Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 108 (02/2015) Letzte Änderung: 02.02.15

Das ist ein Magier! - "Der jüdische Schneider" von Gabriel Glikman

von Issai Spitzer

Bild

Diese Geschichte erzählte mir Gabriel Glikman selbst kurz vor seinem Tod. Meine Erzählung geht weit zurück in der Zeit. Man schrieb das Jahr 1939: Leningrad. Ilja Ginzburg, der herausragende Bildhauer, Mitglied der Akademie, wurde zu Grabe getragen. Der Sarg war in der Akademie der Schönen Künste aufgebahrt. Der Akademieprofessor Matvej Maniser leitete die Beerdigungskommission. Viele Leute waren gekommen, um vom Verstorbenen Abschied zu nehmen. Auch ich befand mich unter all diesen Menschen, damals Student der Akademie, ein Schüler von Maniser. Und hier, am Sarg von Ilja Ginzburg, überkam mich die Erinnerung, wie ich ihn kennengelernt hatte.
Auch er unterrichtete an unserer Akademie. Als Ginzburg erfuhr, dass ich Schüler von Maniser war, rief er aus:
-„Junger Mann, Sie haben aber Glück gehabt: Schüler von Maniser! Könnten Sie mir vielleicht Ihre Arbeiten zeigen?“
-„Gerne“, - antwortete ich.
Maniser lobte mich oft für einige meiner Skulpturen, für andere wiederum tadelte er mich. Er sagte, ich hätte schiefe Augen. Wahrscheinlich hatte er auf seine Art Recht. Denn schon damals fiel mein künstlerischer Still in einigen Arbeiten aus dem fest gesetzten akademischen Rahmen heraus. Deshalb freute ich mich, als ein so berühmter Meister wie Ginzburg meine Arbeiten sehen wollte.
Er kam in meine Werkstatt und ich zeigte ihm meine Arbeiten: Büsten, Basreliefs, Statuetten. Er selber war ein großer Meister von Genre-Figuren, die lebensnah, ausdrucksstark und unmittelbar in ihrer Wirkung waren. Viele seiner Werke befinden sich inzwischen im Russischen Museum in Sankt-Petersburg. Wahrscheinlich gefielen ihm meine Arbeiten, denn er lud mich zu sich nach Hause ein.
Und so befinde ich mich denn nun beim großen Ginzburg in seiner Wohnung im „Haus der Gelehrten“. Er bat mich, etwas über mich selbst zu erzählen. Ich sagte ihm, dass ich aus Beschenkovitschi stamme, einem kleinen Städtele unweit von Witebsk, dass ich meine erste Arbeit aus Lehm geformt habe, als ich 8 Jahre alt war. Das war der Kopf von Sokrates, den ich in irgendeinem Büchlein gefunden hatte. Damit hat alles begonnen. Dann kam Witebsk; dort konnte ich als Junge in der Kunstschule zuschauen, wie Chagall und Malevitsch arbeiteten.
Er hörte mir mit großem Interesse zu, erzählte dann seinerseits, dass auch er aus Weissrussland stammte – aus Grodno. Damals sei das ein kleines Städtchen gewesen, wo viele Handwerk treibende Juden lebten: Schuster, Sattler, Schneider usw. Beim Wort „Schneider“ flammten seine Augen auf. Ein rätselhaftes Lächeln erschien auf seinem Gesicht, sein ganzer Körper spannte sich – und mit einem unerwarteten Sprung hüpfte dieser alte kleinwüchsige Mann auf den Tisch, setzte sich im Schneidersitz darauf und verwandelte sich im Nu in einen Schneider. Diese Verwandlung war im wahrsten Sinne des Wortes wundersam.
Vor mir auf dem Mittagstisch saß wahrlich nicht der berühmte Bildhauer, nicht das Mitglied der Akademie, Schüler des großen Mark Antokolskij, - sondern ein blinzelnder jüdischer Schneider, deren nicht wenige ich in meinem Städtelе gesehen hatte.
Stellen Sie sich vor, - erzählte er mir gleich darauf, als wir bereits am Tisch saßen und Tee tranken – an dem selben Tisch, auf dem er eben erst sein Kunststück vorgeführt hatte, -
was Sie soeben gesehen haben, das habe ich Lew Tolstoj vorgeführt“.
Und er erzählte mir folgende Geschichte:

