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Erschienen in Ausgabe: No 105 (11/2014) Letzte Änderung: 04.12.14

Als wenn schon Weihnachten wär - Münchens 7. Internationale Kunstmesse 2014 findet zum 2. Mal in der Residenz statt

von Hans Gärtner

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„Schließlich sind wir in der Residenz!“, gibt eine ältere Besucherin von Münchens internationaler Kunstmesse 2014 zu bedenken, als man das vorgefundene schlossähnliche Ambiente bewundert, das man künstlich mitten in den Kaiserhof gestellt und kostbar ausgestattet hat. Die Gechäftsführer Konrad O. Bernheimer und Georg Laue sind stolz auf ihr Ausstellungsgelände, auf dem knapp 50 Händler, darunter welche aus den USA, Italien, der Schweiz, Österreich, Frankreich und den Niederlanden, in der Tat „aufregende Meister-Werke von der Antike bis zur Klassischen Moderne“ präsentieren. Allein der in Kooperation mit AD Archictural Disign edierte Katalog ist eine Schau. AD-Chefredakteur Oliver Jahn gibt gleich zu Anfang zu bedenken, „dass die Kunst jenseits aller hermeneutischen Paradigmen immer auch höchst demokratisch Einlass“ gewähre: Der Besucher dürfe hinschauen, wo er möchte. So würde das Erratische zu etwas Erregendem.
Ob solcher Höhenflüge, die gleichzeitig etwas längst Bekanntes beinhalten, begibt man sich gern auf die Suche nach seinem Lieblingsobjekt. Das ist auch schon bald gefunden: eine dem Südtiroler Hans Klocker (2. Hälfte 15. Jh.), zugeschriebene, in Lindenholz geschnitzte, farbig gefasste Stall-Betlehem-Gruppe, die das nackte Jesuskind im zur Nussschale geformten Mantelstück auf dem Boden liegend zeigt. Kein Stroh darf, nur Mariens Cape-Stoff kann dem neugeborenen Weltenkönig als Bettchen dienen.
Als wenn schon Weihnachten wär, begegnet man bereits dem Christkind, solo oder auf dem Arm seiner Mutter, ganz reizend als Subjekt der Anbetung durch die auf die Knie gefallenen Heiligen Drei Könige (Oberschwaben, 16. Jh.). Ein halbes Jahrtausend später zeichnet Oskar Kokoschka das Jesuskind, wie es aus angstvoll aufgerissenen Augen seine auf dem Esel sitzende, von Josef sorgengebeugt nach Ägypten geführte Mutter anblickt – ein Blatt, das das derzeit niederdrückende Flüchtlingselend im (auf vielen Exponaten in herkömmlicher Weise rein exotisch beschworenen) Orient beklagen lässt. Weniger archaisch als beinahe grotesk gibt sich ein 100 Jahre altes Heilig-Abend-Motiv, das der (in erstaunlich großer Werk-Anzahl vertretenen) Gabriele Münter gedankt wird. Hat sie sich da, unscheinbar, nicht selbst mit ins Bild gebracht, das stimmungsmäßig ein heimeliges, Bratäpfel-Duft und Lebkuchen-Würze verströmendes Wohnzimmer aus seliger Murnauer Zeit widerspiegelt?
Sakrales und Biblisches – wer auf der Suche nach Erlesenem aus diesen Bereichen das „Highlight“-Gelände mit Angeboten vom Orientteppich bis zum Fabergé-Anhänger aus Platin, Gelbgold, Saphir und Diamanten, vom Barockstillleben bis zu Dachstuhl-Architekturmodellen (um 1900) beim Wissenschaftshistoriker Simon Weber-Unger, von einer frech lächelnden Selensherme aus Giallo Antico bis zu seltenen Großfotos Pablo Picassos durchstreift, wird fündig: Mühlbauer bietet ein Silber- Weihwassergeschirr mit Email-Plaketten (Augsburg, frühes 18. Jh.), Eitle-Böhler eine Nottinghamer Geißelung Christi (2. Hälfte 15. Jh.) und Laue, Wunderkammer-Spezialist mitden abstrusesten Artefakten, die häufig der Natur nachgearbeitet wurden, ein Fächerregal mit eingehängter goldgerahmter Klosterarbeit, in der der Jesusknabe im maisgelben Hemdchen in einem Konglomerat von Muscheln, Steinchen und Figürchen steht.
„Highlights“, internationale Kunstmesse München, Residenz, Eingang vom Hofgarten aus, noch bis 12. November, täglich 11 bis 19 Uhr, langer Abend am 11. November (bis 22 Uhr).

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