht zuletzt als Muse und Mäzenin der „Futuristen“ eingegangen, deren Tätigkeit etwa zwischen 1915 und 1920 mit ihrer eigenen Lebensgeschichte verflochten ist. Die häufigen Begegnungen mit Marinetti, Balla, Carrà oder Depero finden Niederschlag in deren Werken. In ihrem Streben, sich selbst in ein lebendes Kunstwerk zu verwandeln, verschwendete sie allerdings alles, was sie besaß: für Kleidung, Juwelen, mondäne Empfänge und Ankäufe für ihre Kunstsammlung. Den Lebensabend verbrachte sie völlig verarmt und in Vergessenheit geraten in London, wo sie 1957 starb.
Kuratiert wurde die Schau von Daniela Ferretti, die das von ihr geleitete Museo Fortuny für den kongenialen Ort hielt, die Marquise als „verlorenes Symbol einer unwiederbringlichen Epoche“ mit einer Schau zu würdigen.
Sorgfältig rekonstruiert wird ihre außerordentliche Geschichte in dem Band „Die göttliche Marquise. Kunst und Leben von Luisa Casati von der Belle Époque bis zu den wilden Jahren“ (24 Ore Cultura).
In verschiedenen Texten wird auf das besondere Verhältnis dieser hochmodernen „Performer“ zu den Künsten, zur Fotografie und Mode eingegangen. Ergänzt werden sie von Zeitungsartikeln, Kunstreproduktionen, Fotos von Kleidern, Kostümen und Juwelen, die ein breit gefächertes Bild ihrer rastlosen Existenz und ihrer Zeit vermitteln.


www.mostracasati.it
www.fortunyvisitmuve.it

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