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Erschienen in Ausgabe: No 109 (03/2015) Letzte Änderung: 25.03.15

Traktat über die Dali-Ausstellung am Potsdamer Platz in Berlin

von Michael Lausberg

Bild

Roger Higgins

„Ich bin eine polymorpher, eingefleischter und anarchistischer Perverser. Alles verändert mich und nichts kann mich wandeln. (…) Meine Eltern tauften mich Salvador. Und wie schon der Name sagt, bin ich zu nichts Geringerem bestimmt, als die Malerei vor der Leere der modernen Kunst zu retten, und dies in einer Zeit der Katastrophen, in diesem mechanischen und mittelmäßigen Universum, in dem zu leben wir das Unglück und die Ehre haben.“ [1]

Salvador Dali war nicht nur einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts, sondern auch eine charismatische Persönlichkeit, die keinen Betrachter im positiven wie negativen Sinne kalt lässt. Längst sind Ausstellungen mit Werken des Surrealisten Dali in der internationalen Kunstszene ein Publikumsmagnet. Dali ist jedoch nicht nur auf die Malerei zu reduzieren, er war auch Grafiker, Schriftsteller, Bildhauer und Bühnenbildner. Sein wohl bekanntestes Werk ist „Die Beständigkeit der Erinnerung“, in dem zerfließende weiche Uhren als Symbol für die Unsicherheit der Zeit gelten. Weitere Motive, die einem breiten Publikum bekannt sein dürften sind die „langbeinigen Elefanten“, die „brennende Giraffe“ und die „Venus mit Schubladen“. Der „Schamane der Moderne“[2] wurde hauptsächlich durch den französischen Impressionismus, der Traumdeutung Freuds sowie die aufkommende Psychoanalyse geprägt. André Parinaud charakterisierte Dali folgendermaßen: „Die Geschichte, wie sie uns in der Literatur oder in legendären Erinnerungen überliefert ist, kennt nur wenige Beispiele einer Existenz, die sich so ohne Scham in ihrer extremsten Maßlosigkeit behauptet, und einer Intelligenz, deren Schärfe sich bis zum Paroxysmus hellsichtigen Deliriums zu steigern weiß.“[3] Es geht sich im Surrealismus darum, die seelischen Vorgänge, die jenseits (vor, über, zwischen) den als Realität bezeichneten Verhaltensmuster unbemerkt wirken zu lassen. Anders als im Realismus wollte Dali nicht die sichtbare Welt abbilden, sondern eine Welt sichtbar machen, die in den Träumen der Menschen verborgen liegt. Dalis Werke sind der Versuch, an diese unterbewussten Mechanismen heranzukommen und sie künstlerisch auszugestalten. In seinem Narzissmus und Exhibitionismus stellte er eine Vision vom Paradoxen dar, das sich jeder vernünftigen aufklärerischen Auslegung widersetzt. In seiner „halluzinatorischen Kunst“ als Apotheose der Phantasie entwarf Dali seine Bilder, die eine Vielzahl verschiedener Perspektiven enthalten. Durch die Technik, Bilder in Bildern herzustellen, wird die Aufmerksamkeit des Betrachters erhöht und das Irrationale hervorgehoben.[4] Dali bezeichnete dies als „paranoisch-kritische Methode“, die alle Bereiche der Wirklichkeit einem wahnhaften Deutungssystem unterwarf. Die Methoden der Streckung, Überdehnung und Aushöhlung sind für seine Werke charakteristisch. Mit Hilfe einer spielerischen Provokation lässt er mehrere Realitätsebenen ineinander übergehen und steigert dies ins Groteske und bisweilen auch ins Bizarre. In seiner Autobiographie schrieb Dali: „(…) der Aufruhr des Größenwahns erreichte (…) eine solche Höhe deriöser Egozentrik, daß ich mich zum Gipfel der unerreichbarsten Sterne emporsteigen fühlte.“[5]
