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Erschienen in Ausgabe: No 112 (06/2015) Letzte Änderung: 09.06.15

Priesterin wider Willen - Cecilia Bartoli entsagt als Glucks „Iphigénie“ allem Primadonnen-, nicht aber ihrem Stimmglanz

von Hans Gärtner

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Der phonstarke Schlussapplaus gebühre Christoph Willibald Gluck. Seine Partitur der tragischen späten Reformoper „Iphigénie en Tauride“ legte, diesen Wunsch einfordernd, Dirigent Diego Fasolis demonstrativ auf den Boden der Bühne des Salzburger „Hauses für Mozart“ – vor das aufgereihte Ensemble. Mit Cecilia Bartoli als wunderbarer Zeichnerin eines ins Heute geholten Tragödinnen-Psychogramms an der Spitze. Jegliche Primadonnen-Attitüde ließ die Unübertreffliche hinter sich.Salzburgs Pfingstfestspielen verlieh sie auch im 3. Jahr in ihrer Leitungsfunktion mit der ihr vom Himmel geschenkten extensiven Gestaltungskraft und dem schimmernden Glanz ihrer bewegenden Stimme die Aura des Exzeptionellen. Ihr ist es gegeben, ein Gemälde von jener antiken Gestalt zu schaffen, die, auf Trauris gerettet, vom Skythen-König zum Morden gezwungen wird, dem aber, nach zermürbenden Seelenqualen, ihr Bruder Orest und sein Intimus Pylades schicksalhaft entraten.
Den Mythos um die durch Mordwillkür elternlos gewordene Priesterin wider Willen unterstreicht die chiffrenhaft auf Gewalt abgestellte Inszenierung Moshe Leisers und Patrice Cauriers durch Verzicht auf erlesene Archaik. Vielmehr holt sie das gegenwärtig weltweit Niederdrückende – Flüchtlingselend, Kerkerhaft Unschuldiger, Todesverlangen aus Schuldpflicht – in Bühnenbild (Christian Fenouillat) und Kostümierung (Agostino Cavalca) gnadenlos auf die Festspielbühne. Die Wüteriche des Despoten Thaos (stimmgewaltig: Michael Kraus) könnten IS-Schergen sein. Der vom Coro della Radiotelevisione Svizzera beeindruckend gestellten Priesterinnen-Riege in lumpigen Klamotten in wüster Waschbecken- und Eisenbettgestell-Umgebung lässt auf niedere, nicht auf adelige Abstammung schließen. Die Bartoli schält sich nie eitel aus ihrer Mitte. Würden ihr nicht die tragenden Accompagnati und (wenige, bei Gluck eh nie ausufernd verschnörkelte) Arien gehören,die den Lauschenden von Mal zu Mal in Entzücken bringen, unterschiede sie niemand von ihren Begleiterinnen.
Das um ihr Leben bangende Freundespaar, dem Tod durch Iphigenies Mut und Herzensgröße entkommen, verkörpert Christopher Maltman und Topi Lehtipuu. Des viril-sportlichen Baritons Bereitschaft, sich gut 10 Minuten bis auf die Haut zu entkleiden, um sich, als schuldbeladener Muttermörder, ganz dem verdienten Tod zu stellen, gehört in die Aufführungsgeschichte der selten gespielten Gluck-Oper von 1778. Da hat es der Dirigent der „Barocchisti“, der durch seine schöne Geste den Publikums-Applaus an den Komponisten weitergab, schon schwerer, auch in diese Chronik aufgenommen zu werden. Nur allzu oft rutschte das Orchester dem Stab Fasolis etwas sorglos davon und hatte es zudem mit Intonierungsproblemen zu kämpfen – vielleicht deshalb, weil Fasoli ihm dauernd das Karge statt das Üppige abverlangte und es konsequent auf Hochtouren hielt.

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