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Erschienen in Ausgabe: No 109 (03/2015) Letzte Änderung: 25.03.15

Schludereien waren sein Arbeitsstil - Zum Tod des Literaturkritikers Fritz J. Raddatz

von Jörg Bernhard Bilke

In den Nachrufen auf den Literaturkritiker Fritz Joachim Raddatz (1931-2015), der am 26. Februar in Zürich den Freitod gewählt hat, werden die dunklen Seiten seines Lebens, zumal in den Zeitungen, für die er geschrieben hat, nicht erwähnt. Als ich ihn im Herbst 1970 auf der Jahrestagung des „Verbands deutscher Schriftsteller“ in Stuttgart kennen lernte, war er ein hochangesehener Rezensent, 39 Jahre alt und 1969 beim ROWOHLT-Verlag in Reinbek bei Hamburg als Cheflektor ausgeschieden. Wir waren beide mit Aufsätzen in einem Sammelband zur deutschen Gegenwartsliteratur vertreten und mussten unsere Themen miteinander abstimmen.
Fritz J. Raddatz, der ursprünglich aus Westberlin stammte, wo er 1949, mit 18 Jahren, am Askanischen Gymnasium in Berlin-Tempelhof das Abitur abgelegt hatte, war schon als Schüler frech und aufsässig gewesen. Im Jahr darauf nahm er seinen Wohnsitz in Ostberlin, um an der Humboldt-Universität Germanistik zu studieren. Seinen Lebensstil als Dandy, der teure Anzüge und gutes Essen liebte, führte er auch im SED-Staat weiter, wo er rasch Karriere machte. Noch als Student und Jahre vor der Promotion über Johann Gottfried Herders „Konzeption der Literatur“ wurde er Lektor im FDGB-Verlag „Volk und Welt“, wo er die Schriften Kurt Tucholskys herausgab. Gleichzeitig aber, die Grenzen waren noch offen, fuhr er ständig nach Westberlin, um sich Westzeitungen und antikommunistische Literatur wie Arthur Koestlers Roman „Sonnenfinsternis“ (1946) zu besorgen. Nach dem Tod des Vaters 1946 wurde ihm der SED-Pfarrer Hans-Joachim Mund (1914-1986) als Vormund vermittelt, der sowohl bei der Evangelischen Kirche wie auch beim SED-Politbüro vollstes Vertrauen genoss. Er bekam 1950 die Aufgabe zugewiesen, als Gefängnispfarrer die neun Strafanstalten für politische Gefangene zu besuchen, wo er auch die Beichte abnehmen und unter vier Augen mit den Eingesperrten sprechen durfte. Sein Zögling Fritz durfte den Pflegevater jahrelang begleiten und erfuhr nachts „vom Würge-Elend der Eingekerkerten, der Not, dem Hunger, den Epidemien und dem Tod der politischen Gefangenen“. Solche Erfahrungen hatten ihn fürs Leben geprägt: Er flüchtete 1958 nach Westberlin, als die Häscher der „Staatssicherheit“ schon vor dem Verlag auf ihn warteten. Sein Ziehvater kam ein Jahr später. Im zweiten Kapitel „Auftritt der Pfaffe“ seines Erinnerungsbuches „Unruhestifter“ (2003) kann man das alles nachlesen!
Bevor er 1976 für neun Jahre als Redakteur zur Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ ging, habilitierte er sich bei Hans Mayer in Hannover mit einem umfangreichen Werk zur DDR-Literatur „Traditionen und Tendenzen“ (1971), das voller Fehler steckte wie dem, dass der DEFA-Regisseur Konrad Wolf (1925-1982) der Bruder der Schriftstellerin Christa Wolf (1929-2011) wäre. In seiner Rezension des Christa-Wolf-Romans „Kindheitsmuster“ (1976) verlegte er Landsberg an der Warthe, den Geburtsort der Autorin, nach Schlesien, wo es auch ein Landsberg gibt, aber das falsche. Schludereien gehörten offensichtlich zu seinem Arbeitsstil. Marion Gräfin Dönhoff warf ihn 1985 aus der Redaktion, weil er eine Goethe-Satire nicht erkannt und geschrieben hatte, der Weimarer Altmeister hätte noch den Bau des Frankfurter Hauptbahnhofs erlebt.
Mit seiner Biografie des „Karl Marx“ (1975) hatte er es auch gründlich mit der DDR-Geschichtsschreibung verdorben. So hatte er genüsslich erwähnt, dass der heilige Karl mit seiner Haushälterin Lenchen Demuth ein Verhältnis und ein uneheliches Kind hatte. Das wurde ihm nicht verziehen, und Wolfgang Harich verriss das Buch.
Die beiden umfangreichen Tagebuchbände 1982/2012, die 2010 und 2014 erschienen, sind sein wahrer Nachlass. Sie sind eine Fundgrube für die Literaturgeschichtsschreibung!

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