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Erschienen in Ausgabe: No 113 (07/2015) Letzte Änderung: 18.07.15

Das Zuchthaus Bautzen blieb ihm erspart
Gerhard Zwerenz zum 90. Geburtstag

von Jörg Bernhard Bilke

Als Ernst Bloch (1885-1977), Philosophieprofessor in Leipzig und Autor des dreibändigen Werks „Das Prinzip Hoffnung“ (1954/59), im Januar 1957 zwangsemeritiert worden war und die Karl-Marx-Universität nicht mehr betreten durfte, wurden seine Schüler gnadenlos verfolgt: Günter Zehm wurde zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, Jürgen Teller „nur“ der Universität verwiesen und „zur Bewährung in der Produktion“ in eine Leipziger Fabrik geschickt, wo ihm eine Maschine den rechten Arm abriss. Gerhard Zwerenz hielt sich einige Wochen bei seinen schlesischen Schwiegereltern in Dahme/Mark versteckt, von wo aus er die Leipziger Vorgänge beobachten konnte; im Sommer 1957 floh er nach Westberlin.
Eigentlich hatte er, der 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Sachsen heimgekehrt war, alle biografischen Zutaten mitgebracht, um im 1949 gegründeten SED-Staat, gemeinsam mit der „neuen Klasse“, zu höchsten Positionen aufzusteigen: Er stammte selbst aus der „Arbeiterklasse“, hatte nach der Schulzeit eine Lehre als Kupferschmied begonnen, auch die Gesellenprüfung abgelegt und war in Gablenz bei Crimmitschau am 3. Juni 1925 als Sohn eines Ziegeleiarbeiters und einer Textilarbeiterin geboren worden. Dass er sich 1942 freiwillig zum Fronteinsatz gemeldet hatte, nachdem er zuvor das damals übliche „Notabitur“ abgelegt hatte, wie fast alle Schüler seines Jahrgangs damals, war zwar ein dunkler Punkt seiner späteren „Kaderentwicklung“, wurde aber dadurch ausgeglichen, dass er 1944 bei Warschau zur „Roten Armee“ übergelaufen und in Gefangenschaft „umerzogen“ worden war. Anders hätte er auch nicht, bevor er in Leipzig studierte, Dozent für Marxismus-Leninismus in Zwickau und „Volkspolizist“ werden können.
Immerhin hat er sich in dieser Zeit den frühen Erfahrungen mit der politischen Strafjustiz nicht verschlossen. In seinem Buch „Ärgernisse“ (1961) berichtete er später, wie die Sachbearbeiter der Zwickauer Kriminalpolizei „am Morgen genießerisch der vergangenen Nacht gedachten“, als sie, gemeinsam „mit den Genossen von der Roten Armee“, wahllos Verhaftungen vorgenommen hatten: Ehemalige Nazis, völlig Unschuldige, „Wirtschaftsverbrecher“, die „wenigen wirklichen Widerständler, die Unglücklichen, die einmal ein Wort zu viel sagten, und endlich ganz einfach die Sozialdemokraten.“
Mit diesem Erfahrungshorizont ausgestattet, erlebte er, der sächsische Arbeitersohn, den Aufstand der Arbeiter am 17. Juni 1953, als er schon ein Jahr bei Ernst Bloch studierte. Er demonstrierte nicht mit, das hätte ihn seinen Studienplatz gekostet, aber er beobachtete und dachte nach, sein Freund Erich Loest (1926-2013) dagegen, der mit seinem Artikel „Elfenbeinturm und Rote Fahne“ (4. Juli 1953) eine kritische Bilanz des Aufstands gezogen hatte, bekam mächtigen Ärger mit der Partei und musste „Selbstkritik“ üben. Jahre später, nach der Flucht, hat er in den beiden Romanen „Die Liebe der toten Männer“ (1959) und „Aufs Rad geflochten“ (1959) diese frühen Erlebnisse verarbeitet.
Die Begegnung mit Ernst Bloch und seiner Hoffnungsphilosophie war das tiefgreifende und umfassende Bildungserlebnis für das SED-Mitglied Gerhard Zwerenz, seine spätere Frau Ingrid Hoffmann und seine Freunde an der Karl-Marx-Universität im stalinistischen SED-Staat Walter Ulbrichts mit seinem Schmalspur-Marxismus. Noch sein allerletztes Buch „Sklavensprache und Revolte“ (2004) ist dem akademischen Lehrer, der von einer Vortragsreise in Bayern nach dem 13. August 1961 nicht nach Leipzig zurückgekehrt war, und seiner Ausstrahlung gewidmet. Bei Ernst Bloch lernte er politisch zu denken, zu widersprechen und Gegenpositionen zu entwickeln. Sein Vorteil gegenüber anderen Studenten, die frisch von der Oberschule an die Universität gekommen waren, war auch, dass er nicht nur Krieg und Gefangenschaft überlebt hatte, sondern auch über jahrelange Berufserfahrung verfügte. Nach dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, auf dem Stalin als Massenmörder enttarnt worden war, begann er, als freier Schriftsteller zu arbeiten. Seine in der Kulturbundzeitschrift „Sonntag“ veröffentlichten Artikel wie „Leipziger Allerlei“ (21. Oktober 1956) und das die Funktionäre aufschreckende Gedicht „Die Mutter der Freiheit heißt Revolution“ (1. Juli 1956) lassen die Denkschule Ernst Blochs durchaus erkennen. Aber dieses „Tauwetter“ war kurzlebig, nach dem Ungarnaufstand im Herbst 1956 wurde Wolfgang Harich verhaftet, Walter Janka und Gustav Just folgten 1957.
