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Erschienen in Ausgabe: No 110 (04/2015) Letzte Änderung: 13.04.15

Vorteile versus Nachteile des Mammographie-Screenings

Jede Röntgenuntersuchung birgt letztendlich ein unkalkulierbares Risiko. Aus diesem Grunde dürfen Röntgenuntersuchungen nur bei entsprechender Indikation durchgeführt werden, das heißt nur dann, wenn das Unterlassen einer Röntgenuntersuchung ein höheres Risiko beinhaltet als die Untersuchung selbst.

von Nathan Warszawski

Numerische Ethik des Überlebens:
Begriffserklärung
Mammographie = Untersuchung der (weiblichen) Brust, meist mit einem Gerät, welches Röntgenstrahlen aussendet.

Screening = Reihenuntersuchung zur Entdeckung einer bestimmten Krankheit, die bei dem Untersuchten nicht bekannt oder bekannt gewesen ist oder vermutet wird.

Mammographie-Screening = Reihenuntersuchung mit Hilfe von Röntgenaufnahmen zur Entdeckung von Brustkrebsen bei Frauen, bei denen kein Brustkrebs bekannt oder bekannt gewesen ist oder vermutet wird. In Deutschland werden alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre (10 mal) schriftlich zum Mammographie-Screening eingeladen. Es erfolgen pro Brust je zwei Aufnahmen, maximal 40 Mammographien. Sobald ein Brustkrebs entdeckt wird, wird die Patientin aus dem Mammographie-Screening entsprechend der Screening-Definition ausgeschlossen.

Das Mammographie-Screening ist nicht imstande, Brustkrebse zu verhindern. Das Mammographie-Screening soll Brustkrebse frühzeitig auffinden, um der Patientin weniger aufwendige Therapien anbieten und die Sterblichkeit an der Erkrankung „Brustkrebs“ verringern zu können.

Ergebnisse

Die Ärzte Zeitung vom 16.09.2012 berichtet: Auf 1000 Frauen, die ab einem Alter von 50 zweijährlich über 20 Jahre untersucht werden, kommen sieben bis neun, die dem Tod durch Brustkrebs entgehen.

Nehmen wir die euphemistischen Zahlen als gegeben hin, auch wenn einwandfrei nachgewiesen ist, dass bei gescreenten Frauen und bei nicht-gescreenten Frauen der Anteil der an allen Krebserkrankungen Verstorbenen in beiden Populationen identisch ist. Frauen, die sich regelmäßig gesetzeskonform dem Mammographie-Screening unterziehen sterben seltener an Brustkrebs, dafür vermehrt an anderen Karzinomen.

Bestenfalls gilt, dass durch Mammographie-Screening in 20 Jahren 80 von 10.000 Frauen dem Brustkrebstod (Tod wegen Mamma-Karzinom) entgehen.

Frage: Wie viele Frauen sterben am Mamma-Karzinom auf Grund der beim Screening erforderlichen Strahlenbelastung beider Mammae?

Antwort: In 20 Jahren sterben 2 von 10.000 Frauen am Mamma-Karzinom auf Grund der beim Screening erforderlichen Strahlenbelastung beider Mammae.

Das Verhältnis erzeugter Tod zu verhinderter Tod durch Brustkrebs beim Mammographie-Screening beträgt somit 2:80 oder 1:40 = 2.5%. Der geringe Anteil der durch die Untersuchung verstorbenen Frauen wird weltweit ethisch akzeptiert. Unter Annahme der Richtigkeit dieser Zahlen handelt die deutsche Bundesregierung ethisch korrekt, wenn sie bei Frauen zwischen 50 und 69 Jahren, die nicht an einem Brustkrebs leiden oder gelitten haben und bei denen kein Brustkrebs vermutet wird, um das Mammographie-Screening wirbt.

Woher kommen die Zahlen?

Die Anzahl der an Brustkrebs verstorbenen Frauen lässt sich aus den Sterbetafeln ersehen, die in Mammographie-Screening-Teilnehmerinnen und Mammographie-Screening-Nicht-Teilnehmerinnen aufgelistet und verglichen werden. Die zufälligen Fehler, die in jeder Statistik vorkommen, beeinflussen nicht das Ergebnis. Nicht so systemische Fehler. Der wichtigste systemische Fehler liegt darin, dass zur aussagefähigen statistischen Auswertung eine Beteiligung von 75-80% der angeschriebenen Frauen am Mammographie-Screening gefordert wird. Die reale Beteiligung übersteigt nur knapp die 50%-Marke.

