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Erschienen in Ausgabe: No 110 (04/2015) Letzte Änderung: 15.03.16

Was ist Leben?

von Eckart Löhr

Nun ist aber Mechanismus allein bei weitem nicht das, was die Natur ausmacht. Denn sobald wir ins Gebiet der organischen Natur übertreten, hört für uns alle mechanische Verknüpfung von Ursache und Wirkung auf.
Jedes organische Produkt besteht für sich selbst,
sein Daseyn ist von keinem andern Daseyn abhängig.
(Friedrich Wilhelm Josef Schelling)

Der Ursprung des Lebens, oder besser, die Entstehung erster replikationsfähiger Organismen, liegt immer noch weitestgehend im Dunkeln. Ausgehend von den ältesten Fossilien, den sogenannten Stromatolithen (durch Mikroorganismen gebildete Sedimentgesteine), lassen sich erste Lebensformen vor circa 3,6 Milliarden Jahren nachweisen. Man geht allerdings davon aus, dass die Entstehung der ersten einzelligen Organismen sehr viel weiter zurückliegt. Möglicherweise bildeten sich die ersten Prokaryonten bereits vor circa 3,9 bzw. 4,2 Milliarden Jahren. Dass lebendige Organismen somit relativ schnell entstanden, sobald es die Bedingungen auf der circa 4,6 Milliarden Jahre alten Erde ermöglichten, kann kaum Zufall gewesen sein und ist somit ein starkes Indiz für die Zwangsläufigkeit der Entstehung des Lebens. Die moderne Biologie kennt somit in etwa den zeitlichen Beginn des Lebens im Sinne der Definition replikationsfähiger Organismen, wie sich diese Organismen aber gebildet haben, darüber weiß sie so gut wie nichts. Lockert man noch dazu die Definition dessen, was unter Leben zu verstehen ist (wie das hier noch geschehen wird), so verliert sich auch der Beginn des Lebens im Dunkel der Geschichte. Somit ist sowohl eine klare zeitliche Eingrenzung als auch eine Erklärung der zu lebendigen Strukturen führenden Prozesse nicht möglich. Das wiederum hat seine Ursache in der völligen Unkenntnis des ontologischen Status von Leben bzw. Lebendigkeit. Was Leben seinem Wesen nach ist, wird auch dieses Essay nicht klären und so kann es nur darum gehen zu versuchen, etwas Licht in den äußerst schwierigen Themenkomplex zu bringen.


Das Problem der Spontanzeugung

Von der Antike bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ging man davon aus, dass Leben auch ohne Fortpflanzung spontan entstehen kann. Dieser Spontanzeugung oder auch (missverständlich) Urzeugung genannte Prozess wurde vielfach beschrieben und bereits in babylonischen Keilschrifttexten finden sich dazu erste Hinweise. Man glaubte, Leben könne aus faulender Erde entstehen oder beispielsweise Mäuse aus Getreide und dreckigen Lumpen. Aus heutiger Sicht mag das etwas seltsam anmuten, doch darf man nicht vergessen, dass das Mikroskop erst Ende des 17. Jahrhunderts erfunden wurde. Die Menschen beschrieben lediglich, was sie täglich sahen und das war nun mal die Tatsache, dass unter speziellen Bedingungen Leben entstand. Es war nicht zuletzt auch eine Autorität wie Aristoteles, der ganz klar zwischen sexueller Fortpflanzung und Urzeugung unterschied und damit den Glauben an eine spontane Entstehung des Lebens für viele Jahrhunderte unangreifbar gemacht hat. Allerdings war das aristotelische Verständnis der Urzeugung noch ein anderes, da der griechische Philosoph und Schüler Platons noch nicht klar zwischen organischer und anorganischer Materie unterschied, wie wir das heute tun.