Das Westleben des Schriftstellers Gerhard Zwerenz aus Sachsen währt nun schon 58 Jahre und führte ihn von einem kleinen Dorf am Rhein nach Köln, München und Offenbach und schließlich nach Schmitten im Taunus, wo er heute im eigenen Haus lebt. In den ersten Jahren am Rhein ging es ihm nicht sonderlich gut, er wohnte mit Frau Ingrid in einem angemieteten Gartenhaus in Kasbach bei Linz, südlich von Bonn gelegen, schrieb Zeitungsartikel und Romane, die nicht gelesen wurden, hatte folglich nur magere Einkünfte und litt Hunger, weil er sich nicht als Berufsantikommunist vereinnahmen lassen wollte. Die SED-Zeitung „Neues Deutschland“ hatte davon erfahren und erinnerte ihn hämisch an die verlassenen „Fleischtöpfe von Leipzig“. Als ich ihn am 8. Juli 1961 in Köln besuchte, schrieb er gerade für die Hamburger Illustrierte „Stern“ eine Serie über Walter Ulbricht und die verheerende Wirkung des Kommunismus in Deutschland unter dem Titel „Des Kremls Kreatur. Die roten Kapitel der deutschen Geschichte“. Aber das Buch, das seinen Namen im Sommer 1961 schlagartig bekannt machen sollte, hieß „Ärgernisse“ und war eine Sammlung scharfsichtiger Beobachtungen eines DDR-Flüchtlings, der Erfahrungen mit beiden Nachkriegsstaaten in Deutschland gesammelt hatte.
Diesen neugewonnenen Standort, Schriftsteller der Bundesrepublik Deutschland mit DDR-Vergangenheit und Kritiker westdeutscher Verhältnisse zu werden, konnte er nun zäh und zielstrebig ausbauen, obwohl sein Auftritt im Oktober 1959 bei der „Gruppe 47“ auf Schloss Elmau in Oberbayern ein glatter Misserfolg gewesen war. Er wurde auch nicht noch einmal eingeladen, nachdem Fritz J. Raddatz und Hans Mayer gegenüber dem Vorsitzenden Hans Werner Richter den Verdacht geäußert hatten, er hätte vermutlich in Leipzig für die „Staatssicherheit“ gearbeitet. Aber der literarische Erfolg stellte sich dennoch ein: Der Erzählungsband „Heldengedenktag“ (1964) fand zustimmende Kritiken in überregionalen Zeitungen, und der dickleibige Roman „Casanova oder Der Kleine Herr in Krieg und Frieden“ (1966) über einen unangepassten Mann in verschiedenen Gesellschaftssystemen wurde ein Verkaufserfolg. Auch sein autobiografischer Bericht „Der Widerspruch“ (1974) mit Details aus seinem DDR-Vorleben wurde mit Anerkennung von der Literaturkritik registriert.
Je tiefer er sich freilich in die westdeutsche Kapitalismus-Kritik verstrickte, desto milder und versöhnlicher wurde seine Sicht auf DDR-Zustände, denen er 1957 mit knapper Not entronnen war. Wohlmeinende Freunde vermuteten damals, er schriebe wohl ganz anders über sein westdeutsches Exilland, wenn ihm nicht die sieben Zuchthausjahre Erich Loests erspart geblieben wären. Als er zum Beispiel im Sommer 1976, als seine Mutter schwer erkrankt war, der DDR-Haftbefehl gegen ihn vorübergehend ausgesetzt wurde und er nach Crimmitschau einreisen durfte, schrieb er am 8. September 1976 in der „Frankfurter Rundschau“ darüber. Er behauptete, was ein Lob und ein Hoffnungszeichen sein sollte, die SED-Funktionäre, mit denen er diskutiert hätte, nähmen heute die Positionen linker SPD-Leute ein. Ich schrieb ihm einen Brief und widersprach: Was uns das brächte, fragte ich, ob dadurch der Abriss der Berliner Mauer und die Einführung der Demokratie näher gerückt wären?
Nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 und dem Untergang des SED-Staates sollte es noch schlimmer kommen. Jetzt meinte er, heftige Freundschaften mit Bernt Engelmann (1921-1994), dem Vorsitzenden des „Verbands deutscher Schriftsteller“ 1977/83, mit dem Stasi-Generalleutnant Markus Wolf (1923-2006), über den er 1975 den Roman „Die Quadriga des Mischa Wolf“ veröffentlicht hatte, und mit dem DDR-Schriftsteller Hermann Kant (1926) pflegen zu müssen. Alle drei waren Nutznießer jener untergegangenen SED-Diktatur, zwei von Ihnen, Markus Wolf und Hermann Kant, waren Funktionsträger mit systemstabilisierenden Aufgaben; zwei von ihnen, Bernt Engelmann und Hermann Kant, waren „inoffizielle Mitarbeiter“ des Ministeriums, in dessen Auftrag Markus Wolf „Westagenten“ jagte. Und dann erfährt man noch, dass Gerhard Zwerenz bis zum Mauerfall im „westdeutschen Exil“ von der Ostberliner „Staatssicherheit“ observiert wurde.
Gerhard Zwerenz, von einstigen DDR-Schriftstellern wie Dieter Noll 1966 und Erik Neutsch 1973 als „Renegat“, als abgefallener Kommunist also, beschimpft, sieht sich selbst heute als „parteilosen Sozialisten“. Mit diesem Status saß er auch 1994/98 für Gregor Gysis SED-Nachfolgepartei im Deutschen Bundestag und unterzeichnete 1997 die „Erfurter Erklärung“, ein „Linksbündnis“ von SPD, Grünen und PDS zu gründen, was folgenlos blieb. Gelegentlich schreibt er noch für das Linksblättchen „Ossietzky“, was auch folgenlos bleibt. Ein halbes Dutzend seiner Bücher, besonders die mit DDR-Bezug, wird ihn vielleicht überleben!

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