Die Zahl der Frauen, die durch die Röntgenstrahlen den Mamma-Karzinom-Tod erleiden, lässt sich nicht aus den Zahlen des Mammographie-Screenings ableiten. Hierzu werden Zahlen aus Hiroshima eingesetzt. Bei den Frauen, die den Fall der Atombombe überlebt haben, wird abgeschätzt, wie viel Strahlendosis sie erhalten haben. Zusätzlich wird registriert, woran sie gestorben sind. Daraus lässt sich erahnen, welche Strahlendosis für einen Tod durch Brustkrebs ausreicht. Es gibt weitere, mehrere Jahrzehnte alte Zahlen aus Studien in den USA und in Schweden. In den USA wurde der Brustkorb von Tuberkulose-Kranken mit Mammae geröntgt, in Schweden Patientinnen an gutartigen Brusttumoren bestrahlt (heute unethisch). Die Ergebnisse beider Studien sind bereits veröffentlicht, jedoch nicht abschließend, da viele Patienten noch leben. Einwandfreie Daten erhält man nur, wenn alle Patienten tot sind!

Wie die Betrachtungen historischer Vorgänge, ändern sich auch medizinische Berechnungen im Verlauf der Zeit, wenn neue Erkenntnisse und Sichtweisen hinzukommen. So wurde von der „International Commission on Radiation Units & Measurements“ ICRU die Empfindlichkeit der weiblichen Brust auf Strahlen im Jahre 1998 (ICRU 60: 0.15) auf ein Drittel des Wertes von 1977 (ICRU 26: 0.05) rechtzeitig (?) vor Einführung des Mammographie-Screenings in Deutschland im Jahre 2002 gesenkt. Der niedrige Wert gilt bis heute, obwohl letzte Forschungsergebnisse ihn auf0.24 angehoben haben, also auf den 5-fachen desderzeit verwendeten gültigen Wertes. Außerdem ist den Forschern zwischenzeitlich aufgegangen, dass „weiche“ Röntgenstrahlen, die zur guten Beurteilung der Mamma verwendet werden, 4x schädlicher sind als die hochenergetischen, aus Atombomben stammenden Strahlen. Dazu kommt, dass die gewöhnlichen, nicht strahlenbedingten Mamma-Karzinom-Raten der Japanerinnen mit den Raten der Europäerinnen nicht vergleichbar sind, da Brustkrebs in Europa fünf Mal häufiger als in Japan auftritt. Eine direkte Übernahme der japanischen Zahlen auf deutsche Verhältnisse verfälscht die deutschen Ergebnisse. Wahrscheinlich wird ein weiterer Faktor von ungefähr zwei notwendig sein, um die Ergebnisse der Realität anzunähern.

Im ungünstigsten Fall muss das Verhältnis 1:40 (erzeugter Brustkrebstod zu verhindertem Brustkrebstod) mit allen Faktoren, also mit 40 multipliziert werden. Aus 1:40 wird dann 1:1 = 100%! Es muss betont werden, dass es sich hierbei nicht um beweisbare Tatsachen, sondern um errechnete Annahmen handelt. Sollte sich diese Sichtweise durchsetzen, dann werden genauso viele Brustkrebse durch die Mammographie erzeugt wie durch das Screening vermieden werden. Unter Insidern wird das Verhältnis von 3:10 = 30% gehandelt. Das heißt, dass sobald drei Brustkrebstote mit Hilfe des Screenings verhindert werden, eine Brustkrebstote durch das Screening erzeugt wird. Dieses Verhältnis erfüllt nicht das Kriterium der heutigen Ethik.

Welche Möglichkeiten/Manipulationen gibt es, um das Mammographie-Screening zu retten?

·Die neuen Zahlen werden für weitere Jahre unter Verschluss gehalten.
·Die neuen Zahlen werden geleugnet.
·Die Röntgendosis für die Mammographie wird gesenkt.
·Röntgenstrahlen wird durch ein strahlenfreies Verfahren ersetzt.

Die neuen Zahlen werden bereits seit etwa 10 Jahren unter Verschluss gehalten. Nun dringen sie an die Öffentlichkeit. Die Unterdrückung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf Dauer ist schwierig durchzusetzen.

Die Leugnung wissenschaftlicher Realitäten hat den Mainstream breit erreicht. Schuld daran ist die zunehmende Abwendung von tradierten Glaubensvorstellungen oder Religionen, die nicht adäquat ersetzt werden. Der Mensch ist derart beschaffen, dass, wenn er nicht an das Übernatürliche (Gott) glaubt, er zu phantastischen Anschauungen neigt. Es ist erstaunlich, dass in Deutschland eine Screening-Methode von der Bundesregierung beinahe widerstandslos eingeführt wird, die mit gefährlichen ionisierender Strahlung verbunden ist, der selben Strahlung, die notwendiger Bestandteil des „Atomstromes“ und der Atombombe ist. Die niedrige, statistisch nicht ausreichende Beteiligung am Mamma-Screening ist Zeichen der stillen Verweigerung. Wenn Regierung und Medien die neuen wissenschaftlichen Schlussfolgerungen leugnen, dann wird die Beteiligung am Mamma-Screening weiter bis zur Bedeutungslosigkeit sinken.