Mit der fortwährenden technischen Verbesserung der Mikroskope im 18. Jahrhundert, begann man allerdings zunehmend an der Theorie der Generatio spontanea zu zweifeln. William Harvey, der Entdecker des Blutkreislaufs, prägte in seiner 1651 veröffentlichten ArbeitExercitationes de generatione animalium(Schriften zur Entwicklung der Tiere) das Schlagwort „ex ovo omnia“ („Alles Leben aus dem Ei“). Einige Jahre später beobachtete der italienische Arzt Francesco Redi die eigenständige Entwicklung parasitischer Würmer und Insekten und bewies die Entstehung von Fliegenmaden aus Eiern. Damit war der Theorie der Spontanzeugung bereits ein schwerer Schlag versetzt. Es war schließlich der französische Chemiker und Mitbegründer der Mikrobiologe Louis Pasteur, der diese Theorie, an die bis dahin ohnehin kaum mehr jemand glaubte, endgültig begrub. Seine Experimente zeigten zweifelsfrei, dass sich kein Leben bildet, wenn man die betreffende Substanz, in seinem Fall Milch bzw. Zuckerwasser, vorher kochte und damit sterilisierte. Seitdem weiß man zwar, dass die spontane und jederzeit mögliche Erzeugung von lebenden Organismen aus Unbelebtem, auch Abiogenese genannt, nicht möglich ist, aber die Frage der wirklichen Urzeugung, das heißt der erstmaligen Entstehung des Lebens, war damit nicht berührt. Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft im Rahmen der chemischen Evolution bis heute, ohne dass sie allerdings behaupten könnte, das Rätsel gelöst zu haben.


Mechanismus und Emergenz

Bis zur Zeit der Renaissance glaubten die Menschen an ein beseeltes und lebendiges Universum und das Problem bestand eher darin, innerhalb dieses Weltbildes den Tod zu verstehen. Mit Beginn des naturwissenschaftlichen und damit mechanistischen Denkens begann die Problematik sich umzukehren. Jetzt ging man von einem toten Universum aus, bestehend aus Materie, die sich lediglich durch Druck und Stoß immer neu konfiguriert. Von René Descartes` Maschinentheorie des Lebendigen über La Mettries L´homme machine (von 1748) bis zu heutigen Vertretern der synthetischen Biologie zieht sich der rote Faden dieses Denkens. Der Physiker Hermann von Helmholtz fasste 1869 in seiner Rede Über das Ziel und die Fortschritte der Naturwissenschaft, gehalten für die Naturforscherversammlung zu Innsbruck, das Programm der Wissenschaften exemplarisch zusammen:
„Ist aber Bewegung die Urveränderung, welche allen anderen Bewegungen in der Welt zu Grunde liegt, so sind alle elementaren Kräfte Bewegungskräfte, und das Endziel der Naturwissenschaften ist, die allen anderen Veränderungen zugrunde liegenden Bewegungen und deren Triebkräfte zu finden, also sich in Mechanik aufzulösen.“ (Hermann von Helmholtz, 1896: Über das Ziel und die Fortschritte der Naturwissenschaft. Eröffnungsrede für die Naturforscherversammlung zu Innsbruck 1869. In: Hermann von Helmholtz: Vorträge und Reden. 4. Aufl. Braunschweig: Vieweg, S. 369–398.)

Obwohl sich mit der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik durch Niels Bohr und Werner Heisenberg im Jahre 1927 das Verständnis der Materie grundlegend geändert hat und wohl nur noch wenige Wissenschaftler an das von Helmholtz beschriebene „Endziel der Naturwissenschaften“ glauben, können sich viele noch immer nicht vom mechanistischen Denken lösen und versuchen, aus vermeintlich toter, inerter Materie nach den Gesetzen der Physik und Chemie das Leben hervorgehen zu lassen.


Da die spontane Entstehung von Leben aus „Unbelebtem“ seit Pasteur vom Tisch war, geht man jetzt, was die erste Entstehung des Lebens anbelangt, genau wie bei der Theorie der Spontanzeugung, zwar ebenfalls von einer abiotischen Genese des Lebens aus, verändert aber den zeitlichen Rahmen, in dem diese Vorgänge sich abgespielt haben sollen. Grob gesagt wird die Entstehung lebendiger Organismen heute in vier Stufen (Vgl.: Neil A. Campbell/Jane B. Reece, 2009: Biologie. 8. Auflage. München: Pearson, S. 680 ff.) unterteilt, von denen jede sich in Jahrmillionen dauernden Zeitspannen vollzogen haben soll.

Am Beginn steht demnach die abiotische Synthese organischer Moleküle. Als 1953 der Student Stanley Miller zusammen mit dem Chemiker Harold Urey in einem vergleichsweise einfachen Experiment zeigte, dass sich bereits in der Uratmosphäre der Erde durch elektrische Entladungen (Blitze) spontan organische Substanzen, wie zum Beispiel Aminosäuren, bilden konnten, war das Wasser auf die mechanistischen Mühlen. Man übersah dabei, dass die Entstehung organischer Substanzen das Eine, die Entstehung von Leben (nach heutiger Definition) aus diesen Substanzen das gänzlich Andere ist. Darüber hinaus ist noch nicht hinreichend klar, ob die damalige Atmosphäre der Erde über genug Methan bzw. Ammoniak (wie in Millers Versuch) verfügte, um die Bildung organischer Moleküle zu ermöglichen. Denn sehr wahrscheinlich bestand sie in erster Linie aus Kohlendioxid und Stickstoff. Wie auch immer, Millers und viele andere, ähnliche Versuche haben gezeigt, dass die abiotische Synthese organischer Moleküle grundsätzlich möglich ist.

Im nächsten Schritt haben sich diese Moleküle zu Makromolekülen, wie Proteine und Nukleinsäuren, zusammengeschlossen. Anschließend legten sich diese Moleküle eine schützende Membran zu, die sie von der Umgebung bis zu einem gewissen Grade abtrennt, um in diesem geschützten Innenraum spezielle chemische Prozesse auf höherem energetischem Niveau (geringerer Entropie) ablaufen lassen zu können. Zuletzt dann die Entstehung selbstreplizierender Moleküle, mit der Fähigkeit der Vererbung. Geht man von dieser graduellen Entwicklung aus, sieht man bereits sehr gut, wo das Problem liegt. Nirgendwo lässt sich eine sichere Grenze ziehen, nach dem Motto: Gerade war diese Struktur noch tot und plötzlich ist sie lebendig. Die moderne, mechanistisch orientierte Biologie, die versucht Lebendiges aus vermeintlich Unlebendigem hervorgehen zu lassen, hat somit naturgemäß das Problem, die einzelnen Übergänge zu beschreiben (was ihr nicht gelingt), anstatt sich endlich der Erkenntnis zu öffnen, dass es wahrhaft Unlebendiges in dieser Welt nicht gibt.


Hält man aber am Glauben an ein totes Universums fest und soll nun erklären, wie in diesem Universum das Leben auftauchte, ist die einzige Antwort, die der Biologie seitdem noch bleibt, das Allheilmittel Emergenz. Das Wort Emergenz leitet sich vom lateinischen Verb emergo (emporkommen) ab und kann in seiner transitiven Form etwa mit auftauchen lassen übersetzt werden. Dahinter steht der Glaube, dass materielle Strukturen ab einem gewissen Grad von Komplexität spezielle Systemeigenschaften entwickeln. Leben wäre demnach – übrigens genau wie der Geist – eine Systemeigenschaft hochkomplexer organischer Strukturen. Der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz nannte dieses Phänomen, „daß immer wieder etwas völlig Neues in Existenz tritt, etwas das vorher einfach nicht da war“, Fulguration (Konrad Lorenz, 1973: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. 2. Aufl. München: Piper. S. 47).Das Leben sollte demnach wie ein Blitz (lat. fulgur) in die Materie eingeschlagen sein. Natürlich ist die Einführung dieses Begriffes keine Erklärung, sondern eher eine wissenschaftliche Bankrotterklärung, „mit dem Evolutionsprogramm inkompatibel; er hat dort den Rang einer puren Ad-hoc-Hypothese; er stellt eine spezial-kreationistische Theorie ohne Gott dar.“ (Robert Spaemann; Reinhard Löw, 2005: Natürliche Ziele. Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 225).


Leben aus dem Labor?