Für den Erfolg seiner Werke sind vor allem ihre Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit entscheidend gewesen. Linda Salber bemerkte: „Dalis Gemälde bringen die Betrachter in eine irritierend schwebende Erlebnisbewegung, die seine Alltagsverfassung aufhebt und entgrenzt.“[6] Dali selbst wehrte sich gegen den Anspruch, seine Bilder müssten sich dem Zuschauer unmittelbar erschließen: „Wie können Sie erwarten, daß die Öffentlichkeit die Bedeutung meiner Bilder, die ich transkribiere, versteht, wenn ich selber, also derjenige, der sie hervorbringt, sie nicht mehr verstehe, sobald sie in meinen Gemälden auftauchen.“[7]
Dalis berühmteste Plastik ist wohl das dreidimensionale Werk „Venus von Milo“, das er in den 1930er Jahren begann und sein ganzes Leben immer wieder fortführte. Der nach dem Vorbild des Unbewussten und des Traumes entstandene „Surrealistische Engel“ ist in der Dali-Ausstellung zu sehen. In seiner Spätphase entstanden zahlreiche graphische Zyklen für Buchillustrationen wie die in der Berliner Ausstellung auch zu bewundernde „Göttliche Komödie“ aus dem Jahre 1963. Weitere bedeutende Grafiken Dalis sind „Alice im Wunderland aus dem Jahre 1969, „Der alte Mann und das Meer“ aus dem Jahre 1974, „Paradise Lost“ ebenfalls aus dem Jahre 1974 und „Das Leben ein Traum“ aus dem Jahre 1975.
Schon in seiner Kindheit malte er ein Selbstportrait als Kindkönig mit Krone; ein Symbol seiner Selbstwahrnehmung, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten sollte. Als junger Erwachsener rebellierte er gegen alles Herkömmliche und suchte nach neuen Wegen. Er schloss sich den Anarchisten an und erhoffte sich vom Sozialismus die Geburt eines neuen Menschen. Der Rektor der Kunstakademie, wo er studierte, sah in ihm ein „Bolschewik der Malerei“.[8] Dali lebte immer in Extremen, er hasste die Mittelmäßigkeit: „Er hat die Kunst gewählt, um eine Lebensform in die Erwachsenheit hinüberzuretten, die – dem kindlichen Zustand vergleichbar- frei bleiben kann von den Zwängen bürgerlicher Anpassung wie von den Sorgen um die Sicherung des Lebensunterhalts.“[9]
Vor allem in den USA wurde Dali als Popstar verehrt, der mit seinen sorgsam geplanten exzentrischen Auftritten für Aufsehen sorgte. Er schaffte es, sich eher wie ein Schauspieler in Szene zu setzen und mit den Medien zu spielen. Die Zeiten, wo Künstler wie van Gogh einsam in ihrem Atelier Bilder erstellten und in Armut lebten, waren überholt. Dank der Geschäftstätigkeit seiner Frau Gala stieg Dali zu einem der reichsten Männer der modernen Kulturgeschichte auf.
Dali wurde 1964 mit dem Großkreuz, der höchsten spanischen Auszeichnung von Königin Isabella von Spanien geehrt. 1974 wurde das „Teatro Museo Dali“ in seinem Heimatort Figueras eingeweiht, wo er auch nach seinem Tode wie ein König in einer Gruft beigesetzt wurde. Das „Teatro Museo Dali“ stellte nicht nur Werke des Künstlers zur Schau, sondern wurde selbst zu einem für die Öffentlichkeit bestimmten Gesamtkunstwerk des Menschen Salvador Dali. Er setzte sich selbst damit ein Denkmal der Unsterblichkeit, ein Schloss des bayrischen Königs Ludwig II diente dabei als Vorbild.
Die Sympathie für den spanischen Diktator Franco und die Hinwendung zur reaktionären Religionsmystik wirft einen dunklen Schatten auf die Person Dali. Angeblich soll Dali Franco ein Glückwunschtelegramm nach der Exekution von fünf ETA-Mitgliedern geschickt haben. Dieser traurige Abstieg des ehemaligen Anarchisten zum Legitimationsobjekt Francos und der katholischen Kirche im Spätherbst seiner Schaffenskraft darf nicht verschwiegen werden, wenn eine Bewertung der Person Dalis aus der Retrospektive vorgenommen werden soll.