Es begab sich im letzen Jahr des vorigen Jahrhunderts (des 19. Jhs!). Ilja Repin, mit dem ich befreundet war, schlug mir einmal vor, Tolstoj auf seinem Gut Jaßnaja Poljana zu besuchen. Ich wusste, das er dort aus und ein ging, dass Tolstoj Repins Bilder sehr schätzte und von ihm oft gemalt wurde. Wie hätte ich da nein sagen können?! So reisten wir nach Jassnaja Poljana. Tolstoj empfing uns voller Freude. Repin stellte mich vor und erläuterte das Ziel unseres Besuches: wir sollten Porträt-Skulpturen des Dichters anfertigen. Tolstoj hatte nichts dagegen und schlug uns sogar vor, ihn zu begleiten, um, wie er sagte, erst echten
Lehm zu holen. So nahmen wir denn Schaufeln, einen Schubkarren und folgten Lew Tolstoj. In der Tat brachte er uns zu einem Stück Land, wo es vorzüglichen Lehm gab: er war fett, weich und von dunkelbrauner Farbe, wie Schokolade.
Repin und ich freuten uns sehr, denn wir wussten, wie leicht und angenehm es sich mit solchem Lehm arbeiten lässt. Wir hoben genügend Lehm aus und brachten ihn nach Hause. Man hatte für uns eine Art Werkbänke hergerichtet und wir begannen zu arbeiten. Jeder fertigte seinen eigenen, individuellen Tolstoj an; so, wie er ihn sah. Übrigens befindet sich jene Büste von Repin – in Naturgröße – im Tolstoj-Museum von Jassnaja Poljana. Als ich einen Arbeitsabschnitt beendet hatte, empfand ich plötzlich eine große Müdigkeit. Es kam alles zusammen: die Reise, die Aufregung bei der Begegnung mit dem berühmten Schriftsteller, die Anstrengung bei der Arbeit. Lew Nikolajewitsch, der das bemerkte, schlug mir eine Ruhepause vor. Er führte mich ins Zimmer im 1.Stock, wo ich mich hinlegen konnte.
Kaum ich mich hingelegt hatte, stürzte ich in einen tiefen Schlaf. Ich wachte auf von der Empfindung, dass sich jemand im Zimmer befinde. Ich öffnete die Augen und sah in Dämmerung des Zimmers Tolstoj. Schuldbewusst sagte er: „Ilja, entschuldigen Sie mich bitte. Es tut mir leid, dass ich Sie gestört habe. Aber Repin erzählte mir, Sie besäßen die Gabe, Menschen zu imitieren. Und das hat mich neugierig gemacht, bin ich doch ein großer Liebhaber von Menschdarstellungen. Könnten Sie uns nicht etwas vorführen?“
Ich entgegnete: „Aber Lew Nikolajewitsch, das sind doch Kinderspiele, unsere studentischen Vergnügungen – nichts weiter. Es ist mir irgendwie peinlich...“ Er jedoch sagte: „Ilja, ich bitte Sie – kommen Sie nach unten“ und ging aus dem Zimmer.
Wie hätte ich da Lew Nikolajewtsch die Bitte abschlagen können! So ging ich denn hinunter ins Wohnzimmer. Es war hell erleuchtet, es brannten viele Lampen und Kerzen. Im Salon befanden sich an die fünfzehn mir völlig unbekannte Personen. Als Erklärung sei hinzugefügt, dass Tolstoj dauernd Gäste hatte: Literaten, Gelehrte, Schauspieler, Musiker... Er stellte mich den Gästen vor und sagte: „Wir haben hier heute einen ganz besonderen Gast – den Bildhauer Ilja Ginzburg“.
Dann wandte er sich an mich: „Nun, bitte!“ und wies auf den Tisch, den man bereits in der Mitte des Salons aufgestellt hatte. Lew Nikolajewitsch selber setzte sich ganz in der Nähe hin. Etwas betreten und vorwurfsvoll schaute ich zu Repin hinüber. Er fragte: „Du bist mir wohl böse, dass ich deine Talente verraten habe?“ Ich zuckte die Achseln – was sollte man da schon machen...“
Ich warf einen kurzen Blick auf die Anwesenden, sprang leicht auf den Tisch und rief mir die Zeit zurück, als ich Student war und verschiedene Menschen imitierte. Und plötzlich
wurde der große helle Salon ganz eng, schmal und dämmrig und verwandelte sich vor meinen Augen in ein dunkles, schmutziges Kämmerlein eines jüdischen Schneiders. Die Vorstellung begann. In meiner rechten ausgestreckten Hand klapperte die Schere, die Finger der linken
Hand hielten auf dem Schoss den nicht vorhandenen Stoff, die kurzsichtigen Augen blinzelten. Dabei wiegte ich mich im Takt einer melancholischen jüdischen Melodie, die ich dazu leise summte.
Ich bemerkte, dass die Menschen bei diesem Augenblick verstummten und mich völlig unbeweglich anstarrten. Einige Minuten herrschte im Salon völlige Stille. Ich schaute zu Lew Nikolajewitsch hinüber und sah, dass seine breiten Schultern leise zuckten und dass aus seinen großen grauen Augen Tränen flossen. Tränen der Rührung und des Mitgefühls, verursacht durch jenes Bild, das mir gelungen war ins Leben zu rufen.
Am nächsten Morgen, noch vor dem Frühstück, forderte mich Lew Nikolajewisch auf, mit ihm auszureiten. Man führte seinen Rappen vor. Leicht sprang er auf und half mir dann von oben zu sich vorne in den Sattel. So ritten wir zu zweit auf einem Pferd über Wiesen und Felder indem wir die Schleier des Morgennebels zerteilten“.