Wenn man, wie das hier der Fall ist, die These aufstellt, Lebendigkeit wäre eine integrale Eigenschaft von Materie, sollte es eigentlich möglich sein, Leben auch im Labor erzeugen zu können. Das aber ist bis heute nicht gelungen und hat zuallererst mit der Tatsache zu tun, dass bereits Materie immer schon zwei Seiten hat. Eine Innen- und eine Außenseite, oder anders formuliert, eine qualitative und eine quantitative. Die Außenseite ist der physikalischen, quantenphysikalischen oder auch chemischen bzw. biochemischen Beschreibung zugänglich. Die Innenseite ist es nicht. Wir wissen deshalb nicht, was Leben eigentlich ist, weil sich die Innenseite, das heißt die subjektive Seite materieller Strukturen, quantitativ nicht erfassen lässt. Wenn wir versuchen, Leben zu erschaffen, so können wir das nur vor dem Hintergrund unseres Wissens quantifizierbarer Eigenschaften der Materie. Wir könnten im besten Fall vielleicht irgendwann aus einer Vielzahl von Elementen nach mechanistischen Gesetzen ein „einfaches“ Bakterium nachbauen; aber dieses Artefakt wird niemals lebendig sein, da wir keinerlei Kontrolle über die qualitative Seite der betreffenden Funktionselemente haben.

Die Entstehung sichtbarer lebendiger Strukturen spielte sich im Laufe vieler Jahrmillionen ab. Die Strukturbildung (Morphogenese) vollzog sich dabei nach chemischen und physikalischen Gesetzen. Diese Gesetze sind aber nur die wissenschaftlich beschreibbare Außenseite eines inneren Bereichs, der sich nicht zuletzt bereits durch subjektive und autonom vollzogene Prozesse auszeichnet. Der Biochemiker und Nobelpreisträger Christian de Duve schreibt in seinem Buch Aus Staub geboren, [d]ass Leben in allen seinen Facetten von Molekülen abhängig [ist], die einander ‚erkennen‘“ (Christian de Duve, 1995: Aus Staub geboren. Leben als kosmische Zwangsläufigkeit. Heidelberg, Berlin, Oxford: Spektrum Akademischer Verlag. S. 139). Gerade über dieses „Erkennen“ aber wissen wir nichts und werden niemals etwas davon wissen. Da wir nicht in der Lage sind, auch diese subjektive, innere Seite von Organismen zu verstehen und wissenschaftlich zu beschreiben, werden wir auch nicht in der Lage sein, Leben künstlich zu erzeugen. Gerhard Vollmer, studierter Physiker und Philosoph, bringt die ganze Problematik auf den Punkt, wenn er schreibt, dass „[e]rste Lebewesen offenbar nicht aus belebten Systemen entstehen (da sie sonst nicht die ersten Lebewesen wären), sondern nur aus unbelebten. Und bei unbelebten Systemen können biologische Gesetze naturgemäß noch gar nicht greifen. Die Entstehung des Lebens kann also, wenn überhaupt, nur durch Physik und Chemie erklärt werden.“ (Gerhard Vollmer, 2010: Biophilosophie. Stuttgart: Reclam, S. 42). Eine rein mechanistisch gedachte Physik und Chemie soll demnach die Entstehung lebendiger Organismen mit eigenen biologischen Gesetzen begründen, die aber ihrerseits nicht auf Physik und Chemie reduziert werden können. Letztlich bliebe auch hier nur die Wunderwaffe Emergenz als letzter Erklärungsversuch übrig.

Die künstliche Schaffung von wie auch immer gearteten Lebensformen scheitert aber nicht nur an der völligen Unmöglichkeit, eine spezifische Innenwelt zu konstruieren, sondern ebenso am Fehlen einer für die Entwicklung des Organismus unverzichtbaren Außenwelt. Die Morphogenese lebender Organismen ist eine, sich über gewaltige Zeiträume erstreckende Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt, auf die das Leben zum einen reagiert, und die zum anderen von dem betreffenden Organismus aktiv mitgestaltet wird. Dabei handelt es sich um eine korrelative Strukturveränderung, die Maturana und Varela als strukturelle Koppelung bezeichnet haben (Humberto R. Maturana; Francisco J. Varela, 1987: Der Baum der Erkenntnis. Wie wir die Welt durch unsere Wahrnehmung erschaffen - die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Bern, München, Wien: Scherz. S. 85). Da es naturgemäß unmöglich ist, unter Laborverhältnissen diese wechselseitige Genese und Modifikation struktureller Eigenschaften zu imitieren, die wiederum Einfluss auf die Innenseite sowohl des Organismus als auch des spezifischen Milieus haben, in dem sich der Organismus bewegt, ist jeder Versuch der Schaffung lebender Strukturen auch aus dieser Perspektive von vornherein zum Scheitern verurteilt.