Seit 2009 sind über 450 Werke Dalis aus privaten Sammlungen in einer Dauerausstellung am Potsdamer Platz in Berlin zu sehen. Diese Dauerausstellung wurde am 20. Todestag Dalis eröffnet und soll auch an den Fall der Mauer vor ebenfalls 20 Jahren erinnern. Sie wird nicht wie so oft von staatlicher Seite subventioniert, sondern ist eine privat getragene Angelegenheit mit Gewinnerwartung. Dort werden Zeichnungen, Lithographien, Radierungen, Holzschnitte, illustrierte Bücher, Dokumente, Grafiken und komplette Mappenwerke, inklusive der von ihm selbst gestalteten Mappenobjekte, dreidimensionale Arbeiten, multiple Objekte und Skulpturen ausgestellt. Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehört der Zyklus „Die Göttliche Komödie“ nach dem Text des italienischen Dichters Dante Alighieri.[10] Gerade in diesem Bildzyklus zeigt sich die einzigartige bildhafte, künstlerische Interpretation Dalis zu einem Hauptwerk der italienischen Literatur. Dieser Zyklus gehört zu den schönsten und künstlerisch besten Buch- und Literaturinterpretationen in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Außerdem ist das komplette Werk „Tristan und Isolde“ zu sehen, das im Februar 1970 mit 21 Kaltnadelradierungen vollendet wurde. Die Skulptur des „Surrealistischen Engels“, der als diesseitige Verkörperung eines jenseitig Körperlosen einen geöffneten Oberkörper für die Einwirkung des Himmels besitzt, wird ebenfalls gezeigt. Als Service gibt es „Dali-Scouts“, die „den Besucher entweder bei den nahezu stündlich stattfindenden öffentlichen Führungen durch die Ausstellung geleiten oder auch als Ansprechpartner innerhalb der Ausstellung jedem Besucher (…) im Gespräch Fragen beantworten oder Anregungen geben.“[11]
Dieses kulturelle Highlight hat jedoch auch einige Schönheitsfehler, vor allem die museumspädagogische Konzeption ist verbesserungswürdig. Weder werden die Werke durch Texttafeln erläutert, noch existieren Schautafeln, die über die Zeit, in der die Werke entstanden sind, genaueren Aufschluss geben. Vor allem Besucher, die sich nicht so gut in Kunstgeschichte auskennen, sind dazu gezwungen, das Begleitheft zu kaufen oder eine Führung mitzumachen. Aber auch trotz Begleitheft und/oder Führung vermittelt die Ausstellung nicht genügend Einblicke in Dalis Leben und Umfeld. Werk und Leben ist schon gerade bei Dali schwer zu trennen. Durch die ausschließliche Beschilderung in deutscher Sprache werden die vielen internationalen Besucher der Ausstellung vor den Kopf gestoßen. Dies ist für eine Metropole, die sich als weltoffen versteht, mehr als beschämend. Positiv hervorzuheben sind dagegen die langen Öffnungszeiten bis 20h, die es vor allem berufstätigen Menschen erlauben, innerhalb der Woche die Ausstellung zu besuchen.


[1] Zitiert aus Waldberg, P.: Der Surrealismus 1922-1942. Haus der Kunst, München, München 1972, S 22
[2] Salber, L.: Salvador Dali, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 76
[3] Zitiert aus Ebd., S. 150
[4] Ebd., S. 59
[5] Dali, S.: Das geheime Leben des Salvador Dali, München 1990, S. 97f
[6] Salber, Salvador Dali, a.a.O., S. 70
[7] Sunday News vom 11.4.1976
[8]Schiebler, R.: Dalí – Die Wirklichkeit der Träume, München 2004, S. 46
[9] Salber, Salvador Dali, a.a.O., S. 38
[10] Vgl. dazu Maier-Preusker, W.: Dokumentation der Zustandsdrucke zu Dalís Farbholzstich „Luzifer“ aus der Suite: Dante-Die Göttliche Komödie von 1960–1963. Wien 2007
[11] www,daliberlin.de/die-ausstellung

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