Trotz digitaler Technik lässt sich die Mammographie-Dosis nicht weiter minimieren, wenn die Aussagekraft der Röntgenbilder nicht so weit gesenkt werden soll bis sie unbrauchbar wird. Praktisch und mathematisch lässt sich eine weitere Dosisreduktion bei gleichbleibender Qualität widerlegen. Zwei Aufnahmen für jede Mamma können aufgrund der weiblichen Anatomie und der Drei-Dimensionalität unseres Universums nicht unterboten werden. Jedoch kann die Zahl der Mammographien reduziert werden, indem der Beginn des Screenings auf ein höheres Eintrittsalter verschoben wird. Um bei den neuen Zahlen das Verhältnis von nun 30% auf die alten angestrebten, politisch und ethisch akzeptierten 2,5% zu senken, muss der Screening-Beginn auf das 65. Lebensjahr gelegt werden. Spätestens dann tritt die biologische Sinnlosigkeit des Brustkrebs-Screenings augenscheinlich hervor.

Die Magnetresonanztomographie MRT, eher unter dem Namen Kernspintomographie bekannt, kommt ganz ohne Röntgenstrahlen aus. Die Qualität der MRT ist ausgezeichnet. Die Beurteilung der Bilder erfordert jedoch eine lange Einarbeitungszeit des Radiologen. Es gibt in Deutschland nicht genügend MRT-Geräte und nicht ausreichend Radiologen zum Bewerten der MRTs. Ein MRT kostet weit mehr als das 10-fache der Röntgenaufnahmen. Beim einem Wegfall der Strahlenbelastung durch die Ersetzung der Röntgenaufnahmen durch MRT, die bisher nur Privatpatienten zur Verfügung steht, würden betroffene Frauen vermehrt nach dieser gefahrlosen Untersuchung verlangen (1 mal jährlich statt alle 2 Jahre, ab dem 40. statt ab dem 50. Lebensjahr), was zu einer unbezahlbaren Kostensteigerung der Krankenversicherungen führen wird. Auch besteht die Gefahr, dass jegliches Röntgen durch MRT verdrängt wird, worunter die gesamte Medizin wissenschaftlich und finanziell leiden wird.

Was bleibt übrig?
Das Mammographie-Screening wird gegen den erbitterten Widerstand der beteiligten und daran verdienenden Radiologen und Gynäkologen von der Bundesregierung abgeschafft werden. Eine solche Wende ist der Bundesregierung zuzutrauen.

Dieser Artikel konnte nur Dank der tatkräftigen Unterstützung von Herrn Dr. rer. nat. Stephan Garbe aus der Radiologischen Klinik des Universitätsklinikum Bonn erscheinen.


Literatur (Auszug):

Jerry M. Cuttler, D.Sc. Myron Pollycove, M.D.
Can Cancer Be Treated with Low Doses of Radiation?
Journal of American Physicians and Surgeons Volume 8 Number 4 Winter 2003 108 -111
http://www.jpands.org/vol8no4/cuttler.pdf

Heyes GJ, Mill AJ, Charles MW
Enhanced biological effectiveness of low energy X-rays and implications for the UK breast screening programme.
Br J Radiol. 2006 Mar;79(939):195-200.

Heyes GJ, Mill AJ, Charles MW
Mammography-oncogenecity at low doses.
J Radiol Prot. 2009 Jun;29(2A):A123-32. doi: 10.1088/0952-4746/29/2A/S08. Epub 2009 May 19.

Mettler FA, Upton AC, Kelsey CA, Ashby RN, Rosenberg RD, Linver MN
Benefits versus risks from mammography: a critical reassessment.

Cancer. 1996 Mar 1;77(5):903-9.

Anthony B. Miller, M.B., F.R.C.P., Geoffrey R. Howe, Ph.D., Gregory J. Sherman, Ph.D., Joan P. Lindsay, B.A., Martin J. Yaffe, Ph.D., Paul J. Dinner, M.SC., Harvey A. Risch, M.D., Ph.D., and Dale L. Preston, Ph.D.
Mortality from Breast Cancer after Irradiation during Fluoroscopic Examinations in Patients Being Treated for Tuberculosis
N Engl J Med 1989; 321:1285-1289 http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJM198911093211902

E. A. Nekolla, J. Griebel, G. Brix
Fachbereich SG„Strahlenschutz und Gesundheit“, Bundesamt für Strahlenschutz, Neuherberg
Einführung eines Mammographiescreeningprogramms in Deutschland
Erwägungen zu Nutzen und Risiko
Radiologe 17.02. 2005 · 45:245–254
http://www.bfs.de/de/ion/medizin/diagnostik/roentgen/Mammographiescreening.pdf

Elke A. Nekolla
EPIDEMIOLOGIE DES STRAHLENINDUZIERTEN MAMMAKARZINOMS
http://edoc.ub.uni-muenchen.de/2279/1/Nekolla_Elke.pdf

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