Modifikation der Definition von Leben

Was bleibt also noch, wenn beide Erklärungsversuche, sowohl die spontane Entstehung als auch die langsame, graduelle Entwicklung des Lebens aus unbelebter Materie, scheitern? Möglicherweise liegt die Lösung des Problems darin, die ontologischen Voraussetzungen zu verändern. Das beinhaltet zwei Punkte: Zum einen muss die Definition von Leben, die ohnehin nicht klar ist, weiter gefasst, oder besser ausgedrückt, nach unten hin erweitert werden. Zum anderen muss die Biologie endlich die Tatsache anerkennen, dass Leben nur aus Lebendigem hervorgehen kann. Versucht man das Leben aus toter Materie aufzubauen, landet man am Ende bei einer hochkomplexen Maschine, aber eben nicht bei einem lebendigen Organismus, so „daß der mechanische Weg der Biologie zwangsläufig vom Leben fort statt zu ihm hin führt; darin liegt der Urwiderspruch und eine Tragödie dieser Wissenschaft.“ (Viktor von Weizsäcker, 1963): Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Grundfragen der Naturphilosophie. 6. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 67).

Die bisherige Definition von Leben umfasst in der Regel drei Eigenschaften, nämlich Stoffwechsel, Reproduktion und Mutabilität (Die Eigenschaft von Genen mittels Mutationen veränderbar zu sein) und ließe sich noch um die Punkte autonome Morphogenese und Teleonomie erweitern. [Teleonomie ist ein äußerst schwieriger Begriff, eingeführt um sich innerhalb der Biologie von dem in vielerlei Hinsicht vorbelasteten Begriff Teleologie abzugrenzen. Der Philosoph Andreas Bartels versteht hierunter „evolutionsbiologisch reinterpretierte, nur scheinbar teleologische, Funktionen und Verhaltensweisen“ (Andreas Bartels, 1996: Grundprobleme der modernen Naturphilosophie. Paderborn: Schöningh / UTB. S. 154). Für Ernst Mayr scheint es sinnvoll, „den Ausdruck ,teleonomisch“ strikt auf solche Systeme zu beschränken, die auf der Grundlage eines Programms, eines Informationscodes, ablaufen.“ (E. Mayr, 1991: Eine neue Philosophie der Biologie. S. 60/61)]. Das ist aber lediglich eine Beschreibung von Eigenschaften des Lebens, wie wir es in Form von tierischen oder pflanzlichen Organismen wahrnehmen. Ob beispielsweise ein Virus tot oder lebendig ist, erweist sich somit als eine Frage der Definition. Fügen wir der Definition von Leben noch die Eigenschaft Reizbarkeit (als Fähigkeit mit der Umwelt zu interagieren) hinzu, verschwimmt die Grenze zum Unbelebten immer mehr, denn das Virus verfügt sowohl über Reizbarkeit, Teleonomie als auch Erbinformation (als Bedingung der Selbstreplikation).

Es besitzt lediglich keinen eigenen Stoffwechsel und ist, um sich reproduzieren zu können, auf das Material, bzw. die Mechanismen einer fremden Zelle angewiesen. Ein bereits so komplex gebautes Gebilde wie das Virus, das noch dazu eine geniale Strategie entwickelt hat, sich zu vermehren (jeder der einmal unter einer Influenza litt weiß, wie genial diese Strategie ist), als tot zu bezeichnen, bedarf demnach einer sehr begrenzten Auffassung von Leben.