Was mir Ginzburg damals erzählt und vorgeführt hatte, hat meine Seele tief beeindruckt. Ich empfand den großen Wunsch, den Schneider zu malen – aber ich? traute? mich nicht. Ich wagte es nicht einmal, diese Arbeit anzufangen. Wahrscheinlich war die Gestalt in mir noch nicht so weit gediehen, dass sie reif war, gleichsam von selbst auf die Leinwand zu „fallen“.
Es vergingen Jahre, Jahrzehnte. In Leningrad war ich kein Unbekannter mehr. Man kannte und schätzte mich sowohl als Bildhauer wie auch als Maler. 1962 fuhr ich in die Sommerfrische nach Repino, in das eigens für Komponisten eingerichtete Erhaltungsheim. Repino ist ein wunderschöner Ort in Karelien, am Finnischen Meerbusen (wo Ilja Repin die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbracht hat und wo er auch begraben ist. Sein Haus ist heute Museum. - Anmerkung des Übersetzer). Ich hatte dort ein Zimmer mit einer kleinen Veranda, wo ich Skizzen machte und Porträts der Musiker und Komponisten malte. Übrigens befand sich dort zur selben Zeit auch der berühmte Dirigent Jewgenij Mrawinskij, den ich gut kannte. Auch ihn habe ich gemalt.
Eines Tages, am frühen Morgen – es war ungewöhnlich klar und frisch – trat ich auf die Veranda – selber frisch und erholt, gleichsam reingewaschen und losgelöst von all dem Treiben der Stadt. Auf der Veranda lagen Farbtuben, Lösungsmittel, fester Karton. Ich hob einen davon auf. Als ob es heute gewesen wäre, erinnere ich mich an seine Masse: 120 x 90. Ich schwang Paar Mal den Pinsel und entwarf gleich hier auf dem Fußboden der Veranda meinen Schneider. Ich malte daran nicht länger als eine Stunde. So ausdrucksstark erstand er vor meinem inneren Auge. Ich sah seine wiegende rhythmische Bewegung, seinen Nagelen, fast Körperlosen Leib. Mit spindeldürren Armen, dünnem Körper. Das war bei weitem keine naturalistische Darstellung eines Menschen, vielmehr, möchte ich sagen, eine Konstruktion. Diese spitzen Knie, auf denen er den Stoff zuschneidet, dieser nackte Fuß mit dem riesigen Zehennagel – all das gibt dieser Figur ein ganz besonderes Gepräge. Man sagte mir später, das sei nicht einfach ein Porträt, das sei ikonographisch gesehen eine Art „Ikone“, mit der das Bild die stereotype Abstraktion gemeinsam hat. Das ist kein Handwerker – das ist ein Magier.
1980 gelang es mir dieses Bild, wie auch einige andere Arbeiten, in den Westen, in die Emigration, mitzunehmen. Ich hatte viele Ausstellungen. In einer Ausstellung in Rotterdam wurde mein „Schneider“ zusammen mit einem Porträt von Schostakowitsch und anderen Arbeiten von einem bekannten holländischen Sammler erworben. Nun stelle ich eine Variante jenes Bildes aus. Das ist die Geschichte meines „Jüdischen Schneiders“.


Als Gabriel Glikman seine Erzählung beendet hatte, dachte ich folgendes:
Die Kunst existiert seit Anbeginn der Zeiten - und genau so lange bleibt ihr Geheimnis unergründet. Es ist das Geheimnis der Inspiration. Man überlege sich bloß genau, was dieses Wort „Inspiration“ bedeutet. Was für eine wunderwirksame Kraft flößt dem Künstler Formen, Gedanken, Wörter, Melodien und Rhythmen ein, die uns die Welt mit den Augen des Meisters sehen und unsere Herzen im Einklang mit seinem Herzschlag schlagen lassen? Kommt diese Erleuchtung vom Himmel? Wahrscheinlich.
Und dennoch, wie schön, dass es ein Geheimnis bleibt!

Die Erzählung von Gabriel Glikman wurde von dem mit dem Maler befreundeten, in München lebenden Schriftsteller Issai Spitzer aufgezeichnet.
Wir drucken sie in der Übersetzung aus dem Russischen von Dr. Natalie Reber ab.

Bild: Gabriel Glikman - Der jüdische Schneider, 1962

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück