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Erschienen in Ausgabe: No 110 (04/2015) Letzte Änderung: 13.04.15

Keine Sonne, kein Mond, aber viel Licht …
… und viel Applaus für Alexander Liebreichs 9. Münchner Aids-Konzert

von Hans Gärtner

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Es war nicht einmal die fabulöse Violinistin Arabella Steinbacher, auch nicht der Ausnahme-Tenor Mark Padmore, schon gar nicht der ambitionierte junge Martin Stadtfeld am Flügel – nein, es war der unglaublich konzentriert und einschmeichelnd singende Chor des Bayerischen Rundfunks, der dem 9. Münchner Aids-Konzert den bleibenden Stempel höchster Kunstfertigkeit aufdrückte. Aids-Konzerte-Initiator Alexander Liebreich, Leiter des wunderbar wandlungsfähigen Münchner Kammerorchesters, brauchte diesen seinen Klangkörper gar nicht, um mit dem A-Capella-Stück „Lux Aeterna“ von György Ligeti (1923 – 2006) den Knall-Effekt des Abends auf die Bühne des Prinzregententheaters zu bringen: ein in seiner Verletzlichkeits- und Gefährdungs-Aussage menschlicher Existenz kaum zu überbietendes musikalisches Geschehen, das dem grandiosen Vokal-Klangkörper wie aus einem Guss, bei aller Diversifikation des tonalen In-, Mit- und Auseinander, gelang.
Angesichts einer solchen choristischen Sternstunde (verkürzt freilich auf wenige Minuten) ist es umso bedauerlicher, dass im Grußwort des Geschäftsführers der Institution, der der Erlös des Abends zufällt – alle Künstler verzichten auf die Gage, eine Tombola animierte das anschließend zur Stärkung in den Gartensaal geladene Publikum zu Spenden – der Dank an den Chor fehlte. Uninformiertheit scheint im Zeitalter der immer optimaler werdenden Vernetzungschancen an der Tagesordnung zu sein: Eine große Tageszeitung kündigte Arabella Steinbachers Auftritt als Auftakt zurBenefizveranstaltung an. Dabei bildete Brahms` Violinkonzert D-Dur op. 77 den Schluss – mit Verve, hoher Sensibilität, raffinierter Streichkultur und musikalisch geerdetem, sicherem Augenmaß für das Effektvolle, das auch Schatten ins Leuchten der fulminant geführten, exakt 300 Jahre alten Stradivari schickte. Verführerisch die Zugabe: die engelhafte „Méditation“ aus Jules Massenets „Thais“.
Da hatten es des Pianisten Martin Stadtfeld eher beiläufig-abgeklärt anmutende Soloparts im Mozart-Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur KV 488 entschieden schwerer, sich im Zuhörer-Gedächtnis zu verankern. Zumal Mozarts vierstimmige Motette „Ave verum corpus“, mit der Liebreich, weiser Kenner des BR-Chores, sehr zag, aber fein abgestuft und ohne Anspruch auf Nachdrücklichkeit den sehr ausgedehnten, für einen kleinen Publikums-Teil denn doch zu langen Abend einleite, noch immer nachwirkte.
Mark Padmore hatte sich vier kurze Arien aus drei langen Händel-Oratorien ausgesucht, die Liebreich ins Zentrum seines gottlob nicht letzten Aids-Konzerts platzierte. (NB: Die Nr. 10 ist bereits für den 28. April 2015 angekündigt.) Keinem andern als dem geschmacksicheren Ex-Klarinettisten aus Canterbury, der auch als Gesangstext-Produzent noch das Atmen des Holzbläsers als sein Perfektions-Markenzeichen einsetzt, dürft es zu eindrucksvoll gelingen, die Frömmigkeit und Gottergebenheit des Leidenden zu formulieren. Die „Total eclipse“ besang Padmore mit den Worten des Bedauerns: „No Sun, No Moon“ – dabei hatten die Zuhörer nächsten Tags ja nur die partielle Sonnen-Verdunkelung zu erwarten. Das viele Licht, das Alexander Liebreichs musikalischer Genius durch seine Sänger und Musiker verstrahlte, sollte besonders denen leuchten, die durch den noch immer nicht dauerhaft zu bannenden HI-Virus ein Leben im Dunkel führen.

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Im Mittelpunkt: die Violinistin Arabella Steinbacher, rechts: Dirigent Alexander Liebreich mit dem Münchner Kammerorchester (Foto: Hans Gärtner)

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