Die Ubiquität des Lebens

Wenn aber, wie hier behauptet, ein Virus lebendig ist, wo lässt sich dann die Grenze zum Unbelebten ziehen? Die Antwort ist: Gar nicht! Das Leben ist sowohl morphologisch als auch seinen ontologischen Status betreffend ins Unendliche strukturiert. Leben ist nichts, was plötzlich ab einem bestimmten Grad von Komplexität auftritt, sondern es ist schon immer da. Somit zeigt diese Ubiquität des Lebens, dass die Frage danach, wie Leben entsteht letztlich eine Scheinfrage ist. Allerdings ist es nicht so, dass man sich ein einzelnes Teilchen, bzw. – quantenphysikalisch gesprochen – eine Welle, als lebendig vorstellen muss. Leben ist immer ein ganzheitliches Phänomen, aber nicht in dem Sinne, dass es erst ab einem gewissen Grad von Komplexität entsteht. Es ist ein ganzheitliches Phänomen, da die Materie selbst ganzheitlich (Arthur Koestler prägte dafür den Begriff holarchisch) strukturiert ist. Es gibt keine homogenen, isolierten Teile, denn jedes scheinbar Ganze (Holon) ist wieder nur ein Teil (Subholon) eines weiteren Holons und so weiter, ad infinitum. Das, was wir als lebendig bezeichnen, wird von uns aber erst ab einem gewissen Punkt erfahrbar. Diesen Punkt des vermeintlichen Umschlags von scheinbar Leblosem in Lebendiges wird mit dem Begriff Emergenz bezeichnet. Leben ist aber nichts, was plötzlich in – oder besser unter Zuhilfenahme von – organischen Strukturen entsteht, sondern das vermeintliche Emergieren von Leben ist eben lediglich der Moment, in dem Leben für uns sichtbar wird, weil „trotz der in die Augen fallenden Ganzheit lebendiger Organismen eine scharfe Unterscheidung zwischen belebter und unbelebter Materie wahrscheinlich nicht gemacht werden [kann].“ (Werner Heisenberg, 2000: Physik und Philosophie. 6. Aufl. Stuttgart: Hirzel. S. 216).

Materie, auch auf primordialer Ebene, ist bereits Bewegung, ist Energie und darüber hinaus ist sie kreativ, schöpferisch und damit lebendig. Die Fähigkeit, aus dem ursprünglichen Element Wasserstoff all das hervorzubringen, was heute existiert ist ein Akt des Lebens, genauso wie die Erzeugung der schwereren Elemente durch Fusionsprozesse innerhalb der Sterne. Die Entstehung organischen Lebens ist nur ein weiterer Schritt auf dem Weg, den das Leben seit circa 13,7 Milliarden Jahren, seit der Entstehung des Universums, macht. Der sogenannte Big Bang war somit weniger eine große Explosion als vielmehr eine Geburt. Da Geburt immer bereits etwas Lebendiges voraussetzt, aus dem etwas geboren werden kann, ist der tiefste Grund der Existenz unserer und aller anderen Welten das Leben selbst. Der Ursprung dieses Universums, das ist sicher, ist kein physikalisch, quantenphysikalisch oder überhaupt naturwissenschaftlich beschreibbarer Zustand, sondern zuallererst Lebendigkeit in seiner fundamentalsten Form. Wenn das Wort vom Ewigen Leben einen Sinn hat, dann hier, am Beginn dieser Welt.

Leben ist also nicht nur ein integraler Bestandteil dieses Universums, sondern mehr noch ist das Universum selbst, mit allem, was wir darin vorfinden, Ausdruck des Lebens schlechthin. „Denn wenn es überhaupt Lebendiges in der Welt gibt, […] dann muß sie als solche auch lebendig sein. Wäre die Welt als Ganzes tot, könnte Lebendiges in ihr auch als Glied nicht bestehen.“ (Weg zur Synthese der Naturwissenschaften. In: Adolf Meyer-Abich, 1949 (Hg.): Physis. Beiträge zur naturwissenschaftlichen Synthese. Band 2/3. Stuttgart: Hippokrates-Verlag Marquardt & Cie., S. 82–105. S. 98).

Uns dieser Erkenntnis der Lebendigkeit des Universums zu öffnen ist dringend nötig, um endlich den ganzheitlichen Charakter des Lebens mit allen daraus resultierenden Folgen zu begreifen. Es wäre zudem ein erster und wichtiger Schritt, um dieser Welt endlich unabhängig von uns eigene Würde und eigenen Wert zuzugestehen und sie dementsprechend zu behandeln. Gerade weil Leben etwas ist, was sich unserem Zugriff zur Gänze entzieht und nicht wieder hergestellt werden kann, wenn es einmal zerstört ist, haben wir die moralische Pflicht, dieses Leben zu bewahren. Nicht – anthropozentrisch missverstanden – im Hinblick auf uns, als vermeintlich wertsetzender Instanz, sondern in Anerkennung der Unverfügbarkeit des Lebens, und seinem damit verbundenen intrinsischen Wert, im Hinblick auf das Leben selbst als autonomem Subjekt.

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