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Erschienen in Ausgabe: No 114 (08/2015) Letzte Änderung: 06.08.15

Charun und Chimäre
Wie die Etrusker in München historisch salonfähig werden

von Hans Gärtner

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Charun heißt der Kerl, der dich mit stechendem Blick ansieht. An seiner Hakennase hängt ein roter Schmuckstein. Ringe auch an jedem tätowierten Ohr. Dicke Augenbrauen. Zum Fürchten dieser Kopf. So stellten sich die Etrusker den Todesdämon vor. Das maskenhafte Gesicht ziert ein ungewöhnliches Kopfgefäß. Es stammt, wie weitere solche Dinger, dazu Bronzestatuetten, Aschenurnen, Terrakotta-Weihegeschenke, Grabsteine, verzierte dickbauchige Vasen, goldene Fibeln und Ähnliches, aus dem hauseigenen Fundus der Münchner Staatlichen Antikensammlungen am Königsplatz. Zu bewundern jetzt in der ein ganzes Jahr währenden Sonderausstellung „Die Etrusker – Von Villanova bis Rom“. Die Pforten zu dieser Schau schließen erst am 17. Juli 2016.
Am Eingang erwartet dich eine seltsame, auf breitem Sockel erhöhte Tiergestalt, die weltberühmte Chimäre von Arezzo: Löwe, Bock und Schlange in einem. Freilich nur eine Bronze-Nachbildung, die Kurator Jörg Gebauer eigens anfertigen ließ. Während die Original-Chimäre in Arezzo eine grüne Patina trägt, kommt die Münchner Kopie in Hochglanzpolitur daher. Sie soll ja 12 Monate halten und bei Wind und Wetter die Leute in die Ausstellung locken.
Diese will räumlich erlebbar machen, was vom 9. bis 1. Jahrhundert bei und an dem Volk der Etrusker geschah – in chronologischer Anordnung. Die durch die Erwerbungen König Ludwigs I. überreichen hauseigenen Sammlungsbestände wurden ausgebuddelt und durch wenige Stücke aus kleineren Museen ergänzt. An staunenerregenden, außergewöhnlichen Objekten sollte ablesbar werden, wie salonfähig die in der heutigen Toskana lebenden Etrusker waren, die bisweilen ganz aus dem Spiel der Italien-Geschichte geworfen wurden oder verschrien waren als Piraten, Flegel und Aggressoren, die, zwar wohlhabend geworden, jedoch sittlich am Boden gelegen hätten.
Die Ausstellung will aufräumen mit der sich hartnäckig haltenden Meinung, die Kultur der Etrusker sei emporgewachsen, erblüht und wieder abgestorben. Dem ist nicht so. Vielmehr seien aus neuesten Forschungen ein ständiger Wandel und eine stetige Weiterentwicklung der etruskischen Kunst zu konstatieren. Gräber blieben erhalten und schriftliche Überlieferung, woraus sich die hochstehende Etrusker-Kultur – leider ohne Kenntnis der Sprache – erschließen lässt, die in der römischen Kultur aufging. Die Römer schätzten die Etrusker – als Hüter religiösen Wissens, als Blitz-Orakeldeuter und glühende Verehrer göttlicher Wesen. In der römischen Geschichte erscheinen sie als tyrannische Könige. Ihrer entledigte man sich zur Begründung der „res publica“.
Man kann sich lange in der gut beschrifteten und reich bestückten Ausstellung (mit Katalog) aufhalten. Entzückt nimmt man Gegenstände von einzigartiger Gestalt und Ausdruckskraft wahr. Allein die große goldene Fibel von Vulci (675 – 650 v. Chr.) aus Scheibe, Querriegeln und Körper kann es einem antun. Noch älter: die Bucchero-Kanne mit kleeblattförmiger Mündung, glänzend schwarzer Oberfläche und Ritzzeichnungen von Tieren und Fabelwesen, wohl aus Cerveteri, um 600 v. Chr. Dem amerikanischen Philanthropen James Loeb sind die stupenden Bronzekessel auf Dreifüßen zu danken, die kurz nach 1905 nach München kamen. Entstanden im 6. Jahrhundert v. Chr., fand Loeb sie vor 100 Jahren südlich von Perugia. Die Darstellungen gehören in den griechischen Mythos – also waren die Etrusker auch hellenisch orientiert. Die Kessel dienten bei Symposien der Mischung von Wasser und Wein. Wenn es in Gesprächen um Politik ging, wurde Weinschorle konsumiert. So schlau waren die Etrusker, nicht im besoffenen Zustand wichtige Angelegenheiten zu bereden.


Lockt am Stufen-Eingang in die „Etrusker“-Schau: die berühmte Bronzechimäre von Arezzo (Foto: Hans Gärtner)

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