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Erschienen in Ausgabe: No 111 (05/2015) Letzte Änderung: 18.05.15

„Diese Kunst greift einen am Hals!“
„Strichmännchen-Maler“ Keith Haring kriegt endlich die erste Münchner Ausstellung

von Hans Gärtner

Fast beschämend: Der US-amerikanische Künstler, den wohl jedes Kind – zumindest in der westlichen Welt – kennt, kriegt in der Kunststadt München seine erste Ausstellung. Wenn auch 25 Jahre nach seinem Tod 1990. Keith Haring fiel mit knapp 32 Jahren dem HIV-Virus zum Opfer. Zwischen 1980 und 1985 fertigte er, einem optimistisch Besessenen gleich, nicht weniger als 15 000 Zeichnungen. Jede von ihnen „typisch Haring“: gerade und gebogene Linien, nicht immer knall-farbig unterlegt, kraftvoll aber immer und pinseldick. Ineinander verstrickt, münden immer in oft schwer zu fassende Szenen mit nackten Männchen. Abschätzig heißt Haring vielfach noch immer „Strichmännchen-Maler“.

160 Arbeiten stellte der Wiener Kurator Dieter Buchhart dem Münchner Hypo-Kunsthallen-Chef Roger Diederen aus internationalen Kollektionen zusammen und präsentiert sie ausnahmslos an weiß gestrichenen Wänden. Teilweise sind sie monumental und werden von „naiv“ bemalten Totem-Pfählen, fast bis zur Decke reichend, begleitet. Da und dort weisen „primitiv“ mit Symbolen bekritzelte Gefäße auf den Zusammenhang von Urban Street-Art aus New Yorks Suburbs und den Ur-Kulturen an Nil oder Euphrat und Tigris hin.

Man lese in Keith Harings Bilderkosmos nicht allzu viel Traditionelles hinein! Sein Ansatz war die saturierte, kapitalistische, rassistische, konformistische, nuklear aufrüstende, verbohrte, umweltzerstörende und sozial diskriminierende Gesellschaft. Ihr hielt der Junge Wilde, schon in der New Yorker Subway mit seinen spontan an die Wände geworfenen Zeichnungen, gnadenlos, frech, trotzig und sendungsbewusst mit seiner eigenen, von Comics und Graffiti bezogenen Bildsprache den Spiegel vor.

Keith Harings Kunst „greift einen am Hals“, urteilt Dieter Buchhart. Haring, so weiß der Wiener Kurator aus erster Quelle, sei hingegangen, habe gemalt, sei weggegangen und habe gesagt oder sich gedacht: „Das war`s!“ Bei ihm gab`s keine Korrekturen – wie es auch keine Vorzeichnungen gab. Aus freier Hand entwickelte Haring, der aus einem kleinstädtisch-evangelisch geprägten Elternhaus in Pennsylvania stammte, die höchste Kunst der Linie. Nie sei er berechnend gewesen. „Er hatte eine unglaublich feste Hand“. Was nur spüren könne, wer unmittelbar vor Harings Originalen steht und genau hinguckt. Gedruckte Wiedergaben seiner Kreationen lassen die Harings Kunst nicht erleben, bilden sie nur ab.

Unverkennbar wird Harings politisches Engagement, fast erdrückend und enervierend, deutlich, ohne das seine Kunst nicht zu verstehen ist: Kampf gegen Unterdrückung des Individuums, Einsatz gegen die Aids-Epidemie (der er als Schwuler in besonderer Weise ausgesetzt war), gegen Apartheid und Atomare Bedrohung, auch gegen das damals bereits aufkommende Internet, das für Haring zur menschlichen Vereinsamung führte. Und, nicht zu vergessen: Totale Zuwendung zur Unschuld der schutz- und liebebedürftigen Kinder.

Harings kindlich anmutendes, aber nur vordergründig „verspieltes“ Werk sei geschaffen, um uns zu erziehen, behauptete in München Julia Gruen, Direktorin der New Yorker Keith Haring Foundation, 1989 vom Künstler gegründet, um weltweit unterprivilegierten Kindern Ausbildung zu gewähren und der von Vorurteilen gegenüber HIV und Aids nicht ohne Mühe abzubringenden Gesellschaft ins Gewissen zu reden.

Ausstellung:
„Keith Karing. Gegen den Strich“, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München, Theatinerstraße 8, geöffnet (bis 30. August) täglich von 10 bis 20 Uhr, am 4. Juli nur bis 17 Uhr, Sonderöffnung für Schulklassen jeden Mittwoch von 9 bis 10 Uhr, montags für alle halber Eintrittspreis. – Vorträge, Filme, Themenführungen, Konzert (19. Mai, 20.30 Uhr), Kinder- und Jugendprogramm, aktivierendes Begleitheft für Acht- bis Zwölfjährige gratis

FOTO
Vor monumentaler „Haring“-Kreation (1980-er Jahre): Kunsthallen-Chef Roger Diederen, Foundation-Direktorin Julia Gruen und Kurator Dieter Buchhart – Foto: Hans Gärtner

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